Die jüdisch-christliche Tradition

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Ursula

Beitrag von Ursula » Sonntag 21. August 2005, 20:51

Als weitestgehend säkularisierte Zeitgenossin erscheint mir der Huberaufsatz wie eine Botschaft von einem anderen Stern; die Kehrseite der Medaille beschreibt ein Zitat von Dostojewski: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles möglich.“

MfG Ursula

dietrich
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weitere Themen

Beitrag von dietrich » Montag 22. August 2005, 15:36

Die noch verfügbare Woche für unser Thema können wir vielleicht nutzen, weitere Aspekte der kulturellen Werte Europas im Kontext der jüdisch-christlichen Tradition zu betrachten.
Eine Gelegenheit dazu bietet Papst Benedikt XVI, der ja während seines Besuchs beim Weltjugendtag auch die jüdische Gemeinde in Köln besucht hat. Sicherlich hat er damit eine Geste der Versöhnung beabsichtigt und gleichzeitig ein Signal im Sinne der angekündigten Verständigungs-Bemühung mit den anderen Religionen setzen wollen. Und doch sehe ich im Vorgehen des Papstes auch den Aspekt enthalten, dass er im Judentum eine prägende Kraft für die Kultur Europas sieht und dies würdigen wollte.
Man könnte ja eine Vielzahl von Persönlichkeiten jüdischer Herkunft nennen, die von grosser Bedeutung für die abendländische Kultur waren. Beispielhaft sei Maimonides, Philosoph und Arzt im 12./13. Jahrhundert erwähnt, dessen Werke Thomas von Aquin, aber auch Leibniz u.a. beeinflusst haben. Andere Philosophen, viele Künstler, Wissenschaftler und Vertreter anderer Berufe sind einfach Bestandteil der kulturellen Vergangenheit und Gegenwart Europas.

Werner

jüdischer Anteil an europäischer Kultur.

Beitrag von Werner » Dienstag 23. August 2005, 11:18

Lassen wir mal außen vor, dass es sich bei Huber um eine konfessionelle/
kirchliche Perspektive handelt. Menschen jüdischen Glaubens, die unsere Kultur beeinflusst haben, allein aus dem deutschen Sprachraum, aufzuzählen würde Seiten beanspruchen. Spontan fallen mir ein: Moses Mendelsohn, Heine, Husserl, Scheler, Börne. Es lohnt sich schon, sich mit deren Texte zu befassen. (Nicht unbedingt in unserem Rahmen).

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Uwe Bartholl
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Zu den Beiträgen von Werner und Horst

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 23. August 2005, 16:00

Es macht total Spaß und bringt mir ungemein Gewinn von euren anregenden Gedanken begleitet durch die Tage zu gehen. :idea: Natürlich gehören dazu auch die anderen Beiträge.

Ursula

Beitrag von Ursula » Donnerstag 25. August 2005, 21:37

Hier nur ein Nachtrag zu meinem obigen Beitrag. Das Dostojewski-Zitat enthält leider eine Freudsche Fehlleistung. Hier der genaue Wortlaut: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“

Gru0 Ursula

Werner

Warum es einen Gott geben muss

Beitrag von Werner » Freitag 26. August 2005, 09:36

Dostojewski-Zitat „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“
So ein Zitat bezeugt die Furcht, dass es keinen Gott gibt! Ist ja auch kein Wunder,
wenn man täglich in den Nachrichten sieht und hört was Menschen den Menschen antun.
In „zivilisierten“ wie in „unzivilisierten“ Regionen.
Bei Voltaire findet sich „wenn es keinen Gott gäbe, müsste er erfunden werden“
Wahrscheinlich, Gott als Ordnungsfaktor, als der, der die Macht hat unbotmäßige Leute zu strafen.

Heinrich Heine interpretiert Immanuel Kants Stellung zum Gottesproblem wie folgt:
„ Immanuel Kant [...] hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen - das röchelt, das stöhnt -, und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: »Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein - der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein - das sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.«â€œ
[Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, S. 77903 (vgl. Heine-WuB Bd. 5, S. 270)]
Von den drei gezeigten Möglichkeiten gefällt mir Kants Sicht - in der Interpretation Heines - am besten.
Gruss Werner

dietrich
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Zusammenfassung "jüdisch-christliche Tradition"

Beitrag von dietrich » Sonntag 28. August 2005, 19:52

Liebe Teilnehmer an diesem Thema,

mit scheint, dass die Diskussion inzwischen abgeschlossen ist und ich möchte, ohne weitere Beiträge abzublocken, versuchen, eine kurze Zusammenfassung zu formulieren:

Die Thesen Wolfgang Hubers wurden generell als stark theoretisch/protestantisch empfunden und insofern kritisch beurteilt.

Dennoch hat sich ein lebhafter, gelegentlich durchaus auch kontroverser Meinungsaustausch entwickelt. Der Schwerpunkt der Diskussion lag bei den christlichen Werten. Von ihrer Verneinung bis zum eindeutigen Bekenntnis zum christlichen Glauben und damit zur grossen Bedeutung der christlichen Traditionen für die europäische Kultur reichte die Bandbreite.

Der jüdischen Einfluss auf die europäische Kultur wurde allgemein bestätigt und als wesentlich anerkannt.

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