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Ingrid Noll: Röslein rot

Verfasst: Dienstag 12. September 2006, 13:08
von Erna
Erste Eindrücke:
Ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen, aber lange dauert das nicht mehr.
Das Buch ist so richtig etwas "für im Bett zu lesen". Leicht in der Hand zu halten und auch leicht wieder weiterzulesen, wenn man über dem Lesen eingeschlafen ist. Zunächst muss ich einmal sagen, von Krimi habe ich bisher nicht viel gemerkt. Für mich ist es erst einmal die Beschreibung einer ganz gewöhnlichen Durchschnittsfamilie, mit der ich mich sehr gut identifizieren kann. Schon die Konstellation: Mutter, Vater und zwei Kinder, natürlich ein Pärchen, nicht zu weit auseinander, so dass sie noch gut miteinander spielen können. Die Mutter, vorwiegend mit der Hausarbeit beschäftigt, die sie gar nicht so mag, hilft dem selbständigen Mann bei den Büroarbeiten, die sie auch nicht so mag. Also muss die Malerei die Langweiligkeit überbrücken. Wenn sie älter wäre, die Annerose, würde sie wahrscheinlich noch in die Altenuniversität gehen und Kunstgeschichte hören. So versucht sie sich selber mit Hinterglasmalerei. Was von ihrer Familie geduldet wird.
So weit meine ersten Gedanken zum Buch.
Erna

Ingrid Noll: Röslein rot

Verfasst: Mittwoch 13. September 2006, 17:37
von ursel
Beim ersten Lesen: besonders gut haben mir die Stilleben und ihre Einbindung in die Geschichte gefallen (20 Kapitel = 20 Stilleben, u.a. Blumen, Mäuse, Kristall, büßende Magdalena, Vanitas ). Manche habe ich mir vorher erstmal in der dem Buch beiliegenden "Galerie der Stilleben" angeschaut, aber eine so wunderbare Beschreibung, wie sie die Autorin hinkriegt, wäre mir nicht im Traum eingefallen. Dabei macht sie das in aller Kürze und der Fortgang der Geschichte wird nicht nur nicht behindert, sondern gestützt und interpretiert. Toll, wenn man so was kann. Beim Stilleben Nr 3 habe ich zwar gestutzt, aber daß es sich um ein trompe l'æil handelt, habe ich nicht gemerkt. Ich kann mich im Moment an keinen Krimi erinnern, der ein ähnliches Stilmittel benutzt hätte. Die Beschreibung der Ehe hat so ein bisschen was von Updike. Und ich spüre sehr wohl, daß sich ein Mord anbahnt. Da muß ich Erna widersprechen. Aber ihr Gedankengang, daß Annerose zur Altenuniversität gehen würde, so sie denn im richtigen Alter wäre, der hat schon was. Fast hätte ich gesagt, ich freue mich auf den Mord, aber ich bleibe dann doch lieber hierbei: auf den Fortgang der Geschichte.
Ursel

Röslein rot

Verfasst: Mittwoch 13. September 2006, 22:15
von Heide
Liebe Krimi-Leser,
der Beitrag, den ich am frühen Abend schon einmal geschrieben habe, ist leider nicht angenommen worden. Warum ? - keine Ahnung!
So werde ich einen zweiten Versuch starten:
Die Bildbeschreibungen, da kann ich mich Ursel anschließen, haben mir sehr gut gefallen. Auch die Auswahl der Stilleben hat mich angesprochen.
Aber der Krimi selbst, nein, ich glaube, das wird das einzige Buch von Ingrid Noll für mich bleiben. Ich fand ihn ausgesprochen fad. Die Protagonisten bedienen wirklich jedes Klische: die frustrierte Hausfrau, die ihrem Ehemann nachspioniert in entwürdigender Weise, das Ehepaar, das sich mit Worten streitet, oh meine Güte. Ich habe mich gefragt, warum sie sich nicht trennen. Na ja, das haben sie ja dann auch. Und das Ende der Geschichte - sehr unwahrscheinlich für meinen Geschmack.
Ich fand die Geschichte langweilig und ärgerlich. Eine Ehefrau, die ihren Mann vergiftet, also das habe ich schon viel besser gelesen.

Schon wieder nicht mein Buch, dabei gibt es so viele tolle Bücher. Gerade habe ich eins gelesen und möchte es gerne empfehlen:
Paolo Maurensig: Spiegelkanon. Vielleicht kennt es ja schon jemand von Euch; es ist nicht mehr so ganz neu.

Allen noch einen schönen Abend wünscht Heide

ooops!

Verfasst: Donnerstag 14. September 2006, 09:13
von ursel
"Wie schön war dieses Buch gestaltet, solang das Opfer es noch barg"

:o

Schande über mich

Verfasst: Donnerstag 14. September 2006, 12:25
von Heide
Liebe Ursel,
vielen Dank für Deinen diskreten Hinweis. Ich nehme alle Schuld auf mich und bitte um Verzeihung: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!

Ich will keine großen Erklärungen abgeben. Es ist ganz einfach doof, das Geheimnis eines Krimis bekannt zu geben.

Es tut mir wirklich sehr leid, und ich kann nur hoffen, dass diejenigen, die noch nicht durch waren, nachsichtig mit mir sind.

Herzliche Grüße an alle Röslein-Leser von Heide

Verfasst: Donnerstag 14. September 2006, 16:44
von Erna
Wie schön, dass nicht alle Leser der gleichen Meinung sind. Dann könnte man ja gar nicht diskutieren. Tut mir aber aufrichtig leid, dass wir bisher mit keiner Wahl Heides Geschmack getroffen haben. Nun vielleicht wird es das nächste Buch sein, das wir ja republikweit lesen wollen.
Übrigens, da mir in meiner Jugend Bildbeschreibungen immer schwer fielen, heute brauche ich ja keine mehr zu schreiben, bin ich wie Ursel der Meinung, Nolls sind gut. Vor allem auch durch die Einbindung in den Text. Es gefällt mir auch, dass es bei I. Noll, keinen Detektiv, keine Polizei usw gibt, sondern dass sie die Kriminalität in der vollkommenen Normalität ansiedelt. Vielleicht so ein bisschen der Hinweis, auch du bist, oder kannst, gewollt oder ungewollt, kriminell werden?
Erna

Re: Schande über mich

Verfasst: Donnerstag 14. September 2006, 17:12
von ursel
Heide hat geschrieben:Liebe Ursel,
vielen Dank für Deinen diskreten Hinweis. Ich nehme alle Schuld auf mich und bitte um Verzeihung: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Macht nix, liebe Heide, irgendwann hätten wir es ja doch rausgekriegt. Bisher wäre ich allerdings nicht auf dieses Opfer verfallen. Und auf diese Weise kann ich ja mal üben, was passiert, wenn man auf Zitat klickt.
Ursel

Ingrid Noll: Röslein rot

Verfasst: Montag 18. September 2006, 16:40
von Brigitte Höfer
Eigentlich würde ich es gerne wie Heide halten: sagen, es war nicht mein Buch, und es dabei lassen.
Aber ich fühle mich aufgerufen, meine Ablehnung zu begründen, und das ist gar nicht so einfach.
In einer Rezension fand ich "lakonisch" als Bezeichnung ihrer Schreibweise. Das trifft insofern zu, als sie ihre Erzählungen in einem plaudernden, fast lapidaren Tonfall immer wieder neu beginnt.
Da wird von dem kranken Vater, dem Lieblingsessen der Kinder und der Vergewaltigung eines Mädchens in der gleichen beiläufigen Tonart berichtet: "...letzten Endes hielt ich es auch für eine Bankrotterklärung unserer Ehe, daß sich mein Mann an einer völlig naivenTräumerin vegriffen hatte."(S. 102) Eine Vergewaltigung nur ein Fehlgriff???
Das Entsetzliche neben dem Banalen, alles wird assoziativ verramscht und in einer Übersprungshandlung: dem Betrachten eines Stillebens - zugedeckt, verdrängt und nicht verarbeitet. (Inhaltlich kennen wir das seit Martin Walsers: Ehen in Phillipsburg.)
Mag sein, dass in dieser Beschreibung der Wirklichkeit viel richtig Beobachtetes steckt - sonst wäre es nicht so spannend - ich finde es aber an vielen Stellen zu dick aufgetragen.
Wie in einem Bild wird noch eine und noch eine Assoziation herangezogen (Gerd Triebhabe als erster Liebhaber, Vater von Moritz und Analysand des tödlichen Getränks), keine Leerstelle wird zugelassen, alles muss bis ins Letzte stimmig sich ins Puzzle fügen.
Jedes Requisit (Grapefruitflasche, Glaskugel, Stillleben-Bilder) wird detailiiert eingeführt und führt neben den Personen ein Eigenleben. Dadurch wirkt das Gesamtbild überladen und viele Ereignisse wie an den Haaren herbeigezogen.
Den Personen dagegen wird keine Entwicklung zugestanden, sie haben ihre Entwicklung schon hinter sich, sie leben von Krise zu Krise, Frauen mit verrückten Phanstasien, Männer als Betrüger, Frauen als Rächer. Sie bleiben blass und merkwürdig gedämpft in ihren Gefühlen, vor allem nach dem Mord. Ist es vorstellbar, dass er ungesühnt bleibt?
Da scheinen mir die Ausdrücke wie lapidar und lakonisch, skurril und schwarzer Humor angebracht zu sein, aber auch: überladen, überdehnt, übertrieben. In diesem Sinne: weniger ist mehr, sage ich da.
Brigitte

Ingrid Noll: Röslein rot

Verfasst: Donnerstag 21. September 2006, 19:31
von sonntag
Liebe Erna,
Ich finde das Buch sehr gut, es ist leicht zu lesen, wenn man eine Pause macht hat man keine Probleme den Anschluss zu finden.
Ich finde das Buch nicht langweilig und ärgerlich, es beschreibt ein normales Familienleben.
Die Schreibweise, der Stil erinnert mich an Rosamunde Pilcher, sie beschreibt auch viele sehr Detail genau.
Liebe Ursel
woran spürst du, dass es sich um einen Krimi handelt?
Ich hatte am Anfang nicht den Eindruck, das Gefühl einen Krimi zu lesen.
Erika

Krimi und Kunst

Verfasst: Donnerstag 21. September 2006, 22:37
von ursel
Liebe Erika, liebe Leserunde,
ich habe das "Röslein rot" ganz gelesen, danach sehe ich vielleicht einiges in einem anderen Licht. Es gibt zwar einen Mord, aber das Buch ist zu einem großen Teil weniger ein Krimi als eine Geschichte über Menschen und ihre Eigen- und Unarten. Vielleicht wäre verbrecherische Geschichte die richtigere Bezeichnung. Erna hatte das ja auch angesprochen – fehlende Polizei, Ermittlungen und Rechtsprechung. Wegen des chats habe ich noch mal von vorn angefangen zu lesen, was ich nur empfehlen kann. Denn jetzt erfasst man viel besser die fein ziselierten Details und liest nicht mehr so auf den Plot hin. Ich sollte auch gestehen, daß ich die Stilleben beim ersten Lesen irgendwann überschlagen habe, um möglichst den Fortgang der Geschichte schnell mitzukriegen. Das heißt natürlich, daß ich die Bildbeschreibungen nochmals genüsslich zu mir nehmen werde.
Auch beim zweiten Lesen erst gefunden: Noll lässt ihre Annerose sich in Kunstbücher bzw. in barocke Stilleben versenken, um bösen nächtlichen Träumen zu entgehen. Ein schönes Heilmittel ohne Nebenwirkungen.
Betr. Ingrid Noll und Kunst: ich habe ein wenig gegoogelt, dabei in Interviews gelesen, daß sie einen "apple" als Schreibwerkzeug benutzt und sich seit einiger Zeit Bilder der Websites berühmter Museen herunterlädt und sie nach Themen ordnet. Sie hatte neben Germanistik auch Kunstgeschichte studiert. Ein aktueller Bezug zur Kunst: Noll hat eine Kurzgeschichte geschrieben für den Begleitband zur aktuellen Caravaggio-Ausstellung in Düsseldorf: Kurzgeschichten-Buch: Maler, Mörder, Mythos. Geschichten zu Caravaggio. Eine Krimi-Anthologie mit Beiträgen von neun namhaften Autoren: Andrea Camilleri, Gerhard Falkner, Nino Filastò, Florian Illies, Tanja Kinkel, Hennig Mankell, Ingrid Noll, Arnold Stadler. 96 Seiten, im Hatje Cantz Verlag ISBN: 3-7757-1807-9 Preis: 7,95 Euro
Und nun ist es an der Zeit, daß ich mich in die Stillleben versenke, um von bösen Träumen verschont zu bleiben. Obwohl - wenn ich so an Mäuse, Schafskopf und ähnlich düstere Utensilien denke...
Ursel

Immer noch "Röslein rot"

Verfasst: Dienstag 26. September 2006, 16:13
von Marlis Beutel
Leider konnte ich am Chat nicht teilnehmen und wiederhole womöglich, was dort besprochen wurde. Aber - wie Erna schon schrieb - gar nichts zu sagen wäre eine noch schlechtere Idee.

Vor Jahren las ich "Der Hahn ist tot" von Ingrid Noll, die irgendwo in meiner Nähe lebt und arbeitet. Das Buch brachte mir keine neuen Einsichten und dass die Mörderin einfach so weiter lebt statt im Gefängnis zu landen wurmte mich doch. Ich sagte also der Buchhändlerin, das Buch hätte mir nicht gefallen. Darauf sie: "Mir hat es gefallen; ich nahm es nicht ernst."

Das ist der Punkt: Ingrid Noll spricht die Leser mit schwarzem Humor an. Sie tut das mit intelligenter Unterhaltung. Wenn man sich - wie hier bereits empfohlen - das Buch ein zweites Mal anschaut, dann fällt auf, wie Noll aus dem Vollen schöpft, wie lebensnah sie ihre Personen gestaltet und handeln lässt, was für Einzelheiten ihr einfallen. Aber da ist eben auch die Sache mit dem schwarzen Humor, ohne den man das Buch vor allem am Ende als ärgerlich empfindet.

Es ist also mein zweites Noll-Buch, ich empfand es als unterhaltsam und habe es diesmal gern gelesen.

Grüße an alle! Marlis

Verfasst: Mittwoch 27. September 2006, 12:36
von Erna
Röslein rot ist bestimmt nicht Noll bestes Buch, aber es ist so wirklichkeitsnah. Ich will nicht sagen, dass ich am Ende einen Mord begangen hätte, aber so mancher Überdruss den Röslein in ihrer Ehe hat, an den kann ich mich auch erinnern. Nur preußisches Pflichtbewußtsein hielt mich l zurück und der Gedanke an meine vier Kinder. Von daher finde ich es amüsant und gut.
Erna

Verfasst: Sonntag 1. Oktober 2006, 17:40
von HildegardN
Liebe MitleserInnen,
ich bin etwas spät dran, weil ich bisher nicht durfte, was ich wollte und sollte, nämlich meine Leseeindrücke "öffentlich" machen (das "Login" klappte bisher nicht).
Inzwischen haben sich fast alle MitleserInnen geäußert und ich hatte Gelegenheit, mich mit einigen Teil-Beurteilungen zu identifizieren. Mein Fazit allerdings lautet: Ich kann dem "Röslein rot" nur wenig abgewinnen und überwiegend hat es mir gar nicht gefallen. Vor allem ist es Annneroses starke und ständige "Ich-Bezogenheit", die mich betroffen macht. Da sehe ich es schon als ein kleines Wunder, dass sie die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrnimmt und auch berücksichtigt.
Beeindruckt hat mich die Einbeziehung der Stilleben in Text und Handlung. Eigentlich mag ich Stilleben nicht besonders, aber hier haben sie zu einem besonderen Leseerlebnis beigetragen. Nicht etwa durch die Betrachtung der beigefügten schönen Drucke, sondern durch die gelungene, elegante Einfügung in das Geschehen. Das ist "gekonnt" und eine Kunst, die mich beeindruckt hat - und zwar nachhaltig.
Mit späten Sonntagsgrüßen von der fast "zu-spät-Gekommenen" Hildegard