Kulturelle Identität: Hat Europa eine kulturelle Identität?

Archiv für Sachbuch vor 2007
Gesperrt
Benutzeravatar
Markus
Beiträge: 412
Registriert: Freitag 1. April 2005, 07:50
Wohnort: Ulm
Kontaktdaten:

Kulturelle Identität: Hat Europa eine kulturelle Identität?

Beitrag von Markus » Montag 1. Mai 2006, 13:17

Diskussion zum Kapitel: Hat Europa eine kulturelle Identität?
Moderation: Manfred Schmitz

Die Leitfragen zu diesem Kapitel:
  • 1. Dass Europa eine politische Identität braucht, ist unumstritten,
    aber braucht Europa auch eine kulturelle Identität ?
    2. Wie sieht diese kulturelle Identität aus, wenn wir feststellen, dass
    wir in Europa eine gewachsene Vielfalt von unterschiedlichen Kulturen
    und Mentalitäten vorfinden? Ist das Gemeinsame die Vielfalt?
    3. Ist die kulturelle Identität , wenn es sie denn gibt, durch den
    Erweiterungsprozess verändert worden? Was bedeute das für die zukünftige
    Entwicklung der EU?

Horst Glameyer
Beiträge: 148
Registriert: Freitag 15. April 2005, 15:09
Wohnort: Cuxhaven

Europäische Identität

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 2. Mai 2006, 12:28

Lieber Markus:
Zu 1.: Selbstverständlich besitzt Europa seit langem eine kulturelle Identität. Sie reicht von der griechisch-römischen Antike über das christlich geprägte Mittelalter samt islamischen Einflüssen bis in die Gegenwart.

Zu 2.: Gerade die kulturelle Vielfalt führte dazu, dass die verschiedenen Ideen in der Baukunst, der Malerei, der Musik und der Dichtkunst sich über alle europäischen Länder verbreiteten und dort zu jeweils eigenen Werken in gleichem Stil anregten. Allein die zahlreichen über ganz Europa verstreuten Denkmäler ähneln einander vielfach. Meister der Baukunst und Malerei arbeiteten bald für diesen, bald für jenen Landes- oder Kirchenfürsten und schufen somit eine kulturelle Identität in Europa. Das gilt für die Dichtkunst und die Musik gleichermaßen. All diesen Werken ist ein unverwechselbar europäischer Ausdruck und Klang eigen, die auf einer langen Tradition beruhen. Nicht anders verhält es sich seit der Antike mit der Philosophie und den Naturwissenschaften, die bis heute das Denken und Handeln in allen europäischen Ländern beeinflusst haben. Das gilt ebenso für die christliche Religion.

Zu 3.: Nicht erst seit dem europäischen Erweiterungsprozess sind vor allem in den Künsten asiatische, afrikanische und nord- wie südamerikanische Einflüsse aufgenommen worden.
Wenn u.U. eine Gefahr für die kulturelle Identität Europas besteht, so in der Beeinflussung nahezu aller Lebensbereiche durch den sich seit längerem weltweit ausbreitenden amerikanischen Lebensstil einschließlich seiner Sprache. Wer einmal Fotos vom Anflug auf die Hauptstädte der Welt miteinander verglichen hat, wird in ihnen rund um den Globus typisch amerikanische Hochhäuser entdecken, die sich allesamt ähneln.
Gerade die kulturelle Vielfalt sowie ihre gegenseitige Durchdringung macht die kulturelle Identität Europas aus.
Herzlichen Gruß
Horst

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Beitrag von Erna » Dienstag 2. Mai 2006, 19:36

Das, was ich hier schreibe, hat nichts mit Untersuchung oder Erhebung zu tun, sondern einfach:es fiel mir auf. Ich unterrichtete ja einige Jahrzehnte ausländische Schüler und gehe auch jetzt noch jede Woche zur Vorschularbeit in den Kindergarten. Ausl. Kinder, die aus dem europäischen Raum kamen, lernten die deutsche Sprache viel schneller, als jene, die aus einer anderen Kultur kamen. Gerade dieses Mal ist ein Kind aus Tschechien da, dass innerhalb von 9 Monaten so viel Sprache gelernt hat, dass man sich mit ihm unterhalten kann. Daraus schließe ich, dass die nonverbalen Kommunikationsmittel bei Kindern aus Europa besser verstanden werden, weil sie ähnlicher sind als von nicht europäischen, so dass sie den Spracherwerb besser unterstützen.
Ich stimme auch mit Horst überein, dass es so etwas wie eine europäische Identität gibt. Die Entwicklung der meisten europäischen Staaten verlief ja ähnlich.
Erna

RenateBowen
Beiträge: 21
Registriert: Donnerstag 23. Juni 2005, 15:26

Vielfalt

Beitrag von RenateBowen » Montag 8. Mai 2006, 23:49

Markus fragt, ob unsere europäische kulturelle Identität in der Vielfalt liegt.

Ich denke, auch die Vielfalt ist Teil unserer Gemeinsamkeit. Wir wachsen in einem Raum auf, in dem man schnell an sprachliche Grenzen kommt. Das behindert, ist aber auch ein Reichtum. Der europäische Rahmen wird uns als ein Gemisch der verschiedenen Einflüsse in der Philosophie, der Literatur und der Kunstrichtungen bewusst.
Ich bin der Meinung, wir müssen nur die Sicht der Betrachtung geographisch ausweiten, z.B. die ganze Welt betrachten, um festzustellen, dass es trotz der Verschiedenheit der Kulturen in einzelnen Regionen Europas eine gemeinsame Identität gibt, die wir als europäische bezeichnen können. Diese Identität bezieht sich auf Wertorientierungen und auch auf gemeinsame historische Erfahrungen, aus der sich eine bestimmte Haltung zur Gegenwart ergibt. Selbstverständlich sind einzelne dieser Werte nicht nur in der europäischen Gesellschaft verankert. Menschenrechte und Demokratie gibt es in anderen Teilen der Welt ebenfalls, wie Manfred in seiner Zusammenfassung erwähnt, es sind trotzdem Teile eines Wertekanons, der uns Europäer vereint. Dazu gehört auch die säkulare Bestimmung der politischen Ordnung und das Bedürfnis, die Gesellschaft auf der Idee der Solidarität gegenüber Schwächeren zu organisieren.

Ich fände es gut, wenn wir uns unserer gemeinsamen Werte stärker bewusst wären ohne Arroganz gegenüber Kulturen in anderen Teilen der Welt, die uns durch die Zunahme der Migration aus der Mittelmeerregion, Asien und Afrika in Europa begegnen.

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Samstag 13. Mai 2006, 19:53

Mir scheint, es wimmelt nur so von euphorischen Euphemismen, wenn wir auf "kulturelle Identität" Europas zu sprechen kommen. Wie wärs, ein wenig gegen den Strich zu denken? Unsere gemeinsame Tradition: Die Unterdrückung, Ausbeutung, Ausrottung, Ansteckung, Kolonisierung und Missionierung anderer Gesellschaften, anderer Ethnien (falls definierbar) auf anderen Erdteilen: Ist das nicht eine starke, vielleicht auch viel dominierendere gemeinsame Tradition, wenn wirs nicht Kultur nennen mögen? Zumindest seit Kolumbus. Ich bin momentan gerade begeistert von einem Buch: Jared Diamond "Arm und Reich - Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" (Fischer TB), ein Thema, das das Forum für Verantwortung als Nächstes auf der akademischen Pfanne hat. Wir und die Asiaten waren da - so Diamond -in den letzten 10.000 Jahren einfach von Natur und Landschaft (vor allem Landwirtschaft, also Domestizierung geeigneter Pflanzen und Tiere) erheblich privilegierter. Ein lesenswertes Buch, so finde ich. Diamond vergleicht beispielsweise in seinem Epilog Europas Uneinigkeit und Vielfalt mit der viel früher gegründeten Einheit Chinas, die in den letzten 500 Jahren dann gegenüber den Europäern (zeitweise, das dreht sich wohl gerade wirtschaftlich in die andere Richtung) ins Hintertreffen geraten war. Ich zitiere mal ein bißchen, um Leseappetit zu machen: "Chinas geografische Geschlossenheit erwies sich im Laufe der Zeit jedoch als Nachteil, da die Entscheidung eines einzigen Tyrannen Innovationen (Diamond spricht etwa den mächtigen chinesischen Schiffsbau an) stoppen konnte - was auch wiederholt geschah. Europas geografische Balkanisierung führte demgegenüber zur Entstehung Dutzender oder sogar Hunderter unabhängiger, miteinander konkurrierender Kleinstaaten und potenzieller Zentren der Innovation. Ging ein Staat einer bestimmten Neuerung nicht weiter nach, tat es mit Sicherheit ein anderer und zwang seine Nachbarn, es ihm gleichzutun, wollten sie nicht militärisch erobert oder wirtschaftlich abgehängt werden. Europas innere Barrieren waren hoch genug, um die politische Vereinigung zu verhindern, aber zu niedrig, um die Ausbreitung neuer Techniken und Ideen zu stoppen. Es hat also nie einen Tyrannen gegeben, der ganz Europa "den Hahn abdrehen" konnte , wie in China." (Zitatende). So viel von dem lesenswerten Evolutionsbiologen mit dem breiten Spektrum, der sich eher mit Ackerbau und Viehzucht, geografischen und klimatischen Gegebenheiten und ähnlichen Rahmenbedingungen für kulturelle Entwicklungen befasst als mit so schöngeistigen Denkpirouetten wie ein Professor Wagner und seiner Nachdenker. Wie gut, dass Klaus Wiegandt auch solche Basisfragen thematisiert und danach in Taschenbüchern veröffentlicht!

Manfred Schmitz

Beitrag von Manfred Schmitz » Samstag 13. Mai 2006, 22:04

Nach vier Beitragen zum Thema „kulturelle Identität“ möchte ich mich, bevor viele von uns in Richtung Köln zum Deutschen Seniorentag starten, zu Wort melden. Ich habe die Leitfragen, die Markus für mich ins Internet gestellt hat, auf der Basis des Beitrags von Professor Peter Wagner formuliert.
Identität ist ein paradoxes Phänomen. Identität gibt einerseits an, wer wir sind, wie wir uns selber definieren und was uns ausmacht, und andererseits – und in diese Richtung bewegt sich auch Peter Wagner – ist sie etwas, was gemacht und geformt wird. Wenn Europa eine kulturelle Identität habe, so Wagner, dann müsse sie aus den Erfahrungen mit seinen Spaltungen und Grenzziehungen und aus den Deutungen (Pluralität, Vielfalt, Fortschritt, Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichheit, Wohlstand, Solidarität) resultieren. Da steckt eine ganze Menge Blut drin. Gleichwohl stimme ich Helmut zu, wenn er auf die „exportierten Schattenseiten“ der europäischen Tradition wie Ausbeutung, Ausrottung, Missionierung und Kolonialismus hinweist. Aber ich meine, dass Europa auch dieses zu seiner „kulturellen Identität“ – um bei Wagner zu bleiben – „gedeutet“ hat.
Ich stimme Horst zu, dass wir eine „kulturelle Identität“ in Europa haben, auch wenn wir ins Schwimmen geraten, sollen wir sie genau definieren. So geht Renate in ihrer Beschreibung über das hinaus, was Horst formuliert. Und beide liegen meiner Meinung nach richtig. Europa ist die gewachsene Vielfalt seiner Kulturen, Mentalitäten und Sprachen und, und, und…..In dem Verfassungsentwurf der EU wird von dem „kulturellen, religiösen und humanistischem Erbe Europas“ gesprochen. Das ist die historische Begründung, wie wir sie alle irgendwie im Blut haben. Weil das aber manchmal so schwierig ist, „politische“ und „kulturelle Identität“ auf einen Nenner zu bringen, plädieren manche Wissenschaftler dafür, von „politischer Identität und kultureller Diversität der Europäer“ (Furio Cerutti) zu sprechen. Vielleicht ist ein Blick in die „Charta der Europäischen Identität“ hilfreich, die die Europaunion Deutschland initiiert hat. In ihr sind Ziele und Qualitäten für eine Europäische Union in sechs Kapiteln aufgeführt:
1. Europa als Schicksalsgemeinschaft
2. Europa als Wertegemeinschaft
3. Europa als Lebensgemeinschaft
4. Europa als Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft
5. Europa als Verantwortungsgemeinschaft
6. Wesensmerkmale einer europäischen Identität.
Interessant ist, das eines dieser Wesensmerkmale heißt: „Ein Europäer zu sein, ist nicht eine Frage von Geburt, sondern von Bildung.“
Was wir brauchen, sind Politiker und Europäer, die die Menschen informieren und überzeugen, damit sie auch innerlich an Europa teilnehmen können. Dann wird es auch gelingen, die gegenwärtige Krise der EU zu bewältigen. Gesucht wird ein selbstbewusstes Europa, das aufgrund seiner historischen Erfahrungen weiter wachsen und seine politische und kulturelle Identität fortschreiben wird, damit es eine klare Antwort auf die Globalisierung geben und sagen wird, wie die Welt von morgen aussehen kann (Wagner).
Manfred

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Beitrag von Erna » Sonntag 14. Mai 2006, 16:03

Unter Europäische Identität habe ich bei www.eduvinet.de folgende gekürzte Beiträge gefunden. Da ich sie sehr aufschlussreich finde, gebe ich sie gekürzt zur Kenntnis.

Was stiftet Identität?
Im wesentlichen sind es wohl drei Elemente, die sich gegenseitig beeinflussen:
Die Geburt, sie begründet die Bindung an eine Familie, Sippe oder ein Volk auch an einen konkreten geographischen Raum.
Die Kultur, sie prägt durch ihre geistigen und emotionalen Erfahrungen Individuen und Gruppen.
Die Akzeptanz gemeinsamer Werte schafft Wertegemeinschaften.

Welche Merkmale kennzeichnen die Europäer?
Sie trennen Religion und Herrschaft (Staat).
Sie üben Toleranz zwischen den Angehörigen verschiedener Konfessionen.
Sie treten ein für persönliche und soziale Menschenrechte (Herrschaft des Rechts).
Sie sind offen für eine pluralistische Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Sie schwanken zwischen Föderalismus und Nationalismus/Zentralismus.
Sie sind Anhänger einer pluralistischen und parlamentarischen Demokratie.

Wenn Europa als eine Gemeinschaft verschiedener Völker oder als gemeinsam handelnde Union überleben will, müssen sich ihre Einwohner mit bestimmten Werten identifizieren (Minimalkonsens).
Identität bedeutet vollkommene Gleichheit zwischen zwei Dingen, eine Wesensgleichheit. Europäische Identität wäre nach diesem Wortsinn eine Wesensgleichheit zwischen allen Einwohnern Europas. Aber welches Europa ist gemeint? Eine geographische Bestimmung Europas ist nicht einfach und ein politisch klar definiertes Staatsgebiet Europa gibt es (noch) nicht. Wie können aber Personen mit etwas wesensgleich sein, was nicht genau definiert werden kann?
Ein europäisches Bürgerrecht, das zumindest eine juristische Identität begründen würde, gibt es nicht. Polen oder Ungarn fühlen sich als Europäer, ebenso wie Franzosen oder Deutsche. Dabei bezieht man die Wesensgleichheit auf einen sehr vagen Begriff einer gemeinsamen historischen Vergangenheit, die aber - bei näherer Betrachtung - häufig eher gegensätzlich als gemeinsam erfahren wurde.
Der tschechische Staatspräsident Václav HAVEL hat 1994 im Europäischen Parlament in Straßburg aus dem beschriebenen Widerspruch einen mutigen Ausweg gewiesen, indem er sagte: "Deswegen scheint es mir, daß die vielleicht wichtigste Aufgabe, der sich heute die Europäische Union gegenüber sieht, einhergeht mit einem neuen, aufrichtigen und klaren Nachdenken über das, was man europäische Identität nennen mag, einer neuen und wahrhaft klaren Benennung europäischer Verantwortung, einem verstärkten Interesse an einer echten europäischen Integration, an all ihren weiteren Verwicklungen in der gegenwärtigen Welt und an eine Erneuerung ihres Ethos oder, wenn Sie so wollen, ihres Charismas.
Es scheint im Wesen des Menschen zu liegen, daß er einen Teil seines Selbstgefühls seiner Identität auch mit überschaubaren Räumen verbindet, in denen er meistens von Kindheit an mit anderen Menschen gemeinsame Erfahrungen gesammelt hat und dadurch in besonderer Weise geprägt wird. In der deutschen Sprache wird dafür meistens der Begriff Heimat benutzt, wobei manchmal Heimat nicht nur räumlich, sondern auch geistig empfunden wird und beide nicht identisch sein müssen. Auch entdecken viele Menschen im Laufe ihres Lebens eine Wahlheimat, die die Bedeutung einer früheren Heimat verblassen läßt.
Heimat ist am besten zu fassen und zu beschreiben als ein ganz persönlicher Entwicklungsprozeß, der mit Orten zu tun hat, mehr noch mit Menschen, die einem vertraut sind, unter denen man sich wohl, das heißt zu Hause fühlt, und besonders mit der Wohnlichkeit des eigenen Kopfes, der eigenen Geisteswelt. Der ganz persönliche Entwicklungsprozeß liefert auch die Erklärung dafür, daß Heimat gleichzeitig existent und nicht mehr existent sein kann."
Diese sehr persönlichen Bindungen der Menschen an bestimmte Regionen sind emotional sicher sehr wichtig, und sie zu schmälern hieße, den Menschen ihre Wurzeln zu nehmen. D.h., die Regionen bedürfen eher des Schutzes durch größere Einheiten, als daß sie selbst in der Lage wären, ihren Bewohnern ausreichend Schutz zu gewähren. Daraus folgt, daß man den Regionen die Pflege der Kultur und der Natur in überschaubaren Räumen überlassen sollte, das dient sicher der Identitätsfindung.

Erna

Horst Glameyer
Beiträge: 148
Registriert: Freitag 15. April 2005, 15:09
Wohnort: Cuxhaven

Merkmale der Europäer

Beitrag von Horst Glameyer » Sonntag 14. Mai 2006, 19:47

„Welche Merkmale kennzeichnen die Europäer?
Sie trennen Religion und Herrschaft (Staat).
Sie üben Toleranz zwischen den Angehörigen verschiedener Konfessionen.
Sie treten ein für persönliche und soziale Menschenrechte (Herrschaft des Rechts).
Sie sind offen für eine pluralistische Bildung, Wissenschaft und Kultur.
Sie schwanken zwischen Föderalismus und Nationalismus/Zentralismus.
Sie sind Anhänger einer pluralistischen und parlamentarischen Demokratie.“

Die von Erna in diesem Zitat genannten ‚Merkmale der Europäer‘ treffen wohl nur eingeschränkt zu und wurden im Laufe der sehr wechselvollen Geschichte vieler europäischer Staaten erst allmählich entwickelt. Der Balkankrieg liegt noch nicht sehr lange zurück, und die als Merkmal hervorgehobene religiöse Toleranz bezieht sich nur auf die verschiedenen christlichen Konfessionen, nicht auf unterschiedliche Religionen. Dabei handelt es sich durchaus um einen Fortschritt, um den man allein in Deutschland einen dreißigjährigen Krieg führte.

Wenn das Schwanken zwischen Föderalismus und Nationalismus/Zentralismus den Europäer kennzeichnet, dann sollte man seiner nicht gar so sicher sein, dass er gewissermaßen seinem Wesen nach ein Anhänger einer pluralistischen und parlamentarischen Demokratie ist. Eine verhängnisvolle soziale Entwicklung mit steigender Armut innerhalb der Europäischen Union könnte sie u.U. auf eine harte Probe stellen.

Schon der Soziologe Norbert Elias (geb. 22.06.1897 in Breslau, gest. 01.08.1990 in Amsterdam) warnte 1987 in seinem Werk „Die Gesellschaft der Individuen“ davor, den Bestand der EU auf Dauer für gesichert anzusehen. Allein ein Blick auf die zahlreichen europäischen und internationalen Organisationen, denen die verschiedenen Mitgliedstaaten der EU und auch die europäischen Nichtmitgliedstaaten auf wirtschaftlichem, militärischem und währungstechnischem Gebiet bald angehören, bald fernstehen, verweist auf ihre unterschiedlichen Interessen, die eine Sprengkraft entwickeln können, denen keine kulturelle Identität gewachsen ist. Dazu ist das Gebilde „Europäische Union“ noch zu jung, auch wenn es aus bitteren Erfahrungen hervorgegangen ist.

Ich denke, es dauert noch seine Zeit, bis sich die Europäer ihrer Identität ganz bewusst sind. Dazu gehören sowohl das Positive als auch das Negative, das Europäer (nicht nur dieses oder jenes Volk und dieser oder jener herausragende Einzelne) im Laufe der Geschichte geschaffen bzw. verübt haben.

„Wenn Europa als eine Gemeinschaft verschiedener Völker oder als gemeinsam handelnde Union überleben will, müssen sich ihre Einwohner mit bestimmten Werten identifizieren (Minimalkonsens).“

Hoffen wir, dass uns und den nachfolgenden Generationen dieser Minimalkonsens gelingt und nicht die voranschreitende Globalisierung die europäischen Völker möglicher Weise aus wirtschaftlichen Gründen wieder entzweit.
Horst

Manfred Schmitz

Beitrag von Manfred Schmitz » Samstag 17. Juni 2006, 20:21

Nachdem der letzte Beitrag zum Thema „Hat Europa eine kulturelle Identität?“ (Horst) am 14. Mai verfasst worden ist und vier Wochen Schweigen dazwischen liegen, möchte ich mich noch einmal zu Wort melden.
Ausgangspunkt für meine Wortmeldung sind die aktuellen Nachrichten über den gestrigen EU-Gipfel in Brüssel. Dieser Gipfel hat deutlich gemacht, dass auch nach einem Jahr Denkpause kein Ende der Krise um die EU-Verfassung, die durch die Referenden in Frankreich und in den Niederlanden ausgelöst worden war, in Sicht ist. Die von Journalisten publizierten Metaphern vom „Gipfel der Ratlosigkeit“ und vom „Rat der Ratlosen“ bringen die Situation auf den Punkt. Erinnern wir uns: Die EU-Verfassung hat das Ziel, Europa demokratischer, transparenter und effizienter zu machen. Die Einleitung der Verfassung beginnt mit den Worten: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas…“. Da stellen sich mir Fragen wie: Ist unser Erbe ausgeschöpft? Das Ziel aus dem Auge verloren? Ist die wirtschaftliche Krise der EU gar eine europäische Identitätskrise?
Tatsache ist, dass die Wohlfahrtsstaaten Westeuropas die Integration als eine Form der bedrohlichen Globalisierung sehen und ihre Regierungen in Europa protektionistische Zugbrücken hochziehen. Nationale Egoismen gefährden den europäischen Binnenmarkt. Europa als eine gewachsene Vielfalt von unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten fällt hinter seine Geschichte zurück, indem es Kleinstaaterei betreibt und sich in unterschiedliche Lager spaltet. Während Großbritannien und die Osteuropäer sich vom klassischen Sozialstaatsmodell verabschiedet haben, wollen vor allem Deutschland und Frankreich daran festhalten. Die Mitteleuropäer blockieren die geplante Dienstleistungsrichtlinie, weil sie für ihre teuren Arbeitnehmer Billigkonkurrenz aus Osteuropa fürchten. Während die liberalen Europäer bereit sind, einen großen Teil der EU-Agrarbeihilfen zu opfern, wollen vor allem die Franzosen davon nichts wissen, weil sie Einkommensverluste für ihre Bauern durch zuviel Konkurrenz fürchten. Fast 50 Jahre lang galt, dass mehr Handel durch von der EU harmonisierte Regeln das Wachstum steigert. Da nun die Sozialstaaten Deutschland, Frankreich, Italien und andere unter dem internationalen Kostendruck zusammenzubrechen drohen, ist dieser Konsens geopfert worden. Ein neues Sozialmodell wird zwar auch in Deutschland gefordert und diskutiert, aber nicht realisiert. Experten machen uns jedoch klar, dass der Protektionismus das Schlimmste ist, was Europa passieren kann und prophezeien, dass dadurch keineswegs die Globalisierung abgewehrt werden kann. Wir müssen also feststellen, dass Europa im Augenblick nicht in der Lage ist, eine klare Antwort auf die Globalisierung zu geben und sagen wird, wie die Welt von morgen aussehen kann (Prof. Peter Wagner). Was wir im Augenblick politisch und wirtschaftlich erleben, ist meiner Ansicht nach auch eine Abkehr von der kulturellen Identität Europas, weil wir (wieder einmal) die Erfahrungen mit der Geschichte, mit ihren Spaltungen und Grenzziehungen ignorieren, anstatt sie zu deuten, wie Wagner es fordert. Der notwendige Minimalkonsens, die Identifizierung mit bestimmten Werten, ist aus wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gründen gegenwärtig nicht einlösbar.
Ich kann mich daher nur dem anschließen, was Horst am 14.05.2006 geschrieben hat: „Hoffen wir, dass uns und den nachfolgenden Generationen dieser Minimalkonsens gelingt und nicht die voranschreitende Globalisierung die europäischen Völker möglicher Weise aus wirtschaftlichen Gründen wieder entzweit.“
Deutschland wurde per Gipfelbeschluss beauftragt, die Fäden der Verfassungsdiskussion im Juni 2007 zusammenzufügen. Das Zieljahr 2009 für das Ende der Verfassungskrise wurde allerdings aufgegeben. Geduld, liebe Europäer.
Ich würde mich über kurze abschließende Reaktionen freuen. Wenn nicht, schlage ich vor, dass wir, wie Markus vorgeschlagen hat (Mitte Juni), die Diskussion beenden.
Danke!
Manfred

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Beitrag von Erna » Sonntag 18. Juni 2006, 19:06

Ging vielleicht die Globalisierung zu schnell?
Hat man nicht das Gefühl, dass je mehr Staaten aufgnommen werden, desto mehr besinnen sich die Menschen auf ihre Region, ihre Sitten und Gebräuche und nicht zuletzt auch auf ihre Resourcen. Ich denke im Augenblick an Katalanien, aber auch an die vielen kleinen Staaten, die durch die Auflösung von Jugoslawien entstanden sind. Wahrscheinlich war es leichter die Vereinigten Staaten von Amerika zu schaffen, als die von Europa.
Erna

Manfred Schmitz

Beitrag von Manfred Schmitz » Mittwoch 21. Juni 2006, 11:21

Liebe Erna,
ich glaube, dass es immer ein „Europa der Regionen“ geben wird, das einer EU der 25 als Staatenbund nicht im Wege steht. Identität gibt an, wer wir sind, was uns ausmacht, was unser Charakter ist. Wir sind Bayern, Berliner, Westfalen, Katalanen und Sizilianer, Katholiken, Protestanten und Muslime und gleichzeitig Europäer, wobei wir als Katalanen oder Westfalen nur noch geringfügigen Veränderungen unterliegen, aber als Europäer noch einem Wandel unterworfen sind. Die Identifikation als Deutscher oder Brite, Franzose oder Spanier – das zeigt uns die Fußball-WM gerade recht deutlich – ist bei uns sehr stark, wird als selbstverständlich hingenommen und mit gewissen Eigenschaften verbunden. Der Blick in die Geschichte (Wagner) zeigt uns jedoch, dass auch diese nationalen Identitäten gewachsen sind. Ich meine, dass Politiker (diese Behauptung kommt mir leicht von den Lippen) versagt haben. Ihre Aufgabe, die Menschen von Europa zu überzeugen und sie an Europa zu binden, mit anderen Worten, die „Europäische Identität“ zu schaffen, haben sie nur halbherzig wahrgenommen. Ich fürchte, dass durch den Rückfall in die nationale Kleinstaaterei dieser Prozess für lange Zeit aufs Eis gelegt worden ist.
Manfred

Gesperrt