Wert der Innerlichkeit

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Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Admin » Montag 26. September 2005, 08:51

Wert der Innerlichkeit
Kurt Flasch

Moderation: Uwe Bartholl

Die Diskussion beginnt am 1.10.05

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Uwe Bartholl
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Eröffnung der Diskussionsrunde: Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Uwe Bartholl » Mittwoch 28. September 2005, 09:45

Mir geht es mit der Gesamtlektüre so: Ungemein spannend in den einzelnen Beiträgen, ungemein schwierig in der Aneignung, ungemein erhellend durch die Diskussion im Forum. Hier bin ich auf profundes Wissen gestoßen, dem ich gerne immer ein Dankeschön angehängt hätte. Lieber hätte ich durch Beiträge das Feld bereichert. Doch, und so denke ich, geht es auch manch anderen LeserInnen, will mir nicht einfallen, was mein Beitrag sein könnte.

Mein Beitrag in diesem Abschnitt ist, die sich eröffnende Diskussion in den Blick zu nehmen und zu hoffen und anzuregen, dass durch Beiträge sich der Weg nach Innen und wieder heraus dahingehend erhellt, dass er im Heute verortet erscheint. Denn Kurt Flasch lässt keinen Zweifel daran: Innerlichkeit ist ein Wert an sich und ein Element der europäischen Identität. Und er mahnt: Dieser Wert ist heute aufs äußerste bedroht. Also, was tun zur Erhaltung oder Wiederbelebung?

Und warum? Ein Blick auf das, was Gehirnforscher entdecken, ist alles eine Sache von Neuronen und Synapsen. „Wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun“ formuliert der Psychologe Wolfgang Prinz. Die Erklärung unseres Tuns erfolgt erst, wenn die Handlung schon eingeleitet ist. Der freie Wille wird aberkannt. Was hilft es da, mein Inneres zu erforschen, um aus dem Hort der Wahrheit (Augustinus) heraus des Beste zu wirken?

Mich interessiert – und ich hoffe euch auch -, wie Mitmenschen Innerlichkeit aufspüren, welchen Stellenwert Innerlichkeit für ihre Handlungsorientierung hat. Das liegt den 3 von mir zur Diskussion empfohlenen Fragen zu Grunde. Ich wiederhole sie hier in etwas veränderter Formulierung:

1. Innerlichkeit, ein schillernder Begriff? Wie lässt er sich für dich fassen?
2. Ist der Gang nach Innen eine notwendige Voraussetzung zur Gewinnung von Wertvorstellungen und dazu, diese zu leben?
3. In wie weit ist hier mit der Auslegung der Geschichte von Maria und Martha eine Deutung erfolgt, die zwecksbestimmt der einseitigen Hinwendung zur Innerlichkeit eine Absage erteilt.

Für Anregungen und Hilfestellungen bin ich jederzeit sehr dankbar.
Ich freue mich auf eure Beiträge und verbleibe mit innerlichen Grüßen. Uwe

MariaGM
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Beitrag von MariaGM » Mittwoch 28. September 2005, 17:48

Beim Lesen der Überschrift hatte ich spontan den Gedanken:
Sicher ist die Innerlichkeit in unserer auf Erfolg und Aktivität ausgerichteten Welt heute in Gefahr.
Nach intensiverem Lesen und durch Uwes Beitrag bin ich unsicher geworden. Es leuchtet mir ein, dass das „Problem Innen – Außen“ nicht so einfach nur als Gegensatz zu sehen ist.
Ich wiederhole ein Zitat aus der Zusammenfassung:
Dem Inneren, das sich in dem Gegensatz zum Äußeren versteift, fehlt die Kraft zur Entäußerung, zum Wirken auf das Beste hin.
Wir brauchen also beides.
Dabei stellt sich sofort die Frage: Wie, in welchem Maße? Wie merke ich, wenn das eine zu stark überwiegt?
Flasch hat gezeigt, dass bei der Antwort die Zeit eine wesentliche Rolle spielt. Er betrachtet nicht einen Zustand, sondern den geschichtlich-intellektuellen Prozess in seinem Ablauf. Hier wechseln sich die beiden Pole immer wieder ab. Der Aufwertung des Außen folgt die Innenflucht. So war es seit 2000 Jahren.

Ich frage mich, ob wir nicht heute in unserer schnelllebigen Welt beide Tendenzen nebeneinander haben, ob Europa nicht so zerrissen ist, dass es hier keine einheitlichen Werte mehr hat.
Auf der einen Seite: Materialismus, Erfolgsstreben, Flucht in Aktivitäten, Rann nach Vergnügen usw.
Auf der andern Seite: Suche nach Innerlichkeit, Erfolge der Sekten, Anziehungskraft östlicher Weltanschauungen usw.

Noch eine Idee, die mir beim Lesen gekommen ist:
Könnte es sein, dass nicht nur die Epochen zu verschiedenen Antworten gekommen sind, sondern auch jeder Einzelne eine entsprechende Entwicklung durchmacht?
Ein Kind lebt zunächst die Innerlichkeit, es hängt nicht von den Urteilen der Umgebung ab, das einzige, was es zunächst braucht, ist Liebe und Zuwendung.
Später wird es gezwungen, seine Umwelt wahrzunehmen und sich ihren Anforderungen zu beugen. Es können immer wieder Zeiten kommen, in denen der Mensch sich nach Innen wendet. Aber, wenn er Erfolg haben will, muss er die Außenwelt wahrnehmen und sie mitgestallten.

Wie ist es, wenn wir aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden?
Haben wir da nicht die Zeit und die Chance, die Innerlichkeit neu zu entdecken?
Zur Erinnerung: Die Wahrheit wohnt im Innern des Menschen!

Ursula

Beitrag von Ursula » Samstag 1. Oktober 2005, 00:01

Wenn ich Kurt Flach richtig verstanden habe führt der Weg zur Wahrheit zunächst in die Innerlichkeit. Der Weg scheint nicht ungefährlich denn das dabei gewonnene Bewusstsein kann zum „bloßen Selbstbewusstsein“verkümmern, wenn es in der „Innerlichkeit“ stecken bleibt. „Es fehlt ihm die Kraft sich zum Dinge zu machen und das Seyn zu ertragen.“ (vgl. Flasch S. 234) „Das wirklich weise Leben besteht nicht im kontemplativen Genuß, sondern in der Hinordnung des äußeren Wirkens auf das Beste, das wir wissen, das die Liebe fordert.“ (vgl. Flasch S. 233) Martha hat diese höchste Erkenntnisstufe schon erreicht (sie kümmert sich um das leibliche Wohl des Herrn), Maria ist noch auf dem Wege, aber mit dem „Herrn“ ist sich der Autor sicher, dass auch sie das höchste Ziel erreichen wird.
Woher kommt diese Sicherheit? Könnte es sein, dass die Psychoanalyse verdrängte Werte oder angeborene Ideen ins Bewusstsein bringen kann?

Clemens

Geschichte und Gedanken

Beitrag von Clemens » Samstag 1. Oktober 2005, 16:40

Ich möchte gerne mitdiskutieren, weil mich das Thema interessiert. Etwas zögerlich mische ich mich ein, weil mir doch ein wenig Hintergrundwissen fehlt. Trotzdem will ich es aber versuchen.
Ich fand Uwes einführende Worte hilfreich, mich dieser Thematik vorsichtig zu nähern. Nachdem ich Vorwort und Einleitung des Buches von Hans Joas gelesen hatte, immerhin bis Seite 39, wußte ich nicht, ob ich alles verstanden hatte. Sie erneut zu lesen, hatte ich wenig Lust – ich bin ein schlechter Leser! Beim erneuten Durchlesen des Inhaltsverzeichnisses dann sprach mich der Beitrag von Kurt Flasch „Wert der Innerlichkeit“ jedoch irgendwie an....und Europa sowieso.

Ein Satz (S.225) wirkte irgendwie elektrisierend auf mich: “Sie sah, daß Maria schwelgte in Lust zur vollen Genüge ihrer Seele.“ Warum, weiß ich nicht genau? Vielleicht entdeckt es der Philosoph?

Aber, ist es eigentlich nicht umgekehrt? Ist es nicht schön, wenn jemand mit sich im Inneren eins ist? Und daraus die Kraft und den Willen entwickelt, sich mit all den äußeren Einflüssen – das heißt mit dem realen Leben - zu beschäftigen, das Leben überhaupt erst anzunehmen? Wie froh wäre mancher in der heutigen Zeit, mit sich und seinem Inneren eins zu sein! Warum also ist Martha die Vollkommenere? Weil sie dieses Stadium (von Maria) schon durchlebt und verinnerlicht hat?

Der Wert der (neuen) Innerlichkeit beschreibt vielleicht auch ein wenig Pessimismus, vielleicht auch Pessimismus in die Zukunft, ohne Fortschritt und ohne die Kraft der Geschichte, aus der wir (Europäer) doch unseren Motor am Laufen halten (sollten).
Der Autor und Philosoph Kurt Flasch fordert auch indirekt dazu auf, darüber nachzudenken, dass das Philosophieren nicht Selbstzweck ist, sondern dass Gedanken (das Innere) aus realen Prozessen (Äußeres) erwachsen. Das - meint er - in besonderem aus historischen Prozessen. Damit sind wir bei den wechselseitigen Verknüpfungen von Geschichte und Gedanken. Der Philosoph animiert, sich der (aktuellen) Probleme anzunehmen.

All dies reflektiert in mir, wenn ich den Satz lese: “Sie sah, daß Maria schwelgte in Lust zur vollen Genüge ihrer Seele.“
Herzlich Clemens

Horst Glameyer
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Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Horst Glameyer » Montag 3. Oktober 2005, 19:07

Innerlichkeit setzt m.E. voraus, dass zuvor etwas verinnerlicht worden ist, an das wir uns während des Lebens im Denken und Handeln halten können. Das sind Wertmaßstäbe, seien sie religiöser oder philosophischer Herkunft, die uns helfen, zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch unterscheiden zu können. Kinder sind aufmerksame Beobachter und stellen rasch fest, ob das, was Eltern, Lehrer und sonstige Erzieher ihnen an Verhaltensrichtlinien oft mit vielen Worten vermitteln, auch deren erkennbarem Tun entspricht. Ist das gar zu widersprüchlich, wird Innerlichkeit für sie später zu einem schillernden Begriff.

Erst wenn die richtungsweisenden Grundlagen, z.B. zur Unterscheidung von Recht und Unrecht, gelegt worden sind, ist es möglich, durch Rückbesinnung auf das Verinnerlichte im täglichen Leben vielfältige Entscheidungen zu treffen, die im Sinne von Sokrates sowohl für uns selbst als auch für die Gemeinschaft, in der wir leben, von Nutzen sind.

Sich allein Idealvorstellungen hinzugeben, denen wir im Innern nachgehen, ohne uns mit dem Alltagsgeschehen auseinanderzusetzen und zu erkennen, dass die Durchsetzung dieser Ideale keineswegs immer das Beste für uns und andere ist, kann rasch zur Weltfremdheit führen. Mithin ist die einseitige Hinwendung zur Innerlichkeit nicht empfehlenswert, weil sie u.U. aus Enttäuschung in einer Weltflucht endet.

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Uwe Bartholl
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Moderationsbeitrag 04.10.2005

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 4. Oktober 2005, 17:25

Liebe Diskussionsteilnehmer und Diskussionsteilnehmerinnen,
eure Beiträge lassen erkennen, wie hilfreich es wäre, jedem eurer Gedanken wiederum gemeinsam nachzugehen. Ich unternehme hier den Versuch, zusammenzufassen und in eine neue Frage münden zu lassen, was bedacht wurde. Bitte, nennt auch ihr Fragestellungen, auf die ihr ein Echo erwartet. Ich könnte, wie in einer realen Diskussionsrunde, diese Fragen sammeln, eventuell bündeln und uns zur Antwortfindung erneut vorlegen.

Wir kommen wohl nicht daran vorbei, den Wert der Innerlichkeit in eigenem Lebensvollzug auszumachen und darüber Aussagen auf dem Hintergrund des Textes zu formulieren. Innerlichkeit setzt, wie Horst meint, voraus, dass zuvor etwas verinnerlicht wurde. Augustinus sagt jedoch, im Inneren ist vorhanden, was die notwendigen Kriterien für die Bewertung der sinnlichen Welt liefert (S.222). "Hier allein ist die Wahrheit, d.h. die unwandelbare Norm der Außendinge." Frage: Was entspricht meiner Erfahrungswelt? (siehe unten)

Dabei, so die bisherigen Beiträge, herrscht die Sichtweise vor, Innerlichkeit zu pflegen ohne Rückbezug auf das Wirken in der Welt ist sinnlos. Es nährt die eigene Lust zwar, doch verglüht dort. Innerlichkeit als Wert hat Nutzenbezug zur Schöpfung. Was immer das ist, diese Innerlichkeit, sie gewinnt erst ihren Wert im Handlungsvollzug.

Maria B. fragt, wie finde ich die Balance im Innen-Außenbezug meiner selbst? Wohl nur im aufmerksamen Befragen dessen, was ich tue. Ursula warnt bei der Erkundung des Inneren vor der Gefahr, Täuschungen aufzusitzen, Horst sieht die Bedrohung der Wahrheitsfindung durch sich festsetzende Idealvorstellungen. Auch die Erzählung von Maria und Martha und deren Interpretation macht deutlich, hilfreich könnte sein, uns selbst nach Erfahrungen mit unserem Inneren zu befragen. Deshalb:
· Gibt es Erfahrungen mit der eigenen Innerlichkeit – im Kontext der Diskussion -, die weiterhelfen könnten?
· Wie sorgst du für Einsicht, Wahrheit und für deine Seele, dass es ihr am besten gehe? (Nach Sokrates, S. 221)
Mit innerlichen Grüßen, Uwe

RenateBowen
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Innerlichkeit

Beitrag von RenateBowen » Dienstag 4. Oktober 2005, 19:57

Bei dem Thema der Innerlichkeit als ein Teil, der Betrachtung über die kulturellen Werte Europas, habe ich eine kritische Darstellung erwartet, die diesen Wert in Gefahr sieht. Auf das hohe Lied der Innerlichkeit und eine heftige Kritik an unserer Geschäftigkeit war ich eingestellt.

Meister Eckhards Ausführungen über innere Kontemplation und dem Äußeren, dem Handeln am Beispiel von Maria und Martha hat mich mit ganz neuen Gedanken vertraut gemacht. Es gibt ein Maß auch für die Hinwendung nach Innen. Der Mensch kann zu Erkenntnissen gelangen oder sich verlieren in Sehnsüchten und Erwartungen. Er kann auch in Depressionen fallen. „Eine Sache schafft den Menschen Kummer, wenn er in Sorge versinkt und in ihr lebt.“ Es wird klar, dass man den Wert der Innerlichkeit als auch den Wert des „Tuns“ differenziert sehen muss. Hinwendung zu der Erfüllung von Aufgaben, auch manueller Art ist nicht gleich Geschäftigkeit.

Wie Maria in ihrem Beitrag erwähnt, haben wir nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben mehr Zeit nach innen zu schauen. Uns gefällt die Beteiligung an diesem Projekt sicherlich auch deshalb, weil wir gerne reflektieren und nach innen schauen. Für mich ist das Optimale der Wechsel von der Geschäftigkeit zur Innerlichkeit. „Leben ist selbstbezogener Vollzug, Leben ist Übung, Leben ist Aus-sich-Herausgehen und Zu-sich-Zurückkommen.“

Nun noch etwas Persönliches, bei einem Schweigeseminar von 10 Tagen mit Meditationsstunden ohne Ende erzählte mir ein Teilnehmer, ein Psychologe, von seinen Erfahrungen. Er war der Meinung, dass durch das Versenken eine Verbindung zum Unbewussten hergestellt werden kann. Das war wohl auch Ursulas Vermutung.

Horst Glameyer
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Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 5. Oktober 2005, 14:03

Nach Augustinus ist die Wahrheit im Innern des Menschen bereits angelegt, sodass er nur den Weg der Innerlichkeit zu gehen braucht, um die rechten Antworten auf seine Fragen zu erhalten, wie er sich im Leben richtig verhalten soll.
Ich will nicht ausschließen, dass diese Wahrheit vielen Menschen angeboren oder ererbt sein könnte. Das ist eine Glaubensfrage. Unerklärlich bleiben dann jedoch die zahlreichen Verstöße gegen diese Wahrheit, die das Gute im Menschen verkörpert.
Im Christentum ist es gebräuchlich, Säuglinge durch die Taufe in die Glaubensgemeinschaft aufzunehmen. Luther sagt dazu in seinem Katechismus: „Wer aber nicht glaubt, dem nützet die Taufe nichts.“ Ihm müssen demnach erst die Glaubensinhalte vermittelt werden, damit er sie verinnerlichen oder ablehnen kann. Folglich tritt der Mensch zunächst unwissend ins Leben, und erst die Erziehung macht ihn zu einem gläubigen oder ungläubigen Menschen, entsprechend der Gemeinschaft, in die er hinein geboren wird. Selbstverständlich können sich seine Vorstellungen im Laufe des Lebens in die eine oder andere Richtung hin verändern, sonst wären Religionsgemeinschaften nicht darauf bedacht, Menschen durch Mission zu ihrem Glauben und zu ihren Wertvorstellungen zu bekehren.
Je nachdem, in welchem Umwelt er aufwächst, wird er positive Werte oder schädliche Verhaltensweisen verinnerlichen, anders lassen sich Verbrechen, Völkermord und vieles mehr kaum erklären; denn sonst müsste er allein durch den Weg in die Innerlichkeit und zu der in ihm angelegten Wahrheit davor zurückschrecken.

Werner

Innerlichkeit?

Beitrag von Werner » Mittwoch 5. Oktober 2005, 16:55

Es tut mir leid, ich habe Schwierigkeiten mich diesem Thema zu nähern.
Innerlichkeit, ein Begriff, dessen Wortumfeld derart unbestimmt, ja die ganze Skala positiver wie negativer Bedeutungen zulässt, muss in einer Diskussion zu Irritationen führen.
lt. Duden Band 8, Die sinn- und sachverwandten Wörter
Wortfeld Innerlichkeit über Empfindsam =
Sensibilität, Innerlichkeit, Gemütstiefe, Gemütshaftigkeit, Sensitivität, Überempfindlichkeit, Verletzlichkeit, Verletzbarkeit, Empfindlichkeit, Feinfühligkeit;
-> Achillesferse, -> Rührseligkeit, -> Verwundbarkeit, -> Zimperlichkeit;
Die Fähigkeit und die Möglichkeit auf seine autonome Befindlichkeit zu hören, muß ein jeder sich selbst erarbeiten. Wohl dem, dem dies durch liebevolle Eltern und günstige Lebensumstände ermöglicht wurde.
Heute las ich einen Zeitungsartikel, der sich mit dem Schicksal eines Langzeitargeitslosen befasste. Die Aussage des Betroffenen: "Morgens wach werden und nicht wissen wie man den Tag umkriegt", scheint mir darauf hinzuweisen, dass da einer durch die ganze Pallette von Erziehung und Bildung geschleust wurde ohne das ihm die Fähigkeit zum Reflekieren, die Bedeutung von Sinngebung vermittelt worden wäre.

WernerT

Gefühligkeit

Beitrag von WernerT » Mittwoch 5. Oktober 2005, 19:12

Werners Begriff "Rührseligkeit" bringt mich auf eine neue Fährte: Mit Innerlichkeit assoziiere ich Spitzweg und Weihnachtsbilder vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Hauch also von Gefühligkeit. Insofern scheint mir die Übereinstimmung in unserer Diskussion, nämlich eindeutig Martha gegenüber Maria den Vorzug zu geben, ein Ausdruck gemeinsamen Unbehagens.

Bei Martha gesellt sich der reinen Innerlichkeit, die sich selbst genügt, die Tat als Wirken nach außen bei. Daran aber scheint mir noch ein weiteres Element beteiligt: die Ratio.

So wie wir die Innerlichkeit bisher diskutiert haben, erscheint sie vorwiegend von der Gefühlswelt bestimmt. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen, denn Gefühle sind eng mit unseren Wertvorstellungen verknüpft und so für unser Handeln unabdingbar. Überlassen wir die Gefühle aber sich selbst, besteht die große Gefahr, dass sie in Irrationalismus abgleiten. Der aber ist stets gefährlich, weil unberechenbar. Tendenzen dieser Art sind auch heute zu beobachten, nicht nur in Astrologie, Esoterik oder Naturseligkeit, sondern auch in Fremdenfurcht und Europamüdigkeit.

Wollen wir von der gefühlsmäßigen Intention zu sinnvollem Handeln kommen, ist es allein die Ratio, die unterscheiden kann, welche Vorschläge unserer Gefühle wir akzeptieren können oder nicht.

Clemens

Ratio

Beitrag von Clemens » Donnerstag 6. Oktober 2005, 09:17

Den Gedanken von Werner T. kann ich folgen. Ich denke, dass "ratio" der richtige, oder besser ein wichtiger Begriff ist, das "Innen" und "Außen" zu verbinden/ überbrücken.
Clemens

Erna
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Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Beitrag von Erna » Samstag 8. Oktober 2005, 11:34

Was ich zur Innerlichkeit gefunden habe:

Innerlichkeit

In der Philosophie Bezeichnung für die dem Ich zugehörigen Bereiche von Geist und Bewusstsein, subjektiver Veranlagungen, Gedanken und Emotionen.

In der Antike manifestierte sich die Betonung der Innerlichkeit in der Ataraxie (Unerschütterlichkeit) des Weisen, dessen Wissen, Tugend und Glückseligkeit in ihm selbst beruht und den die Welt nicht kümmert. So galt etwa das Streben der Stoiker und Epikureer der innerlichen Vereinzelung der Individuen und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber allgemeinen Zwecken.

Spätestens in der religiös motivierten Philosophie und Mystik des Mittelalters kam der weltabgewandten Innerlichkeit im Sinne einer kontemplativen Gottesschau erneut eine zentrale Bedeutung zu, die nicht zuletzt in der klösterlichen Klausur ihren Ausdruck fand. Augustinus gemahnte den Suchenden in seiner Schrift De vera religione zur Abkehr von der Außenwelt und zur Einkehr in das Innere seines Selbst, um jene Wahrheit zu finden, als deren Urgrund er Gott bezeichnet.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel lehnt die Innerlichkeit als bloß selbstgenießerische Sentimentalität ab und tritt für eine Vermittlung des subjektiven Inneren und des allgemeinen Äußeren ein. Für Søren Kierkegaard ist der Glaube an Gott und seine Menschwerdung allein ein Produkt subjektiver Vertiefung in die Innerlichkeit jenseits objektiver Gewissheit.

Verfasst von:
Roland Detsch



(© Microsoft ENCARTA®)

WernerT

Beitrag von WernerT » Samstag 8. Oktober 2005, 13:39

Ernas Fund ist interessant, weil er in unserem Beispiel Martha - Maria die Position Marias stärkt: In der Innerlichkeit liegt unser Weg zu Gott, oder, wenn wir die alten Philosophen betrachten, der Weg zur Seelenruhe.

Innerlichkeit allein kann ich aber auch in diesem Bezug nicht als Wert ansehen, dazu scheint sie mir zu ichbezogen. Die Frage ist also, was entsteht aus ihr? Welche daraus erwachsenen Werte verdankt Europa den Stoikern und Epikuräern einerseits und den Mönchen andererseits? Und zwar an heute noch gültigen Werten!

Eine weitere Frage wäre dann, inwieweit Innerlichkeit etwas ist, das - wenigstens in einer bestimmten Form - ausschließlich in Europa entstanden ist. Kontemplation ist sicher nicht auf das Christentum beschränkt, und jene alten Philosophen kann ich heute kaum noch als wertschöpferisch erkennen.

Auf den Punkt gebracht: Was hat die europäische Gesellschaft von der Innerlichkeit, das eine andere Gesellschaft nicht hätte? Ich weiß es nicht – wisst ihr’s?

Horst Glameyer
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Wert der Innerlichkeit

Beitrag von Horst Glameyer » Sonntag 9. Oktober 2005, 16:06

Innerlichkeit erfordert, wenigstens von Zeit zu Zeit innezuhalten, um in unserer sich rastlos beschleunigenden Welt einmal zu sich selbst zu kommen. Dazu bedarf es der Stille, die anscheinend von vielen gefürchtet wird und deshalb nahezu pausenlos, sei es daheim, im Auto oder mit dem Walkman im Ohr, übertönt wird. Gleichfalls sorgen die Medien mit ihren zahlreichen Unterhaltungs- und Werbesendungen für Ablenkung, damit möglichst wenig über den Sinn des Daseins und etwaige seelische Bedürfnisse nachgedacht wird. Ständiger Wettbewerb und Konsum können nicht den Lebenssinn ausmachen. Sie täuschen ‚Haben‘ als Lebensglück vor, das aber stets unbefriedigt bleibt, weil es keine Erfüllung bringt, sondern nach „Noch-mehr-haben“ verlangt. Zum „Sein“ hingegen führt der Weg über die Innerlichkeit, die Selbstbesinnung, die nur in der Stille erfahrbar ist.
Dazu schrieb schon Erich Fromm in „Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“.
Innerlichkeit findet sich in allen Religionen und Gesellschaften als Weg zum Ich und darüber hinaus zum Seinsgrund, dem Göttlichen, was immer der Einzelne darunter verstehen will. In unserer schnelllebigen, vorwiegend auf Gewinn bedachten Zeit, stellt m.E. Innerlichkeit auch in Europa einen Wert dar, der dazu verhilft, das rechte Maß im Denken und Handeln zu finden, ohne sich in bloßen Äußerlichkeiten zu verlieren und einem schillernden Glück nachzujagen.

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