Wettstreit der Werte: Anmerkungen zum zeitgenössischen islam

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ellen
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Wettstreit der Werte: Anmerkungen zum zeitgenössischen islam

Beitrag von ellen » Dienstag 7. März 2006, 15:05

Hier der neue Diskussionsstrang.
Ellen

Erna
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Beitrag von Erna » Mittwoch 8. März 2006, 19:09

Seit dem ich mich mit dem Beitrag von Prof. G. Krämer zu dem Thema Islam beschäftigt habe, die Zusammenfassung findet Ihr unter "Materialien", hat das Thema durch viele Ereignisse im Zusammenhang mit Muslimen, noch stärker an Aktualität gewonnen. Der Tod des niederländischen Regisseurs, die Demonstrationen muslimischer Jugendlicher in Frankreich, die Diskussion über die Ehre und Zwangsheiraten, die dänischen Karrikaturen des Propheten Mohammads und die in diesem Zusammenhang erfolgten weltweiten Protestaktionen haben den Islam nochmals verstärkt in unser Blickfeld gerückt.
Das alles sollte Anlass sein, sich mit dieser Religion emotionslos und wissenschaftlich zu beschäftigen. Vielleicht hilft es, vieles was wir als fremd empfinden, als überzogen und dem wir überrascht, entsetzt und verständnislos gegenüber stehen, ein klein wenig besser zu verstehen.
Vielleicht denken wir auch an unsere Vergangenheit und finden dort ähnliche Verhaltensweisen oder aber der Disput regt uns dazu an, weitere Schriften zu diesem Thema zu lesen.
Erna

Gast

Wettstreit der Werte: Anmerkungen zum zeitgenössischen islam

Beitrag von Gast » Mittwoch 8. März 2006, 19:17

Wie das Christentum ist der Islam eine Offenbarungsreligion. Beide Religionen betreiben weltweit Mission, d.h. sie versuchen, Menschen zu ihrem Glauben zu bekehren.
Während das Christentum infolge wachsender Verweltlichung besonders in Europa Kirchenmitglieder verliert, sodass an manchen Orten Kirchengebäude geschlossen oder sogar zu anderweitiger Nutzung verkauft werden müssen, entstehen hierzulande kleine und auch größere Moscheen.
Das kirchliche Glockengeläut ist auch denen vertraut, die keinen christlichen Gottesdienst besuchen, ob und wie sie sich mit dem täglichen fünfmaligen Gebetsruf eines Muezzin über Lautsprecher vom Minarett herab anfreunden werden, bleibt abzuwarten; denn auf Dauer wird man ihn den Muslimen nicht verwehren können.

Da sich die unterschiedlichen christlichen Bekenntnisse seit Jahrhunderten z. B. nicht auf eine gemeinsame Abendmahlsfeier verständigen können, bedarf es zwischen Gläubigen unterschiedlicher Religionen vermutlich Jahrtausende bis zu ihrer Integration. So wird z. B. im Islam die christliche Dreifaltigkeitslehre (Gott-Vater, Gott-Sohn und Heiliger Geist) als Vielgötterei abgelehnt.
Obgleich die Werte des Christentums und des Islams vielfach zumindest ähnlich zu sein scheinen, unterscheiden sie sich im Einzelnen jedoch darin, wie sie von den religiösen Autoritäten ausgelegt werden. Was der Islam über die Partnerschaft zwischen Mann und Frau sagt, erinnert an christliche Vorstellungen im Mittelalter, also vor etwa 600 Jahren.

Da die Gläubigen beider Religionen fast ausnahmslos von der alleinigen Wahrheit ihrer Heiligen Schriften überzeugt sind, fühlen sie sich den Anhängern anderer Religionen in religiösem Sinne weit überlegen; deshalb ihre Missionsbestrebungen.
Nicht nur zwischen Christentum und Islam besteht ein Gegensatz, sondern in viel stärkerem Maße zwischen den „ungläubigen“, verweltlichten Europäern und den Muslimen, die zwar in Europa und in der übrigen westlich geprägten Welt an den vornehmlich technischen Errungenschaften teilhaben wollen, ohne deswegen ihre religiös begründeten, überlegenen Werte aufgeben oder auch nur westlichen Wertvorstellungen anpassen zu müssen.

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 9. März 2006, 11:55

Lieber Gast,
wir freuen uns über jeden ernsthaften Beitrag zu dem Thema, das wir diskutieren. Wir finden es aber nicht schön, wenn man dies anonym macht. Kann ja sein, dass Du vergessen hast Deinen Namen einzutragen, dann hole das bitte nach.
Erna

Erna
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Beitrag von Erna » Freitag 10. März 2006, 10:21

Lieber Horst,
entschuldige die Mahnung an den "Anonymus". Es hätte gereicht, wenn Du Deinen Namen unter den Beitrag geschrieben hättest. Mir ist es übrigens auch schon oft so gegangen. Frag doch bitte mal bei Ellen oder Ralph nach, was Du verkehrt machst.
Du hast natürlich recht, wenn Du sagst, dass die drei Religionen, also Judentum, Christentum und Islam Offenbarungsreligionen sind und daher sich als absolut sehen oder sahen. Ich meine, dass wir im Christentum ein Stück weiter sind, und heute wissen, dass Jesus keine Religion gründen wollte, sondern seine Religion ernster genommen wissen wollten.Wir wissen auch, dass Muhammad sowohl das Christentum, ein Cousin von ihm war Christ, als auch das Judentum kannte. Man sagt auch, ich kann es im Augenblick nicht belegen, wo ich es gelesen habe, dass er den christliche Glauben"reinigen"wollte. Seine Frau Hadischa soll bei den ersten Verkündigungen ihren christlichen Cousin befragt haben. Man kann daher auch verstehen, dass die Verkündigungen der drei Religionen so ähnlich sind.
Allerdings meine ich, dass der Islam irgend wo stehen geblieben ist. Aber wie ist es dann mit den orthodoxen Juden?
Hier gehe ich kurz auf das von Renate Geschriebene ein. Auch ich bin der Meinung, dass bei einer Islamierung der westlichen Welt und einer Einführung der Scharia, es zu einem großen Umbruch kommen würde. Aber vielleicht entwickelt sich der Islam?
Erna
Ich wollte Euch noch bitten, bei Euren Antworten nicht einen neuen Strang zu eröffnen.

Horst Glameyer
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Islam

Beitrag von Horst Glameyer » Freitag 10. März 2006, 17:46

Könnte es sein, dass sich hinter den in jüngerer Zeit oft gewaltsamen Auseinandersetzungen islamistischer Gruppierungen mit dem Westen die Furcht vor dem drohenden Untergang des in islamischen Ländern vorherrschenden Patriarchats verbirgt?
Die vorgebliche Verletzung religiöser Gebote des Islams und der für heilig gehaltenen Bräuche durch den sitten- und als gottlos betrachteten Westen wäre dann nur eine scheinbare Verteidigung islamischer Werte, während es in Wirklichkeit um die gefährdete Vormachtstellung des Mannes in der islamischen Familie geht.
Handelt es sich vielleicht bei den angeblich so unterschiedlichen Kulturen in Wirklichkeit nur um einen religiös ummäntelten Geschlechterkampf infolge der Verbreitung westlicher Emanzipationsvorstellungen und –bestrebungen durch die voranschreitende Globalisierung?
Horst

Erna
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Beitrag von Erna » Montag 13. März 2006, 19:07

Antwort zu Horsts Gedanken: Die Unruhen, die es unter den Moslems gibt, richten sich sicherlich gegen den Westen. Vielleicht haben die moslemischen Männer bei einer Verwestlichung und bei einer Gleichstellung von Mann und Frau Angst, ihre ihnen von Gott gegebene Stellung einzubüßen. Sure 4:34 fängt so an: Männer aber stehen über den Frauen, weil Allah einem Teil (der Menschen ) einen Vorzug vor dem anderen gegeben hat und weil die Männer von ihrem Vermögen(als Morgengabe für die Frauen?) hingeben.......
Ein Nachtrag zu meinem zuvor geschriebenen Beitrag. Da hatte ich nicht mehr gewußt, woher ich die Kenntnisse hatte.
Bis zur Hidschra "hatte der Prophet sich als Fortzetzer der großen prophetischen Religionen, des Judentums und Christentums, gefühlt und war überzeugt gewesen, das gleiche zu predigen, was sie auch lehrten. (S.18, Der Islam, v. Annemarie Schimmel, reclam 1990)
Zweite Anmerkung: und seine Frau Hadiga "legte ihre Kleider an und begab sich zu ihrem Vetter Waraqa ibn Naufal (...) Der war Christ geworden und hatte bei den Kennern der Thora und des Evangeliums Unterricht genommen. Ihm erzählte sie, was Muhammad widerfahren war". (S.12, Die Welten des Islam, 1993,Hrsg. G. Rotter.

Horst Glameyer
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Islam

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 14. März 2006, 18:46

Mitunter ist es seltsam, mit welchem Eifer an uralten Texten festgehalten und auf ihre wörtliche Bedeutung gepocht wird, während geschichtliche Ereignisse verdrängt oder ganz vergessen werden.
So möchte der gegenwärtige iranische (persische) Staatspräsident am liebsten den Staat Israel von der Landkarte getilgt wissen. Dabei war es ausgerechnet der persische König Kyros, der im Jahre 539 v.Chr. nach der Eroberung Babylons (dem heutigen Irak) die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreite und sogar seine Behörden anwies, den Bau des Tempels in Jerusalem an seinem alten Platz zu fördern. Das war allerdings lange vor Mohammed und dem Islam.

Heute erinnerte der Deutschlandfunk in seiner Sendung „Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft“ zwischen 09:35 und 10:00 u.a. an den persischen Dichter Schems ed-Din Muhammed (1320 – 1389), gen. Hafis, d.h. „der den Koran auswendig weiß“. Hafis gehörte zu den muslimischen „Freidenkern“, studierte Theologie und Rechtswissenschaft, schrieb Lieder religiösen Inhalts, besang aber auch Wein, Liebe und Natur und verspottete darin mitunter recht drastisch Heuchelei und Frömmelei. In der Folgezeit setzte sich jedoch die orthodoxe Richtung des Islams mit ihrer strengen wörtlichen Auslegung des Korans sowohl gegen die Freidenker als auch gegen die schon frühen Mystiker durch, von denen die Aussagen des Korans symbolhaft und auf vielfältige Weise verstanden wurden.
Horst

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Uwe Bartholl
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Zu Ernas Fragen

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 14. März 2006, 20:07

Es ist beneidenswert, mit welcher Autorität für Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt Koran, Sunna und Scharia ausgestattet sind. Beneidenswert für die Wertedebatte, denn die Vertreter christlicher Werte, sie haben weitgehend die Bindung an den Ursprung verloren. Beneidenswert wegen der Kraft, die die religiöse Bindung der Werteumsetzung verleiht.
Die Fehlleitungen, die sich aus fundamentalistischer Sicht bei Christen und Muslimen ergeben/ergeben haben, sind hier nicht Gegenstand der Betrachtung. Im Umgang mit Muslimen beeindruckt mich diese Bindung an die religiösen Werte, die prägend das Leben gestalten. Christen erleben ihr Christsein wesentlich individueller. Deren religiöse Wertebindung mag mit gleicher Kraft ausgestattet sein, aber seltener werden sie als gemeinschaftliches Anliegen gelebt. Kann es sein, dass sich im Gegenüber mit einem kraftvollen Islam die Besinnung auf die Bindung christlicher Werte an Christus neu belebt? Das würde für christlich Glaubensferne eine besondere Kraftanstrengung bedeuten. Mit einer religiös ausgestatteten Orientierung sollte die Wertediskussion mit dem Islam geführt werden. Denn es muss darum gehen, für Verständnis der eigenen Überzeugung zu werben. Es muss erkennbar sein, warum ich für christliche Werte einstehe. Aus dem besseren Verständnis heraus kann sich möglicherweise eine Kultur des Miteinander entwickeln.

Gast

Islam - Christentum

Beitrag von Gast » Mittwoch 15. März 2006, 18:16

Kommt vielleicht das Selbstverständnis auch aus dem Gefühl heraus, dass man in den Islam hineingeboren wird? Dem Christentum muss man durch die Taufe beitreten. Man kann daher nicht den Islam verlassen, also austreten. Man kann nur eins, in einen anderen Glauben übertreten, was geächtet wird, früher z.T. bis zum Tod.
Auf der anderen Seite ist die Bindung von Staat und Islam auch so groß, da die islamischen Staaten ihre Gesetze ja nach dem Glauben ausrichten. Selbst bei der Türkei, die meint ein laiszistischer Staat zu sein, hat bereits in den 40er Jahren des 20. Jhdts wieder eine Reislamisierung eingesetzt.
Erna

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Beitrag von Erna » Mittwoch 15. März 2006, 18:43

Vorhin ist es mir so gegangen, wie Horst. Wenn ich mich aber noch einmal eingeloggt hätte, wäre der Text weg gewesen.
Daher Gast.
Erna

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Uwe Bartholl
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Islam-Christentum

Beitrag von Uwe Bartholl » Donnerstag 16. März 2006, 10:24

Mich beschäftigt in der Glaubensvielfalt die gegenseitige Verstehensannäherung. Annäherung deshalb, weil Verstehen nur aus Glauben leben heraus entwickelt werden kann.
Sicher ist die Taufe eine Entscheidung, aber für den glaubenden Christen hat sie den Stellenwert wie „Hineingeboren“. Doch Christen mit diesem Glaubensverständnis sind im westlichen Europa am Verschwinden. Das macht unsere Schwäche aus im Dialog mit dem Islam. Die Muslime haben (wohl überwiegend) ihren religiösen Standpunkt, von dem aus sie ihr Leben führen. Im Gespräch mit einem Christen muss dies häufig erst mühsam geklärt werden. Und überprüft an der Alltagsrealität, lässt sich das ebenso häufig oft schwer verdeutlichen. Aus diesem Grunde habe ich in unserer Gemeinde eine Gesprächsgruppe gebildet, die sich damit auseinandersetzt: Christsein heute, was heißt das? Mir schwebt vor, danach mit Muslimen zu fragen: Moslem sein, was heißt das?

Helmut K.

Re: Islam patriarchaisch und missionarisch

Beitrag von Helmut K. » Donnerstag 16. März 2006, 11:06

Horst Glameyer hat geschrieben:Könnte es sein, dass sich hinter den in jüngerer Zeit oft gewaltsamen Auseinandersetzungen islamistischer Gruppierungen mit dem Westen die Furcht vor dem drohenden Untergang des in islamischen Ländern vorherrschenden Patriarchats verbirgt?

Horst
Haben die semitischen Religionen - Islam, Judentum, Christentum - nicht zweierlei gemeinsam: Sie sind zum einen patriarchalisch, setzen also Frauen im gesellschaftlichen Leben und in der Familie herab. Und sie sind missionarisch, weil sie meinen, die "Wahrheit" - was auch immer das sein mag - zu haben und hätten deshalb den Auftrag, in alle Welt zu gehen und notfalls mit dem Schwert die Ungläubigen zu bekehren. Das beides ist wohl "Glauben" und deshalb graust mir etwas vor Uwes "Glaubensintensität" und der gepriesenen religiösen Bindung (Rückbindung an Bindung). Dazu eine aus der Erinnerung erzählte Kurzgeschichte die, wenn ich es richtig weiß, aus der Ecke Zen kommt: Ein junger Teufel kommt völlig verstört in die Hölle zurück und berichtet: Dort oben auf der Erde gibt es einen neuen Erleuchteten (also so jemanden wie Jesus, Buddha, Mohammed, Sokrates et al). "Sind wir Teufel jetzt ganz arbeitslos?" Man beschließt, den obersten Satan oder Luzifer zu befragen. Der besinnt sich ein wenig und sagt dann: "Das ist doch nicht so schlimm. Da machen wir einfach eine Religion draus".
Helmut K.

Werner

Islam und die Folgen

Beitrag von Werner » Donnerstag 16. März 2006, 11:36

Eigentlich wollte ich mich als nichtgläubiger, als einer derjenigen, denen nichts offenbart wurde, zu diesem Kapitel nicht äußern.
Aber ein Gesichtspunkt, in meinen Augen der Aspekt der die augenblickliche Medienpräsenz des "Islam" überhaupt erst herbeigeführt hat, ist noch nicht angesprochen worden.
Der Islam wird politisch instrumentalisiert. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus fehlt uns offensichtlich ein Feindbild.
Damit will ich denen, die sich ernsthaft mit religiösen Fragen beschäftigen, nicht abstreiten, dass es sich auch außerhalb wirtschaftlicher Machtkomplexe lohnt mit der Problematik unterschiedlicher Offenbarungserlebnisse zu befassen, aber im Bewußtsein der breiten Bevölkerung wird eine Antiislamische Front aufgebaut.
Werner

Horst Glameyer
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Bewundernswert?

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 16. März 2006, 15:18

Uwe schrieb:
„Es ist beneidenswert, mit welcher Autorität für Staat und Gesellschaft in der islamischen Welt Koran, Sunna und Scharia ausgestattet sind. Beneidenswert für die Wertedebatte, denn die Vertreter christlicher Werte, sie haben weitgehend die Bindung an den Ursprung verloren. Beneidenswert wegen der Kraft, die die religiöse Bindung der Werteumsetzung verleiht.“

Gestern Abend erinnerte der NDR-Info in seiner Sendung „Zeitzeichen“ an den Beginn des ersten Kreuzzuges im März 1096, zu dem Papst Urban II., gewiss kein Fundamentalist, sondern eher ein gläubiger Politiker, die Christenheit aufrief. Diesem und späteren Aufrufen, die „Heiligen Stätten“ in Jerusalem zu erobern und gegen die ungläubigen Muslime zu verteidigen, konnten sich weder Kaiser, Könige, Adel und viel einfaches Volk nicht entziehen. Sowohl christliche als auch islamische Quellen berichten von den grauenvollen Massakern der Kreuzfahrer unter den Muslimen, die sich bis heute tief in das Gedächtnis der islamischen Völker eingeprägt haben.

Wie ein Blick in die lange Kirchengeschichte zeigt: Im Mittelalter rangen zwar Staat und Kirche um die Vorherrschaft; aber die christlichen Glaubenssätze waren uneingeschränkt für alle bindend. Wer davon abwich, den übergab die Kirche der staatlichen Autorität; denn natürlich wollte sich die Kirche nicht mit Blut besudeln. Folter- und Henkersknechte gehörten deshalb zu den weltlichen Vollstreckern.
Diese oft wenig rühmliche europäische Vergangenheit lässt sich nicht einfach mit einem Satz abtun, als hätten zu jener Zeit nur Fundamentalisten gelebt: Im Gegenteil beteiligten sich viele überzeugte Gläubige an dem Geschehen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass heutzutage selbst viele gläubige Christen, einerlei welcher Konfession sie angehören, es begrüßen würden, wenn überwiegend biblische und damit kirchliche Vorschriften das gesellschaftliche Leben und die staatliche Gesetzgebung bestimmen sollten. Es wäre ein Weg zurück ins Mittelalter und hinter die Aufklärung.
Horst




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