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Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Dienstag 10. April 2007, 10:27
von Erna
Damit alle, die vor Diskussionsfreude platzen schon einmal in den Zug einsteigen können, eröffne ich hiermit den Strang "Nachtzug nach Lissasbon". Ich muss mich leider noch etwas zurückhalten, da in mir noch der "Klang der Zeit" tönt.
Erna

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Dienstag 10. April 2007, 17:46
von ursel
Zum Start im Forum noch ein Hinweis: wer sich für Angaben zu Buch und Autor, Rezensionen, ein Pascal-Mercier-Special des Hanser-Verlags, eine Festrede des Autors oder seinen Auftritt im "Philosophischen Quartett" interessiert, findet entsprechende links auf diesen ViLE-Seiten:
http://www.gemeinsamlernen.de/vile-netz ... index_html

Verfasst: Donnerstag 12. April 2007, 20:47
von christaS
Mein erster Beitrag im Forum- hoffentlich habe ich nun endlich alles richtig gemacht.
Also, ich habe das Buch " Nachtzug nach Lissabon" gelesen und bin sehr beeindruckt vom Inhalt. Mein Glückwunsch zur Wahl dieses Werkes! Ich hatte vorher noch nie von Pascal Mercier gehört und habe nun eine Bildungslücke weniger. Nun wei0 ich nicht, ob wir uns zu einzelnen Personen äußern wollen, oder wie soll die Diskussion ablaufen?
Eine Bekannte von mir würde sich auch an der Diskussion beteiligen.
Ich möchte mich vorab nur der Meinung vom " Spiegel" anschlie0en: Ein fesselndes Abenteuer. Ein wunderbarer Roman.
ChristaS aus Mittweida

Verfasst: Freitag 13. April 2007, 09:07
von Erna
Liebe Christa,
Du darfst alles, was Du zu diesem Buch zu sagen hast, schreiben: zu den Personen, zum Stil usw., usw. Du darfst auch die Gedanken schreiben, die das Buch bei Dir auslöste. Bei mir war z. B. der erste Gedanke, würdest Du einfach so, alles hinter Dir zurück lassen und weggehen, ich glaube ich wäre zu feige.
Erna
Deine Bekannte ist zur Diskussion herzlich willkommen.

Gregorius: der vorsichtige Aussteiger

Verfasst: Sonntag 15. April 2007, 10:08
von ursel
Liebe Erna, natürlich bricht der 57jährige Gregorius plötzlich aus seinem normalen Leben aus. Aber die so spontan scheinende Handlung hat eine längere Vorgeschichte. Als einer, der sein Leben fast ausschließlich in der Schule verbracht hat, in Bern, im Kirchenfeld, hat er sich geschämt, wenn ihm ehemalige Schüler, die es ins Ausland oder weg aus der Heimat verschlagen hat, ihn nach seinem Leben gefragt haben, und er eingestehen musste, daß er noch da ist, wo er schon immer war. Ein starkes Motiv für Gregorius ist seine Furcht, ein Langweiler zu sein.
Er ist unzufrieden mit seinem Leben, der gescheiterten Ehe, er beneidet seine Schüler, die noch ein ganzes Leben vor sich haben. Wenn wir genügend prädisponiert wären, könnte uns ein Ausbrechen aus dem Alltag auch als Lösung erscheinen? Aber er bricht ja auch ganz vorsichtig aus, lässt sich Hintertürchen offen, fragt den befreundeten Augenarzt Doxiades: helfen Sie mir, wenn ich unterwegs nicht mehr weiter weiß? Und dieser versichert ihm, er könne ihn Tag und Nacht anrufen. Er kann annehmen, daß sein Rektor namens Kägi Verständnis für seine Flucht haben wird.
Er ist in Lissabon oft in Versuchung, den Flughafen anzurufen, um einen Platz in einer Maschine nach Bern zu buchen. Und er fliegt ja auch tatsächlich zurück, nur um danach doch wieder nach Lissabon zu fahren. Das Ende lasse ich jetzt lieber mal offen.
ursel

Verfasst: Montag 16. April 2007, 21:41
von christaS
Mir gefällt der Stil dieses recht umfangreichen Werkes. Ich lese gern klar gegliederte Sätze.Der Titel des 1. Kap. " Aufbruch" ist die richtige Bezeichnung für das äußerst ungewöhnliche Verhalten des Raimund Gregorius- Mundus- Papyrus. Dieses plötzlich Herausbrechen aus dem Leben ist das typische Bild von sogenannten " Aussteigern. Ein Nervenzusammenbruch kann es wohl nicht gewesen sein. Man könnte endlose Betrachtungen darüber anstellen, was der Zufall im Leben jedes Menschen für eine Rolle spielt, welche ungeahnten Kräfte freigesetzt werden können und über das "zweite ICH". Vergleichsweise musste ich an Hesses Buch " Unterm Rad" denken.
In Lissabon ist dann die Forschung nach dem " Goldschmied der Worte" schon fast wie eine Sucht. Das Buch im Buch- es ist schwierig und trotzdem spannend die vielen Personen zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die flammende Rede des Amadeu Prado, die sich wie ein roter Faden durch das "Buch2" zieht, die inhaltsschweren Briefe zwischen Sohn und Vater und die Schuldzuweisungen- sie haben mich sehr zum Nachdenken angeregt. Ich bin gespannt auf euer Echo.
Christa S aus Mittweida

Verfasst: Donnerstag 19. April 2007, 10:03
von Erna
Leider bin ich ja noch nicht so weit mit dem Lesen wie Christa. Was mir bei unseren letzten Büchern aufgefallen ist, ist dass es nicht nur einen Erzählfluss gibt. Immer wieder wird er unterbrochen, wie hier von den Einschüben, die Text aus dem Buch von Prado geben. Bei der "Klang der Zeit" war die zeitliche Ebene immer wieder unterbrochen durch Rückblicke auf Vergangenes und teilweise schon Berichtetes. Auch bei"Mein Herz so weiß" war es so, wenn auch nicht so stark. Ist das vielleicht der "moderne" Erzählstil? Es zwingt natürlich dazu, aufmerksamer zu lesen. Oder ist es einfach Zufall, dass es bei den ausgesuchten Büchern sich so ergab.
Wer weiß mehr darüber?
Erna

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Donnerstag 19. April 2007, 16:20
von Horst Glameyer
Auf Seite 29 der Taschenbuchausgabe findet sich im 2. Kapitel folgender Satz von Amadeu Inácio de Almeida Prado:
Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?

Ist es nicht gerade das Wesen der Natur, daß sie alles in Fülle, in Überfülle erschafft, wie wir es gerade jetzt im Frühling an den Blüten und später im Herbst an den Früchten erkennen können? Nur ein Bruchteil davon gelangt zu seiner Bestimmung, wird ein neuer Baum oder was auch immer. Der Rest vergeht, doch keineswegs nutzlos. Vom Rest nähren sich die vielen anderen.
So kann auch der Mensch nicht alles verwirklichen, von dem er weiß oder annimmt, es sei in ihm und müsse gelebt werden. Aber dieser Rest strahlt nach außen und wird von anderen auf die eine oder andere Weise wahrgenommen. Möge er Gutes bewirken.
Horst

Verfasst: Samstag 21. April 2007, 10:41
von Erna
Das ist die Frage des Lebens! Wofür entscheiden wir uns. Wählen wir von allen Möglichkeiten immer die beste aus? Denn entscheiden müssen wir uns immer und zwar gegen 99%.
Erna

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Samstag 21. April 2007, 11:43
von Horst Glameyer
Die philosophische Frage nach dem ungelebten Rest des Lebens, scheint den ganzen Roman zu durchziehen. Bis auf Prados Schulfreundin und seine jüngste Schwester hatten wohl alle Personen ursprünglich andere Berufs- und Lebenswünsche, die sie aus vielerlei Gründen nicht verwirklichen konnten. Wie viele Menschen sind sie deshalb mehr oder weniger unzufrieden mit dem Verlauf ihres Lebens.

Auch Gregorius ändert nur scheinbar sein Verhalten, indem er den Nachtzug besteigt. Als Sprachwissenschaftler widmete er sich den alten Sprachen, die er sich als eine Art Sprachensammler aneignete und nun vollständig beherrscht.
In Lissabon folgt er den Spuren Prados bis in die kleinsten Verästelungen, und selbst der Zufall kommt ihm dabei zu Hilfe (Verlust der Brille durch einen Unfall). Er ist und bleibt ein Sammler, nur sind es diesmal Schicksale, denen er nachspürt.
Horst

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Dienstag 24. April 2007, 09:19
von HildegardN
Gregorius ist und bleibt ein Sammler, schreibt Horst, und so sehe ich es auch. Aber noch intensiver erlebte ich Gregorius als Forscher. Als er das Buch des Autors Amadeu Prado findet, ist er so fasziniert, dass er den Nachtzug nach Lissabon besteigt, um Prado kennen zu lernen, Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Doch der Autor ist seit über 30 Jahren tot. -

In den folgenden Wochen versucht Gregorius immer mehr über Prado zu erfahren, dringt sehr tief in sein Leben ein und bezieht über die Begegnungen mit seiner Familie und seinen Freunden hinaus auch das Umfeld mit ein und läßt auch die Vergangenheit nicht aus.
In Prados Aufzeichnungen liest Gregorius (S.340 Tb):" Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen? Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt?...."
Die Frage wird beantwortet: Nach fünf Wochen endet die Forschungs-/Entdeckungsreise des Gregorius - dort, wo sie begann.
HildegardN

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Dienstag 24. April 2007, 12:57
von Horst Glameyer
Hildegard hat Recht, Gregorius ist ein unermüdlicher Forscher und deckt dabei die Beziehungen und Abhängigkeiten innerhalb Amadeu Prados Familie auf. An irgend einer Stelle heißt es, dass sich der Vater Heilung oder zumindest Linderung von seiner Bechterevschen Erkrankung erhofft, wenn sein Sohn Arzt wird.
„Ich will ihn nicht wie einen Kranken sehen, dem man alles vergibt. Es wäre dann, als hätte ich keinen Vater mehr.“ heißt es auf Seite 409 der TB-Ausgabe, und gleich darauf lesen wir, wie Amadeu, der eigentlich nicht Arzt werden möchte, den Vater in seinem äußeren Erscheinungsbild nachahmt.
Aber vielleicht ist es gar nicht der Vater, sondern die Mutter, die von den Kindern verlangt, auf sein Leiden Rücksicht zu nehmen. Anscheinend findet der Vater sogar Gefallen daran, daß seine jüngste Tochter Rita, genannt Mèlodie, ihren eigenen Weg einschlägt.

Nachdem Amadeu seiner Schwester Adriana bei Tisch durch einen beherzten chirurgischen Eingriff vor aller Augen das Leben rettete, fühlt sie sich fortan ihm gegenüber zu lebenslanger Dankbarkeit verpflichtet und gerät in eine entsprechende Abhängigkeit. Amadeu hat damit ungewollt seine herausragenden ärztlichen Fähigkeiten bewiesen und muss nun diesen Beruf ergreifen.

Amadeu rettet auch Estefania Espinhosa aus dem Kreis der Widerstandskämpfer das Leben, die getötet werden soll, doch sie fühlt sich nicht verpflichtet, auf seine Wünsche einzugehen. Hätte sie mehr Dankbarkeit zeigen sollen?

Seinem alten Schulfreund Jorge schenkt Amadeu eine Apotheke, die sich Jorge zwar immer wünschte, aber niemals hätte leisten können. Ein zweischneidiges Geschenk, das den Beschenkten zur Dankbarkeit verpflichten und in die Abhängigkeit führen kann. Beide verlieben sich in Estefania Espinhosa. Hält Jorge sie vielleicht auch deshalb für eine Gefahr und nicht nur wegen ihres außergewöhnlichen Gedächtnisses, in dem die Namen aller Widerstandskämpfer und deren Aktionen gespeichert sind, die sie unter der Folter preisgeben könnte?
Horst

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Dienstag 24. April 2007, 16:36
von HildegardN
Schon seit Beginn der Lektüre beschäftigte mich Ernas Frage: "Kannst Du Dir vorstellen, dass jemand, wie der 57jährige Gregorius, plötzlich 'aussteigt', scheinbar ohne Grund einfach wegfährt?"
Ich bin dieser Frage immer wieder nachgegangen, eine konkrete Antwort fand ich nicht, aber manchen Hinweis.
Es war mitten im Unterricht, als Gregorius plötzlich seine Schüler und seine Schule verließ. Was war vorausgegangen? Ein Tag wie jeder andere, doch auf dem Schulweg hatte er eine Begegnung mit einer Portugiesin, die ihn zur Schule begleitete und bald darauf ging.
Als Gregorius - in seine Wohnung zurückgekehrt - am Telefon stand, das wiederholt läutete, formulierte er seine Gedanken, ohne sie jedoch auszusprechen: "Seit heute vormittag spüre ich, dass ich aus meinem Leben noch etwas anderes machen möchte... Ich habe keine Ahnung, was das Neue sein wird. Aber es duldet keinen Aufschub, nicht den geringsten. Meine Zeit nämlich verrinnt, und es könnte sein, dass nicht mehr viel davon übrig ist." (S.33 Tb)
Seinem Rektor Kägi schrieb er u.a.: "Ich begebe mich auf eine weite Reise, und es ist ganz offen, wann ich zurückkehre und in welchem Sinn...Jetzt treibt mich etwas davon, und es könnte gut sein, dass diese Bewegung endgültig ist." (S.43 Tb)
Es folgten mehrere ereignisreiche Wochen in Lissabon, die neue Erlebnisse und Erfahrungen brachten und auch Anpassungen und Entscheidungen von Gregorius forderten. Als er drei Wochen nach seiner Ankunft in Lissabon im Tramwagen durch die Stadt fuhr, spürte er, dass diese Zeit ganz ihm gehörte. "Sie war einfach die Zeit, in der Raimund Gregorius sein neues Leben lebte." (S.340 Tb
Nach fünf Wochen kehrte Gregorius in seine Heimatstadt zurück. Sein neues Leben würde ich als 'ein neues Leben auf Zeit' bezeichnen. Wie mag er es fortgesetzt haben, konnte er fast nahtlos an sein bisheriges Leben anknüpfen oder beeinflußten bzw. forderten seine neuen Erfahrungen eine veränderte Lebensgestaltung? Diese Frage bleibt offen.
HildegardN

Verfasst: Mittwoch 25. April 2007, 17:47
von Erna
Wenn ich die Beiträge zu dem Buch lese, das ich noch immer nicht zu Ende gelesen habe, sehe ich immer wieder, dass wenn ich eine Sache tue, auf viele andere verzichten muss.
Die meisten Menschen fragen sich , wahrscheinlich nicht nur einmal, war das alles? Und wenn sie es ändern, müssen sie am Ende wohl wieder fragen, war d a s nun alles. Das entnehme ich aus Euren Zeilen. Denn bei mir ist Gregorianus noch glücklich in Lissabin.
Erna

Mercier bei Literatur-im-foyer am 23.05.07

Verfasst: Donnerstag 26. April 2007, 15:53
von ursel
Baden-Baden, Historisches E-Werk, Mittwoch, 23.05.07
Gäste: Arnold Stadler: "Komm, gehen wir"
Veronika Peters: "Was in zwei Koffer passt"
Pascal Mercier: "Lea" und "Nachtzug nach Lissabon"
Publikumseinlass: ab 20 Uhr, Beginn: 20.30 Uhr (ca. 1 Stunde)
Anmeldung über den Besucherdienst des SWR: Telefon 07221/929-3316
http://www.swr.de/literatur-im-foyer/se ... baden.html