„Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens“

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Werner

„Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens“

Beitrag von Werner » Mittwoch 30. November 2005, 14:29

Auf ein Neues!!
Kurz, und einwenig überspitzt, mein Klärungsbedorf zu dem Text von
Professor Wolfgang Reinhard

Was genau meint Professor Reinhard mit „gewöhnlichem“ Leben?
Welches Lebensgefühl war denn, aus der Sicht eines Historikers, ehemals bestimmend und für wen?
Wirklich das „Grandiose“? S.298.
Führt die Allgemeinheit in Europa wirklich ein „gewöhnliches Leben“?
Warum sträubt sich meine Solidarität mit der Herkunft aus dem Arbeitermilieu gegen diese Vereinnahmung des „gewöhnlichen“ als allgemeingültige Lebensform?

Heinz_Pfeiffer

Beitrag von Heinz_Pfeiffer » Mittwoch 30. November 2005, 14:51

Lieber Werner, Lieber Kooperationspartner,

Vorausschicken möchte ich aber, daß mich die Lektüre des Aufsatzes von Wolfgang Reinhard ‚Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens’ sehr angesprochen hat darüber nachzudenken, welchen Wert die drei Kernpunkte dieses Aufsatzes - Arbeit, Wirtschaft, Familie - in unserer Gegenwart haben und wie dies in Zukunft aussehen könnte. Daher möchte ich dem ganzen einige persönliche Gedanken voranstellen.

Wolfgang Reinhard, Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens

Arbeit – vor allem körperliche Arbeit - war in unserer Geschichte in fast allen Epochen den untersten Schichten vorbehalten. Im Altertum waren es die Sklaven, die diese Art von körperlicher Aktivität zu verrichten hatten, im Mittelalter die Bauern und Handwerker. Während der Industriellen Revolution erfuhr Arbeit laut Wolfgang Reinhard eine Aufwertung. Aber es waren immer die Eliten, die von dieser Arbeit profitierten, die davon reich wurden. Ich meine in diesen geschichtlichen Rahmen muß man auch das Entstehen des Sozialismus und des Marxismus stellen – eine Aufwertung der Arbeit und damit der Unterschichten der Gesellschaft. Das Auf- kommen der Gewerkschaftsbewegung gehört ebenfalls in diesen Rahmen. Unsere ganze Sozialgesetzgebung wurde auf diesem Weg initiiert.

Bemerkenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang, daß Männer wie Martin Luther, John Locke, Max Weber, u.a. im Laufe der Geschichte versucht haben, Arbeit unter ethisch moralisch religiösen Gesichtspunkten zu definieren, bzw. aufzuwerten.

Und wie sieht das zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus! Menschliche Arbeitskraft wird immer mehr durch technische Errungenschaften ersetzt. Wenn Kapitalgesellschaften die Entlassung zehntausender Arbeitnehmer – auf Kosten der Allgemeinheit – an- kündigen, steigt der Aktienkurs, weil damit auch die Gewinne der Anlieger steigen. Die Arbeit derer, die die Gewinne des Konzerns und seiner Anleger erst ermöglichen, wird unter Kosten-Nutzen Gesichtspunkten betrachtet. Vorrang hat des Prinzip des ‚share-holder-value’. Da wäre es wohl an der Zeit, daß wir uns in Zeiten der Globalisierung daranmachen, einen zeitgemäßen Arbeitsbegriff zu definieren.

Sind wir Alten in der Lage für die jetzt im aktiven Arbeitsleben stehenden Menschen einen modernen Arbeitsbegriff zu definieren?

In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts –also vor nunmehr 40 Jahren – machte ein Buch des amerikanischen Zukunftsforschers Alvin Toffler – Future Shock – in den USA Furore. Leider wurde dieses Werk meines Wissens nie ins deutsche übersetzt. Hierin beschreibt Toffler die Entwicklung unserer europäischen Gesellschaft seit dem Mittelalter, unter Einbeziehung der Vereinigten Staaten von Amerika ab dem 18. Jahrhundert. Im Gegensatz zu Wolfgang Reinhard tut er dies unter rein techno- logischen Gesichtspunkten. Für ihn zählt z.B. bei der Entstehung eines Produkts der immer kürzer werdende Zeitraum zwischen a) dem Aufkommen der Idee bis zu b) der Möglichkeit dieses Produkt auch industriell herzustellen und schließlich c) der Logistik, die Vertrieb und Verkauf erst ermöglicht. Bei der guten alten Schreib- maschine waren das fast 200 Jahre. Und welche Zeiträume legen wir heute z.B. bei Computern zugrunde!

In Bezug auf die Zukunftsfähigkeit der Familie kam Toffler zu dem Schluß, dass die Großfamilie, die mit drei, manchmal vier Generationen unter einem Dach lebte und die bis zum ersten Weltkrieg noch die Regel war, immer mehr an Bedeutung verlöre. Entscheidenden Anteil hieran hat das Entstehen des Beförderungssektors, der den Menschen größere Mobilität ermöglicht.

Seine Zukunftsvision – wohlgemerkt 1963 bei Erscheinen des Buches – sah so aus, daß zukünftig der technologische Fortschritt die Bedürfnisse einer post-industriellen Gesellschaft bestimmen wird und nicht mehr der biologische Rhythmus des Einzelnen. Laut Toffler bedeutet dies für die Familie, die ihren Lebensunterhalt im Produktionssektor verdient, daß von ihr höchste Mobilität verlangt wird, da sie alle paar Monate oder Jahre dorthin ziehen muß, wo es Arbeit gibt und wo eine berufliche Weiterentwicklung möglich ist. Seine Schlussfolgerung lautet, daß diese Anforderungen nur dann erfüllt werden können, wenn die Betroffenen jederzeit abrufbar sind. D.h. der Begriff ‚Familie’ muß auf den kleinst möglichen Nenner reduziert werden und die Familie besteht dann nur noch aus einem Mann und einer Frau.

Das was Wolfgang Reinhard als Produktion und Reproduktion bezeichnet, um den Fortbestand der Familie zu sichern, wird bei Toffler dadurch erreicht, daß Ehepaare die im beruflichen Alltag weniger qualifiziert und mobil sind, sich als Eltern zur Verfügung stellen, mehrere Kinder bekommen, ganz für deren Erziehung zuständig sind und dafür von den Berufstätigen miternährt werden. Ich meine, es gehört nicht viel Phantasie dazu, um hier eine ganze Reihe von Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft zu finden.

Ich gehe einmal davon aus, daß ich unter den Teilnehmern dieses Forums nicht der oder die Einzige bin, der oder die berufstätige Töchter oder Schwiegertöchter hat. Wenn ich dann in der Zeitung lese, dass es in Deutschland noch nie so viele gut ausgebildete Frauen gab wie heute, kann ich das nachvollziehen. Wenn ich aber lese, daß 40% bis 50 % der akademisch ausgebildeten Frauen kinderlos sind und bleiben, weil sie sonst den Anforderungen im Beruf nicht gewachsen sind, muß das nachdenklich stimmen. Denn diese Arbeitsbedingungen gelten ja nicht nur für Akademikerinnen. Volkswirtschaftlich gesehen ist das ein Wahnsinn, wenn man überlegt was die Ausbildung dieser Frauen die Allgemeinheit gekostet hat und wie viel berufliche Kompetenz nicht genutzt wird. Und das in einem Land, das auf die Innovationsfähigkeit seiner Menschen angewiesen ist.

In den skandinavischen Ländern und in Island haben diese Frauen im Normalfall zwei und mehr Kinder, weil es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben, daß Mann und Frau gleichermaßen sowohl zum Lebensstandard der Familie als auch zur Erziehung der Kinder beitragen. In Deutschland hört man von Zeit zu Zeit von weitblickenden Unternehmern, daß sie Rahmenbedingungen geschaffen haben, die es jungen Familien ermöglicht, ihrer familiären und beruflichen Verantwortung gerecht zu werden. Alleine mit Profitdenken kommen wir hier nicht weiter, sonst fehlen uns in absehbarer Zeit die gesellschaftstragenden Kräfte und dann geht auch unsere Industrie mangels qualifiziertem Nachwuchs baden.

Wie müssten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aussehen, damit junge Familien sowohl im familiären als auch im beruflichen Bereich bestehen können?

Heinz Pfeiffer

WernerT

Leere

Beitrag von WernerT » Sonntag 4. Dezember 2005, 11:50

Liegt in der Bejahung des gewöhnlichen Lebens nun ein Wert oder nicht? – Reinhard zweifelt daran ganz entschieden, auch wenn er in dieser Bejahung einen wesentlichen Faktor für den Erfolg unseres Kulturmodells sieht. Im Schlusskapitel schildert er, wie „das Subjekt der Offenbarung, der mit seinem Gott ringende Luther, inzwischen zur Offenbarung des Subjekts verkommen ist, zur Trivialität alltäglicher Selbstentblößung…“.Und er schließt mit dem Satz: „Früher glaubten wir an Gott, heute glauben wir an den Markt. Und es bleibt uns gar nichts anderes übrig.“

In dieser Resignation liegt zugleich eine Aufgabe, die inzwischen in der Öffentlichkeit auch immer häufiger angesprochen wird: Markt ohne Verantwortung können wir uns nur vorübergehend leisten, weil die Menschen sein Gesetz auf Dauer nicht ertragen. Sie ertragen sie vor allem dann nicht, wenn sie zu denen zählen, die am Markt verlieren oder schon verloren haben. Die Anzeichen dafür sind nicht zu übersehen, am deutlichsten erkennbar im Kulturraum des Islam, ob im Vorderen Orient oder in Frankreich. Auch bei uns zeigt sich das, wenn auch weniger in offenbarter Unruhe (Hartz IV) als in der Verneinung der Politik schlechthin (Wahlenthaltung). Niemand ist zufrieden, wie es läuft, doch keiner weiß einen Ausweg.

Das scheint mir das wesentliche Dilemma unseres Wertesystems: Es ist ungeheuer erfolgreich, aber es hinterlässt Leere in den Menschen. Das Bedürfnis, diese Leere zu füllen wächst. Zu befürchten ist, dass die, die sie füllen möchten, nicht die sind, die wir uns dafür wünschen, will sagen, dass hier ein Angriffsfeld für Fundamentalismen jeglicher Art sind (religiös, national…).

Es ist zu fürchten, dass wir an einem Punkt angekommen sind, den ein Chanson aus den zwanziger Jahren einmal so beschrieben hat: „Es geht nicht mehr so weiter, wenn das so weitergeht.“

Werner

„Es geht nicht mehr so weiter, wenn das so weitergeht.“

Beitrag von Werner » Montag 5. Dezember 2005, 10:53

Vom immer noch aktuellen G.C.Lichtenberg gibt es da aus seinen Sudelbüchern ein Zitat, welches mir als Wegweiser dient:
"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll."

Auffallend ist, sowohl bei Heinz wie bei Werner, das "gewöhnliche Leben" wird mit der unsicheren sozialen Situation verknüpft. Ich weiß, Prof. Reinhard auch, aber ich bin mir nicht sicher, ob diese Misere sein Anliegen ist.
In dem Artikel ist der Begriff "Arbeit" nicht eindeutig. Schon gar nicht in der Verbindung "Arbeit" zu "gewöhnlichen Leben".
Für ein Professor die Geschichtswissenschaft ist sein Forschen und Lehren
sowohl Arbeit als auch gewöhnliches Leben. Gilt dies aber auch für einen Menschen der zur Existenzsicherung gezwungen ist jeden Job, auch ein Euro-Jobs, anzunehmen? Unabhängig von seinen , vielleicht nie entdeckten, Fähigkeiten und Neigungen. Oder ist diese Lebensform, allein wegen ihrer relativen Häufigkeit, nicht das gewöhnliche Leben?

Erna
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Das gewöhnliche Leben

Beitrag von Erna » Montag 5. Dezember 2005, 12:42

Leider bin ich noch nicht ganz fertig mit dem Kapitel, aber wenn ich mir nur den Titel ansehe, so müßte oder ist es doch eine Analyse des realen Lebens. D.h. für mich auch ein Stück Unsicherheit. Was ich gern wissen möchte, aber vielleicht kommt das noch, warum hat es diesen Wandel gegeben in der Wertigkeit von Arbeit? Hat es nicht auch etwas mit dem Wachsen der Bevölkerung zu tun. So viel ich weiß, hat man doch die 2. und 3. Söhne der Adligen, um sie los zu werden, zu den Kruezzügen geschickt.

Ursula

Beitrag von Ursula » Montag 5. Dezember 2005, 21:34

Das mit den adeligen Söhnen habe ich auch gelesen, liebe Erna, aber es gab im Mittelalter auch ansonsten einen Zuwachs der Bevölkerung, der u. a. auch durch die Hexenverfolgungen und die damit verbundene Vernichtung von Verhütungswissen bedingt war.
Falls du mehr zum Informationen zum Arbeitsbegriff benötigst, unter

http://tastenlaerm.de/html/Chancen_Jobr ... node4.html

kannst du einige kurze Artikel finden, die m. E. einen guten Überblick über die historische Entwicklung geben.

Horst Glameyer
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Bevölkerungswachstum

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 6. Dezember 2005, 14:17

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler weist in "Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Dritter Band 1849 - 1914" auf einen starken Anstieg der Bevölkerung im 19. Jh. hin. Bauernbefreiung, allerdings oft gegen Zahlung von Ablösebeträgen, und Industriealisierung in dieser Zeit ließen viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Städte abwandern, wo ihnen viele Fabrikanten in eigens für sie errichteten Mietskasernen erschwingliche Unterkünfte anboten. Die einschränkenden Heiratsbedingungen auf dem Lande und nach den Ordnungen im Handwerk galten für ungelernte Fabrikarbeiter und Dienstpersonal in städtischen Haushalten nicht mehr.

Werner

Beitrag von Werner » Mittwoch 7. Dezember 2005, 15:05

Hallo Ursula, Deine Linkempfehlung war schon ein Volltreffer!
Folgendes Zitat aus der Website,
„Manchmal taucht der Verdacht auf, dass unter historischer Perspektive die größte Leistung des 20. Jahrhunderts vor allem in der Entwicklung von manipulativen Möglichkeiten zur Verdrängung der Unfreiheit aus dem Bewusstsein der Menschen gesehen werden wird ?“
scheint mir - wahrscheinlich unbewusst - eine der Vorstellungen des besprochenen Kapitels zu sein.
Horsts Hinweis auf Hans.U.Wehler brachte mich dazu den Schinken – wegen seines Volumens – noch mal vorzunehmen. Da gibt es ein Kapitel: „Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse Sozialer Ungleichheit“. Da sind Passagen, die meine Frage, was ist für wen „gewöhnliches Leben“, als zentral erscheinen lassen.

Frage nebenbei, wie sollen wir hier im Forum mit Zitaten umgehen?
Es juckt mir schon mal in den Fingern Textpassagen einzurücken, da ich zu faul bin, was Experten gut formuliert haben durch eigenes gestotterte zu ersetzen :-(

Horst Glameyer
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Die Bejahung des gewöhnlichen Lebens

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 7. Dezember 2005, 20:02

Nach Wolfgang Reinhard gehören zum gewöhnlichen Leben die „produktiven und reproduktiven Aktivitäten des Menschen“, nämlich beruflicher und wirtschaftlicher Erfolg sowie Liebe oder kurz gefasst „Geld und Sex“. Sie stellen heutzutage im Gegensatz zu früheren Zeiten, z.B. dem Mittelalter, gesellschaftliche Werte dar. Wem es daran mangelt, dem fehlt es auch an gesellschaftlichem Ansehen, da sich sowohl der Einzelne als auch die Gesellschaft mit diesen gewöhnlichen, alltäglichen Werten weitgehend identifiziert.
Wer seine bezahlte Arbeit verloren hat; denn nur das bedeutet Arbeitslosigkeit im Gegensatz zu Klerikern und Adligen im Mittelalter, die gar nicht zu arbeiten brauchten und Arbeit für unter ihrer Würde hielten, ist in heutiger Zeit nicht nur bedauernswert, sondern wird nicht selten als Versager und Verlierer betrachtet, der infolge irgend eines angeblichen Fehlverhaltens seine wirtschaftliche Notlage selbst verschuldet hat. Religiöse Vorstellungen vom Wert des Lebens spielen oft nur noch eine untergeordnete Rolle.
Außerdem werden nur die entlohnte Arbeit und auf Gewinn gerichtete Tätigkeiten von der Gesellschaft als Arbeit gewertet und anerkannt. So werden ehrenamtliche und andere unbezahlte Tätigkeiten aller Art, einerlei ob nützlich oder nicht, selten als Arbeit bezeichnet, und zwar ungeachtet der Zeit und Kraft, die für sie aufgewendet werden.
Das Problem besteht jedoch darin, dass wir im Zeitalter der Automatisierung leben und demzufolge mit fortschreitender Technik immer mehr Automaten (Roboter) selbst komplizierte Verrichtungen kostengünstig übernehmen können. (Allein ein Blick auf den technischen Fortschritt während der letzten 50 Jahre zeigt eine rasante Entwicklung, die sich fortsetzen wird.) Mithin ist der steigende Verlust von Arbeitsplätzen unausweichlich, ob in der Güterproduktion, der Verwaltung oder im Verkehr. Es ist nicht auszuschließen, dass Computer irgendwann selbst Programme schreiben werden, die andere Geräte steuern.
Was aber soll an die Stelle der bisherigen Beschäftigung für Millionen von Menschen treten, die in der beruflichen Arbeitswelt nicht mehr gebraucht werden? Das sogenannte „gewöhnliche Leben“ (Geld und Sex) ist mit Blick auf die Zukunft eine Sackgasse. Dank menschlichen Erfindungsgeistes überholen wir uns selbst bzw. machen uns überflüssig. Andererseits muss auch künftig der Lebensunterhalt unzähliger Arbeitsloser gesichert werden, wenn es nicht zu Unruhen und Aufständen kommen soll, und nicht nur das, ihr Dasein verlangt nach einem anderen, neuen Sinn, der sich nicht wie bisher auf Berufsarbeit und wirtschaftlichem Erfolg gründet.

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ellen
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Linkempfehlung und Bevölkerungszuwachs im MA

Beitrag von ellen » Donnerstag 8. Dezember 2005, 14:55

Ich habe eine Frage und eine Anmerkung:
Frage - Ich habe mir auch Ursulas Link angesehen und war zunächst angetan. Dann habe ich versucht etwas über diese Webseite herauszufinden (wer steckt dahinter usw.). Leider bin ich nicht fündig geworden. Bei dem Versuch etwas über die Texte, z.B. eben die Arbeit in den verschiedenen Epochen, herauszufinden, konnte ich nur lesen, daß es eine Übersetzung von Mathias Rueth sei. Da ein Literaturverzeichnis in seinem Artikel fehlt, kann ich auch nichts herausfinden über die wissenschaftliche Seriosität des Textes bzw. der dort gemachten Aussagen. Kann da jemand, vielleicht Ursula selbst, weiterhelfen?

Anmerkung - Ursula, Du sagst, daß es im Mittelalter eine signifikante Bevölkerungszunahme a.gr. der Hexenverbrennungen gegeben hat. Ist das tatsächlich so? Ich möchte das wirklich bezweifeln.

Dies nur als kleiner Zwischenruf, er hat nichts mit der Diskussion zum Thema zu tun, oder nur ganz entfernt. Nur das mit den Links, das ist mir denn doch wichtig. Ellen

Ursula

Beitrag von Ursula » Donnerstag 8. Dezember 2005, 22:12

Liebe Ellen,
deinen Bedenken zum trotz bin ich noch immer der Meinung, dass die Artikel zum Arbeitsbegriff nicht nur der Literaturhinweise wegen gut geeignet sind, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Natürlich habe ich die Literaturhinweise nicht überprüft.
Sofern meine Recherchen stimmen, ist Matthias Rüth pädagogischer Mitarbeiter der Kompetenzagentur in Flensburg. Falls du mehr über seine Arbeit wissen willst, könntest du dich unter der folgenden Adresse an ihn wenden:

E-Mail: m.rueth@bequa.de

Die These, dass die Hexenverfolgung und die Vernichtung von Verhütungswissen Ursache für das dem Mittelalter folgende Bevölkerungswachstum war, wurde vor einigen Jahren von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (zwei ordentlichen Wissenschaftlern!) aufgestellt. Der monokausale Ansatz wird inzwischen in der Wissenschaft bis zur Unkenntlichkeit differenziert, was bei der vorhandenen Quellenlage ebenfalls wenig überzeugend klingt. Allerdings spricht einiges dafür, dass die Vernichtung von Verhütungswissen den Herrschenden gut in den Kram passte, weil die Kontrolle der weiblichen Gebärfähigkeit ja eine staatstragende Angelegenheit ist. Schließlich müssen Arbeitskräfte, Soldaten, Welteroberer und Kolonisten zuerst einmal geboren werden.

Nachfolgend zwei Literaturhinweise zum Thema Hexenverfolgung aus der feministischen Ecke:
Hexen, Hebammen und Krankenschwestern", ein kleine Heftchen von Barbara Ehrenreich und Deidre English. (Frauenoffensive)
Erika Wisselinck " Hexen- warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was daran auch noch falsch ist". Es behandelt die häufigsten Vorurteile und Mißverständnisse zum Thema Hexenverfolgung.

Werner

Re: Linkempfehlung und Bevölkerungszuwachs im MA

Beitrag von Werner » Freitag 9. Dezember 2005, 07:30

[quote="Dann habe ich versucht etwas über diese Webseite herauszufinden (wer steckt dahinter usw.). Leider bin ich nicht fündig geworden. [/quote]


Hallo Ellen
Könnte es am verwendeten Browser liegen?
Ich konnte alle vier Abschnitte lesen. Die Literaturverweise innerhalb des Textes habe ich auch über "Googel" nachverfolgen können.
Wie Wissenschaftler allerdings wissenschaftliche Texte anderer Wissenschaftler beurteilen, ist wieder eine Wissenschaft für sich :roll:
Da misch ich mich auch nicht ein.
Nur, was mir - bis zum Beweis des Gegenteils - plausibel erscheint, das nehm ich mal erst in meine Erklärungsversuche auf.
Ob die Verfolgung und Vernichtung "weiser Frauen" bestimmende Ursache eines signifikanten Bevölkerungswachstums war würde ich auch bezweifeln. Selbst die Annahme, dass sich die Verfolger des Zusammenhangs zwischen der Kompetenz der "Hexen" und der Geburtenrate bewußt waren halte ich für unwahrscheinlich.
Lehrreich (für mich) ist dieses historische Kapitel aber immer für die bis heute reichenden Strukturen der meinungsbildenden Medienmacht.
Sorry, ist mir ein wenig pathetisch geraten :oops:

Werner

Sackgasse

Beitrag von Werner » Freitag 9. Dezember 2005, 09:51

Horst hat ja zutreffend beschrieben was „gewöhnliches Leben“ meint.
Frage bleibt aber, wie ist „Bejahung“ zu verstehen? Wie möchte Prof. Reinhard seinen Titel verstanden wissen, bzw. inwieweit akzeptiert er dieses Leben?
Natürlich finden sich skeptische Anmerkungen.
Seite 273 „...daß die Bejahung des gewöhnlichen Lebens, die hohe Bewertung der alltäglichen Produktion und Reproduktion, historisch gesehen, alles andere als selbstverständlich ist.“
Aus welchem Blickwinkel ich diese Aussage auch betrachte, Arbeit als Voraussetzung sein Leben fristen zu können war – und ist - für die Mehrzahl der Menschen nie eine Frage der Bejahung oder Verneinung, sonder unhinterfragte Notwendigkeit.
Nun mag in historischen Zeiten, die Gesellschaftsschicht, deren Existenz nicht vom eigenhändigen Broterwerb abhing, höhere Werte als Produktion verfolgt haben als Heute, nur letztendlich haben diese „außergewöhnlichen“ Werte ja zu unserer heutigen Gesellschaft geführt.
„Geld“ und „Sex“ bestimmen unser gewöhnliches Leben?
Aber gewiss doch! Nur sind die Phänomene „Geld“ und „Sex“ nicht wegzudenken wenn die menschliche Spezies ihre durchaus vorhandenen liebens- und lobenswerten Möglichkeiten noch ein paar Generationen wahrnehmen will. Es kommt nur auf die Deutung, auf die Begrifflichkeit an, was ich unter „Geld“ und unter „Sex“ verstehe. Sackgasse, wie Horst schreibt, in die führt die Perversion der Begriffe, führt die Zweckentfremdung des Geldes vom Tauschmittel zur Handelsware und des Sex zum Marketinginstrument.
„Dank menschlichen Erfindungsgeistes überholen wir uns selbst bzw. machen uns überflüssig“
Richtig Horst. Diese Schlussfolgerung zeigt aber, wie menschliche Kreativität, Erfindungsgeist nicht mehr den Menschen dient sondern der „Wirtschaft“. Wirtschaft ist Selbstzweck geworden, steril, letztendlich tödlich.
Daraus bleibt für mich die ‚Frage, wie lange ist unter diesen Voraussetzungen noch ein „gewöhnliches Leben“ möglich?
Und dabei würde ich viel lieber erfahren, wohin denn die „Bejahung eines ungewöhnlichen Leben“ führen würde.

Ursula

Beitrag von Ursula » Samstag 10. Dezember 2005, 02:09

Auch ich habe einerseits mit der „BEJAHUNG“ des gewöhnlichen Lebens meine Probleme, andererseits ist es sicher kein Zufall, dass der Autor den folgenreichen europaspezifischen Rationalismusprozess im Zusammenhang mit diesem Wert darstellt. Wenn ich die vorangegangenen Diskussionen rekapituliere, ist dieser Wert im Grunde schon in dem Weltbildern der Achsenzeit angelegt, in denen die wirkliche Welt als defizitär beschrieben wird. Die Bejahung des Lebens als Mühsal und Plage - auch von den sog. Eliten, sowie die Flucht in ein ethisch fundiertes Berufsmenschentum, würde ich in diesem Zusammenhang als qualitativen Sprung bezeichnen, der sicher seine Gründe hat. Ich habe mal eine Ausstellung besucht, die Kunstwerke aus dem 16. Jahrhundert zeigte: Die dort dargestellten Menschen hatten die Farbe von Leichen.

WernerT

Ungewöhnliches Leben

Beitrag von WernerT » Samstag 10. Dezember 2005, 09:50

Werners Frage, „wohin denn die ‚Bejahung eines ungewöhnlichen Lebens’ führen würde“, hat mich sehr gereizt, doch meine Versuche zu einer Antwort verliefen etwas verworren. Erst mein dritter Anlauf schien weiterzuführen und ging schließlich in eine ganz andere Richtung. Ich hoffe, dass meine Verwirrung hier einigermaßen geordnet rüberkommt:

1. Versuch: Wohin führt ein ungewöhnliches Leben? - Nur wer die ungewöhnliche Last auf sich nimmt, über die Grundlagen des Lebens nachzudenken, kommt auf die Frage nach Werten, lebt also vielleicht ein ungewöhnliches Leben. Aber Vorsicht: In vielen Menschen lebt das Bedürfnis nach einem Maßstab für ihr Tun. Und das führt uns in ein Paradox, denn dann wäre das ungewöhnliche Leben die Norm, also nicht mehr ungewöhnlich. Wir würden jedes Leben bejahen.

2. Versuch: Was ist denn ein „ungewöhnliches Leben“? Leben wir von ViLE es, weil wir uns über solche Fragen Gedanken machen? Oder leben es christliche oder muslimische Fundamentalisten, weil sie das „gewöhnliche“ Leben gering schätzen und die Menschen dazu zwingen wollen, zu Gunsten eines Jenseits auf die Freuden des Daseins zu verzichten? Hatten die Propheten ein ungewöhnliches Leben? Jesus? – Oder Menschen wie Kant oder Einstein?

Auch hier komme ich nicht weiter, weil ich keine plausible Grenze finde.

3. Versuch: Brauchen wir vielleicht ein anderes Gegensatzpaar? Sollten wir statt das gewöhnliche gegen das ungewöhnliche Leben, lieber seine Bejahung gegen die Verneinung setzen? Darin fände ich einen Ansatz, der sowohl eine Abgrenzung zum Mittelalter mit seiner Metaphysik, als auch zu außereuropäischen Ansichten gestattete. Dann läge ein Wert darin, dass wir das Leben, so wie es ist, bejahen, im Gegensatz zu denen, die nur ein Leben innerhalb streng gesetzter, männlich dominierter Grenzen gestatten wollen. Diese Haltung könnte man durchaus mit einem Wert verknüpfen: Freiheit.

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