Deutsche Einheit aus Sicht des Westens- erste Eindrücke

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Markus
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Deutsche Einheit aus Sicht des Westens- erste Eindrücke

Beitrag von Markus » Donnerstag 15. Januar 2009, 16:18

Beiträge aus den alten Bundesländern
Wie sehen Sie die Deutsche Einheit heute? Wie hat sich das Verhältnis zwischen den neuen und alten Bundesländern entwickelt? Wo sehen Sie Schwierigkeiten und Probleme? Welche Gewinne können Sie nennen? Für das Seminar in Bad Urach sammeln wir erste Eindrücke und kurze Statements.

hwest

Am Tropf der alten Länder

Beitrag von hwest » Sonntag 1. Februar 2009, 21:17

Leider ist es auch nach nahezu 20 Jahren noch so: Die neuen Bundesländer hängen am Tropf der alten. Das ist wohl das Ergebnis einer verfehlten Vereinigungspolitik. Wenn man die vorhanndenen Industrien in den Ruin treibt, muss man sich nicht wuindern, wenn die neuen Länder Not leiden und wenn die jungen, mobilen Menschen in Richtung Westen abwandern. Dies zu korrigieren, wird wohl weitere Jahrzehnte dauern.
Horst

Eberhard
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Beitrag von Eberhard » Sonntag 1. Februar 2009, 23:02

Es stimmt, die neuen Bundesländer hängen am Tropf, aber auch einige westdeutsche Staaten. Die Materie ist für mich sehr komplex, denn hier drängt sich auch die Frage auf: Brauchen wir 16 Bundesländer? Es gab Zeiten, da zogen viele junge Menschen auf Arbeitssuche von Friesland nach Süddeutschland. Mit der Wiedervereinigung brach kurz danach die Sowjetunion auseinander und damit entfiel der Außen-Markt der ehemaligen DDR. Die Industrien waren größtenteils marode und konnten mit dem westlichen Standard nicht mithalten. Westprodukte waren anfangs der große Renner. Vom Westen in den Osten sind manche "Heilsritter" gekommen, die eine falsche Firmenpolitik aus Sicht des Ostens verfolgten.

Auf die Wiedervereinigung waren wir nicht vorbereitet. Ja - es wurden Fehler gemacht. Hat der Westen genaue Kenntnis über den Zustand der Ost-Wirtschaft gehabt? Dennoch bin ich der Meinung, daß man zur damaligen Zeit hat schnell handeln müssen, denn das Fenster für eine friedliche Wiedervereinigung war nur kurz geöffnet.

Ich sehe nach wie vor die Wiedervereinigung als großen Gewinn und Glücksfall an. Auch wenn vielleicht derzeit DDR-Nostalgie wieder stärker gepflegt wird, hat die Wiedervereinigung nur Vorteile gebracht: Freiheit (Reise-, Redefreiheit), wirtschaftliche und politische Anerkennung in der Welt für Gesamtdeutschland. Für Westdeutschland endete am 5. Mai 1955 das Besatzungsregime, für Berlin erst mit der Wiedervereinigung.

Eberhard

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Uwe Bartholl
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Gefühlte Teilung

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 3. Februar 2009, 19:17

West- und Ostdeutschland ist für mich zum großen Teil eine gefühlte Teilung, die anhält. Mit den Bayern bin ich so wenig vertraut wie mit den Sachsen, dennoch regt sich ihnen gegenüber noch ein anderes Fremdheitsgefühl. Das will auch nicht weichen, wenn ich dort zu Besuch bin. Will die Deutsch-Deutsche Grenze nicht aus meinem Kopf weichen? Jene Grenze, die entstanden ist durch die ganz unterschiedlichen Lebensbedingungen, die unterschiedliche Deutsche aus uns gemacht hat. Was mir zum Vertrautwerden fehlt, ist der persönliche Austausch mit Menschen, die ihr Leben in der DDR lebten, mit der Wende fertig werden mussten und sich selbst völlig neu orientieren mussten. Und mir fehlt der Kontakt zu denen, für die die DDR Geschichte ist. Was sind die Fragen zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Enkelkindern? Interessant dazu bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, DDR - Mythos und Wirklichkeit (http://www.kas.de/wf/de/71.6466/)

Hanna
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Meine ersten Eindrücke in den neuen Bundesländern

Beitrag von Hanna » Dienstag 3. Februar 2009, 22:23

1993 war ich in Thüringen und Sachsen und konnte über Kontakte mit Familien sprechen. Damals hatte ich freundliche und erwartungsvolle Menschen getroffen. Sie hatten auch Verständnis, dass es mit der "Vereinigung" dauern würde, sie waren sehr zuversichtlich.
In meinem Herzen ist dieses Bild immer noch und ich bin vor allem ärgerlich, wenn ich von "Westlern" höre, dass wir so viel Geld "rüberschmeißen". Ich kann das nicht verstehen, weniger jedoch verstehe ich, dass es nicht möglich sein soll, z. B. die Löhne anzugleichen und dass vor allem nicht gelingt anstelle von Ost und West einfach Deutschland zu fühlen.

Alle die interessanten Beiträge von euch sind wichtig und gefallen mir, sie tragen gute Argumente in sich. Wenn ich an das Seminar in Bad Urach denke, so wird es so sein, dass die Vorträge genau diese von euch geschriebenen Texte beinhalten. Wichtig wäre es, wenn wir uns auch überlegen können, was geschehen muss und kann, damit sich die Menschen in verschiedenen Bundesländern näher kommen.

Ein dickes Lob für die Arbeit von ViLE Nord, großartige Arbeit, wie immer fundiert und gut zu lesen.
Auch aus Steinen, die im Wege liegen, kann frau Brücken bauen.

RenateBowen
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Beitrag von RenateBowen » Mittwoch 4. Februar 2009, 11:27

Die Bielefelder Gruppe hat 2008 ermittelt, dass 72 Prozent der Bevölkerung in Ostdeutschland denkt, dass die Westdeutschen sich zu wenig um Verständnis für ihre Situation bemühen.

Das ist eine bedauerliche Situation. Einem Bürger, der im Westen sozialisiert wurde, fällt es sicherlich schwer, sich in die Situation eines Bürgers im Osten zu versetzen, der Jahrzehnte in einer Diktatur gelebt hat. Arbeitslosigkeit gab es nicht. Plötzlich wird nicht mehr Anpassung gefragt sondern Eigeninitiative. Wie schnell kann ein Mensch sich auf diese geänderten Anforderungen einstellen? Schaffen das nur Jüngere? Dieser Veränderung nicht gewachsen zu sein, kann nur Unzufriedenheit erzeugen und Resignation. Außerdem wird die Begeisterung für die Demokratie stark reduziert.

Helmuth Schmidt schreibt in seinem Buch Außer Dienst, Folgendes:

„Noch wichtiger als die Konsequenzen des großen Finanztransfers sind aber die psychologischen und die politischen Folgen, die der anhaltende Stillstand des ostdeutschen Aufholprozesses auslösen kann. Die anhaltende Abwanderung junger Leute und der in den östlichen Bundesländern sich wiederholende Wahlerfolg der postkommunistischen und der rechtsradikalen Parteien sind beunruhigend.“

Er meint an anderer Stelle, dass die Rezepte zur Beschleunigung des Aufholprozesses seit Jahren vorliegen. Weder die Regierung Kohl, Schröder oder Merkel hätten die Wirtschaftstätigkeit im Osten bevorzugt gefördert. Als Mindestvoraussetzung nennt er die Verlegung von Bürokratien des Bundes, wo immer möglich, in den Osten zu verlegen z.B. auch die in Bonn verbliebenen Ministerien. Er nennt auch die Förderung von Forschungsinstituten und den Universitätsausbau als eine Möglichkeit.
Selbstverständlich wird das den Regierungen in den westlichen Bundesländern nicht gefallen. Alle 16 Landesfürsten denken zuerst an die Wünsche ihrer Bevölkerung nicht an das Wohl des ganzen Staates. Eberhard fragt, brauchen wir 16 Bundesländer? Ich vermute, wir können uns die Bürokratie für die 16 Bundesländer zukünftig nicht mehr leisten. Wie lange kann der Transfer öffentlicher Gelder von 4% des deutschen Bruttosozialprodukts fortgeführt werden?

Es soll Untersuchungen geben, nach denen der Aufholprozess noch weitere 40 Jahre dauern könnte.

Mark
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meine deutsche Einheit

Beitrag von Mark » Mittwoch 4. Februar 2009, 22:57

Ich will mal versuchen, eine Frage nach der anderen für mich zu beantworten.
1. Wie sehen Sie die Deutsche Einheit heute?
Nun ja: die Einheit ist vollkommen erreicht, was die nationale, also die völkerrechtlich relevante, Einheit betrifft. Genauso ist es mit der staatlichen, also institutionellen und rechtlichen Einheit. Aber eine vollkommene gesellschaftliche Vereinigung gibt es noch nicht. Der Spezialist W. Heitmeyer schreibt dazu: „Eine Armee kann per Dekret abgeschafft, Straßenschilder und –namen können durch die Stadtverwaltungen geändert, neue Formulare für die Steuererklärung eingeführt, Mietverträge können modifiziert und Kläranlagen modernisiert werden, doch die sozialisierenden Effekte unterschiedlicher Ordnungen wirken unabhängig davon fort,… denn die gesellschaftlichen Verhältnisse werden nicht von Gesetzen oder Verordnungen geregelt, sondern sind an individuelle Lebensläufe gebunden.“
Genau das ist es, die individuellen Lebensläufe. Drum sind alle Verallgemeinerungen wie „DIE Menschen aus den neuen Bundesländern“ machen oder denken dies oder jenes, sinn- und zwecklos.
Drum verstehe ich auch die Frage nicht
2. Wie hat sich das Verhältnis zwischen den neuen und alten Bundesländern entwickelt?
Das Verhältnis der Länder ist sicherlich gut, aber wie stehen die Menschen aus den einzelnen Ländern zueinander?
Uwe hat noch ein Fremdheitsgefühl und führt das richtiger weise auf mangelnden Kontakt zurück. Und Hanna meint (ganz meiner Meinung) dazu „ Wichtig wäre es, wenn wir uns auch überlegen können, was geschehen muss und kann, damit sich die Menschen in verschiedenen Bundesländern näher kommen.“ Ich wäre sehr froh, wenn wir dazu in Urach einer Lösung näher kämen.
Denn ich selber habe keinerlei Fremdheitsgefühl, was an den fast ständigen Kontakten liegt, die in einer „Grenzstadt“ (Lübeck ist die einzige Großstadt Deutschlands, deren Stadtgrenze gleichzeitig Landesgrenze ist) unvermeidlich sind.
Damit ist auch die Frage
3. Wo sehen Sie Schwierigkeiten und Probleme? beantwortet.
4. Welche Gewinne können Sie nennen?
Für mich persönlich so viele, dass es ein „kurzes Statement“ weit überschreitet. Den größten Anteil dabei haben Natur und Kultur. Müssen wir in Urach mal drüber reden.
Eine ganz andere, hier nicht ausdrücklich gestellte Frage, ist die nach der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen Ländern und auch hier wieder die Einkommensentwicklung der verschiedenen Individuen. Da ist in den ersten Jahren sehr viel falsch gemacht worden und eine Lösung können wir (Vile) wahrscheinlich nicht finden.

Beate

Beitrag von Beate » Donnerstag 5. Februar 2009, 13:14

In den 40 Jahren bis zur Wiedervereinigung Deutschlands lebten zwei Generationen von Menschen in Ost- und Westdeutschland, die in unterschiedlichen Systemen aufgewachsen sind und dementsprechend gebildet wurden. Nach 1989 gab es zwar eine gemeinsame Sprache, vielfach war das Verständnis jedoch unterschiedlich. Die Menschen hatten ungleiche Wertevorstellungen und Ideale.

Dies ist einer der Gründe für das schwierige Zusammenwachsen. Wahrscheinlich dauert es mehr als zwei Generationen, bis auf beiden Seiten das Gefühl wächst, eine Einheit zu bilden. Wichtig dafür sind menschliche Kontakte, die mit Gesprächen dazu beitragen, Informationen auszutauschen und dadurch zum Verständnis der Probleme und Sorgen beider Seiten führen. Wichtig ist auch, die Lebensleistung der Menschen aus beiden Systemen gegenseitig zu respektieren.

Wirtschaftlich und finanziell wurde von Westdeutschland viel aufgewandt, um die ehemalige DDR möglichst rasch auf den Stand Westdeutschlands zu bringen. Wahrscheinlich waren die Erwartungen auf beiden Seiten unrealistisch. Es gab für eine Vereinigung zweier derart unterschiedlicher Gesellschaften kein historisches Vorbild. Deshalb herrscht heute, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch große Unzufriedenheit, vorwiegend im Osten Deutschlands.

Sicherlich sollten wir alle mehr in die menschlichen Begegnungen investieren.

Marlis Beutel
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Der Osten

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 6. Februar 2009, 15:29

Als wir endlich in die ehemalige DDR reisen konnten, war ich sehr glücklich und merkte erst an diesem Zeitpunkt, wie sehr mir der Osten gefehlt hatte. Wir hatten als Kinder in der Schule begeistert von der märkischen Heide gesungen und uns mit dem Zungenbrecher des Cottbuser Postkutschers geplagt. Es war schon seltsam gewesen, dass man in die Welt reisen konnte, aber nicht in eine Gegend, die so sehr Teil unserer emotionalen Heimat war. Und es gefiel mir dort, ich fuhr immer wieder mit meinem Mann zusammen hin. Für ihn war Deutschland vermutlich generell fremd gewesen, weil er in der CSSR aufwuchs. Danach habe ich ihn nie gefragt. Für alle, die im Krieg oder später geboren wurden, muss die DDR Ausland gewesen sein bzw. die BRD.

Ich bin sehr betroffen, bei der Vorbereitung für das Seminar zu lesen, dass das Zusammenwachsen so lange dauert. Es ist dort anders als hier. Wir trafen zum Beispiel weniger Ausländer. Aber es werden viele Busreisen in den Osten angeboten, die auch angenommen werden. Städte und Landschaften sind sehenswert. Ich möchte wissen, ob die Ostdeutschen den Westen ebenso interessant finden.
Marlis Beutel

helmutf

Wie ich es sehe.

Beitrag von helmutf » Samstag 7. Februar 2009, 14:00

Der fall der Mauer 1989 kam für alle – West wie Ost – überraschend. Die Möglichkeit der Wiedervereinigung Deutschlands ergab sich daraus bereits kurzfristig, aber weder die Politik noch die Gesellschaften hüben wir drüben waren darauf vorbereitet. Kommt die DM nicht zu uns gehen wir zur DM war eine verbreitete Einstellung zur neuen wirtschaftlichen Situation. U.a. dies veranlasste die verantwortlichen Politiker zu schnellem, evtl. allzu schnellen handeln. Vereinfacht dargestellt wurde nun die DDR in 6 Länder aufgeteilt und diese als neue Bundesländer in die Bundesrepublik eingegliedert. Hier wäre DIE Gelegenheit gewesen die DDR in nur 2 maximal 3 Bundesländer umzugestalten. Damit hätte sich gleichzeitig die Chance einer Gebietsreform der westdeutschen Bundesländer ergeben. Dies war und ist bis heute wohl nicht gewollt.
Eng mit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ verbunden ist der wirtschaftliche Niedergang der dort bestehenden Industrie, so auch in den sogen. „Neuen Bundesländern“. Die Produktionsanlagen waren alt, marode und entsprachen in den weitaus meisten Fällen nicht dem Industriestandard westlicher Länder. Mehr als ¾ der gesamten Industrieproduktion der DDR wurde Richtung Osten geliefert; diese Absatzmärkte gab es aber nun nicht mehr. Neue Märkte in Richtung Westen waren auf Grund der Qualität der meisten Produkte nicht zu erschliessen. Nur in sehr geringen Umfang waren westdeutsche Unternehmen bereit bestehende Produktionsanlagen zu übernehmen und weiter zu führen, zumal in nicht wenigen Branchen die bestehenden westdeutschen Produktionskapazitäten ausreichten um die Bewohner der neuen Länder zu versorgen.
Bereits Ende 1990 hatte ich Gelegenheit mich beruflich intensiv mit dem Osten Deutschlands zu beschäftigen. Mein Arbeitgeber hatte einen Betrieb in Ostbrandenburg übernommen, der weitergeführt und ausgebaut werden sollte, was bis heute erfolgreich geschehen ist. Somit hatte ich sehr früh viele Kontakte zu den dort lebenden Menschen. Ich muss gestehen: es war zu Anfang recht schwierig. Wie oft haben wir aneinander vorbei geredet – sprachen wir wirklich die gleiche Sprache? Wir Westdeutschen waren für unsere neuen Kollegen viel zu schnell – in der DDR ging alles seinen Gang, was heute nicht ging ging eben Morgen oder Übermorgen. Nun sollten und mussten Entscheidungen innerhalb von Stunden oder gar Minuten getroffen werden. Darf ich überhaupt etwas entscheiden – eine neue Erfahrung für die dort lebenden Menschen. Aber nicht nur am Arbeitsplatz – wenn man denn noch einen hatte – auch im privaten Umfeld stimmte nichts mehr. Bisher hatte der Staat sich um nahezu alles gekümmert, nun war Eigeninitiative gefragt – doch wie geht das. Es hat sich dann alles recht schnell geregelt, wobei wir westdeutschen Kollegen uns zurücknehmen mussten. Man musste sich klar machen wir haben 40 Jahre in sehr unterschiedlichen Welten gelebt und daher andere Vergangenheiten, die zu jedem Leben gehören und bleiben werden.
Bis 1996 habe ich beruflich die Länder Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern regelmäßig bereist. Monatlich konnte man in vielen Orten positive Veränderungen wahrnehmen, die Menschen wollten etwas bewegen. Manches ging jedoch den einheimischen nicht schnell genug. Mitunter musste man schon einmal darauf hinweisen, dass der bestehende Lebensstandard im Westen Deutschlands in 40 Jahren gewachsen ist.
Für mich war das eine spannende Zeit die ganzen Veränderungen nah mitzuerleben. Viele nette Menschen habe ich kennen und schätzen gelernt.
Durch den Niedergang der Industrie und dem Umbruch in Handel und Landwirtschaft sind Tausende von Arbeitsplätzen verloren gegangen. Die Anreize für Neueinstellungen durch die Politik waren wohl zu gering und so wurden nicht ausreichend neue Arbeitsplätze geschaffen. Für Arbeitsuchende bedeutet dies Arbeit in einem anderen Bundesland zu suchen. Auch in der Geschichte Westdeutschlands hat es solche Umbrüche gegeben.
Im übrigen bieten die 6 neuen Bundesländer wunderbare Urlaubsmöglichkeiten. Diesen landschaftlich reizvollen Angeboten habe uns seit 1992 fast jedes Jahr wieder angelockt. Den Brocken habe ich mit Freunden bereits 1990 zum ersten mal bestiegen.
Ob Ost ob West nur mit persönlichen Kontakten kann man sich näher kommen, Verständnis für die Situation des Anderen aufbringen und Vorurteile abbauen. Ich fühle mich in Sachsen oder Thüringen genau so wohl wie in Bayern oder Hessen. Ein Ost-West unterschied fühle ich nicht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Hektik in den neuen Bundesländern etwas geringer ist als im Rest der Republik. Vieles sieht man dort gelassener . Und Menschen die sich über alles Mögliche aufregen und gerne rum meckern – die ewig Unzufriedenen die gibt es überall.

Brigitte Höfer
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Sozialismus in Osten - Kapitalismus im Westen

Beitrag von Brigitte Höfer » Sonntag 8. Februar 2009, 15:36

Es wird immer untersucht, was dem Osten noch "fehlt", um eine Angleichung an den Westen zu erreichen.

Es wird leider nicht untersucht, was dem Westen noch "fehlt", um eine Angleichung an ein lebenswertes Deutschland zu erreichen.

Der Einfluss des Kapitalismus amerikanischer Prägung auf unseren Werdegang und unseren Lebensstil verdient ebenso beachtet zu werden wie das Leben der Menschen unter der DDR-Diktatur.

Schaffen wir im Westen es überhaupt noch, uns auf gleiche Augenhöhe mit ärmeren Menschen zu begeben? Sind wir nicht längst schon eingebunden in dieses System mit der Überzeugung, dass allein der Erfolg dem Menschen Recht gibt? Und wem es schlecht geht, der ist halt selbst schuld daran...

Wie allzu leicht können wir doch verdrängen, dass wir als fünftgrößter Waffenproduzent der Welt mit verantwortlich sind für kriegerische Konflikte in der ganzen Welt! Das Geld, das wir damit verdienen, schließt uns den Mund und zeigt die Korrumpierbarkeit des Menschen auf...

Chancengleichheit ist eine schöne Utopie.

Margret Budde

Beitrag von Margret Budde » Sonntag 8. Februar 2009, 20:35

Als die Grenzen 1989 zur damaligen DDR geöffnet wurden, herrschte unbeschreiblicher Jubel auf beiden Seiten. Das war auch sehr berechtigt: hatten doch die Menschen in beiden Teilen Deutschlands endlich wieder Gelegenheit, die notwendigen menschlichen Kontakte, die ihnen lange verwehrt gewesen waren zu pflegen. Nicht nur das. „Sie waren frei“, so wie mir kurz nach der Maueröffnung eine ehemalige DDR Bewohnerin erzählte. Aber was bedeutet denn Freiheit für den Einzelnen?
Diese Unfreiheit haben die Menschen dort unterschiedlich erlebt. Das schlimmste ist wohl die geistige Unfreiheit. Die Unfreiheit beginnt da, wo der Mensch nicht die Gedanken denken darf, die ihm eigen sind, erst recht nicht äußern. Wenn ein Mensch nicht wagen durfte, auch nur einen Buchstaben gegen die DDR Regierung zu äußern, und schon wurde er den schlimmste Repressalien ausgesetzt, bzw. als politisch Gefangener abgeurteilt. Dann ist diese Unfreiheit weit unmenschlicher, als wenn er in seinen Reisemöglichkeiten eingeschränkt ist.
Die Tragik in der eigenen Familie könnte Bände füllen. Wer auch nur ein wenig über die inneren Verhältnisse und Machenschaften der SED und Stasi Kenntnis hat, kann sich die Folgen vorstellen.

Bei meinem Besuch in Thüringen im vergangenen Jahr hörte ich nur beiläufig den Satz „ ja manchmal sehnen wir uns auch nach alten Zeiten zurück“. Das hat mich doch arg traurig gemacht, ohne nachfragen zu können.
Ich denke, es liegt auch ein wenig daran, wie der Einzelne das Regime und das Leben in der damaligen DDR erlebt hat. Wer in den Jahren des DDR Regimes keinen Einschränkungen jedweder Art ausgesetzt war, sehnt sich natürlich nach den Gegebenheiten wie fehlender Arbeitslosigkeit, Rundumversorgung durch den Staat usw. gern zurück.

Ein authentischer Bericht einer Republikflucht ist das kleine Buch der Schauspielerin Heike Schroetter „Sehnsucht nach Paris“, die ich einige Jahre nach ihrer Entlassung 1982 aus dem Gefängnis der DDR in Berlin kennengelernt habe. In diesem Buch verarbeitet sie ihre eigene tragische Republikflucht.
Sowohl dieses Buch als auch das Granzlandmuseum Eichsfeld in der Nähe von Heiligenstadt/Thür. zeigen in beeindrückender Weise, welchen Repressalien die Menschen damals ausgesetzt waren.
Alle diese Menschen, die die Freiheit des Geistes lieben, sehnen sich n i c h t zur alten Zeit zurück und „entbehren“ auch gern die liebgewordenen Gewohnheiten der „Sorglosigkeit“, weil der Staat ihnen alles abnahm, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Menschen in den neuen Ländern können ihr z. T. gelenktes Denken der 40 Jahre der Trennung genausowenig beiseite schieben, wie wir es nicht können. Ein Zusammenführen aller Menschen auf beiden Seiten kann nur im Kopf beginnen. Dazu müssen wir bereit sein, von den unterschiedlichen, vorgeformten Denkschemen, von den Vorurteilen Abschied zu nehmen. Wir müssen uns besinnen auf die vielen Gemeinsamkeiten und nicht auf das, was uns eventuell trennen könnte.
Die Lösung kann ich nicht allein der der Politik überlassen. Jeder einzelne ist gefragt mit seinen Möglichkeiten.

Ich fühle mich in jedem Bundesland wohl. Dieses Wohlfühlen liegt nicht an der geografischen Region sondern an den menschlichen Begegnungen. Aber es gibt für mich immer wieder sehr viel Schönes in den “neuenâ€

Beate

Kommentare zum Thema aus "Hart aber Fair" vom 04.

Beitrag von Beate » Donnerstag 12. Februar 2009, 18:21

Vielleicht haben einige von Euch diese Sendung ja gesehen. Ich fand, dass sie wie gerufen kam, um sich auf das Thema einzustimmen. Ich habe einige Aussagen in dieser Sendung mitgeschrieben, die gerne weitergebe:

"Nur 54 % der Ostdeutschen sagen, dass es ihnen heute besser geht als vor der Wende. Die Ostdeutschen fühlen sich als Verlierer. Zu DDR-Zeiten gab es keine Existenzängste.

Man spricht über "Besser-Wessis" und "Jamamer-Ossis".

Die DDR war eine "Gehirnwäsche-Diktatur" .

Die Ostdeutschen haben heute einen Lebensstandard, den sie in der DDR nie hätten erreichen können. In erster Linie geht es ihnen aber um die Anerkennung. Die Einheit fehlt in den Köpfen.

Das Zusammenwachsen kann nur gelingen, wenn man sich wirklich für die jeweils anderen interessiert. Da haben die Bürger im Westen großen Nachholbedarf.

90 % der Ostdeutschen sagen, dass sie froh sind, dass die Mauer gefallen ist; auf die Frage, ob es ihnen nach der Wiedervereinigung besser geht als vorher, sagen 54 % nein (s.o.)

Der Durchschnittsverdienst im Osten lag bei 1.100 Ostmark netto. Grundnahrungsmittel, Wohnraum, Kinderbetreuung waren vorhanden. Es fehlte frisches Obst und Extras; technische Geräte waren sehr teuer und hatten nach Bestellung lange Wartezeiten.

Auf ein Auto musste man sogar 11 Jahre warten. Eine Telefonverbindung bekam man erst nach Jahrzehntelangem Warten, nur 16 % der Menschen in der DDR hatten überhaupt einen Telefonanschluss.

60 % der Bayern waren noch nie in den ostdeutschen Bundesländern.

Auf die Frage: Ist Ihnen das Leben in einer Demokratie wichtig, antworteten nur 24 % der Ostdeutschen mit Ja.

Nur 22 % der Ostdeutschen fühlen sich mittlerweile als richtige Bundesbürger. "

Ich denke, wenn sch Ostdeutsche nach den "alten Zeiten" sehnen, vergessen sie Dinge wie "keine Reisefreiheit, nicht alles kaufen können und dürfen (z.B. bestimmte Bücher und Musik), lange Wartezeiten für Anschaffungen, wie technische Geräte, Autos und Telefon. Im Grunde sehnen sie sich wahrscheinlich in eine "glorifizierte" Zeit zurück.

Gruß
Beate Braun

helmutf

Gestern und Heute.

Beitrag von helmutf » Freitag 13. Februar 2009, 16:12

Wenn sich die Lebensbedingungen zum besseren wenden sieht die Vergangenheit nicht mehr ganz so bescheiden aus wie sie einst war. Schnell ist vergessen, wie oft Schlange stehen angesagt war. Selbst einfach Gebrauchsgüter waren Mangelware oder von minderer Qualität. Die neuen Freiheiten in jeder Beziehung sind inzwischen selbstverständlich.

Beate schreibt:
„Zu DDR-Zeiten gab es keine Existenzängste. „

Dem kann ich nicht beipflichten. Eine falsche Bemerkung, ein regimekritischer Witz konnte den Arbeitsplatz, ggf. die Freiheit kosten.

Sicher jeder hatte einen Arbeitsplatz, aber nicht jeder Arbeitsplatz war wirklich mit Arbeit verbunden. Erstens fielen zahlreiche Arbeitsstunden wegen Materialmangel aus und zweitens gab es Arbeitsplätze ohne Beschäftigung. In einem vorstehende Beitrag habe ich erwähnt, dass ich von 1990 – 1996 in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet habe und mein Arbeitgeber einen Betrieb in Brandenburg übernommen hatte. An jedem Tor saß im 3-Schichtbetrieb ein Pförtner, selbst an Toren, die nachweislich seit bestehen des Betriebes nie geöffnet wurden. In den Bürohäusern in Ostberlin waren im Eingangsbereich mehrere Pförtner mit der Einweisung von Besuchern beschäftigt, an denen kam kein Besucher vorbei. Das gleiche Verfahren wiederholte sich auf jeder Etage. So könnte ich noch manche Beispiele anführen. Diese Einrichtungen bauten sich nach der Wende langsam ab.

Der Mensch vergisst eben sehr schnell. Wenn die Unzufriedenen eine Woche in das Jahr 1985 zurückversetzt würden käme sicherlich ein anderes Meinungsbild zustande.

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Beitrag von Erna » Freitag 13. Februar 2009, 18:40

Zwar komme ich nicht nach B.U, aber wir haben gerade das Buch von Loest: Die Nikolaikirche beendet und ich war erschrocken über die Zustände, die in der DDR geherrscht haben.
Wieso war da keine Existenzangst? Vielleicht brauchte man keine Sorge um den Arbeitsplatz zu haben, aber davor, unliebsam aufzufallen doch ganz stark.
Wahrscheinlich sehnt man sich immer nach dem, was man nicht hat. Allerdings ist in Zeiten des Mangels das Zusammengehörigkeitsgefühl immer stärker als in Zeiten des Überflusses.
Erna Subklew

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