Über die mittelalterlichen Wurzeln

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Über die mittelalterlichen Wurzeln

Beitrag von Admin » Montag 29. August 2005, 12:10

Wie Europa seine Vielfalt fand
Über die mittelalterlichen Wurzeln für die Pluralität der Werte
Michael Borgolte

Moderation: Ellen Salverius-Krökel

Die Diskussion beginnt ebenfalls am 1. September 05

Horst Glameyer
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Europäische Vielfalt

Beitrag von Horst Glameyer » Freitag 16. September 2005, 19:20

Entdeckte Europa erst im Mittelalter seine Vielfalt? Handelsbeziehungen innerhalb Europas und weit darüber hinaus gab es auch schon lange vor dem Mittelalter. Aber die europäische Vielfalt wurde vermutlich vielen Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten, wohl erst auf ihren Wallfahrten und auf den Pilgerzügen nach Jerusalem recht bewußt. In den bereits sehr früh eingerichteten Hospizen entlang der Pilgerstraßen lernten die Pilger Gleichgesinnte aus den verschiedenen Regionen Europas kennen. Unterwegs begegneten sie, u.a. im Nahen Osten, natürlich auch Andersgläubigen. Nach ihrer Rückkehr werden sie den Daheimgebliebenen von ihren Erfahrungen berichtet haben. Hinzu kam die Wanderlust mancher Handwerksburschen, welche die Welt erkunden wollten.
Dennoch waren die Religionen maßgeblich für die Entdeckung der Vielfalt Europas ausschlaggebend.
Vor allem standen die Mönchsorden mit ihren über ganz Europa verstreuten Klöstern dank der lateinischen Sprache miteinander in ständigem Kontakt. Das galt auch für Priester und Gelehrte in jener Zeit. Die Geschichte des Mittelalters wurde vor allem von den verschiedenen Religionen und vor allem von den Kirchen sowie von ihren Auseinandersetzungen mit den jeweiligen weltlichen Herrschern bestimmt.
Immerhin war es die Kirche, die darauf drang, zumindest während ihrer Feiertage keine weltlichen Fehden zu führen und für einen gewissen Landfrieden sorgte. Ferner versuchte sie mit Erfolg, die unter Adelsgeschlechtern üblichen Eheabsprachen schon für deren Säuglinge zu verhindern, mit denen spätere Erbansprüche gesichert werden sollten. Mithin können als Werte die friedensstiftenden Bemühungen der Kirche und ihr Bestreben, ihre Gläubigen zu einer zivilisierten Lebensführung zu erziehen, betrachtet werden.
Als eine Besonderheit im damaligen Wertsystem mag auch der klösterliche Schutz der weitgehend rechtlosen Frauen angesehen werden. So übertrug mancher Kreuzritter, bevor er in die Fremde zog, Hab und Gut für den Fall, dass er während des Kreuzzuges sein Leben verlor, einem Kloster unter der Bedingung, seiner Frau ein lebenslanges Wohn- und Nutzungsrecht auf den überlassenen Gütern zu gewähren. Damit wollte er verhindern, dass seine brüderlichen Erben und Söhne u.U. seine Witwe von Haus und Hof vertrieben und möglicher Weise ins Elend stürzten.

Erna
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Europäische Vielfalt

Beitrag von Erna » Mittwoch 21. September 2005, 18:27

Das Mittelalter umfasst eine Zeit von ungefähr 900 Jahren, nämlich von ca 600 bis 1500. Daher auch die Unterteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter. Dass in dieser Zeit Veränderungen eintreten müssen, selbst wenn sich die Welt damals nicht so schnell veränderte, wie heute, ist vorauszusehen. "Europa" um 700 kann nicht so ausgesehen haben, wie um 1100 oder gar 1400.
Zu Beginn gab es noch die Grundherrschaft und Naturalwirtschaft. Ehe sich die Einwohner auf die Reise begaben, kamen Mönche zu ihnen, gründeten Klöster und wurden zu Trägern der Kultur.
Ins Hochmittelalter fällt die Blütezeit der Ritter mit Lehenswesen und Minnegesang. Man begleitete den Kaiser auf seinen Zügen. In den Städten entsteht das Zunftwesen. Die Naturalwirtschaft wird durch das Geldwesen abgelöst. In diese Zeit fallen die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst, aber auch die zwischen den Religionen, Christentum und Islam. Folge dieser Auseinandersetzung sind die Kreuzzüge. Aber auch der Fernhandel nimmt zu.
Im Spätmittelalter wird die Veränderung noch größer, sowohl im gesellschaftlichen, wie im sozialen Leben. Das Bürgertum gewinnt an Einfluss. Die Hanse steigt zur Handelsmacht auf. Aber Krisen und Pest dezimieren die Bevölkerung. Zu dieser Zeit leben ungefähr 12 Millionen Menschen in diesem Raum, der zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehört.
Meines Erachtens führte die steigende Mobilität dazu, der Vielfalt Europas gewahr zu werden.

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ellen
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Vielfalt nur aus der Religion?

Beitrag von ellen » Donnerstag 22. September 2005, 02:13

Und dennoch entnehme ich dem Kapitel von Borgolte, daß die Vielfalt vor allem eine Frage der Religion war. Von der Kultur, wie wir sie verstehen, und Ihr auch beschrieben habt, redet er wenig. Ich habe da so meine Probleme mit Borgolte. Was sind seine kulturellen Werte und woran läßt sich festmachen, daß sie im Mittelalter entstanden?
Oder haben wir eine andere Vorstellung von dem Begriff "kulturelle Werte"? Je mehr ich mich gerade mit dem Thema beschäftge, desto mehr kommt mir die Vorstellung abhanden, daß ich mir das gleiche darunter vorstelle.

Vielleicht noch dies: die Forschung setzt den Beginn des Mittelalters 300 Jahre früher an, wenn man das Wesen des MA als vom Christentum bestimmt ansieht. Stichjahr wäre hier die konstantinische Wende (Toleranzedikt v. 313) und das Ende 1517 mit dem Reformationsjahr. Sieht man das Wesen des Mittelalters in der polit. Ordnung, dann beginnt man entweder 375 (Vorstoß der Hunnen) oder 476 (Sturz des weström. Kaisertums). Hier wäre das Ende 1494 zu setzen mit dem Zug König Karls VIII von Frankreich nach Italien, der das neuzeitliche europ. Staaten- und Gleichgewichtssystem ins Leben rief. Man kann dann sogar noch als Drittes ausgehen vom Wesen des MA als der geschlossenen kontinentalen Gemeinschaft der romanisch-germanischen Völker im Gegensatz einerseits zur Mittelmeerkultur der Antike, andererseits zur Weltkultur der Neuzeit; dann folgt daraus der Beginn des MA etwa in den Jahren 635 - 650, in denen die Arber das Mittelmeer zur Grenze Europas machten, als Ende aber die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492.

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 22. September 2005, 10:35

Das ist das Schöne an der Diskussion über die in diesem Buch enthaltenen Beiträge, dass man sich mit dem Thema beschäftigt und endlich, um nichs Falsches zu sagen, in Büchern nachsuchen muss. Die Bestimmung des MA habe ich so wie Ellen es sagt angegeben gefunden. Einmal unter Einbeziehzng der Völkerwanderung, das andere Mal ohne.

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ellen
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Völkerwanderung

Beitrag von ellen » Donnerstag 22. September 2005, 16:32

Wobei mir die Völkerwanderung für unser Thema und für das Mittelalter sehr wichtig zu sein scheint. Denn letztlich ist doch vieles in den "mitteleuropäischen" Bereich bzw. Mittelmeerraum hineingetragen worden, was in seinen Auswirkungen nicht zu unterschätzen ist. Es wäre mal nachlesenswert, wie denn der "Polytheismus" dieser Zeit gewirkt hat auf die Entwicklung des Monotheismus. Da sollte auch Christian Meier was zu gesagt haben.
Bezogen auf die Kultur wie Kunst, Literatur, Lebensformen hatte die Völkerwanderung aber auch ihren Einfluß, wenn man z.B. an Italien denkt oder den germanischen Raum.

Eine Frage bleibt für mich aber: Wie Europa seine Vielfalt fand - im Mittelalter, ist das für Euch eigentlich beantwortet durch den Text von Borgolte?

WernerT

Welche Werte denn?

Beitrag von WernerT » Samstag 24. September 2005, 00:09

Ich frage mich, welche Werte denn die Vielfalt Europas im Mittelalter hervorgebracht hat. Unstrittig ist die Tatsache gegenseitiger Befruchtung, etwa der Transfer der südeuropäischen Kultur nach Mittel- und Nordeuropa. Und unstrittig scheint mir auch, dass das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen immer eine Bereicherung bringt. Trotzdem. Welche Werte wurden dadurch begünstigt?

Etwa Toleranz? - Die Vielfalt in Europa hat bis ins 20. Jahrhundert die entsetzlichsten Konflikte ausgelöst. Erst in jüngster Zeit hat sich über die EU das Miteinander der Nationen als Konstante herausgebildet, haben sich Vorurteile und Überlegenheitsfantasien („Wir sind besser als die“) weitgehend aufgelöst. Aber zwischen den alten Staaten der EU und den neuen aus dem Osten hat dieser Prozess gerade erst begonnen. Wenn also Toleranz ein Begriff sein sollte, der Europa besonders auszeichnet, dann kaum vom Mittelalter her.

Und Vielfalt an sich? Fraglos ist sie eine Bereicherung, weil sich in der Konfrontation unterschiedlicher Denkweisen manche Werte erst ausbilden mögen. Aber welche? Und worin heben sie sich von außereuropäischen Werten ab? – Mir fällt es schwer, aus dem Mittelalter etwas herzuleiten. Aber vielleicht weiß ich auch zuwenig darüber. Und der Artikel hat diesen Zustand nicht wesentlich gebessert.

Werner

Religion und Pluralität im Mittelalter?

Beitrag von Werner » Sonntag 25. September 2005, 15:45

Ehrlich gesagt, klar komme ich mit Prof. Borgolts Anliegen auch nicht. Im Untertitel des Kapitels heißt es: „Über die mittelalterlichen Wurzeln für die Pluralität der Werte“
Das hieße aber diese Pluralität der Werte den religiösen Konfrontationen des Mittelalters zu zuschreiben. Unbestritten hat sich die damalige geistige Elite über die heiligen, wahrscheinlich eher unheiligen, gegenseitigen Beeinflussungen der drei monotheistischen Konfessionen den Kopf zerbrochen. Aber die Bevölkerung? Sollte es im Mittelalter wirklich anders gewesen sein als Heute? Die Zugehörigkeit zu einer Konfession ist, und war, doch eine Frage des Milieus in das man hineingeboren wird. Den Einfluss der herrschenden Religionen ist doch eher eine prägende Einheitlichkeit zuzuschreiben. Die Pilger auf dem Jakobspfad verließen doch nie den durch Riten geprägten katholischen Lebensraum.
Dazu, Otto Borst , Alltagsleben im Mittelalter.
„Die mittelalterliche Welt baut sich auf als eine wunderbare Stufenordnung von Vorstellungen, von geglaubten Abstraktionen, wie eine Kathedrale oder eine jener kunstvollen »Summen« der Scholastiker: eine große, wohldurchdachte und wohlgeordnete Hierarchie von Universalien. Sie hat einen Universalstil, der alle Kunstschöpfungen von der Schüssel bis zum Dom, vom Türnagel bis zur Kaiserpfalz, durchdringt und gestaltet: die Gotik, sie hat eine Universalwissenschaft, die den Sinn alles Denkens ausweist: die Theologie, sie hat ein Universalrecht, das römische, sie hat eine Universalsprache, das Lateinische.“Prof. Borgolt schreibt: „ Tatsächlich kann man auf den Standpunkt stehen, daß Europa als historische Größe, wie es uns vertraut erscheint, erst im Mittelalter entstanden ist; [...]Ob das mittelalterliche Europa aber wirklich jenes Europa ist, welches mir mehr oder weniger vertraut ist, möchte ich nicht so ohne weiters akzeptieren.

Ursula

Beitrag von Ursula » Sonntag 25. September 2005, 20:37

Ich persönlich habe mir schon lange abgewöhnt, den „kleinen Differenzen“ der Geschichtswissenschaftler allzu große Bedeutung beizumessen. Wenn man jedoch die großen Linien des Mittelalters verfolgt, so wird das Fehlen eines zentralen Machtfaktors deutlich, was logischerweise einen Pluralismus der Werte plausibel macht. Für die heutige Wertediskussion könnte das bedeuten, dass einiges für ein „Europa der Vaterländer“ spricht.

Werner

Beitrag von Werner » Montag 26. September 2005, 13:04

Hallo Ursula.
Mit den Geschichtswissenschaftler ist es wie mit uns Laien, keiner kann aus seiner Haut. Auch als Wissenschaftler nicht, sie bleiben, wie wir, ihrer Herkunft, ihrem Milieu verhaftet.
Was das Europa der Vaterländer angeht, genau da vor habe ich schwere Bedenken. Statt einer eine wirksamen europäische Kontrollinstanz sieht sich die Wirtschaft einem zahnlosen Europa der Vaterländer gegenüber.
Europa der Vaterländer ist ein Euphemismus für nationale Interessenpolitik.
Aber dies sind Überlegungen für ein Politikforum.
Vielleicht ist die Auseinandersetzung über "Die kulturellen Wurzeln Europas" ja politisch zu sehen. Oder?

Ursula

Beitrag von Ursula » Dienstag 27. September 2005, 22:54

Wie das bereits erwähnte Marxzitat die herrschenden Werte betreffend besagt, hat das Wertethema selbstredend eine politische Dimension, was der Herausgeber des Sammelbandes in seiner Einleitung explizit ausspricht. Die verschiedenen Exkurse in die Geschichte der Werte sollen in diesem Zusammenhang in der Wertediskussion Orientierungshilfen liefern. Der Aufsatz über das Mittelalter bewegt sich im Begriffspaarvon Vielfalt und Einheit, wobei idealtypisch Einheit Vielfalt zusammenhalten sollte. Die Vorstellung vom „Europa der Vaterländer“ muss deshalb nicht notwendigerweise zu einer nationalen Interessenpolitik verkommen, sondern müsste durch eine Stärkung der Kontrollinstanz begrenzt werden. Dass dies faktisch unmöglich erscheint spricht m. E. nicht gegen die Idee an sich oder?

Erna
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Beitrag von Erna » Mittwoch 28. September 2005, 10:11

Ganz emotional geantwortet: Ich kann mir nur ein Europa der Vaterländer oder Mutterländer vorstellen. Vielleicht ist es so aufgrund meiner Sozialisation. Wo sonst fühle ich mich geborgen? Doch da, wo man so spricht wie ich, so denkt wie ich (annähernd), wo ich handlungsfähig bin, ohne erst viel nachdenken zu müssen. - Wo ich nicht fremd bin.

Werner

Beitrag von Werner » Freitag 30. September 2005, 10:54

Nicht, dass ich das letzte Wort haben möchte :wink: , aber bevor dieses Kapitel geschlossen wird noch ein oder zwei Bemerkungen.
Eure Reaktion auf meine Vorbehalte gegenüber dem "Europa der Vaterländer" brachte mich ins Grübeln. Sollte ich vielleicht ein "vaterlandsloser Geselle" sein? Oder bringt der Begriff "Vaterland" unterschiedliche Seiten zum Klingen? Vaterland, Muttersprache, Heimat, alles Begriffe die normaler Weise positive Gefühlslagen hervorrufen. Solange diese emotionalen Begriffe nicht von Institutionen - Regierungen, Partein, ominöse Initiativen - benutzt werden. Für mich jedenfalls unvergesslich mit welcher Inbrunst wir - auch ich - "Heilig Vaterland in Gefahren" gesungen haben um dann festzustellen, dass die die uns ermunterten diese Hymne zu singen, genau die waren die das Vaterland in Gefahr brachten. Heute haben wir andere, bessere Zeiten. Aber wenn Parteien für ein "Europa der Vaterländer" plädieren, meinen sie ein Europa der nationalen Regierungen. Wenn ich mich dem Phänomens "Vaterland" nähere fällt mir keinesfalls die Bundesrepublik ein, sondern eher der Klang, die Sprachmelodie der Düsseldorfer. Also, sofort ein Perspektivwechsel vom Vaterland zur Muttersprache. Und für den Erhalt dieses kulturellen Erbes ist das Wirken der Heimatvereine wahrscheinlich effizienter als die Bundesregierung. (Gleichgültig in welcher Farbkombination)
Macht et jood önd nix för ongud,
Werner R. :)

Ursula

Beitrag von Ursula » Freitag 30. September 2005, 23:52

Ich habe inzwischen im Internet geblättert und dabei festgestellt, dass das sog. „Europa der Vaterländer“ leider nicht unbelastet ist. Inzwischen wird auch vom Europa der Regionen gesprochen und wenn mit diesem Terminus historisch gewachsene Gebilde gemeint sind, dann kommt es dem nahe, was das ausdrückt, was ich inzwischen aus der Geschichte gelernt zu haben glaube.
Wie die Beschäftigung mit den bisherigen Aufsätzen gezeigt hat, ist das das Gleichgewicht zwischen dezentralen und zentralen Strukturen entscheidend für die Stabilität einer Gesellschaft. Bei den Griechen und im Mittelalter überwogen dezentrale Strukturen, die im ersten Fall für kulturelle Höchstleistungen, im zweiten Fall für Vielfältigkeit gesorgt haben.
Beide Zeitalter. zeigen jedoch einen Mangel an Stabilität, aber auch das zentralistisch organisierte Rom ist letztendlich untergegangen.

Horst Glameyer
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Kulturelle Werte Europas im Mittelalter

Beitrag von Horst Glameyer » Samstag 1. Oktober 2005, 01:39

Vielleicht sollten wird uns gegen Ende der Diskussionsrunde doch noch einmal den kulturellen Werten Europas im Mittelalter zuwenden. Seine zahlreichen architektonischen Meisterleistungen von der Hagia Sophia (nach einem Brand im Jahre 404 von 532 bis 537 neu errichtet) über die Aachener Pfalzkapelle (um 800) bis zur Steinernen Brücke in Regensburg (1135 – 1146), um nur einige wenige herauszugreifen, werden noch heute bewundert. Aber auch die Sprache verweist auf Werte und Verhaltensnormen aus jener Zeit, die allerdings heutzutage mehr und mehr zu verblassen drohen. Das Wort „ritterlich“ zum Beispiel deutet auf eine besondere mittelalterliche Verhaltensweise hin. Man erwies dem Gegner, wenn er im Zweikampf besiegt am Boden lag, dennoch Anerkennung und Ehre, schlug nicht länger auf ihn ein oder trat ihn mit Füßen. Für vieles gab es Regeln, an die man sich zu halten hatte, wollte man keine Schande über sich und seine Familie bringen und an den Pranger gestellt werden. Unter Berufsboxern gelten die ritterlichen Regeln noch heute, früher galten sie sogar auf dem Schulhof; doch das scheint sich leider zu ändern. Und im Fernsehen werden Schaukämpfe gezeigt, die mit Ritterlichkeit nichts mehr zu tun haben.
Die mittelalterliche Gesellschaft war eine Ständegesellschaft, folglich hatte man sich „standesgemäß“ zu verhalten. So entstanden, wohl von Frankreich ausgehend, im Hochmittelalter für die höfische Gesellschaft Benimmregeln, oft in Gedichtform, die im Laufe der Zeit von allen Ständen übernommen wurden. So sollte man sich z.B. nicht ins Tischtuch schneuzen (es gab noch keine Taschentücher) oder das angebissene Brot in die gemeinsame Schüssel tauchen. Man machte sich Gedanken über Anstand und Sitte. Ein Handschlag besiegelte einen Kauf, den man auf Treu und Glauben abschloss.
Auch das Dienst- und Treuerecht der Staatsbeamten scheint auf den Treueid zwischen dem Lehnsherrn und seinem Lehnsmann zurückzugehen. Im Mittelalter war man auf Ordnung bedacht, die der himmlischen Ordnung, wie man sie damals verstand, entsprechen sollte.
Natürlich hatte das Mittelalter auch viele, sehr viele dunkle Seiten, die wir glücklicher Weise weit hinter uns gelassen haben..

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