„Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens“

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Werner

Beitrag von Werner » Dienstag 13. Dezember 2005, 11:15

Ursula hat geschrieben: ist dieser Wert im Grunde schon in dem Weltbildern der Achsenzeit angelegt, in denen die wirkliche Welt als defizitär beschrieben wird. .
Die Bejahung des Lebens, ob gewöhnlich oder ungewöhnlich sei dahingestellt, muß sich nicht aus einem defizitären Weltgefühl ergeben.
Denn, was sich auch innerhalb der Achsenzeit geändert hat, was dort weltweit zum Durchbruch kam, die Ergebnisse oder Folgen sind ja sehr unterschiedlich. Konfuzius/Laotse in Fernost, Buddha, Zarathustra, die Propheten des Nahen Osten und die Philosophen Griechenlands, das sind doch unterschiedliche Vorstellungen von der Rolle des Menschen in der Welt.
Die Bejahung des Lebens als Mühsal und Plage
Diese Sicht kenn ich als gelernter Katholik. Aber der versprochene Lohn dereinst im Paradiese, sagt ja, dass Mühsal und Plage eben kein erstrebenswerte Zustände sind und meine - vielleicht verquere - Logik sagt mir, warum aufs Paradies warten wenn uns die geistigen und materiellen Ressourcen schon bei Lebzeiten zur Verfügung stehen, die Leidenauf ein erträgliches Maß zu mildern.
Ich komme einfach nicht dahinter, was Prof. Reinhard unter "gewöhnliches Leben versteht". Je öfter ich mir den Text zu Gemüte führe umso mehr glaube ich einen ironischen Unterton in der Kapitelüberschrift zu spüren.

Werner

Re: Ungewöhnliches Leben

Beitrag von Werner » Dienstag 13. Dezember 2005, 12:26

Werners Frage, „wohin denn die ‚Bejahung eines ungewöhnlichen Lebens’ führen würde“, hat mich sehr gereizt, doch meine Versuche zu einer Antwort verliefen etwas verworren.
Sorry, das war nicht meine Absicht :oops:

1. Versuch: Wohin führt ein ungewöhnliches Leben?
Das ist eben die Falle! Der Begriff "ungewöhnliches Leben" bleibt genau so unbestimmt, nebulös wie "gewöhnliches Leben"
Einmal benennt Prof. Reinhard den Unterschied, Seite 297f.:
Die [...] heute [...] selbstverständliche Art zu denken, beruht nämlich auf nichts anderem als einer Schwerpunktverschiebung des Interesses vom Grandiosen zum Gewöhnlichen[...]
Wenn ich nun meine Herkunft betrachte, wüßte ich nicht, wer meiner Vorfahren sich jemals grandios gefühlt habe.
(Es sei denn auf einer Kirchweih, sturzbesoffen :P ).

3. Versuch: Sollten wir statt das gewöhnliche gegen das ungewöhnliche Leben, lieber seine Bejahung gegen die Verneinung setzen?
Wenn ich überschwänglich wäre, wie gesagt wenn, dann würde ich jetzt schreiben: Bruderherz, sei umarmt :!:

Ursula

Beitrag von Ursula » Dienstag 13. Dezember 2005, 15:56

„Bejahung des gewöhnlichen Lebens“ bedeutet nach Wolfgang Reinhard „Bejahung bzw. Aufwertung“ der alltäglichen Produktion und Reproduktion, die historisch gesehen nicht selbstverständlich war (vgl. S. 273), weil bei Klerus und Adel andere Wertvorstellungen galten. U. a. führt die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther zur Entmachtung des ersten Standes, und erhöht das Selbstverständnis von Handwerkern und Bauern „Adelige Arbeitsverachtung, Müßiggang der Mönche kann durch Aufwertung des gewöhnlichen Lebens begegnet werden.“(S. 288)
Arbeit, bisher verstanden als Mühsal und Plage, wird , wie die folgenden Beispiele zeigen, aufgewertet:
Der naturgegebene Zusammenhang von Armut und Arbeit wird aufgelöst (vgl. 285).
Ihr Wert liegt nicht in der Arbeit selbst, Inhalt gleichgültig, sondern in der Einsicht, dass durch sie Gottes Wille erfüllt wird. Arbeit wird als Fortsetzung des göttlichen Schöpfungswerks definiert (vgl.284).
„Der Mensch verwirklicht sich mit Bezug zu seiner Arbeit und was er bis zum Abend, das heißt bis zu seinem Lebensabend produziert.“ (S. 286)
Arbeit ist nicht mehr Kreuz und Leid sondern freudige, kreative Tätigkeit (Selbstverwirklichung) (vgl. 285).
Die Aufwertung der Arbeit (damit ist nicht nur Handarbeit gemeint vgl. S. 286) führt gesellschaftlich gesehen zur Entmachtung der ersten beiden Stände und zum Aufstieg des Bürgertums.
Die Wissenschaft orientiert sich am Konkreten (Wie funktionieren die Dinge?)Das in der Antike vorhandene Streben nach einer Gesamtschau (theoria) wird als eitles Unterfangen erklärt. (Schwerpunktverschiebung vom Grandiosen zum Gewöhnlichen) (vgl. S. 298)
Das Individuum wird zum Schöpfer seiner eigenen Identität (vgl. S. 301), angemessene und selbst verantwortete Arbeit verleiht ihm Würde (vgl. 287) Da Arbeit auch zur Zügelung fleischlicher Begierden führt (vgl. S. 292) kann auch die menschliche Sexualität nach und nach neu definiert (und banalisiert) werden.

Erna
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Beitrag von Erna » Dienstag 13. Dezember 2005, 18:05

Ich habe nun endlich das Kapitel fertig gelesen und bin von der Darstellung des Wandels vom Wert der Arbeit, des Handels und der Sexualität, sehr angetan. Vieles was mich früher irritiert hat, z. B. das negative Ansehen von Handel und Geldwirtschaft, hat sich geklärt.
Ich meine übrigens wie Ursula, dass "gewöhnlich" hier allgemein bedeutet, also das Leben, wie wir es heute leben.
Was mir viel Spaß beeitet hat, ist sein Beispiel vom Leben im Bienenkorb. Und wie B. Mandeville, nach Einkehr der Redlichkeit, schreibt: Da man auf Luxus jetzt verzichtet, so ist der Handel bald vernichtet......Stolz, Luxus und Betrügerei, muss sein, damit ein Volk gedeih. S.291
Also lasst unseren reichen Mitmenschen - auch den Politikern - all dies, seid nicht neidisch, damit es sich zu unserem eigenen Wohle entwickle!
Erna

Werner

Beitrag von Werner » Mittwoch 14. Dezember 2005, 10:30

Der naturgegebene Zusammenhang von Armut und Arbeit wird aufgelöst
Das klingt mir aber seltsam in den Ohren wenn ich an Phänomene wie "ein Euro-Job" denke. Allerdings, keine Arbeit haben liegt näher an Armut.
Ihr Wert liegt nicht in der Arbeit selbst, Inhalt gleichgültig, sondern in der Einsicht, dass durch sie Gottes Wille erfüllt wird. Arbeit wird als Fortsetzung des göttlichen Schöpfungswerks definiert (vgl.284)
Sollten wir an dieser Stelle nicht sauber zwischen Beruf - worin ja noch eine Spur von "Berufung" durchscheint - und Arbeit als Notwendigkeit seine Existenz zu sichern trennen?
„Der Mensch verwirklicht sich mit Bezug zu seiner Arbeit und was er bis zum Abend, das heißt bis zu seinem Lebensabend produziert.“ (S. 286)
Wie weit ist dies denn von der "Alltäglichkeit" entfernt?
Arbeit ist nicht mehr Kreuz und Leid sondern freudige, kreative Tätigkeit (Selbstverwirklichung) (vgl. 285).
Nach beinahe 20 Jahren "Arbeit" als angelernter Fabrikarbeiter hatte ich das Glück, nochmals 20 Jahre mit freudig, kreativer Tätigkeit den Unterhalt meiner Familie zu sichern. Aber das betrachte ich wirklich als Glücksfall.
Die Aufwertung der Arbeit (damit ist nicht nur Handarbeit gemeint vgl. S. 286) führt gesellschaftlich gesehen zur Entmachtung der ersten beiden Stände und zum Aufstieg des Bürgertums.
Der Aufstieg des Bürgertums hat lediglich einen dritten Machtfaktor etabliert. Aber dessen Hochblüte scheint auch vorbei zu sein. Institutionen haben das Heft in die Hand genommen. WTO, OECD, OPEC, Börsen und was es da nicht alles gibt!
Da Arbeit auch zur Zügelung fleischlicher Begierden führt (vgl. S. 292) kann auch die menschliche Sexualität nach und nach neu definiert (und banalisiert) werden
.
Hhm, das deckt sich aber nicht mit meinen Beobachtungen. Ohne es jetzt mit Zahlen belegen zu können, hatten Arbeiterfamilien in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die höchste Kinderzahl. Pastorenfamilien auch, aber das war wohl aus einer anderen Motivation heraus.

Horst Glameyer
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Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 14. Dezember 2005, 13:08

Man muss schon einen sehr großen Betrachtungsabstand einnehmen, um über die Aufwertung von Arbeit im Laufe der Zeit derart undifferenziert wie Prof. Reinhard zu urteilen. Wie Überlieferungen zeigen, wurde bereits in der Antike für gleiche Arbeit gleicher Lohn gezahlt, und zwar für Freie wie für Sklaven. Der feine Unterschied bestand nur darin, dass der Lohn des Sklaven seinem Herrn (Eigentümer) ausgezahlt wurde, und sich der Sklave mit dem begnügen musste, was ihm sein Herr zugestand.

Zu allen Zeiten gab es selbständige, freie und mehrheitlich abhängige Arbeiter; folglich Herren, die andere für sich arbeiten lassen, sowie Knechte und Mägde, die für ihren Lebensunterhalt anderen zu Diensten sein müssen. Ihre Bezeichnungen haben sich gewandelt. Heute spricht man von Arbeitgebern und ihren Arbeitnehmern oder Beschäftigten, die deren "Humankapital"darstellen, solange es gebraucht wird. Rechnet es sich nicht mehr, wird es mehr oder minder sozialverträglich „freigesetzt“. Arbeitgeber bestimmten in Europa auch lange Zeit über Arbeitsbedingungen, Dauer der täglichen Arbeitszeit sowie Entlohnung ihrer Arbeitskräfte. Erst der Zusammenschluss der Arbeiterschaft gegen vielfachen Widerstand, nicht zuletzt auch des Staates, führte zu Verbesserungen für die Arbeitnehmer.

Knechte und Mägde auf Bauernhöfen hatten vor und nach der Reformation zweifellos bei der Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben mehr Gestaltungsmöglichkeiten als später Fabrikarbeiterinnen und –arbeiter in Manufakturen und schließlich am Fließband, wo sie stundenlang nur dieselben wenigen Handgriffe ausführen müssen.

Unter den Begriff Arbeit fallen die unterschiedlichsten Verrichtungen, für die sehr verschiedene Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich sind, die auch von Adel und Klerus je nach Art der Tätigkeit oft „fürstlich“ entlohnt wurden. Nach und nach trat das Bürgertum in die Fußstapfen der Feudalherren und wurde damit als Arbeitgeber zum Herrn derjenigen, die sich in ihrem Unternehmen verdingen müssen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich habe den altmodischen Ausdruck „verdingen“ bewusst gewählt, weil manche Arbeiten vom Takt einer Maschine so vorgegeben werden, dass sie den Menschen damit buchstäblich zum Ding machen. Von schöpferischer Arbeit und Identitätsfindung kann in diesen Bereichen nicht die Rede sein, und sie ist natürlich auch nicht gewollt.

Auch gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist keineswegs selbstverständlich. So bot man vor einiger Zeit in der Volksrepublik China europäischen Firmen an, ihre Produktion kostengünstig in chinesische Gefängnisse und Arbeitslager zu verlegen. Damit wären wir bei dem Begriff „Zwangsarbeit“. Diese Art der Arbeit hat eine sehr lange Tradition und brachte schon immer den Zwangsherren, waren sie nun adlig oder bürgerlich, große finanzielle Vorteile.
Der Beitrag „Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens“ stellt nur einen kleinen, reichlich idealisierten Ausschnitt aus der unendlich langen Entwicklungsgeschichte der Arbeitswelt dar.

Erna
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Beitrag von Erna » Freitag 16. Dezember 2005, 11:30

Horst hat sicher Recht, wenn er nur von einem begrenzten Ausschnitt der Arbeit spricht, nämlich der Erwerbsarbeit, die beleuchtet wird. Hier fehlt aber vollkommen die sog. ehrenamtliche (das Wort gefällt mir zwar nicht, aber jeder weiß ,was gemeint ist,) Arbeit. Ich bin aber der Meinung, dass diese zunehmen muss und es jede Menge davon gibt, und dass sie nicht durch Erwerbsarbeit ersetzt werden kann. Wie kann ich z.B. berechnen, wie ein Krankenbesuch bewertet werden soll?

Werner

Re: Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens

Beitrag von Werner » Samstag 17. Dezember 2005, 11:06

Man muss schon einen sehr großen Betrachtungsabstand einnehmen, um über die Aufwertung von Arbeit im Laufe der Zeit derart undifferenziert wie Prof. Reinhard zu urteilen.
Horst, Deine Einschätzung würde ich auch teilen.
Nur eine kleiner Hinweis, wie der von Dir so recht beklagte "große Betrachtungsabstand" zu erklären ist.
Bei Wikipedia ist eine lesbare Zusammenfassung der Gedanken des Soziologen Pierre Bourdieu zufinden. Unter dem Stichwort "kulturelles Kapital" fand ich eine mögliche Erklärung für die Abgehobenheit der meisten Artikel des uns beschäftigenden Bandes.
Kulturelles Kapital ist ein Begriff, der durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu eingeführt wurde. Teilweise benutzt Bourdieu den Terminus Bildungskapital synonym. Durch die Prägung dieser Begrifflichkeiten vermittelt Bourdieu die Erkenntnis, dass Besitz, also ökonomisches Kapital, nicht das einzige Kriterium für soziale Ungleichheit darstellt.
Die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen wird von Bourdieu an die unterschiedliche Verfügung über die vier Kapitalsorten ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital und symbolisches Kapital sowie an Unterschiede in Geschmack und Lebensstil gebunden.

Werner

Beitrag von Werner » Samstag 17. Dezember 2005, 11:29

Erna hat geschrieben:Horst hat sicher Recht, wenn er nur von einem begrenzten Ausschnitt der Arbeit spricht, nämlich der Erwerbsarbeit, die beleuchtet wird.
Liebe Erna, die Schwierigkeit liegt meines Erachtens aber in der Art und Weise wie die Erwerbsarbeit mit dem "Arbeiter" verknüpft ist und welche Auswirkungen dies auf die Wahrnehmung seines "gewöhnlichen Lebens" hat. Es ist etwas Anderes ob ich als Dozent, Staatsanwalt oder als Müllmann oder Sozialhilfeempfänger meinen Unterhalt erwerbe.
Erst gestern hörte ich, dass man darüber streitet, ob eine höhere kulturelle Bildung die Situation eines Hartz IV Betroffenen erschwert oder erleichtert.
Deine Einschätzung des Ehrenamtes kann ich unterschreiben. Aber dieses Engagement darf nur eine Sache der Eigeninitiative sein. Jede Rekrutierung durch sanften Anpassungsdruck lehne ich ab. Zu leicht wird Erwerbsarbeit durchs Ehrenamt ersetzbar sein. Die immer dürftigere Ausstattung der öffentlichen Hand mit finanziellen Mittel zwingt diese geradezu dazu.

Ursula

Beitrag von Ursula » Samstag 17. Dezember 2005, 21:40

Inzwischen bin ich nicht mehr sicher, dass eine allzu intensive Beschäftigung mit dem Arbeitsbegriff bei der „Bejahung des gewöhnlichen Lebens“ weiterhilft. Wolfgang Reinhard beschreibt in seinem Aufsatz die Genese eines Wertes, der am Anfang der Moderne steht. Bejaht wird Arbeit an sich, bisher nur eine Beschäftigung der unteren Stände, die zur kapitalistischen Produktionsweise - also zu einer besonderen Weise des Wirtschaftens führt. Die kirchlichen Institutionen verlieren in diesem Prozess die Vorherrschaft über die Diskurse, ihre Stelle wird von der Wirtschaft übernommen. Wie bereits mehrfach erwähnt, soll es sich um eine einmalige Entwicklung handeln, die in Europa begann und inzwischen die ganze Welt beherrscht.

Werner

Beitrag von Werner » Montag 19. Dezember 2005, 10:53

Ursula hat geschrieben:Inzwischen bin ich nicht mehr sicher, dass eine allzu intensive Beschäftigung mit dem Arbeitsbegriff bei der „Bejahung des gewöhnlichen Lebens“ weiterhilft.
Für einen Rentner, (noch) frei von materiellen Nöten, bestimmt die Erwerbsarbeit sicher nicht mehr den "Alltag". Es sei denn, über die Verflechtung mit der Frage, wie sicher die Existenz der Kinder und Kindeskinder ist. (Gewiss auf hohem Niveau, aber doch bohrend.)
Die Frage bleibt, was ist für mich "alltäglich" und was bedeutet, welchen Wert hat dieses "alltägliche" für mein Lebensgefühl?
Dies ist aber nur der erste Teil der Frage. Denn, - bestimmend für unser
Forum - wie weit deckt sich meine Vorstellung des "alltäglichen" mit den Vorstellungen meiner Mitmenschen?
Die Rolle der Arbeit, insbesonders die Tätigkeit die verbunden war - und ist - mit der Rolle des "Arbeiters", halte ich immer noch für entscheidend für die Alltäglichkeit dieser Bevölkerungsgruppe.
Bejaht wird Arbeit an sich, bisher nur eine Beschäftigung der unteren Stände, die zur kapitalistischen Produktionsweise - also zu einer besonderen Weise des Wirtschaftens führt.
Ob es wirklich, heute im Gegensatz zu früheren Zeiten, zulässig ist, den Stellenwert "Arbeit" für alle "Stände" gleich zu bewerten, wag ich zu bezweifeln. Jedenfalls was den Einfluß auf die Wahrnehmung des "Alltags" betrifft.
Die kirchlichen Institutionen verlieren in diesem Prozess die Vorherrschaft über die Diskurse, ihre Stelle wird von der Wirtschaft übernommen.
Aber die Kirche verliert diese Vorherrschaft nicht generell. Vielleicht gibt es irgendwo eine Untersuchung, die zeigt, in wieweit die Deutungshoheit der Kirchen abhängig ist, von dem Niveau, oder besser gesagt, von der Art des "alltäglichen Lebens"

WernerT

Arbeit - Arbeitslosigkeit

Beitrag von WernerT » Dienstag 20. Dezember 2005, 20:29

Nach den letzten Beiträgen scheinen wir uns in einem einig: Wenn in der Bejahung des gewöhnlichen Lebens ein Wert liegt, dann liegt zugleich einer in der gewöhnlichen Arbeit. - Dann aber ist die Frage, was das für die bedeutet, die von dieser Arbeit ausgeschlossen sind, die Arbeitslosen.

Man könnte sie geradezu als Beleg dafür zu nehmen, wie wert-voll Arbeit ist, und worin dieser Wert eigentlich liegt. Er liegt heute nicht mehr im Erhalt der physischen Existenz: Wer keine Arbeit hat braucht, Hartz hin, Hartz her, nicht zu verhungern. Aber er leidet darunter, dass er keine Gelegenheit hat, eine Leistung für die Gesellschaft zu erbringen. Das führt zunächst zu einer Minderung des Selbst-Werts: „Ich bin zu nichts nutze“, gefolgt von einem Prozess der Selbstzerstörung durch Sich-gehen-Lassen: „Ist ja eh egal“. Spätestens jetzt wird die Veränderung außen spürbar, so dass auch der Fremd-Wert, das Ansehen sinkt. Parallel dazu verringern sich die Bindungen auch dadurch, dass alle beruflichen Kontakte abbrechen, und zwar oft auch die, in denen der Kern einer Freundschaft gesteckt hatte. Der Betroffene fühlt sich nicht nur außen vor, sondern er ist es auch zunehmend.

Der Wert der Arbeit liegt also in ihrer Sinnstiftung. Die liegt nicht nur in der eigenen Leistung (die in unserer abstrakten Arbeitswelt ohnehin schwer wahrnehmbar ist), sondern vor allem im Gefühl, an einem großen Ganzen mitzuwirken bzw. anderen so zuzuarbeiten, dass der eigene Beitrag wichtig ist.

Mir scheint die Arbeitslosigkeit, gerade weil sie eine Negation des von uns diskutierten Wertezusammenhangs darstellt, ein interessantes Licht darauf zu werfen.

Horst Glameyer
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Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 21. Dezember 2005, 19:27

Könnte es vielleicht sein, dass mit der Aufwertung der Arbeit im Laufe der Jahrhunderte der Wert des Einzelnen entsprechend der jeweiligen Zeitumstände (in Kriegs- und Nachkriegszeiten waren Mann und Frau gefragt und besaßen einen hohen Wert für die Gesellschaft) in den Hintergrund getreten ist? Während die christliche Religion jeden Einzelnen als Kind Gottes bezeichnet und betrachtet („Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“), und zwar ohne Ansehen seines Standes und seiner Arbeitsleistung bzw. seines wirtschaftlichen Erfolges, wird der Einzelne in der Arbeitswelt bzw. auf dem Arbeitsmarkt nach diesen Merkmalen beurteilt. Genügt er ihnen nicht (oft ist es nur sein bloßes Alter, nicht etwa seine Leistung), wird er ausgeschieden. Auch wenn er dank staatlicher Zuwendung keinen Hunger zu leiden braucht (dennoch gibt es in Großstädten Suppenküchen!), wer fängt ihn seelisch auf?

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 22. Dezember 2005, 11:05

Ich finde die beiden letzten Beiträge außerordentlich gut und auf den Punkt gebracht.
Für mich liegt auch hierin - Horsts Beitrag - ein Teil der Wichtigkeit von Religiosität zu bestehen: Du bist mir als Mensch wichtig - gleich was du auch tust. Vielleicht bist du sogar als Obdachlose wichtiger, als der Banker, denn du trägst dazu bei, das Gute im Menschen nicht verkümmern zu lassen.
Erna

WernerT

Fehlt etwas?

Beitrag von WernerT » Montag 26. Dezember 2005, 09:12

Liegt, lieber Horst, nicht in deiner Frage: „Wer fängt ihn seelisch auf“, eines der Grundprobleme unserer ganzen Diskussion? Die Wertestruktur der europäischen Moderne hat uns zu einer unvergleichbaren Effizienz geführt. Dazu leben wir länger, müheloser, bequemer und haben unglaubliche Möglichkeiten des „Zeitvertreibs“. All das wäre früher als „Glück“ angesehen worden, aber wir sind keineswegs glücklicher als die Menschen damals. Wir fühlen uns auch nicht gesünder, obwohl heute fast niemand an den Geißeln jener Zeiten leidet, geschweige denn stirbt.

Die so effizienten Werte haben zu einem Tempo von Veränderungen geführt, das uns schwindeln macht, und zwar paradoxerweise gerade deswegen, weil uns die Maßstäbe zur Be-wert-ung des Neuen fehlen. Hat uns etwa die so unglaubliche Beherrschung der physika den Zugang zu den metaphysika erschwert?

Damit wären wir genau bei deiner Frage: Wer fängt (uns) seelisch auf? Die Religion hat an Überzeugungskraft eingebüßt, und fällt damit als wesentliche Vermittlerin andersartiger Wertinhalte aus (vom Missbrauch will ich hier absehen). Kann es sein, dass uns so erfolgreichen Europäern eines fehlt: die Geborgenheit einer auf kollektiven Wertvorstellungen beruhenden Gemeinschaft? Dass dem „gewöhnlichen Leben“ eine wichtige Komponente fehlt?

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