Über den Stellenwert der Aufklärung in der deutschen Geschic

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Werner

Über den Stellenwert der Aufklärung in der deutschen Geschic

Beitrag von Werner » Samstag 7. Januar 2006, 11:36

Allen, die da mitmachen, wünsche ich ein diskussionsfreudiges Jahr 2006
Und ich fange einfach schon mal an.
(Der Monat ist so schon kurz genug) :roll:
Meine Frage: welchen Stellenwert, oder welche Aufgaben hat denn nun die "Aufklärung" noch, in diesen aufgeklärten :?: Zeiten?
Oder ist das Bemühen über mehr Aufklärung eher Kontraproduktiv :?:
(Wie Adorno/Horckheimer in der "Dialektik der Aufklärung" beschwören und auch Koselleck nicht ausschließt).

Erna5

Aufklärung

Beitrag von Erna5 » Samstag 7. Januar 2006, 16:46

Lieber Werner,
ich suche schon die ganze Zeit deine Zusammenfassung zu dem Thema. Wahrscheinlich wurde vergessen, sie hineinzustellen und es wird erst ab Montag wieder gearbeitet.
Da ich mich ansonsten nicht mit Philosophie beschäftige, habe ich mir zunächst einmal die Definition ausgedruckt: Unter A. versteht im allgemeinen Sinne versteht man einen gesellschaftlichen Emanzipationsprozess, dessen Ziel es ist, traditionelle, auf Frömmigkeit beruhende autoritäre Geisteshaltungen kritisch zu hinterfragen. Der aufgeklärte Mensch soll sein Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen.
Wir haben also einen Aufklärungsprozess in der Antike und einen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert, der auf diesem aufbaut.
In dieser Zeit war jeweils ein Erkenntnisfortschritt vor allem in Richtung Naturwissenschaften und Technik angezeigt. Die Menschen, die in dieser Zeit lebten, glaubten, durch ihre Vernunft und Freiheit würden sie in absehbarer Zeit von Armut und Unterdrückung erlöst werden.
Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus?

Werner

Re: Aufklärung

Beitrag von Werner » Sonntag 8. Januar 2006, 10:30

Erna5 hat geschrieben:Wie sieht es aber in Wirklichkeit aus?
Liebe Erna,
für mich stellt sich die Frage anders: Warum sieht die Wirklichkeit so aus?
Trotz der Aufklärung oder wegen der Aufklärung?

Horst Glameyer
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Über den Stellenwert der Aufklärung in der Geschichte

Beitrag von Horst Glameyer » Sonntag 8. Januar 2006, 14:31

„Aufklärung“ ist ein mehrdeutiger Begriff. Er steht zwischen der Illusion, die durchaus schön und einleuchtend sein kann, und der Wirklichkeit, die häufig weniger reizvoll und sehr ernüchternd ist.
Das Kind wie der Erwachsene streben einerseits danach, über die Wirklichkeit aufgeklärt zu werden, sie wollen die ganze Wahrheit erfahren, andererseits sind aber beide aus vielerlei Gründen auch daran interessiert, ihre kleinen und großen Geheimnisse zu wahren, nicht zuletzt um vor anderen, den Eltern, Freunden, Wählern usw., den Schein von Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit zu erhalten, dem sie nicht immer genügen. Die Aufklärung stört den Versuch, die Illusion für die Wirklichkeit auszugeben, und trägt dazu bei, die Wirklichkeit so zu verändern, dass sie für viele wenigstens etwas erträglicher wird.

Birgit

Re: Aufklärung

Beitrag von Birgit » Montag 9. Januar 2006, 16:28

Erna5 hat geschrieben:Lieber Werner,
ich suche schon die ganze Zeit deine Zusammenfassung zu dem Thema. Wahrscheinlich wurde vergessen, sie hineinzustellen und es wird erst ab Montag wieder gearbeitet.
Vergessen wurde sie nicht, aber in der Tat bin ich erst ab heute wiede da. Und schon ist die Zusammenfassung auch eingearbeitet. :D

Viele Grüße und weiterhin viel Spaß an der Diskussion,
Birgit

Werner

Re: Über den Stellenwert der Aufklärung in der Geschichte

Beitrag von Werner » Dienstag 10. Januar 2006, 11:41

Horst Glameyer hat geschrieben:„Aufklärung“ ist ein mehrdeutiger Begriff. Er steht zwischen der Illusion, die durchaus schön und einleuchtend sein kann, und der Wirklichkeit, die häufig weniger reizvoll und sehr ernüchternd ist.
Aufklärung ist mehrdeutig. Oder, vielleicht genauer, mehrschichtig.
Genau das versucht Koselleck in seinem Artikel zu erläutern.
Frage ist nur, welche Schicht, welche Wirkungsebene wollen wir diskutieren?
Aufklärung als historische Epoche oder Aufklärung als "anthropologischen Daueranspruch" (Seite 358)
Dann müsste man "Aufklärung" als ein Mittel der "Desillusionierung", der
Ent - Täuschung verstehen.
Daraus ergibt sich dann die Frage, wer hat denn, wen, mit welchen Mitteln, zu welchem Zweck getäuscht?

WernerT

Täuschung

Beitrag von WernerT » Dienstag 10. Januar 2006, 17:01

Wer hat denn wen, mit welchen Mitteln, zu welchem Zweck getäuscht?
Ich möchte Werners Frage ins Präsens setzen: „Wer täuscht denn wen …?“

Denn Täuschung ist nicht Vergangenheit, vielmehr ein permanenter Prozess, dem wir jederzeit ausgesetzt sind. Nicht immer sind andere daran schuld, denn wir unterliegen auch Selbsttäuschungen. Mehr noch: Wir sind gar nicht imstande, Wahrheit voll zu erfassen, so dass jede Information falsch oder doch wenigstens falsch verstanden sein kann. Vor allem eins kann verkehrt sein: ihre Einordnung in unser Gesamtbild. Denn die Bilder, die wir uns von der Welt machen, werden von uns mosaikartig zusammengesetzt, und es wäre ein Wunder, wenn wir jedes Steinchen gleich an die richtige Stelle setzten. Und was ist die richtige Stelle?

Deswegen müssen wir uns ständig bewusst sein, dass das Bild, das wir uns machen (egal wovon), fehlerbehaftet ist. Wollen wir uns und der Gesellschaft gegenüber aufrichtig sein, dann sind wir gehalten, unsere Anschauungen immer wieder in Frage zu stellen, jede neue Information darauf zu prüfen, ob sie mit dem bisherigen kompatibel ist. Aufklärung in diesem Sinne ist dann nicht mehr eine kulturelle Epoche sondern eine Aufgabe, ein "anthropologischer Daueranspruch".

Wenn man so will, haben wir es mit zwei „Aufklärungen“ zu tun, einer Epoche und einer Grundhaltung.

Horst Glameyer
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Aufklärung

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 11. Januar 2006, 13:57

„Aufklärung“ wendet sich an die Vernunft, ist aber auch zweischneidig und kann durchaus intolerant sein. Was meinen wir, wenn wir ein Kind oder einen uns Nahestehenden auffordern: „Sei doch vernünftig!“? Sollen sie sich etwa so verhalten, wie wir es für richtig halten? Oder berufen wir uns auf allgemeingültige Regeln, welche der Vernunft entsprechen und die von jedermann zu beachten sind?

Erna erwähnt die Epochen der Aufklärung in der Antike und während des 17. Und 18. Jhs. Der Philosoph Sir Karl R. Popper (1902 – 1994) machte darauf aufmerksam, dass bereits Platon (427 – 348/347 v. Chr.) Umerziehungslager für Abweichler bzw. Andersdenkende forderte, mithin die Errichtung von Konzentrationslagern in der Antike. Die zweite Epoche der Aufklärung führte u.a. zur Französischen Revolution und der zeitweiligen Verehrung einer „Göttin der Vernunft“.

Wie weise klingt da die Mahnung des Philosophen Moses Mendessohn (1729 – 1786), die Werner am Schluss seiner Zusammenfassung zitiert, nämlich lieber das Vorurteil zu dulden als die mit ihm so verschlungene Wahrheit mitzuvertreiben.

Werner

Re: Täuschung

Beitrag von Werner » Mittwoch 11. Januar 2006, 15:13

WernerT hat geschrieben: Wenn man so will, haben wir es mit zwei „Aufklärungen“ zu tun, einer Epoche und einer Grundhaltung.
So spannend die Epoche ist, kann man doch an ihr studieren, warum und wie es dann doch nicht so geworden wie gedacht, ist in Kosellecks Aufsatz
doch mehr die aufkläreriche Grundhaltung gefragt.

Selbstverständlich solte immer die Gefahr der Selbsttäuschung bedacht werden.
Wir sind gar nicht imstande, Wahrheit voll zu erfassen, so dass jede Information falsch oder doch wenigstens falsch verstanden sein kann. Vor allem eins kann verkehrt sein: ihre Einordnung in unser Gesamtbild. Denn die Bilder, die wir uns von der Welt machen, werden von uns mosaikartig zusammengesetzt, und es wäre ein Wunder, wenn wir jedes Steinchen gleich an die richtige Stelle setzten.
Soweit will ich den Aufgabenbereich der "Aufklärung" gar nicht strecken.
Es geht nicht um die "letzten Dinge". Es geht um ganz profane gesellschaftliche Zusammenhänge.
Wir, hier im Forum Vereinten, sind doch in der priviligierten Situation,
nicht mehr unmittelbar in exstenzielle Nöte zu geraten und können deshalb einigermaßen neutral den Kampf um die wirtschaftliche Definitionshoheit betrachten.
Und, ich würde es schon als einen Akt der Aufklärung betrachten, wenn in den Medien der Begriff "Wachstum", mal einer kritischen Würdigung unterzogen würde. Wachstum auf welchen Feldern, mit welchen globalen Konsequenzen. Und dies nicht nur in einer Form die nur von Wirtschaftswissenschaftler verstanden wird.

Werner

Re: Aufklärung

Beitrag von Werner » Mittwoch 11. Januar 2006, 15:41

Horst Glameyer hat geschrieben:„
Wie weise klingt da die Mahnung des Philosophen Moses Mendessohn (1729 – 1786), die Werner am Schluss seiner Zusammenfassung zitiert, nämlich lieber das Vorurteil zu dulden als die mit ihm so verschlungene Wahrheit mitzuvertreiben.
Ja Horst, dulden wir denn eben neben unseren eigenen Vorurteilen auch die der Anderen.
Nur wo sollen wir die Grenze ziehen?
Wie halten wir es mit öffentlich geförderten Vorurteilen - Schmarotzer, schamlose Ausnutzer des sozialen Netzes - die nur dazu dienen die eigentliche Problematik zu verschleiern?
Was mir an der Auffassung Mendelssohn wichtig schien ist weniger die Duldung, die Toleranz gegenüber dem "Unaufgeklärten" als den Stellenwert der Bildung, die Mendelssohn als Instrument der Überwindung der Vorurteile sieht.
Ein Zitat von Dieter Lattmann
aus seinem Buch “Die lieblose Republik“ geht mir nicht aus dem Kopf.
da heißt es auf Seite 215
„Wer die Macht über das Bildungssystem besitzt, hat den Zugang zu den Köpfen der nächsten Generation. Er hält obendrein den Schlüssel zu Chancenverteilung in Beruf und Gesellschaft in der Hand. Deshalb wundere sich niemand, wie umkämpft die Bildungspolitik bleibt und wie oft falsche Beteuerungen ihre wahren Ziele verbergen. Wer wirklich Demokratie will, muss in der Schule beginnen. Wer dies nicht will, ebenfalls.“
Wie ich finde, eine zutreffende Beschreibung des Zusammenhangs zwischen "Aufklärung" und "Bildung"

WernerT

Re: Täuschung

Beitrag von WernerT » Donnerstag 12. Januar 2006, 20:00

Werner hat geschrieben: ich würde es schon als einen Akt der Aufklärung betrachten, wenn in den Medien der Begriff "Wachstum", mal einer kritischen Würdigung unterzogen würde.
Volle Zustimmung, Werner, genau um diese Art "Aufklärung" war es mir gegangen: Den Begriffen, mit denen wir konfrontiert werden, skeptisch zu begegnen, und neben dem Wahren auch das Unwahre in ihnen zu erfkennen. Eine weitere Zustimung, wenn du mit Mendelssohn in der Bildung den Schlüssel zur Aufklärung siehst. Die gesellschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit sind (auch) ein Bildungsproblem. Den Zugang zu den Köpfen überlassen wir in zu hohem Maße Einrichtungen, für die Bildung keine primäre Zielsetzung ist.

Erna
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Beitrag von Erna » Samstag 14. Januar 2006, 11:19

"Wissen ist Macht" (Bacon) und "habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" (Kant) sind sicherlich richtige Erkenntnisse. Immer wird der weniger Wissende dem mehr Wissenden unterlegen sein. Was mir sehr klar in Israel bewußt wurde. Israelis und Palestinenser, der Bildungsunterschied zwischen ihnen.
Aber schon Rousseau verneinte es, dass dies zu einem moralischen Fortschritt führen würde.
Die starke Betonung von Wissen und Objektivität führte zur Romantik, die die Welt nicht nur nach den Werten und Regeln der Vernunft bestimmt haben wollten, sondern subjektive Erfahrungen und Individualität treten wieder mehr in den Vordergrund.
Das Vernünftige ist nicht immer das Gute.

Werner

Beitrag von Werner » Samstag 14. Januar 2006, 11:40

Erna hat geschrieben:"Die starke Betonung von Wissen und Objektivität führte zur Romantik, die die Welt nicht nur nach den Werten und Regeln der Vernunft bestimmt haben wollten, sondern subjektive Erfahrungen und Individualität treten wieder mehr in den Vordergrund.
.
Schon, schon, nur Subjektivität und Individualität sind ja nicht unvernünftig!
"Das Vernünftige ist nicht immer das Gute.
Das Unvernünftige ist sicher häufig amüsanter, aber nicht immer besser als das Vernünftige.
Aber darum geht es meines erachtens auch nicht bei den Vorbehalten gegen "Aufklärung" Es geht um die Verteidigung des "Herrschaftswissen".
Interessanterweise ist dieses Herrschaftswissen in einer bestimmten Form (Insider) ein Strafbestand :lol:
Einen Aspekt, oder eine Aufgabe der Aufklärung, hat nach meiner Meinung Heinrich Heine gut formuliert.

„ Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig einen Blick in diese Blätter werfen, werden vornehm die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt alles dessen, was ich hier vorbringe. Aber sie mögen gefälligst bedenken, daß das wenige, was ich sage, ganz klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre eignen Werke zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich, sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind. Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.
Ich glaube, es ist nicht Talentlosigkeit, was die meisten deutschen Gelehrten davon abhält, über Religion und Philosophie sich populär auszusprechen. Ich glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen Denkens, die sie nicht wagen, dem Volke mitzuteilen. Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter, ich gehöre nicht zu den siebenhundert Weisen Deutschlands. Ich stehe mit dem großen Haufen vor den Pforten ihrer Weisheit, und ist da irgendeine Wahrheit durchgeschlüpft und ist diese Wahrheit bis zu mir gelangt, dann ist sie weit genug: - ich schreibe sie mit hübschen Buchstaben auf Papier und gebe sie dem Setzer; der setzt sie in Blei und gibt sie dem Drucker; dieser druckt sie, und sie gehört dann der ganzen Welt.“

Heinrich Heine „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“
DHA Band 8/1 Seite 13f.

Erna
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Beitrag von Erna » Sonntag 15. Januar 2006, 13:22

Der Ausschnitt passt genau auf mich!
Ich bin gar nicht gegen die Aufklärung, aber sie darf nicht zum Dogma werden!
Erna
Vielleicht kannst du mir einmal erklären, wie du es machst, dass die Zitate noch einmal in die Antwort kommen?

Clemens

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Beitrag von Clemens » Sonntag 15. Januar 2006, 18:51

Liebe Erna,
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Im Textfeld erscheint vor dem Zitat [quote] und hinter dem Zitat [/quote].
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Clemens
Vielleicht kannst du mir einmal erklären, wie du es machst, dass die Zitate noch einmal in die Antwort kommen?

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