Wert der Innerlichkeit

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Uwe Bartholl
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Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Uwe Bartholl » Freitag 21. Oktober 2005, 21:01

Wir, die wir hier über Innerlichkeit diskutieren, haben wohl weitgehend unsere Gedanken, angeregt durch Text und Diskussionsbeiträge, "zu Papier" gebracht. Häufig sind die Antworten auf die gestellten Fragen nur versteckt in den weiteren Beiträgen zu finden. Das läuft natürlich in einer realen-Diskussion besser.

Mir geht es so wie Werner, "Innerlichkeit" läuft bei mir ständig mit, ich werde dauernd darauf gestoßen. Innigkeit ist wiederum so ein Anstoß. Ungelöst bleibt für mich die Frage, ob wir hier einen explizit europäischen Kulturwert erörtert haben. Dass es sich um einen Kulturwert von erheblicher Bedeutung handelt, das hat auch die beisherige Diskussion gezeigt. Und weil Innerlichkeit unser Innerstes betrift, kommt dessen Ausprägung in zwischenmenschlichen Beziehungen zum Tragen. Dieser Spross der Innerlichkeit könnte wohl das Innige in einer Beziehung sein.



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Werner

Beitrag von Werner » Sonntag 23. Oktober 2005, 17:47

Natürlich ist „Empathie“ ein Wert der gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann, nicht nur als Voraussetzung für „Mitleid“ und „Nächstenliebe“ sondern auch für „Mitfreude“, für „Sympathie“, für die Möglichkeit Freundschaften zu gründen. Nur, bezweifele ich, dass Empathie in einer Lerneinheit vermittelt werden kann. Und an einer Kulturabhängigkeit mach ich auch nicht so recht glauben, an ausschließlich abendländische schon gar nicht.
Ursulas Verdacht dass dieser Wert nicht zufällig in diesem Kontext auftaucht, teile ich. Ob allerdings die Erhöhung der Geburtenrate wirklich ein gesellschaftlichnotwendiges Ziel ist?
(Mir selber kommt es nicht so vor).
„Innigkeit“ gehört meines Erachtens zu einer intimen menschlicher Grundausstattung und nur gesellschaftliche Verwerfungen können zu einer dauernden Unterdrückung dieser Fähigkeit führen.

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ellen
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Frage

Beitrag von ellen » Montag 24. Oktober 2005, 18:09

Ich möchte eine dumme Frage stellen: Wie ist denn dann, wenn Innerlichkeit ein europäischer Wert ist, dieser Wert definiert, was ist das europäische daran, gibt es das außerhalb Europas nicht und macht das am Ende auch, wenigstens ein Stückchen, die europäische Identität aus?
Das waren jetzt mehrere dumme Fragen, sorry.

Mir fällt in der Diskussion doch auf, daß ich nicht erfahre, was die Innerlichkeit eigentlich ist. Vielleicht geht das nicht, vielleicht müßte man mal Experten dazu befragen und bekäme auch keine Antwort. So drängt sich mir doch wieder, nach 2 Wochen Pause, die Frage auf, die auch schon einige von Euch gestellt haben - was hat das eigentlich mit europäischen Werten zu tun?

Warum ich die Fragen stelle: mir ist aufgefallen, daß dieses Thema irgendwie mehr und anders berührt, als andere. Oder irre ich mich? Mir scheint es geht uns wirklich um eine Sache, die uns schwer fällt zu benennen, weil sie ganz grundlegend ist. Etwa so wie das Grundverständnis ein/eine Europäer/-in zu sein. Kann man das benennen oder haben wir das einfach verinnerlicht?
Ellen

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Uwe Bartholl
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Ellens und unsere Fragen

Beitrag von Uwe Bartholl » Montag 24. Oktober 2005, 22:24

Innerlichkeit lässt sich nicht anders fassen, als wir sie hier vorfinden, bei Flasch und bei uns selbst. Es handelt sich um einen Erfahrungswert, der im Zusammenhang mit dem Wissen um das steht, was den Menschen ausmacht, sein Ich, sein Selbst, seine Seele, sein Herz, sein Innerstes. In dem Bezug zum Handeln erhält die Innerlichkeit ihren Wertausdruck. So wird sie missachtet, umgangen oder aber erkennbar als handlungsprägend. Das wird sowohl im Text als auch in den Beiträgen erkennbar.

Auf die Frage an uns selbst, wie wir es mit der Innerlichkeit halten, wie wir sie als prägend und sinngebend im Handeln erfahren, sind wir weitgehend stumm geblieben. Es wäre interessant und erhellend, darüber miteinander zu sprechen, wir würden wahrscheinlich jedoch uns immer nur nähern können.

Innerlichkeit als europäischen Wert zu erkennen, das fiel uns allen schwer. Flasch hat dazu 16 klein gedruckte Seiten benötigt, ohne uns zu überzeugen. Mir fehlt aber auch die Erfahrung, wie die Menschen anderer Kulturräume sich mit ihrem innersten Menschsein auseinandersetzen, um Innerlichkeit europäisch oder weltumspannend zu denken. Bei dem Grundverständnis EuropäerIn liegen die Dinge insofern anders, als es sich hierbei vorrangig um das Bewusstsein über Gemeinsamkeiten der historischen und religiösen Tradition handelt, wozu die Lektüre des Buches beitragen möchte.

Ursula

Substanzverlust

Beitrag von Ursula » Dienstag 25. Oktober 2005, 00:09

Uwes Vorschlag ist sicher nachvollziehbar, allerdings könnte ich persönlich von eigenen Erfahrungen nicht berichten, weil ich noch immer Probleme mit dem Begriff habe. Vielleicht bringen Ellens Fragen da weiter, d.h., entsprechende Antwortversuche:
Horst hat ja den Vorschlag gemacht, Innerlichkeit als das Verinnerlichte zu definieren. Der Vorschlag hat mich zunächst weitergebracht, inzwischen habe ich Zweifel, denn Innerlichkeit ausschließlich als Verinnerlichtes verstanden würde ja bedeuten, dass Innerlichkeit durch Erfahrung entsteht und in diesem Fall müsste es viele kulturabhängige Innerlichkeiten geben.
Werner definiert Innerlichkeit als menschliche Grundausstattung. Innerlichkeit so verstanden hätte etwas mit Identität. Substanz oder Wesenskern zu tun, wäre danach zunächst ein universeller Wert, der im Zusammenhang von „Anlage und Umwelt“ kulturspezifische Ausformungen zeigt. Auf dieser Grundlage wäre z.B. auch zu verstehen, dass zu allen Zeiten über den Verlust an Innerlichkeit oder Substanz gesprochen wird.
Nachfolgend deshalb einige nachdenkenswerte Überlegungen aus der Wissenschaft zu diesem Thema, die ich im Internet gefunden habe:

In seinem neuesten Buch „Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus“beschreibt Richard Sennett die zur „modernen Politökonomie“passende Subjektstruktur so: „Ein nachgiebiges Ich, eine Collage aus Fragmenten, die sich ständig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen öffnet - das sind die psychologischen Bedingungen, die der kurzfristigen, ungesicherten Arbeitserfahrung, flexiblen Institutionen, ständigen Risiken entsprechen“ (Sennett 1998, S. 182).

David Bosshart (1995) vom Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon bei Zürich meldete sich kürzlich mit einem Artikel Die Neuerfindung des Menschen zu Wort, indem er sich auf die aktuelle Identitätsforschung bezieht. Von dem alteuropäischen Personideal des durch "persönliche Tiefe" gekennzeichneten stabilen Charakters, das sich wohl noch immer in manchen Chefetagen hält, setzt er sich polemisch ab: "Sich persönlich fit zu machen wird nicht mehr heißen, ein starkes Ich zu entwickeln, sondern in virtuellen Beziehungen zu leben und multiple Identitäten zu pflegen. Das heißt: Ich setze nicht mehr auf einen persönlichen 'Kern' und suche ihn, sondern ich trainiere mir die Fähigkeit an, mich nicht mehr definitiv auf etwas festzulegen.
Damit bleibe ich fit für neue Wege. Metaphorisch gesprochen: Statt in die Tiefe gehe ich in die Breite. Ich werde zum Oberflächengestalter, ich gestalte mit meinen Stilen, torsohaften Charakteren und Identitäten Oberflächen. (...) Dreh- und Angelpunkt der persönlichen Fitness ist nicht mehr der Aufbau einer eigenen, stabilen Identität, sondern das Vermeiden des Festgelegtwerdens" (S. 147 f.)
Wenn meine Analyse auch nur einigermaßen stimmt, dann haben wir damitzu rechnen und klarzukommen, daß unsere Identitäten und Lebensentwürfe unter den Bedingungen postmoderner Lebensverhältnisse etwasunheilbar Bruchstück-, Flickenhaftes oder Fragmentarisches haben. Sollte man das auch noch schönreden?


Hrsg. Dr. Rudolf Kaehr, die Textkopie ist in privatem Besitz und darf nur als Interna des ICS benutzt werden.

Dieser Substanzverlust des Menschen, der die Wahrheit seiner Seele zur Wahrscheinlichkeit degradiert und die moralische Entscheidung unserer wesentlichsten Handlungen dem verantwortungslosen Einsatz im Glücksspiel gleichstellt, hat nichtsdestoweniger eine befreiende Wirkung. Er erlöst das Ich von dem Gewicht der historischen Tradition und von der Verpflichtung gegenüber aller bisherigen Geschichte. Das Leben verliert den erschütternden Ernst, den es in allen regionalen Hochkulturen gehabt hat, da es nirgends mehr in transzendente Hintergründe hinüberweist. Alle Spiritualität, von der der Mensch bis dato gezehrt hat, hat sich endgültig in der irdischen Existenz niedergelassen. Sie ist greifbar und erreichbar, weil sie sich nicht mehr als Wahrheit offenbart - und Offenbarung setzt ein Verborgenes voraus - sondern als Wahrscheinlichkeit zu empirischen Möglichkeit hinuntersinkt.

http://www.thinkartlab.com/pkl/substanz.htm

WernerT

Innerlichkeit

Beitrag von WernerT » Dienstag 25. Oktober 2005, 09:35

Wow, Ursula! Du hast uns da einen ganz schönen Brocken hingeschmissen. Vielen Dank, denn ich hege das gleiche Unbehagen gegen den Begriff „Innerlichkeit“, der mir stets mehr auf Kitsch als auf Substanz hinzuweisen scheint und obendrein ganz gewiss nicht europatypisch ist!

Ganz so weit wie du würde ich indessen nicht gehen. Das Fragmentarische heutiger Lebensentwürfe, die Beliebigkeit des Wahrscheinlichen als Ersatz für gültige Wahrheit halte ich für eine durchaus treffende Zustandsbeschreibung. Wenn wir jedoch hier über Werte diskutieren, dann reden wir nicht über Ist- sondern über Sollzustände, und da scheinen mir Wahrheiten nach wie vor nicht bedeutungslos. Auch wenn ich mit der Innerlichkeit nach wie vor meine Probleme habe, scheint sie mir doch etwas mit unserer Suche nach Wahrheit im Sinne von Erkenntnis und Ethik zu tun zu haben. Aber ob sie deswegen ein Wert ist, noch dazu ein europäischer…?

Horst Glameyer
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Innerlichkeit

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 25. Oktober 2005, 12:18

Was könnte an dem Begriff „Innerlichkeit“ europäisch sein? In Europa steht er mit dem Christentum in enger Verbindung und reicht vom Hl. Augustinus (5. Jh.) über den Mystiker Meister Eckhart (13./14. Jh.) bis zum Pietismus (seit dem 17. Jh.). Goethe berichtet in „Dichtung und Wahrheit“ von einer Pietistin, die er sehr verehrte und als „schöne Seele“ bezeichnet. Die Innerlichkeit hat demnach in Europa eine über die Jahrhunderte reichende Tradition und war zugleich ein Ausdruck tiefer Frömmigkeit. Mithin stellte sie in religiösem Sinne einen kulturellen Wert dar, der allerdings nie unumstritten war, weil sich die so verstandene Innerlichkeit häufig von der Welt abwandte. Etwa um die Wende vom 19. zum 20. Jh. traten in Europa hinduistische Lehrer auf, die u.a. eine Verbindung zwischen östlicher Religiosität und dem Christentum herzustellen versuchten und Medtitationstechniken lehrten, mit deren Hilfe der Mensch in seine „Mitte“ zurück finden kann, d.h. in sein Inneres bzw. zur Innerlichkeit. Mittlerweile sind diese Praktiken verschiedener fernöstlicher Religionen in Europa und den USA sehr verbreitet. Der Grund dafür liegt vermutlich in dem zunehmend von materialistischem Denken beherrschten Alltag, der vielen Menschen sinnentleert erscheint. So wurde auf der Suche nach einem Lebenssinn, dem wahren Sein, auf dem Umweg über fernöstliche religiöse Vorstellungen die Innerlichkeit wiederentdeckt, die ursprünglich auch ein europäischer Wert war.

WernerT

Innerlichkeit

Beitrag von WernerT » Dienstag 25. Oktober 2005, 14:25

Ellen hat so schöne „dumme Fragen“ gestellt, etwas verkürzt: 1. Wie ist denn der Wert Innerlichkeit definiert? und 2. Was ist das europäische daran?

Ich neige dazu, der Innerlichkeit den Charakter eines Wertes überhaupt zu versagen. Werte sind Richtmarken für unser Handeln. Dagegen ist Innerlichkeit etwas, wovon andere zunächst einmal nichts haben (siehe unsere Diskussion über Martha und Maria). Dass aus Innerlichkeit, aus dem Versenken in mich selbst, vielleicht auch aus meiner Religiosität Werte entstehen können, etwa im Sinne einer Hinwendung zu Wahrheit, Menschlichkeit, Opferwille oder was immer, sei unbestritten. Sie selbst aber hat für niemanden außer dem „Verinnerlichenden“ selbst einen Wert.

Frage: Ist sie nicht eher eine Art Charakterzug, gebunden an eine Person, etwa so wie Wissensdurst oder Tatendrang?

Spezifisch europäisch finde ich so gut wie gar nichts an der ihr, umso weniger, als, wie Horst anmerkt, wesentliche Impulse zum Versenken in die Innerlichkeit aus dem mittleren und fernen Osten gekommen sind.

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Dienstag 25. Oktober 2005, 17:40

"Voraussetzung für Innerlichkeit ist Muße." Stand das so oder so ähnlich bei Werner? Stimmt wohl, und ich habe mit Bewunderung und Respekt die bisherigen Äußerungen nachgelesen und bin beeindruckt von der lebendigen und anregenden Forumsdebatte, für die mir bisher eben jene Muße noch fehlte. Jetzt will ich mir sie geben oder nehmen, wie auch immer.
Ich halte "Innerlichkeit" zwar nicht für ein spezifisch europäisches, vielleicht jedoch eher schon für ein Alters-Thema und belege das mal mit einem Zitat, das ich bei Riemann/Kleespies ("Die Kunst des Alterns") fand: "Das führt uns zu einer weiteren Alterstugend, zu der Fähigkeit des Transzendierens, also der Ausweitung unserer Ichgrenzen ins Überpersönliche. Ob das in einer religiösen Form geschieht, ob über die Erkenntnis, über mystische Erlebnisse, über die Meditation oder eine große Liebe - das Erleben des Transzendierens gehört wohl zu den schönsten Werten des Alters." Und kurz darauf: "Solche Selbstvergessenheit macht uns durchlässig für Erlebnisse, zu denen wir sonst keinen Zugang haben - die Mystik weiß am meisten hierüber zu sagen, auch über die Erschütterungen und Beglückungen, die in solchem Erleben liegen können. Es geht um die Ausweitung unseres Bewußtseins durch Selbstvergessenheit, um das Transzendieren, um jene Ausweitung der Grenzen unserer Individualität in ein Umfassenders, Überpersönliches." (Sage natürlich niemand, dass solches Transzendieren nicht auch in jungen Jahren "passieren" kann.)
Innerlichkeit und Selbstvergessenheit, solche Wege nach innen, entstehen offenbar oft auch - historisch gesehen - eher am Rande der Religionen, sind nichts theologisch Rationales, sondern eben eher mystisch, ob bei den Juden und Christen (wie u.a. auch bei Meister Eckhart) bei den Sufis, im Zen-Buddhismus, Hinduismus oder Taoismus.
Transzendieren - Aufgeben von Dualismus, der Ichgrenzen (s.o.) - verschafft vermutlich Erfahrungschancen, die sich umfassend nicht via Ratio erklären und herbeiführen lassen. Ich meine auch, dass deshalb Ziel-, Zweck- und Nutzenüberlegungen beim Umsetzen solcher "Innerlichkeiten" in Handeln den geistigen Kern nicht treffen. Und dass auch westliches Psychologisieren da nicht groß weiter hilft. Ja, ich habe die etwas abfälligen Kommentare - Irrationalismus, Mystifizieren, Esoterik, Gefühligkeit, Rührseligkeit - bei Werner et al durchaus registriert. Und frage mich, ob wir uns nicht mit solchen aufklärerischen Vor-Urteilen eben solche Erfahrungs- und Wirklichkeitschancen von vorn herein abschneiden. Und es stimmt wohl auch, dass es schwierig bis unmöglich ist, davon in logischen Kategorien zu reden und darüber konkret zu schreiben. Deshalb gehen dann auch vermutlich die Appelle von Uwe an uns, zu berichten, "wie wir es selbst mit der Innerlichkeit halten" ziemlich ins Leere. Es geht da wohl dann eher um (spirituelle) Praxis als um schlauen Intelektualismen darüber. Und worüber ich einerseits nicht reden kann, darüber soll ich halt schweigen - meint ein Klügerer. Vielleicht sind wir Europäer im Kontext Innerlichkeit doch eher Verhinderer solcher Einsichten? :?:
Dass "Innerlichkeit" in diesem Sinne andererseits ethische Konsequenzen haben und zu Empathie, Mitgefühl und Gleichmut führen kann, ist vermutlich eine andere geistige "Baustelle".

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ellen
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Beitrag von ellen » Donnerstag 27. Oktober 2005, 19:27

Eigentlich hätte ich zu dem Thema noch etwas auf dem Herzen. Ich habe mich ein bißchen umgeschaut und bin immer wieder auf die Mystik gestoßen. Das ist was urdeutsches, aber europäisch. Vielleicht eine europäische Geisteshaltung? Ich fürchte man müßte mehr über Mystik und Mittelalter nachdenken. Herr Flasch hat das anderweitig schon anders und intensiver gemacht
Dann aber kommen auch Hegel, Goethe und Kierkegaard in den Dunstkreis.
In dem Umkreis habe ich gelesen: "... diese Innerlichkeit, der alle Begegnungen mit Fremden letzthin zu Weisen der Selbstbegegnung werden ..."

Im philosophischen Wörterbuch fand ich auch dies: I. ist religös und politisch deutbar - 1. persönlich verantwortetes Verhältnis zu Gott und 2. Bewahrung der inneren Freiheit (des Denkens, Glaubens, Gewissens) bei verwehrten Rechten oder politischen Mitsprachemöglichkeiten

Ich weiß noch nicht, ob ich I. keinen Ert zuschreiben möchte. Bezogen auf die Mystik darf man nicht vergessen, daß es zu jener Zeit auch die Not der Abkehr vom übermäßigen, gottabgewandten Leben gab. Aber die Ursachen für die Mystik liegen etwas komplizierter.
Ich denke späterhin bekommt die I. einen Sinn, den wir sehrwohl als Wert begreifen können - sich auf sich selbst zurückziehen , um mit neuer Gewissheit der Welt zu begegnen (s.o). Vielleicht etwas rudimentär, aber ich werde mich weiter Mühen.
Ellen

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Uwe Bartholl
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Mit innerlichen Grüßen ...

Beitrag von Uwe Bartholl » Freitag 28. Oktober 2005, 20:22

In der Hamburger Inszenierung von Faust I trifft Faust auf ein sehr selbstbewusstes Gretjen. Auf die Frage, glaubst du an Gott, lässt sie sich nicht abspeisen mit dem Redeschwall von Faust. Sie insistiert in eskalierender Heftigkeit, desgleichen Faust. Drei Mal wird der gleiche Text bis zur physischen Erschöpfung durchlebt. Wenn wir auch wohl physisch nicht erschöpft sind von unserer Diskussion mit „Innerlichkeit“, so berühren wir hiermit offenbar letzte oder erste Fragen unseres Menschseins. Es bleibt ein Ringen um Erkenntnis und Begnügen mit Näherungswerten. Oder aber, die Frage bleibt offen.

Auch die letzten Beiträge lassen erkennen, das Flasch aus gutem Grund fordert, die Beschäftigung mit der Innerlichkeit nicht aufzugeben, sondern ihr hohe Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen. Für ihn besteht kein Zweifel, dass die sich daraus ergebenden Erkenntnisse in gute Handlungen einmünden. Wenn es um derartige Wertungen geht, landen wir schnell bei Augustinus oder unserem religiös geprägten Wertekanon. Was wir auch anstellen mit Innerlichkeit, unsere anderen kulturellen Werte schwingen mit. Aber, diesen Wert allein als europäisch zu markieren, das gelingt, wie aufgezeigt, wohl nur auf Grund der christlichen Tradition.
Die Wege nach Innen aus anderen Kulturen, wie sie erst in der Neuzeit auf ständig steigendes Interesse stoßen, haben geradezu einen Markt entstehen lassen. Dieser lässt die Sehnsucht nach dem eigenen Kern und dem der Welt erkennen. Das authentische Sein erlebt Hochkonjunktur. Der Weg der Erkenntnis führt dabei letzten Endes nach Innen. Die Bastelei eines Scheins in der virtuellen Welt, bei dem der Mensch diesen heiklen Fragen bequem aus dem Wege zu gehen meint, er führt ins Seelenlose.

Ich möchte mich mit diesen Gedanken als Moderator von euch verabschieden. Gedanklich sehr reiche 4 Wochen habe ich mit euch verbracht und danke euch herzlich dafür. Mir wird etwas fehlen. Innerlichkeit, so wurde angemerkt, hat auch etwas mit Beziehung, Begegnung zu tun. Das ist hier der Fall gewesen.
Mit innerlichen Grüßen, Uwe
Zuletzt geändert von Uwe Bartholl am Montag 31. Oktober 2005, 16:28, insgesamt 2-mal geändert.

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Beitrag von Erna » Samstag 29. Oktober 2005, 12:30

Obwohl Uwe schon eine Zusammenfassung geschrieben hat, möchte ich noch einmal auf die Aussage von Ellen zur Mystik kommen. Mystik ist nichts Deutsches und auch nichts Europäisches. Im Islam gibt es die Mystik in starker Form. Am stärksten war sie im Mittelalter, das so bekannte Mystiker wie Yunus Emre, Haci Bektasch Veli, Celaleddin Rumi und noch einige andere, hervorgebracht hat. Das erstaunliche ist, dass diese Mystiker in der Bevölkerung heute noch bekannt sind, dass Gedichte und Schriften in den Schulbüchern stehen. Die islamische Mystik oder der Sufismus hat auch seine Auswirkungen auf Europa gehabt.
Trotzdem - bin ich der Ansicht, dass Innerlichkeit kulturspezifisch ist. Würden sonst andere Kulturen Tanz als Meditationsform haben?

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Keine Erwiderung

Beitrag von ellen » Montag 31. Oktober 2005, 11:59

Leider sind wir hier nun also mit unserer Diskussion am Ende - ich hätte gerne eine Erwiderung auf Erna geschrieben. Mir ist nur aufgefallen, wie tief man hinein kommt in europäische und nicht-europäische Geistesgeschichte und wie sehr man aufpassen muß, daß man heutigen Wissensstand nicht einfach auf voraus gegangene Zeiten und Epochen übertragen kann.

Vielleicht aber noch dies: laut Historisches Wörterbuch der Philosophie gibt es den Begriff der Innerlichkeit erst seit dem Ende des 18. Jh. - nicht in der Mystik des Mittelalters. Dort wurde der Begriff der Innigkeit verwendet und ist eigentlich nicht dasselbe.
Nun aber genug davon, es wartet das nächste Thema.

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