Griechisch-römische Traditionen

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Erna
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Beitrag von Erna » Dienstag 13. September 2005, 17:42

Die letzten Beiträge zu diesem Artikel fand ich sehr interessant und habe mir auch den Artikel von A. Kokhaviv ausgedruckt, um ihn noch einmal in Ruhe zu lesen. Er schreibt, dass die westliche "Kultur" auf deren weitgehende Kulturlosigkeit, ihrer Indifferenz, ihrem Pluralismus besteht. Führt dies zu einem Verschwinden der Werte?
Ob Juden missioniert haben, weiß ich nicht, es scheint aber nicht so. Dass der Islam nicht missioniert hat, kann schon deswegen nicht stimmen, da er in 70 Jahren eine Ausdehnung erfahren hat, die von Ägypten bis weit nach Asien hineinreichte. Dass man nach der Eroberung der Territorien anders verfuhr, als die Christen ist sicher. Aber Steuern, gelbe Hüte, Knabenlese haben viele Menschen dazu gebracht, den Islam anzunehmen. Also war man auch nicht so tolerant, wie es heute erscheinen mag.

Helmut K.

Zweifelhafte Freiheiten

Beitrag von Helmut K. » Dienstag 13. September 2005, 18:20

"Kulturbildung aus Freiheit" ist für mich das richtige Stichwort, mit dem Christian Meier uns die sympathischen griechisch-römischen Traditionen beschreibt. Dass diese Freiheit sich auf eine privilegierte Schicht beschränkt, Privateigentum voraussetzt, Frauen ausschließt und auf Sklavenwirtschaft beruht: Das sind wohl die wesentlichen Einwände gegen dieses "idealisierte" Bild, das der Autor uns malt. Werner stellt am deutlichsten den Bezug zu heute her, finde ich, wenn er etwa auf die Befindlichkeit der arbeitenden Bevölkerung verweist (und wie wär's ergänzend mit der der Arbeitslosen?). Sind wir, die wir bequem vor unseren PCs philosophieren, nicht auch in einer solchen (privilegierten, elitären) Lebenssituation? Mich beschäftigt momentan (ziemlich mühsam) in diesem Kontext der "Weltinnenraum des Kapitals" von Peter Sloterdijk. Ist es nicht so, dass wir - die westlichen Privilegierten oder Globalisierungsgewinnler in diesem "Kristallpalast" - hier ein verschwenderisches, kultiviertes Leben nur führen können, weil wir die dreifache Anzahl der Erdbevölkerung davon aussperren (vulgo sie versklaven und deren Ressourcen "ausbeuten")? So wie die "ollen Griechen" Sklaven brauchten, um in der polis ihre demokratische Bürgerschaft, die Künste und die Muße zu kultivieren? :?:
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Werner

Beitrag von Werner » Mittwoch 14. September 2005, 10:44

Die „griechisch-römische Tradition“ hat es offensichtlich in sich; so viel Resonanz!
Und die Themenvielfalt! Demokratie, Religion, Freiheit, Toleranz.
Was war wie bei den Griechen angelegt? Was ist davon verfälscht oder unverfälscht
über die Römer auf uns gekommen?
Noch interessanter ist für mich jedoch die Frage welche Sicht wird uns durch die Beiträge des Bandes „Die kulturellen Werte Europas“ nahe gebracht?
Es wäre töricht, Denkweisen, die wir den griechischen Philosophen – Wissenschaftlern – verdanken, als nicht mehr wirkend zu bezeichnen. Aber ebenso töricht wäre es sie unreflektiert zu akzeptieren. Was ist von Sokrates, Platon und Aristoteles denn rübergekommen? Was Bildungsbürger daraus gelesen haben! Bestimmt nicht heute noch Winkelmanns „edle Einfalt, stille Größe“ unsere Vorstellung der griechischen Vergangenheit?
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass auch im klassischen Griechenland wie auch in Rom, sich nur wenige Menschen mit Philosophie befasst haben. Der von Helmut erwähnte Sloterdijk sagte in einer Fernsehdiskussion: „Wir wollen nicht vergessen, dass Philosophie nur im Luxus möglich ist“ (Sinngemäß, aber in etwa wörtlich).
Zu fragen bleibt dann aber noch, welche Ideen beeinflussten dann die Gesellschaft? Welche Institutionen verbreiteten sie? Mit welcher Zielsetzung? Was wurde zufällig oder berechnend zusammengeführt. Ein Zitat aus Bertrand Russels „Philosophie des Abendlandes“:
„Die katholische Kirche wurde aus drei verschiedenen Quellen gespeist. Ihre heilige Geschichte war jüdisch, ihre Theologie griechisch, ihre Verfassung und ihr kanonisches Recht waren zumindest mittelbar römisch.“
Und die Erkenntnis dürfte nicht nur für die Institution der katholischen Kirche gelten.

Nebenbei!
Eine treffende Schilderung der Traditionsvermittlung fand ich in einem Roman der niederländischen Schriftstellerin Conni Palmer.

»Jeder Kopf ist ein Archiv, und jeder Körper birgt Erinnerungen. [...] Sie sind von außen nach innen gelangt. Wir waren nie allein auf der Welt. Wir waren stets von anderen umgeben, die sich eingenistet haben mit ihren Worten, ihren Berührungen, ihren Dummheiten und ihrer Weisheit, mit ihren mitleidsvollen und ihren strafenden Blicken im Gedächtnis unseres Gehirns, unserer Haut und unserer Organe. Wir wurden geboren und lagen in der Wiege unter einer Decke aus Jahrtausenden von Geschichte, und wir hatten keine Möglichkeit, darunter hervorzukommen, ohne etwas davon zu wissen.«
[...] »Hab ich „Dummheiten“ gesagt?«
[...] »mach „Irrtümer“ draus«.

Tschuess
Werner R.

Erna
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Beitrag von Erna » Dienstag 11. Oktober 2005, 19:51

Gerade las ich noch einmal den Beitrag von Werner und das Zitat von C. Palmer, dass jeder Mensch unter einer Decke von Erinnerungen liegt. Man könnte noch hinzu fügen, selbst wenn die Decke gleich wäre, erinnertr doch jeder etwas anderes.
Natürlich hat auch Sloterdijk Recht, wenn er darauf hinweist, dass nur Reiche sich den Luxus der Philosophie leisten können, wahrscheinlich nicht nur das, sondern jegliche Literatur und Kunst. Damit will ich nicht sagen, dass Arme diese Dinge nicht haben, sondern sie beschäftigen sich mit ihnen nicht an sich, sondern immer in Verbindung mit "Erwerbsarbeit".
Was mir noch auffiel: Wir beschäftigen uns immer noch mit der Antike, wird sich irgend jemand in 2000 Jahren mal mit unserer Zeit beschäftigen? Und wenn, werden sie dann nicht auch fragen, warum hat man zu jener Zeit diese Frage oder jene überhaupt nicht gesehen?

Werner

Unsere nachkommen!

Beitrag von Werner » Mittwoch 12. Oktober 2005, 17:10

Hallo Erna,
gerade Heute las ich ein Aphorismus der lautete sinngemäß
Darwins Nachfolger: Irgendwann werden Wissenschaftler
feststellen, dass sie vom Menschen abstammen!
Das war ein Schock!
:roll:

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