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Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Donnerstag 26. April 2007, 16:20
von HildegardN
"War das alles" - lautete Ernas Frage oder war es vielleicht eine etwas umschriebene Aussage? Ich meine, es sind doch sehr, sehr viele Gedanken und Eindrücke, die dieses Buch vermittelte und die noch nachwirken werden, nachdem das Buch zuende gelesen ist. Ich habe beispielsweise noch einige Fragen gespeichert, denen ich außerhalb dieser Lektüre nachgehen will, aber vielleicht teile ich sie mit einigen anderen LeserInnen oder erhalte gar im Rahmen der Diskussionen ungefragt eine Antwort. - Doch davon später.
HildegardN

Verfasst: Freitag 27. April 2007, 18:35
von Erna
Das "war das alles" bezog sich nicht auf das Buch. Sondern es war eine Vermutung, dass Gregorianus es sich am Ende vielleicht wieder fragen könnte. Ich weiß es ja nicht, da ich nicht fertig bin.
Von mir kann ich nur sagen, dass ich mir diese Frage oft gestellt habe. bezogen auf mein Leben. Allerdings auch mit der Einschränkung, dass ich es immer seltener tat, je älter ich wurde.
Zum Buch könnte ich dauernd etwas bemerken. Eigentlich wirft jede Seite Fragen auf. Bei manchen aber anscheinend doch nicht.
Erna

Nachtzug und viele Inhalte

Verfasst: Samstag 28. April 2007, 12:03
von ursel
Liebe Erna,
ich glaube, bei allen werden Fragen aufgeworfen. Sie schreiben nur nix darüber :( . Ich habe das Buch zu Ende gelesen. Eben habe ich mal drüber nachgedacht, was mir in erster Linie in Erinnerung ist. Natürlich der Berner Lehrer und Langweiler, der aus seinem Leben einen Ausbruch versucht. Und die Frage, die Du Dir manchmal stellst: war das alles in meinem Leben, das tun wir sicher alle, mehr oder weniger bewußt.
Danach habe ich mich noch mal kurz mit dem Buch und seinen weiteren Inhalten beschäftigt, die da wären: Widerstand, Freundschaft, Vater-Sohn-Konflikt, Liebe, Alter, gestörte Persönlichkeiten, Politik, Tyrannenmord, Aufgaben eines Arztes, Thema Zeit, Philosophie Prados, Augustinus und die Kirchenväter, alte Sprachen, griechische Klassiker, portugiesische Geschichte. Das ist so viel, das kann man gar nicht alles gleichzeitig präsent haben.
Ich werde auf jeden Fall den TV-Auftritt von Mercier im Mai(?, den link hatte ich vor kurzem gepostet) anschauen, das wird sicher eine gute Nachbereitung.
Dir weiterhin eine spannende Lektüre. ursel

Verfasst: Donnerstag 3. Mai 2007, 10:16
von Erna
Wie Du schon sagst, liebe Ursel, hat Mercier so viele Fragen in seinem Buch angeschnitten, dass, würde man sie verfolgen, Monate bräuchte und am Ende wahrscheinlich nicht viel weiter gekommen wäre. Mich interessieren im Augenblick seine Aussagen über Diskussionen und die Frage des Tyrannemordes. Mal sehen was witer kommt.
Erna

Verfasst: Freitag 4. Mai 2007, 00:09
von Carmen Stadelhofer
Hallo, kann mich erst jetzt melden. Die "Ulmer Gruppe" hat sich getroffen und wir haben unsere Gedanken, Empfindungen, Assoziationen zum "Nachtzug nach Lissabon" ausgetauscht. Alle waren von der Lektüre sehr angetan, das Leseverhalten war unterschiedlich. Die einen waren so fasziniert von der Personenführung und dem Sujet, dass sie das Buch bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legen konnten, die anderen haben es in kleinen Etappen gelesen, weil es so viele inhaltsdichte Einzelelemente gibt. Einig waren wir uns, dass, um den mehrschichtigen Inhalt zu erfassen, vertiefte zweite Lektüre angesagt ist.
Wir beschäftigten uns mit den verschiedenen Handlungssträngen (Gregorius, de Prado, Politik, Philosophie), den einzelnen Personen, den inneren Verästelungen und Vernetzungen. Manche waren der Meinung, dass es zuviele "glückliche Zufälle" in der Handlungsführung gibt (wie kann Gregorius so schnell komplexes tiefsinniges Portugiesisch verstehen, wieso findet er sofort das Grab de Prados,alle relevanten Leute,...).
Die persönliche Aufmerksamkeit und Gewichtung bei der Lektüre war bei den einzelnen sehr unterschiedlich gelagert, das erzeugte eine lebhafte Diskussion. Einig waren wir, dass wir alle wenig von Portugals jüngster politischer Geschichte wissen/wussten, obwohl einige in dieser Zeit in Portugal Urlaub machten. Und wie schwer es ist, in solchen Zeiten aus der Situation heraus die "richtige" Entscheidung zu treffen (Trauma des de Prado, aber auch der gesagte oder nicht gesagte Satz des Freundes und somit Verrat an der Freundschaft mit Estefania,..))

Lange beschäftigt hat uns der markante Satz von Marc Aurel
„Vergeh dich ruhig, vergeh dich an dir selbst und tue dir Gewalt an , meine Seele, doch später wirst du nicht mehr Zeit haben, dich zu achten und zu respektieren. Denn ein Leben nur, ein einziges, hat jeder. Es ist aber für dich fast angelaufen, und du hast in ich keine Rücksicht auf dich genommen, sondern hast getan, als ginge es bei deinem Glück um die anderen Seelen....Diejenigen aber, die die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolgen, sind zwangsläufig unglücklich“

der ja eines der Motive beinhaltet für den Aufbruch/Ausbruch von Gregorius aus seinem sehr eng und klar definierten Alltagleben, und die Frage, wie es am Schluss mit ihm weitergeht:
Findet der nun weltoffenere, weltbejahernde Gregorius mit seiner Frau wieder zusammen, nimmt er sein früheres monotones Lehrer-Forscher-Leben wieder auf und macht er weiter wie vorher, macht er sich auf nach Isfahan,....
Vielleicht finden andere aus der Ulmer Gruppe Lust, diesen Kurzbericht zu ergänzen!

Fragen

Verfasst: Samstag 5. Mai 2007, 17:26
von Marlis Beutel
Eine Antwort habe ich nicht, nur eine Frage: Geht es Euch auch so, dass Ihr inhaltlich so schwergewichtige Bücher wie den "Klang der Zeit" und den "Nachtzug" nur ungern nach einmaligem Lesen aus der Hand legt bzw. Euch nicht sofort auf ein neues Buch stürzen möchtet? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich wirklich alles erfasst habe, was wichtig ist.

Erstaunlich auch, dass man so wenig über Portugals Geschichte weiß! Aber das gleiche dachte ich bei Powers: Wie wenig wusste ich über die Art und Weise, wie die farbige Bevölkerung rebellierte und was sie vorher erdulden musste!

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis

Wer ist schon gern ein wandelndes Lexikon?

Verfasst: Samstag 5. Mai 2007, 18:22
von Brigitte Höfer
Liebe Ursel,
danke für Deinen Hinweis auf Baden-Baden; leider bin ich schon engagiert. Ich freue mich aber auf einen Bericht.

Endlich melde ich mich zu Wort zu Gregorius' Nachtfahrt.

Ich bin ja jemand, der viel von Schlüsselwörtern hält. Insofern empfehle ich, in Google Scholar einmal "Johannes vom Kreuz" einzugeben, das Buch, das Gregorius' geschiedene Frau Florence von dem selben Buchhändler gekauft hatte, der ihm jetzt das Buch des Amadeus Ignatius de Almeida schenkt. Johannes vom Kreuz, ein spanischer Mystiker des 16. Jhds., hat "Die dunkle Nacht" geschrieben. Siehe auch: Salvador Dalí: der Christus des Johannes vom Kreuz:
http://www.bautz.de/bbkl/j/Johannes_v_kre.shtml
http://www.khg-mainz.de/fileadmin/Benut ... reitag.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_vom_Kreuz

Weil Hildegard nach der Motivation der plötzlichen Reise in die Nacht fragt: ich vermute, dass ihn die Ansprache als wandelndes Lexikon dazu veranlasst, auch über seinen Spitznamen "Mundus" = Welt nachzudenken. Er schreibt, dass es die Benutzung dieses Namens gewesen sei, der den Anfang vom Ende seiner Ehe markierte... (S. 31)
Und nun ist die Bezeichnung als "wandelndes Lexikon" (S.30) der Anfang vom Ende seiner Schullaufbahn...

Wer sich für Kunst interessiert, mag auch mal in die sehr interessante Dissertationsarbeit über die Farbe Schwarz hineinlesen:
http://kups.ub.uni-koeln.de/volltexte/2 ... -DRUCK.pdf

Verfasst: Sonntag 6. Mai 2007, 08:36
von ursel
Liebe Brigitte,
Dein Beitrag beweist die Vielschichtigkeit des Buches, das ja nicht einmal besonders umfangreich ist. Ich mußte mich echt konzentrieren, um mich an diese Anfangs-Schlüssel-Vorkommnisse zu erinnern. Interessant, daß wandelnde lexika offensichtlich nicht ehegeeignet sind. Mit der Farbe Schwarz hast Du mich verblüfft. Interessante Dissertation. jedenfalls bestätigt das auch die Meinung hier im Forum, daß man das Buch nicht nur einmal lesen sollte.
ursel

p.s. an Marlis: bin ganz Deiner Meinung. Dumm ist nur, daß immer schon ein neues Buch gelesen werden will

Verfasst: Sonntag 6. Mai 2007, 16:08
von Erna
Wie interessant, Eure Beiträge zu lesen. Auch ich habe viel gelernt, vor allem über die Rassenkonflikte in Amerika. Das fiel mir auch ein, als ich heute hörte, dass der afro-amerikanische Präsidenten-Anwärter jetzt schon geschützt werden muss.
Ich muss natürlich zustimmen, solche Bücher sollte man ein zweites Mal lesen. Bei mir schleicht sich aber auch der Gedanke ein, kann ich nicht auch wieder einmal etwas lesen, das nicht so tiefgründig ist, wo ich nicht mit Enzyklopädie arbeiten müsste, sollte. So nur aus Spaß an der Freud! Oder just for fun.
Heute las ich, dass die Anzahl der verkauften "Nachtzug-Bücher" die Zahl der "Vermessungs-Bücher" bei weitem überschreitet und dass Mercier eine neues Buch geschrieben hat: Lea. Wesentlich weniger Seiten ca 250, hatte keine gute Kritik, aber was will das schon besagen!
Erna

Verfasst: Sonntag 6. Mai 2007, 17:23
von Gitti
Hallo, liebe MitleserInnen! Bin gerade von einer Kreta-Reise zurückgekommen (am liebsten wäre ich auch als Aussteigerin dort geblieben um den Minoischen Göttinnen weiter nachzuforschen, aber ein glücklicher Zufall zum Bleiben war nicht in Sicht!). So habe ich heute erst eure vielen spannenden Beiträge gelesen. Es kommen dabei eine Menge Aspekte zum Ausdruck, die ich beim ersten Lesen kaum bemerkt habe und nun euren verschiedenen Hinweisen sehr dankbar bin, an entsprechenden Stellen noch mal nachzulesen.

Gleich die erste philosophische Aussage von Amadeu, des „Goldschmiedes der Worte“ (S. 29), wahrscheinlich auch des Philosophen Peter Bieri alias Pascal Mercier, verweist auf eine tröstliche Lebensbetrachtung, die aber enorm neugierig macht:
Ist es dieser Königsweg, den Amadeu durchwandert und den auch Gregorius versucht zu finden? Die Anerkennung der Verwirrungen im Leben führt demnach zum Verständnis der vertrauten und rätselhaften Erfahrungen: „ Seit ich die Sache so sehe, habe ich das Gefühl, das erstemal richtig wach und am Leben zu sein.“ Dieser Satz war wohl der letzte Auslöser für Gregorius, sich ernsthaft auf die Suche nach einem neuen roten Faden in seinem Leben und auf die Spur von Amadeu zu begeben.

Ich bin Horst dankbar, auf diese Seite erneut hingewiesen zu haben.
Auch der Link von Brigitte zu „Johannes vom Kreuz“ war mir ein wertvoller Hinweis auf die Geschichte von Juan de la cruz. Daran ist der Graben zwischen Gregorius und Florence zu erkennen. Völlig verschiedene Lebensauffassungen drücken sich in der Philosophie von Amadeu und derer von Johannes vom Kreuz aus, über die Florence ihre Dissertation geschrieben hat.

Mir geht es wie Christa: Das Buch lege ich nun auch nicht gern aus der Hand um zum nächsten überzugehen.
Liebe Grüße von Gitti aus Ulm

Verfasst: Montag 7. Mai 2007, 10:35
von Erna
Beim Suchen nach Johannes vom Kreuz ist dieses Gebet als sein schönstes gekennzeichnet worden:
Mein sind die Himmel und mein ist die Erde; mein sind die Völker, die Gerechten sind mein, und mein sind die Sünder; die Engel sind mein und die Mutter Gottes ist mein und alle Dinge sind mein, und Gott selbst ist mein und für mich, denn Christus ist mein und mein Einundalles für mich. Was ersehnst und suchst du also noch, meine Seele? Dein ist all dies, und alles ist für dich.
Da es von einer so positiven Weltauffassung spricht, dachte ich, ich teile es Euch mit.
Erna

Gregorius und Prado

Verfasst: Donnerstag 10. Mai 2007, 16:24
von Marlis Beutel
Der "Nachtzug" kommt mir vor wie ein sehr philosophisches Buch. Das ist, muss ich zugeben, keine begründete Aussage, denn ich kenne mich in der Philosophie überhaupt nicht aus. Aber es geht doch durchwegs um existenzielle Fragen des menschlichen Lebens. Und hier scheint sich der Autor hervorragend auszukennen. Für mich ist Prado die wichtigere Figur des Romans, während Gregorius mir stellenweise wie ein Medium vorkommt, durch das der Portugiese sich ausdrücken kann. Es fällt allerdings auf, dass Gregorius sich durch Prado verändert. Möglicherweise verändern sich sogar die Leser dieses Buches. Ist das der Grund für seinen Erfolg?

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis

Verfasst: Freitag 11. Mai 2007, 10:35
von Erna
Ich sehe es auch so wie Marlis. Hat Gregorius sich verändert?
Also manchmal finde ich seine Verhaltensweise penetrant. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich ständig mir fremde Menschen aufsuche und sie dazu veranlasse, mir ihre Begegnungen mit Prado zu schildern. Aber noch interessanter finde ich, dass diese Menschen anscheinend darauf warten, davon erzählen zu können. Es kommt mir vor, dass G. schließlich in die Person von Prado hineinschlüpfen wollte.
Erna

Verfasst: Freitag 11. Mai 2007, 12:05
von RenateBowen
Ich werde dieses Buch griffbereit halten, und es nicht in der Masse der angesammelten Bücher untertauchen lassen. Die vielen Äußerungen über die Gestaltung des Lebens und besonders die Fragen nach dem ungelebten Rest des Lebens haben mich ganz unmittelbar angesprochen. Durch die präzisen Ausdrücke, seinen Umgang mit der Sprache, empfinde ich seine Worte als eindringlich. Viele Passagen werde ich erneut lesen. Auch während des Lesens habe ich immer wieder Denkpausen eingelegt.

Wie steht es um die Ganzheit unseres Lebens. Er mahnt an, sich selbst nicht zu verfehlen und sagt dazu: "Tun, was dazu beiträgt, dass man echter wird, näher an sich selbst heranrückt. "
Renate

Nachtzug nach Lissabon

Verfasst: Sonntag 13. Mai 2007, 18:50
von Horst Glameyer
Leben wir vielleicht in einer Zeit, in der viele, sehr viele Menschen zumindest unbewusst alles daran setzen, keinen ungelebten Rest ihres Lebens zuzulassen, indem sie dank ihres Handys wenigstens mit ihrer Stimme überall fast gleichzeitig zugegen sind? Wo sie stehen und gehen, daheim oder unterwegs, Tag und Nacht sind sie erreichbar und erreichen selbst ihre Frau, ihre Kinder, Arbeitskollegen und Freunde sowie Bekannte an jedem beliebigen Ort. Es scheint für sie ein fast kaum zu befriedigendes Bedürfnis nach sprachlicher Nähe zu bestehen, an allem, sogar dem Nichtssagendsten gedanklich teilzunehmen, um nur ja nichts zu versäumen. Besteht nicht auch darin die Gefahr, sich selbst zu verfehlen?
Horst