Wettstreit der Werte: Anmerkungen zum zeitgenössischen islam

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Horst Glameyer
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Re: Bewundernswert?

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 16. März 2006, 15:19

[quote="Horst Glameyer"]Uwe schrieb:
„Es ist beneidenswert, mit welcher Autorität für Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt Koran, Sunna und Scharia ausgestattet sind. Beneidenswert für die Wertedebatte, denn die Vertreter christlicher Werte, sie haben weitgehend die Bindung an den Ursprung verloren. Beneidenswert wegen der Kraft, die die religiöse Bindung der Werteumsetzung verleiht.“

Gestern Abend erinnerte der NDR-Info in seiner Sendung „Zeitzeichen“ an den Beginn des ersten Kreuzzuges im März 1096, zu dem Papst Urban II., gewiss kein Fundamentalist, sondern eher ein gläubiger Politiker, die Christenheit aufrief. Diesem und späteren Aufrufen, die „Heiligen Stätten“ in Jerusalem zu erobern und gegen die ungläubigen Muslime zu verteidigen, konnten sich weder Kaiser, Könige, Adel und viel einfaches Volk nicht entziehen. Sowohl christliche als auch islamische Quellen berichten von den grauenvollen Massakern der Kreuzfahrer unter den Muslimen, die sich bis heute tief in das Gedächtnis der islamischen Völker eingeprägt haben.

Wie ein Blick in die lange Kirchengeschichte zeigt: Im Mittelalter rangen zwar Staat und Kirche um die Vorherrschaft; aber die christlichen Glaubenssätze waren uneingeschränkt für alle bindend. Wer davon abwich, den übergab die Kirche der staatlichen Autorität; denn natürlich wollte sich die Kirche nicht mit Blut besudeln. Folter- und Henkersknechte gehörten deshalb zu den weltlichen Vollstreckern.
Diese oft wenig rühmliche europäische Vergangenheit lässt sich nicht einfach mit einem Satz abtun, als hätten zu jener Zeit nur Fundamentalisten gelebt: Im Gegenteil beteiligten sich viele überzeugte Gläubige an dem Geschehen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutzutage selbst viele gläubige Christen, einerlei welcher Konfession sie angehören, es begrüßen würden, wenn überwiegend biblische und damit kirchliche Vorschriften das gesellschaftliche Leben und die staatliche Gesetzgebung bestimmen sollten. Es wäre ein Weg zurück ins Mittelalter und hinter die Aufklärung.
Horst

Horst Glameyer
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Re: Bewundernswert?

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 16. März 2006, 15:22

Uwe schrieb:
„Es ist beneidenswert, mit welcher Autorität für Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt Koran, Sunna und Scharia ausgestattet sind. Beneidenswert für die Wertedebatte, denn die Vertreter christlicher Werte, sie haben weitgehend die Bindung an den Ursprung verloren. Beneidenswert wegen der Kraft, die die religiöse Bindung der Werteumsetzung verleiht.“

Gestern Abend erinnerte der NDR-Info in seiner Sendung „Zeitzeichen“ an den Beginn des ersten Kreuzzuges im März 1096, zu dem Papst Urban II., gewiss kein Fundamentalist, sondern eher ein gläubiger Politiker, die Christenheit aufrief. Diesem und späteren Aufrufen, die „Heiligen Stätten“ in Jerusalem zu erobern und gegen die ungläubigen Muslime zu verteidigen, konnten sich weder Kaiser, Könige, Adel und viel einfaches Volk nicht entziehen. Sowohl christliche als auch islamische Quellen berichten von den grauenvollen Massakern der Kreuzfahrer unter den Muslimen, die sich bis heute tief in das Gedächtnis der islamischen Völker eingeprägt haben.

Wie ein Blick in die lange Kirchengeschichte zeigt: Im Mittelalter rangen zwar Staat und Kirche um die Vorherrschaft; aber die christlichen Glaubenssätze waren uneingeschränkt für alle bindend. Wer davon abwich, den übergab die Kirche der staatlichen Autorität; denn natürlich wollte sich die Kirche nicht mit Blut besudeln. Folter- und Henkersknechte gehörten deshalb zu den weltlichen Vollstreckern.
Diese oft wenig rühmliche europäische Vergangenheit lässt sich nicht einfach mit einem Satz abtun, als hätten zu jener Zeit nur Fundamentalisten gelebt: Im Gegenteil beteiligten sich viele überzeugte Gläubige an dem Geschehen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutzutage selbst viele gläubige Christen, einerlei welcher Konfession sie angehören, es begrüßen würden, wenn überwiegend biblische und damit kirchliche Vorschriften das gesellschaftliche Leben und die staatliche Gesetzgebung bestimmen sollten. Es wäre ein Weg zurück ins Mittelalter und hinter die Aufklärung.
Horst

Horst Glameyer
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Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 16. März 2006, 15:33

Verzeihung, ich wollte meine überzähligen Beiträge löschen. Jetzt weiß ich, dass nicht möglich ist.
Horst

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 16. März 2006, 17:53

Zu Helmut K: Und was folgern wir daraus? Religion ist des Teufels!
Zu Werner: Schade, dass Du Dich nicht beteiligen willst. Zwar wird sicherlich nach dem 11.September der Islam stärker von der westlichen Seite politisiert. Aber Islam ist auch Politik! Wir sollten nicht die Augen davor zumachen, dass am Freitag die Predigt in der Moschee oft die politische Leitlinie vorgibt.
Die Kreuzzüge und nicht nur die, waren sicherlich blutig. Nicht immer nur gegen die Muslime, sondern manchmal auch gegen die Christen. Wie ist der Islam verbreitet worden? Ich weiß nicht viel davon, aber sicherlich doch auch mit Krieg.
Es geht doch aber hier nicht darum, wie es in der Vergangenheit war, sondern dass wir heute einen Weg finden müssen, wie wir zusammen leben können. Gemeinsamkeiten zu suchen, aber auch unsere Werte, wie z.B. die Gleichstellung der Geschlechter usw. zu verteidigen.
Erna

Helmut K.

Teuflische Fragen

Beitrag von Helmut K. » Freitag 17. März 2006, 06:17

Erna hat geschrieben:Zu Helmut K: Und was folgern wir daraus? Religion ist des Teufels!
Es geht doch aber hier nicht darum, wie es in der Vergangenheit war, sondern dass wir heute einen Weg finden müssen, wie wir zusammen leben können. Gemeinsamkeiten zu suchen, aber auch unsere Werte, wie z.B. die Gleichstellung der Geschlechter usw. zu verteidigen.
Erna


Das scheint mir eine tiefgründige Frage, Erna: Was ist des Teufels :evil: :twisted: , also unverträglich für meine / unsere geistige bzw, spirituelle Entwicklung, egal ob Christ, Jude oder Muselmann (oder Hinduist, Buddhist whatever)? Könnte Polarisierung im Denken (gut-schlecht, rein-unrein, falsch-wahr) unverträglich sein? Die (weltliche) Institutionalisierung von Religionen? Der Aufbau von Hierarchien, vergleichbar den weltlichen, staatlichen, fürstlichen usf., Reichtum, Prunk und natürlich vor allem "religiöse" Macht und deren - gelegentlich - brutale, gewalttätige Ausübung, siehe Kreuzzüge (Horst)? Jede Hochreligion war irgendwann mal und meist recht häufig "politisch instrumentalisiert (Werner). So zum Beispiel der eigentlich recht friedliche, selten missionierende Zen-Buddhismus, als er in Japan zur psychologischen Mobilisierung der Kamikazepiloten politisch mißbraucht wurde. Gibt es nicht einen weisen Religionsstifter, der mal meinte "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" und "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist"? Sind sich vielleicht nicht Leben und Lehre vieler Religionsstifter (und Mystiker wie etwa Sufies) spirituell viel näher und untereinander verwandter, als das, was ihre kämpferischen (mal agressiven, mal depressiven, mal schlicht machtgierigen) Nachfolger dann daraus ge-macht haben? Sind Werte wie "Gelassenheit" - die anderen so lassen, wie sie sind und doch ihnen zuhören, sich mit-teilen, miteinander zu reden -oder friedliche Konventionen (à la Menschenrechte, gemeinsame, vielleicht sogar mal globale ethische Kodices) teuflisch oder eher begehbare Brücken zu anderen Denk- und Glaubensweisen die halt eben "nur" anders sind? Nicht wahrer oder falscher, reiner oder unreiner etc. - siehe oben?
Fragen über Fragen, liebe Erna. Der Teufel :evil: als gesellschaftspolitisches Manipulationskonstrukt oder gar als Archetyp :twisted: im Sinne von C.G.J.? Ich hab da noch keine Wahrheiten (im Sinne von "Ich bin die Wahrheit") gefunden und vielleicht gibts die ja auch gar nicht, liebe Wertediskutanten, mich eingeschlossen?

Ja, ich meine schon, dass es nicht um historische Schuld-Zuweisungen (ein höchst "religiöser" ja christlicher Begriff) geht, sondern um Vereinbarungen zu einem friedlicheren und erfreulicheren Zusammenleben miteinander, seien wir nun mehr religiös, heidnisch oder sonstwie kulturell geprägt. Und zwar Vereinbarungen heute, JETZT!

:evil: Teuflisch spannende Fragen, finde ich. Was meint Ihr?

Horst Glameyer
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Religiöse Auseinandersetzungen in Vergangenheit u. Gegenwart

Beitrag von Horst Glameyer » Freitag 17. März 2006, 20:02

Religionen sind zwar nicht des Teufels; aber der Teufel als Sinnbild des verkörperten Bösen gehört zu ihnen. Demzufolge wurde und wird manches als „Reich des Bösen“ oder „Achse des Bösen“ im Kampf der Guten gegen das Böse verteufelt. :evil: Leider tun dabei die Guten oft des Guten zuviel, sodaß sie, ohne es in ihrem Eifer für die gerechte Sache zu merken, selbst zu Bösen werden. :twisted: Mitunter kennen sie noch nicht einmal die verborgenen Ursachen ihres Handelns, die nicht selten in der Vergangenheit liegen, weil sie ihre Augen vor ihren einstigen Fehlern verschließen, um sich ganz auf die Gegenwart und die Zukunft zu konzentrieren.

Selbstverständlich hat der Islam im frühen Mittelalter unter der grünen Fahne des Propheten sich auf kriegerische Weise im Westen über Nordafrika bis nach Spanien ausgebreitet und nach Südosten über Persien bis nach Indien.
Später eroberten die osmanischen Herrscher den Balkan, was bekanntlich den jüngsten Balkankrieg zwischen den christlich-orthodoxen Serben und den muslimischen Albanern im einstigen Jugoslawien auslöste. Lange lebten sie friedlich zusammen, bis Jugoslawien zerfiel und der Hass aus der Vergangenheit sie wieder trennte: In der Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld (Kossowo) 1389 erlitten die südslawischen Völker eine vernichtende Niederlage, und 1396 wurde Serbien türkischer Vasall.

Wenn wir unseren Blick über den Erdball schweifen lassen, so stehen sich sowohl in der jüngsten Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein viele Anhänger unterschiedlicher Religionen feindlich gegenüber, weil deren religiöse Gefühle von ihren Anführern für sehr irdische Ziele mobilisiert wurden und noch werden.

Um nur wenige Beispiele zu nennen: Indonesien (Muslime) gegen Ost-Timor (Christen, einst von den portugiesischen Missionaren und Kolonisten bekehrt) ; Singhalesen (Buddhisten, früher von den britischen Kolonialherren bevorzugt) gegen Tamilen (Hindus) auf Sri Lanka; pakistanische Muslime gegen indische Hindus in Kaschmir [Mahatma Ghandi, dem hoch verehrten, gewaltlosen Befreier Indiens von britischer Kolonialherrschaft gelang es nicht, Muslime und Hindus friedlich in einem gemeinsamen Staat zu vereinen); Sudan: langjähriger, grauenvoller Bürgerkrieg zwischen arabischen Muslimen und afrikanischen Christen [Darfour].

Helmut K.

Re: Religiöse Auseinandersetzungen in Vergangenheit u. Gegen

Beitrag von Helmut K. » Sonntag 19. März 2006, 15:37

Horst Glameyer hat geschrieben:
Um nur wenige Beispiele zu nennen: Indonesien (Muslime) gegen Ost-Timor (Christen, einst von den portugiesischen Missionaren und Kolonisten bekehrt) ; Singhalesen (Buddhisten, früher von den britischen Kolonialherren bevorzugt) gegen Tamilen (Hindus) auf Sri Lanka; pakistanische Muslime gegen indische Hindus in Kaschmir [Mahatma Ghandi, dem hoch verehrten, gewaltlosen Befreier Indiens von britischer Kolonialherrschaft gelang es nicht, Muslime und Hindus friedlich in einem gemeinsamen Staat zu vereinen); Sudan: langjähriger, grauenvoller Bürgerkrieg zwischen arabischen Muslimen und afrikanischen Christen [Darfour].

:evil: Lieber Horst,
so ist es wohl, wie Du schreibst, dass religiöse Gruppierungen nur zu gern kriegerisch für sehr irdische Absichten - Macht, Landbesitz, politische Dominanz - manipuliert und missbraucht werden. Ich habe gerade unterwegs im Auto im Radio (DLF) einem Gespräch mit einem kundigen Islamisten zugehört, der dann aber auch sehr deutlich gesagt hat, dass die ganzen inszenierten Demonstrationen in Sachen Mohammed-Karrikaturen nur einen Bruchteil der Mitmacher hatten wie jetzt die "ganz normalen" in Frankreich wg. der Anstellungsverträge für Jugendliche. Kurz: Religiöses Anderssein ist wohl in der Mehrzahl der Fälle nur ein Vorwand, um andere Konflikte anzuheizen, zu emotionalisieren. Und da solche Polarisierungen griffig sind, machen die Massenmedien da viel zu gern mit, komplexe gesellschaftspolitische Konflikte auf religiöse Unterschiede "einzudampfen" (ich schreibe das bewußt als gelernter Journalist). Helmut K.

Erna
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Umfrage

Beitrag von Erna » Montag 20. März 2006, 10:58

Das Gespräch, das Helmut anführt, habe ich gehört. Und hier muss ich auch fragen: Woher weiß denn der Journalist das so genau? Er kann unmöglich überall dabei gewesen sein und hat sicherlich keine verläßlichen Zahlen. Es ist ein Nachteil der Globalisierung, dass es eine Flut von Nachrichten gibt, und man als Leser nicht mehr ihre Wichtigkeit unterscheiden kann.
Trotzdem gebe ich eine Nachricht aus der Ff.Neuen Presse weiter, die mich schon sehr überrascht hat, vor allem da die Untersuchung aus Istanbul stammt, der liberalsten Stadt in der Türkei.
Printausgabe vom 17.03.2006
Türken sehen Aufgabe der Frau im Dienen
Istanbul. Eine Mehrheit der Türken stört sich an Mitbürgern, die Bars oder Discotheken besuchen, lehnt Lebensgemeinschaften ohne Trauschein ab und will mit Homosexuellen nichts zu tun haben. Das ergab eine Umfrage zum «Konservatismus in der Türkei», wie die Zeitung «Milliyet» berichtete.
Bei der von der Bosporus-Universität in Istanbul in Auftrag gegebenen Umfrage unter 1644 Bürgern sagten 71 Prozent der Befragten, die Hauptaufgabe der Frau sei es, ihrem Mann zu dienen. Fast ein Viertel der Befragten findet, ein Mann dürfe seine Frau schlagen, «wenn er es für nötig hält». Drei von vier Befragten meinten, die Ehre eines Mannes hänge von der Tugendhaftigkeit seiner Ehefrau ab.
76 Prozent lehnen Homosexuelle ab, 65 Prozent sind gegen unverheiratete Paare, die zusammenleben, und 63 Prozent mögen es nicht, wenn Männer Ohrringe tragen. Jeder zweite Türke hat etwas gegen Frauen, die sich freizügig kleiden.
Was kann man machen, um diese Meinung, die hier ähnlich sein dürfte, langsam zu verändern?

Helmut K.

Re: Umfrage

Beitrag von Helmut K. » Dienstag 21. März 2006, 12:36

Erna hat geschrieben:Was kann man machen, um diese Meinung, die hier ähnlich sein dürfte, langsam zu verändern?
Ja Erna, wissen wir "es" denn wirklich so viel besser und seit wann denn? Muss ich nicht ab und zu vom hohen Ross des akademischen Bildungsbürgers absteigen und etwas "demütiger" - verzeih das altmodische Wort - debattieren?

Ich gestehe voll Demut, dass im ersten Moment die Rastalocken meines Sohnes und das Nasenringlein seiner Freundin kurz mal gewöhnungsbedürftig waren. Und wenn ich denke, dass mir mein Grossvater noch die "unanständige" kurzen Badehose in den 50er Jahren verboten hat.

Wie - so frage ich mich - wäre das Ergebnis der gleichen Umfrage wie dieser türkischen unter Deutschen vor 1968 ausgegangen? Oder gar zwei/drei Generationen früher?

Zumindest zu meinen Lebzeiten, als es noch in unserer Generation den Strafrechts-§ 175 gab, in der Schule und zuhause noch geprügelt wurde. Noch vor der glorreichen Zeit ein paar Jahre nach 68, als Feminismus an den Unis gerade erst Mode wurde und "Gender" noch ein Fremdwort war?

Ja, liebe Erna, auch ich fühle mich heute, in unserer ein wenig emanzipierteren und liberaleren westlichen Welt, vermutlich in bißchen wohler als auf einem anatolischen Dorf (ein etwas akademischer Gedanke, weil ichs ja nicht vergleichen kann). Aber sind die Tugendfragen (Sex, Macht in Beziehungen, Fragen des geltenden "Anstands") nicht doch sehr zeit- und generationsbedingt?

Sind vielleicht - so könnten wir ohne Arroganz uns fragen - die beiden patriarchalischen Religionen nicht zu sehr miteinander verwandt?

Und gibt es vielleicht nicht auch eine - wie auch immer zu bewertende - Korrelation zwischen nachlassender religiöser Inbrunst und zunehmender weltanschaulicher Indifferenz oder besser gesagt: Toleranz?

Ich will ja gar nicht sagen, dass wir "Westler" da heute weiter oder gar besser sind als die von der islamischen Kultur geprägten ZeitgenossInnen. Nur halt anders. Wollen wir da missionieren, Meinungen "langsam ändern"?

Ist es nicht gerade ein Nutzen der Globalisierung und unseres global erweiterten Horizonts, dass wir unterschiedliche, andere Denkweisen und Werthaltungen gelassener nebeneinander stellen und (als verschieden) erleben können? Dass wir unsere "Wahrheiten" - ob nun spirituelle, wissenschaftliche oder kulturelle - dabei etwas relativieren und erst dann entscheiden können, ob sie (individuell für mich selbst n.b.) wichtig sind oder nicht.

Letzte Frage: Sind Zähl- und Messbares beim religiösen / spirituellen Diskurs überhaupt nützliche Kriterien. Geht es da nicht um geistige Qualitäten (ich vermeide bewußt intellektuell nicht fassbare Glaubensthemen)? Oder ist das nicht eher ein zweifelhafter Denkansatz der (westlichen) Religionswissenschaften?

Teuflische Fragen für mich :evil: :twisted: liebe Erna, und ich finde die Debatte inzwischen ziemlich spannend. Hoffentlich bin ich da nicht allein.

Erna
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Beitrag von Erna » Dienstag 21. März 2006, 18:58

Lieber Helmut,
Deinen Beitrag werde ich morgen beantworten. Ich habe einen sehr interessanten Artikel in Qantara gefunden, den ich Euch nicht vorenthalten möchte.
Erna
Polarisierung zwischen islamischer und westlicher Welt
Wir gegen sie
Wenn identitäre Konflikte im Westen und in der islamischen Welt nur lange genug beschworen werden, dann gibt es sie irgendwann auch, meint der Publizist Robert Misik und zeichnet in seinem Essay die Anatomie einer Kriegspsychose nach.
Es riecht nach Krieg. Zumindest bekommt man langsam eine Ahnung davon, wie das in früheren Zeiten einmal gewesen sein muss. Wie sich plötzlich gegenüberstanden: Wir gegen sie. Wie ganze Völker an einen Punkt gelangten, dass sie meinten, ihr "Sein" stünde auf den Spiel, weil die "seinsmäßig Anderen" sie bedrohten. Später beschreibt man solches mit Formeln wie "Kriegspsychose", auch die Wendung "kollektiven Pathologie" ist beliebt.
Es nistet sich wieder ein: "Wir" und "sie". "Wir" und die Moslems. Oder, andersrum: "Wir" und der Westen. "Wir" gegen ... Gewiss, heute ist alles komplizierter. Karikaturen in einem dänischen Provinzblatt führen in Gaza und Lahore zu gewalttätigen Demonstrationen.P

Paradoxe Allianzen
Wenn ein irrer italienischer Lega-Nord-Minister in Rom im Fernsehen auftritt, gibt es in Tripolis Tote. Wenn die Hamas in Palästina Wahlen gewinnt, richten sich auf den Bart- und Djellabaträger im Baumarkt in Wien-Favoriten skeptische Blicke. Antiwestliche Filme, in der Türkei produziert, werden in Berlin-Neuköln zum Kassenschlager.
Das konfrontative Arrangement hat einen Sog, der auch die "Normalen" auf beiden Seiten verschluckt. Im Karikaturenstreit liefen viele muslimische Fromme auf das Feld, das die Extremisten bestellt hatten, und in westlichen linksliberalen Kreisen gehört es längst zum guten Ton, zu bekunden, "wir" müssten unsere Werte, unsere zivilisatorischen Errungenschaften gegen "sie" verteidigen.
Die Argumente, die vorgebracht werden, gehen die fröhlichsten Mischungen ein. Auf der einen Seite vermengen sich die Demütigungsgefühle der muslimischen Welt im Allgemeinen, der als Bürger zweiter Klasse gehaltenen Migrantencommunities im Besonderen mit dem antiwestlichen Furor der Fundamentalisten. Auf der anderen Seite der liberale Freiheitsdiskurs von Menschenrechten und Meinungsfreiheit mit dem arroganten Herrenreitergestus westlicher Überlegenheitsrhetorik.
Dass die westliche aufgeklärte Toleranz und Liberalität ihre Grenzen haben muss, wenn sie selbst bedroht ist, ist die Losung der Stunde – sie klingt auch gar nicht schlecht, und doch schlägt sich die Liberalität, die zugleich bekundet und dementiert wird, auffallend mit dem schneidigen Ton, in dem die Parole vorgebracht wird. Aber vielleicht ist das gerade die Eigenart solcher kollektiver Pathologien, dass die besten Motive an die übelsten Denkarten anschlussfähig werden.

Angstlust auf beiden Seiten
Jede Seite hat ihre Wahrheit, und das Unangenehme an ihr ist, dass sie meist nicht einmal falsch ist. Im ägyptischen Wochenblatt al-Ahram-Weekly proklamiert Ayman El-Amir, dass "die antiarabischen, antimuslimischen Vorurteile Teil der westlichen Kultur geworden" seien. "Die Masse der Frommen", dröhnt der Gewaltforscher Wolfgang Sofsky in der Welt wie zur Bestätigung, "will ihrer ungläubigen Todfeinde habhaft werden, will sie schächten und verbrennen."
Schon ist in Kreisen amerikanischer Strategieplaner vom "vierten Weltkrieg" die Rede (der Kalte Krieg wird als dritter verbucht). In der Zeit warnt Jens Jessen den Westen davor, "sich von der Hysterie des Gegners anstecken zu lassen". Er rät gewissermaßen, von der Front des "Kampfes der Kulturen" zu desertieren, nur um ein paar Sätze weiter den Westen das "bei weitem überlegene gesellschaftliche System" zu nennen.
Aber kann man einen solchen Satz noch formulieren, ohne sich in diesem Kampf zu positionieren? Was ist das alles? Verwirrung? Ein Sturm, der im Kopf eines jedem tobt?
Auch zwischen den Stühlen sitzt es sich schlecht, wenn liberales Freiheitspathos hart an antiislamische Hetze schrammt – und gleichzeitig mit antirassistischer oder antiimperialistischer Rhetorik nicht selten auch religiös-totalitärer Wahn verniedlicht wird.
In den Köpfen der Muslime nistet sich das Ressentiment gegen den Westen ein. Und in den Köpfen der Westler grassiert der Generalverdacht gegen die Muslime. Man blickt plötzlich anders auf den Türkenbuben am Fußballplatz. Die Welt wird sortiert. Die kulturelle Überlegenheitsrhetorik ist, wie je, Ausdruck von Ohnmachts- und Bedrohungsphantasien. Angstlust herrscht auf beiden Seiten. Der Attacke geht die Panikattacke voraus.

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen
Wenn sich Identitäten bedroht fühlen, dann hat der Irrsinn seine schönste Zeit. Ist er das nun also, der Kampf der Kulturen, den der US-Politologe Samuel Huntington schon vor 13 Jahren vorhergesagt hat? Die großen Weltkulturen, schrieb Huntington, seien die stabilen Elemente des Weltsystems.
Aber sie durchdringen sich auch, "denn auf der Welt wird es enger". Und mit der Hegemonie der westlichen Kultur nimmt das antiwestliche kulturelle Bewusstsein der nicht-westlichen Zivilisationen zu. In einem solchen Arrangement der Identitätsstiftung nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass Menschen "die Verhältnisse in Begriffen von ´wir` versus ´sie` deuten".
Gerade die Verwandlung des "real existierenden" Islam, dieses Puzzles aus koranischer Überlieferung und lokaler Lebensarten, zu einem vereinheitlichten, puristischen, globalen Protest-Islam brauchte die Aufnahme von Einflüssen der westlichen Kultur, verdoppelte in gewissem Sinn sogar deren Homogenisierungstendenzen.
So gesehen ist die Re-Islamisierung ebenso "künstlich" wie die westliche Konsumkultur. Nur: Das macht aber Huntingtons Diagnose nicht falsch. Wenn jemand sich nur lange genug einbildet, eine bestimmte Identität zu haben, hat er sie am Ende eben auch.

"Mit den Augen des Anderen sehen lernen"
Die Eigenart des identitären Diskurses ist, dass er Menschen unter Absehung ihrer konkreten, individuellen Eigenschaften in einander gegenüberstehende, im besten Falle nebeneinander her lebende Lager treibt. Er trübt den Blick. Der Westen dementiert, überhaupt eine Kultur zu sein - er behauptet sich als Norm, Kultur haben die anderen, die von der Norm abweichen -, und wenn er von der "Kultur" der anderen spricht, schwingt das Wort "rückständig" unterschwellig mit.
Man begegnet ihnen mit jener Art von Respekt, die von Herablassung manchmal schwer zu unterscheiden ist. Der Multikulturalist hält das Recht der Einwanderercommunities hoch, nach ihrer Tradition zu leben (er würde das auch bei bunt bemalten Ureinwohnern abgelegener Südseeinseln so halten), der militante Liberale fordert, dass "sie" wie "wir" werden.
Identitäre Diskurse haben immer ein Aggressionspotential. "Identity goes to war", titelt die jüngste Ausgabe des US-Magazins The New Republic, in der der Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen sich dafür stark macht, endlich mehr Bedacht auf die Multiplizität von Identitäten zu legen.
Das heißt auch, die eigene Rhetorik darauf zu überprüfen, ob sie dazu beiträgt, eine Konstellation des Kulturkonfliktes zu mildern oder im Gegenteil zu verschärfen. Die Aufgabe: Mit den Augen der Anderen sehen lernen. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Freiheitsrechte verteidigen? Aber ja! Aber immer darauf achten, dass das eigene Tun nicht das Gegenteil von dem bewirkt, was es zu bezwecken vorgibt.

Robert Misik
© Qantara.de 2006

Robert Misik lebt als freier Publizist in Wien und Berlin und war unter anderem Redakteur der österreichischen Magazine "Profil" und "Format". Zuletzt erschien im Aufbau-Verlag seine Studie "Genial dagegen", die sich mit dem kritischen Denken von Marx bis Michael Moore auseinandersetzt.

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Mittwoch 22. März 2006, 13:15

Grossartiger Artikel, liebe Erna. Am schönsten der Satz vom "liberalen Freiheitsdiskurs ... mit arrogantem Herrenreitergestus". Helmut

Erna
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Antwort an Helmut

Beitrag von Erna » Mittwoch 22. März 2006, 17:39

Lieber Helmut,
aber auch für die anderen, die zufällig oder absichtlich mitlesen. (Schade, dass sie sich nicht an der Diskussion beteiligen.)
Ich habe 8 wesentliche Jahre in meinem Leben in der Türkei, also einem islamischen Lande gelebt. 20 Jahre habe ich hauptsächlich ausländische Schüler unterrichtet, der Großteil davon aus islamischen Ländern und türkische Lehrer in Hessen betreut.
Während der Zeit in der Türkei war es für uns selbstverständlich, die Sitten und Gebräuche zu achten und uns einzufügen. Man nennt es heute integrieren.
Natürlich hätten Umfragen bei uns vor 35 oder 40 Jahren ähnliche Ergebnisse wie die von Milliyet erbracht. Und natürlich gibt es bei uns auch heute noch Männer, die ihre Frauen schlagen. Aber wir sind 50 Jahre weiter und kein Ehemann kann heute seiner Frau vorschreiben, nicht zu arbeiten, nicht allein ins Cafe zu gehen. Und ich möchte, dass das in Deutschland für alle Frauen gilt. Die Freiheit und Gleichstellung der Geschlechter ist für mich ein hohes Gut, mit allem was damit zusammenhängt.
Aber es ist auch richtig, dass in der Türkei erst seit ein paar Jahren ein Mord aus gekränkter Mannesehre anders beurteilt wird, als ein gewöhnlicher. Und es gibt noch andere Verhaltensweisen, von denen ich meine, dass man sich hier nicht danach richten sollte.
Erna

Horst Glameyer
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Islam in Afghanistan

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 22. März 2006, 17:51

Am 14. März schrieb Uwe Bartholl:
"Es ist beneidenswert, mit welcher Autorität für Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt Koran, Sunna und Scharia ausgestattet sind. Beneidenswert für die Wertedebatte, denn die Vertreter christlicher Werte, sie haben weitgehend die Bindung an den Ursprung verloren. Beneidenswert wegen der Kraft, die die religiöse Bindung der Werteumsetzung verleiht.“

Heute wird aus Afghanistan gemeldet, dass ein in Deutschland zum Christentum konvertierter Muslim nach seiner Rückkehr in sein Heimatland wegen seines Glaubenswechsels angeklagt worden ist. Da er sich weigert, den Übertritt zu widerrufen, droht ihm für dieses schwere religiöse Vergehen sogar die Todesstrafe. Ein afghanischer Regierungssprecher verwahrte sich gegen die deutsche Intervention zugunsten des islamischen Abtrünnigen als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans, das sich seinerseits auch nicht in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland einmische.

Afghanistan hat zwar die UN-Menschenrechtskonvention unterzeichnet, die seinen Bürgern Religionsfreiheit zusichert, das gilt aber anscheinend nicht für den Glaubenswechsel vom Islam zu einer anderen Religion.

Die Bundeswehr verteidigt als „christliche“ Truppe (vgl. das Zeremoniell beim Großen Zapfenstreich) nach Meinung des früheren Verteidigungsministers Struck Deutschland am Hindukusch und beteiligt sich auch am Wiederaufbau Afghanistans; dennoch ist es in diesem Land für einen muslimischen Bürger ein todeswürdiges Verbrechen, die „religiöse Bindung“ zum Islam aufzugeben.
Horst

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Zentralrat der Moslime

Beitrag von Erna » Donnerstag 23. März 2006, 09:48

Hier eine Antwort des deutschen Zentralrates der Muslime. Erhat nicht die aussagekraft des Zentralrats der Juden, weil sich nicht alle muslime sich von ihm vertreten fühlen.
Erna

Zentralrat der Muslime bedauert Abfall vom islamischen Glauben
Die 2001 und 2002 in Deutschland auf dem Petersberg unter Mitwirkung internationaler Gremien, der UNO und Fachleute verabschiedete afghanische Erklärungen (Vorlauf der afhganischen Verfassung/Verfassungskommission), sah wohl keine Möglichkeit vor, diesem umstrittenen Thema eines Religionwechsels aus dem islamischen Glauben entsprechend mehr Raum zu geben.

In dem Fall des seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Afghanen Abdul Rahman handelt es sich um ein laufendes Verfahren. Hierzu äußerte sich der Zentralrat der Muslime heute:

"Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) bedauert zwar zutiefst jeden Fall eines Abfalls vom Islam - wir akzeptieren aber auch das Recht, die Religion zu wechseln. Der Koran untersagt jeden Zwang in Angelegenheiten des Glaubens. Außerdem bietet das islamische Recht einen breiten Spielraum für andere Lösungen in derartigen Fälle.
In diesem Sinne bittet der ZMD die afghanische Justiz, von einer Bestrafung des zum Christentum übergetretenen Abdur-Rahman abzusehen."

Einem Teil der Korangelehrten nach darf es nicht zum Glaubenswechsel kommen. Jedoch sind andere Gelehrten davon überzeugt, dass dies heute möglich sei. Sie begründen es damit, dass das Apostasieverbot in einer Zeit entstand, als die ersten Muslime um den Propheten Muhammad sich in militärischen Konflikten mit ihren Nachbarstämmen befanden. Glaubenswechsel war seinerzeit mit Hochverrat oder Desertation gleichzusetzen. Heute hat sich dieser Kontext völlig gewandelt. Lesen Sie hierzu auch die Islamische Charta.

Werner Rütten

vorm fremden Computer

Beitrag von Werner Rütten » Donnerstag 23. März 2006, 13:47

Leider nicht zu Hause, daher nur schnell einen Hinweis auf die Stellungnahme eines Münsteraner Professors.
Wie ich finde lohnt sich die Lektüre.
Gruß
Werner Rütten

http://www.radikalkritik.de/Stellung_Karik.htm

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