Die jüdisch-christliche Tradition

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Die jüdisch-christliche Tradition

Beitrag von Admin » Donnerstag 28. Juli 2005, 14:27

Die jüdisch-christliche Tradition
Wolfgang Huber

Moderation: Dietrich Bösenberg

Die Diskussion beginnt am 1. August 05

dietrich
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die jüdisch-christliche Tradition

Beitrag von dietrich » Donnerstag 28. Juli 2005, 15:10

Damit die Diskussion bald in Gang kommen kann, hier noch einmal ein paar Gedanken, die ich teilweise schon in der Homepage angesprochen habe.

Die Beschäftigung mit den Aspekten der jüdisch-christlichen Tradition als Teil der kulturellen Werte Europas führt zu einer ganzen Reihe von Fragen und Problemen, die in dem Beitrag von Wolfgang Huber zum grossen Teil auch behandelt werden.

So kann im Lichte der schon diskutierten Definition des Werte-Begriffes hinterfragt werden, ob und in welchem Masse das Christentum tatsächlich in diese Definition hineinpasst. Christliche Glaubensaussagen in Verbindung mit christlichen Vorgehensweisen, von der römischen Zeit über die Kreuzzüge, die Inquisition, die Reformation bis zu den religiös/konfessionell motivierten Konflikten zu allen Zeiten bis heute, können schon Zweifel hervorrufen.

Ein weitgestecktes Feld stellt der Zusammenhang von Judentum und Christentum dar. Dazu bietet Wolfgang Huber sowohl Literaturbeispiele als auch eigene Erläuterungen. Nicht zuletzt möchte ich nochmals auf die Publikationen des verstorbenen jüdischen Rabbiners und Theologen Pinchas Lapide aufmerksam machen. (siehe Bücherliste unten oder z. B. bei www.amazon.de). Diskussionswürdig ist auch das "Modell der 2 Wege", das auf namhafte jüdische Persönlichkeiten (Buber, Rosenzweig) zurückgeht. Wie realistisch ist dieses Modell und kann es wirklich in Europa zur Geltung kommen und damit zur Überwindung von Gräben beitragen?

Darüber hinaus werden weitere Einzelfragen erörtert, sei es im Zusammenhang mit fundamentalen christlichen Überzeugungen (Trinität, Auferstehung, Gottesliebe, Nächstenliebe), sei es in der Abgrenzung oder auch Zusammengehörigkeit von Ethik und christlicher Religion.

Mir persönlich fehlen in der Besprechung christlicher Traditionen in der Kultur Europas auch andere Aspekte, wie z. B. Kunst oder auch Sprache, in denen sich christliche Tradition zweifelsohne widerspiegelt.

01.08.05
Dietrich Bösenberg


Anlage:
Bücherliste Pinchas Lapide





Bücherliste (Auswahl)
Er predigte in ihren Synagogen von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (Dezember 1980)

Ist die Bibel richtig übersetzt? von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (Januar 2004)

Paulus zwischen Damaskus und Qumran von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (Januar 2001)

Gottsuche und Sinnfrage von Viktor E. Frankl, Pinchas Lapide Gütersloher Verlagshaus (Februar 2005)

Der Jude Jesus von Pinchas E. Lapide, Ulrich Luz Patmos (Februar 2000)

Wer war Schuld an Jesu Tod? von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (Januar 1987)

Von Kain bis Judas von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (Juli 2004)

Leben vor dem Tod, Leben nach dem Tod? von Pinchas E. Lapide Gütersloher Verlagshaus (August 1998)

WernerT

Fragen

Beitrag von WernerT » Samstag 30. Juli 2005, 19:04

Ich habe, lieber Dietrich, mit deiner Zusammenfassung ein kleines Problem: Du setzt dich sehr intensiv mit dem Text auseinander und bringst viel kritische Stellungnahme ein, aber ich habe Mühe, dahinter den eigentlichen Inhalt des Artikels zu erkennen. Ich sehe sozusagen alles durch deine Brille. Da ich es wirklich nicht schaffe, das ganze Buch durchzuarbeiten und nur einzelne Kapitel im Original lesen kann, bin ich weitgehend auf die Zusammenfassungen angewiesen. Deswegen hier ein paar Fragen, vielleicht kannst du mir weiterhelfen:

• „...die christliche Perspektive mit protestantischer Prägung (…) erklärt die oft etwas einseitig wirkende Behandlung des Themas“. Was sagt Huber über den christlich-protestantischen Einfluss?
• Du schreibst, "Glaube, Gnade, göttliche Liebe, Nächstenliebe, christliche Jenseitserwartungen, Dreieinigkeitsvorstellung", seien sicher nicht jedermann zugänglich (sehe ich auch so), aber inwiefern sieht er sie als wesentlich für unser kulturelles Erbe an?
• Das Zusammenspiel von Glauben und Moral: Was sagt Huber?
• dass die „protestantische Gestalt des Glaubens eine Tendenz zum Bündnis zwischen Glauben und Bildung" hervorbringt“ ist eine interessante Aussage, die auch mich zur Auseinandersetzung reizt, aber wie kommt Huber dazu?

Ohne diese Information über Hubers Aussagen fehlt mir ein bisschen der Hintergrund für eine kritische Diskussion. Kannst du mir auf die Sprünge helfen?

Helmut K. Doerfler

Den Bischof zum Gärtner machen ...

Beitrag von Helmut K. Doerfler » Donnerstag 4. August 2005, 02:05

Zuerst einmal: Bravo Dietrich für diese sachkundige und zugleich distanzierte Besprechung/Anmoderation. Zumindest mir gefällt sie, gibt sie doch den Inhalt des Artikels prägnant zusammengefasst wieder und stellt Hubers Argumentationen an den - wie ich meine - richtigen Stellen in Frage. Huber steigt klug ein, wenn er den Monopolanspruch der Christen, europäische Kultur zu erklären, gleich anfangs eingrenzt. Und für die zeitgenössischen Christen sind wohl auch Bubers zwei Wege zu Gott hoch aktuell. Dann aber gehts los mit dem protestantisch-theolgischen Seminar, das für einen "Heiden" sich dann doch etwas anspruchsvoll liest. Anspruchvoll in dem Sinne, dass Huber eben vielen (darf man sagen: weltlichen) Werten ein protestantisches Mäntelein umhängt: Speziell im Absatz V ff. Würde, Toleranz, Freiheit, Verantwortung, Demokratie. Den protestantischen Purzelbaum schlägt der Bischof dann, wenn er am Schluss die Säkularisierung ins Postsäkulare transzendieren lässt. Ok: Es ist von Amtes wegen sein Job und das Thema wurde ihm gestellt. Aber das "Wagnis", dabei 1500 Jahre Katholizismus vom Tisch zu wischen, ist schon ziemlich mutig. Und mögen es mir meine protestantischen Pfarrersvorfahren verzeihen: So wertprägend sind ihre kulturellen Wurzeln heutzutage wohl allemal nicht mehr. Oder etwa doch? :?

Erna S

Christlich-jüdische Tradition

Beitrag von Erna S » Donnerstag 4. August 2005, 18:35

Der Artikel von Huber hat mir gut gefallen, obwohl man ihm seine protestantische Herkunft schon anmerkt.
Die Herkunft des Christentums aus dem Judentum dürfte doch inzwischen Allgemeingut bei den Christen sein. Ebenso tut es auf weiten Strecken auch der Islam. Es ist doch gut zu wissen, dass keine Kultur im luftleeren Raum steht, sondern immer von irgend einer anderen befruchtet worden ist. Wenn wir uns nur die Geschichte von der Sintflut ansehen: die Erzählung gab es schon vor der jüdischen Religion, gibt es in der christlichen und in der islamischen.
Aber natürlich gibt es auch Dinge, die ein Nichtchrist nicht versteht. vor allem den Satz über die Dreifaltigkeit. Verlangt doch aber auch keiner. Andere Begriffe wie Glaube, göttliche Liebe, Jenseitserwartungen haben andere Religionen sicherlich auch, wenn auch nicht immer deckungsgleich im Inhalt. Aber wir verstehen doch auch nicht alle Glaubenswahrheiten der anderen Religion.
Es kann doch aber keiner sagen, dass das Christentum keinen Einfluss auf unsere Werte gehabt hat. Sicherlich nicht allein, aber doch am stärksten. Wer oder was denn sonst? Auch wenn man nicht Ideal und Ausformung verwechseln sollte.
Denken wir doch auch an den Einfluss auf Musik, Architektur, bildende Kunst. Europa (und noch darüber hinaus) wäre arm, wenn es das Christentum nicht gäbe.

dietrich
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Beitrag von dietrich » Freitag 5. August 2005, 15:53

Lieber Werner,

sicher hast Du erkannt, dass meine Formulierungen nicht dazu gedacht waren, eine Art Brille zu schaffen, sondern im Gegenteil, zur kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten anzuregen. Deshalb bleibt es uns nicht erspart, im Bedarsfall weiterführende Literatur zu suchen, um die Hintergründe der Referenten, hier Wolfgang Huber, zu verstehen. Insofern habe ich auch keine Zusammenfassung verfasst, sondern auf mir interessante Aspekte aufmerksam gemacht, manchmal verbunden mit meiner rein persönlichen Einstellung.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass persönliche Glaubensfragen eine äusserst individuelle Sache sind, über die ich hier nicht diskutieren wollte. Vielmehr hat Huber ja die christlichen Werte als europäischen Kultur-Hintergrund behandelt. Seine detailllierten Ausführungen bieten m. E. viele Ansatzpunkte zum Nachdenken, zustimmend oder ablehnend.

Werner

Beitrag von Werner » Dienstag 9. August 2005, 17:52

Es gibt sicher keinen Zweifel, dass wir im „christlichen Abendland“ leben. Es ist auch müßig, darüber zu spekulieren, wie unsere Gesellschaft heute strukturiert wäre, wenn 732 die Schlacht bei Poitiers und Tours von den Mohammedaner gewonnen worden wäre.
Aber die Frage, die das ganze Projekt „Die kulturellen Werte Europas“ durchzieht ist ja, wie soll ein vereintes Europa aussehen? Die Frage, welchen Stellenwert soll das Christentum in einem „Europa“ genannten Gebilde haben?
Lassen wir die eigentlich notwendige Frage „konfessionell“, „ökumenisch“, mal beiseite. Denn wenn die Kirchen sich einigen müssen, wie der christliche Bezug in der zukünftigen Verfassung formuliert sein sollte, dann warten wir noch lange auf eine Verfassung.
Was bleibt eigentlich an Werten übrig, wenn man alle Werte streicht, die ausschließlich im christlichen Einflussbereich zu finden sind? Sollte wirklich in keinem anderen Kulturkreis Demut, Nächstenliebe, Glaube, Liebe und Hoffnung zu finden sein?
Bleibt der nicht wegzuwischende christliche Einfluss im eigentlichen kulturellen Bereich,
Musik, Literatur, bildende Kunst und Schauspiel. Gerade ging in der Frankfurter Schirn eine Ausstellung „Religion macht Kunst“ zu Ende. (Wobei mir die Aussage „Kunst macht Religion“ auch nicht ganz verkehrt zu sein scheint).
Da möchte ich doch zu bedenken geben, dass gerade kirchliche Kreise alles getan haben – und tun – die Definitionshoheit, was denn dem Volk an Kunst zuträglich sei, für sich zu beanspruchen.
Und, wir sind doch nicht auf „christliche“ Kunst fixiert. Ausstellungen fernöstlicher oder ägyptischer Kunst sind doch regelmäßig überlaufen.
Für mich ist das „jüdisch-christliche“ Erbe ein spannendes geistesgeschichtliches Phänomen,
hat aber keine Relevanz für das Zusammenwachsen eines liebenswerten Europas.
Werner R.

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Uwe Bartholl
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Zur Diskussionsanregung von Dietrich

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 9. August 2005, 20:12

Dietrich regt zur Diskussion an:

So kann im Lichte der schon diskutierten Definition des Werte-Begriffes hinterfragt werden, ob und in welchem Masse das Christentum tatsächlich in diese Definition hineinpasst. Christliche Glaubensaussagen in Verbindung mit christlichen Vorgehensweisen, von der römischen Zeit über die Kreuzzüge, die Inquisition, die Reformation bis zu den religiös/konfessionell motivierten Konflikten zu allen Zeiten bis heute, können schon Zweifel hervorrufen.

Ich meine:
In der Einführung schlägt Joas vor, Werte als stark emotional besetzte Vorstellungen des Wünschenswerten zu fassen. Huber nennt vier Grundmotive der jüdisch-christlichen Tradition, deren Werte prägende Kraft er aufspürt: Schöpfungsmotiv, Liebesmotiv, Hoffnungsmotiv, Umkehrmotiv. (S. 77) Sie begründen Werte wie Freiheit, Würde, Achtung des Nächsten. Allerdings nur, wie Huber später betont, unter der Annahme, das Gott ist und dass er der Welt als Erlöser begegnet. Schleiermacher hält Gefühl für die Erfahrungsebene des Glaubens.

Bringe ich das alles zusammen, dann ist der Glaube eine entscheidende Kraft für das Erfassen des Wünschenswerten. Wenn die sich daraus herleitenden Werte sich nur unzureichend im Handeln ausdrücken, dann ist das keine Frage der Wertehervorbringung an sich. Zweifel an der gesamten Wertediskussion sind bis auf den heutigen Tag gerechtfertigt, warum der Mensch Wertvorstellungen, für die breite Übereinstimmung besteht, nicht oder nur unzureichend als Handlungsmaxime gelten lässt. Wenn Handeln aus einer Glaubenshaltung heraus ein Handeln in dem Bewusstsein einer Verantwortung vor einer letztgültigen Instanz (in christlich-jüdischer Tradition Gott) ist, dann wird erkennbar, wie sehr die von Huber genannten Grundmotive auch für das Leben von Werten zu verinnerlichen sind. Der Christ/ die Christin ist hier in Glaubensfreiheit in die Pflicht genommen.

Aktuell bleibt das Risiko der Irrungen. Ich frage: Wo sind ähnlich starke Bindungskräfte an Werte für die Bewertung des gesellschaftlich Wünschenswerten in Europa zu finden?

Uwe Bartholl

Werner

Beitrag von Werner » Donnerstag 11. August 2005, 11:43

Uwes Frage, nach ähnlichen starken Bindungskräfte für ein wünschenswertes menschliches Wertesystem, beinhaltet zwei unausgesprochene Voraussetzungen.
a.) Das Christentum verfügt über diese Bindungskraft.
b.) Dem Christentum ging diese Bindungskraft verloren.
Bei einer Betrachtung der geschichtlichen Wirkung des Christentum,
was ja historisch nur in der in institutionellen Form "Kirche" sinnvoll ist, sind Zweifel an der Wirksamkeit des wünschenswerten nicht zu verdrängen. Als letzten Rettungsversuch könnte man noch argumentieren, ohne christliche Werte wäre Alles noch schlimmer gekommen.
Oder, man freundet sich mit dem Gedanken an, dass es Werte gibt, die zur Grundausstattung der Spezie Mensch gehören.
Ohne Zweifel ist dann etwas schief gelaufen. (Nicht erst in den letzten hundert Jahren.) Offensichtlich ist die Entwicklung der innovativen Kräfte in Wissenschaft und Technik wirkungsmächtiger als die Fähigkeit des Menschen mit den Folgen fertig zu werden.
Werner R.

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Reflexion auf Werners letzten Beitrag

Beitrag von Uwe Bartholl » Donnerstag 11. August 2005, 22:41

Für mich ist bei dieser ganzen Wertediskussion das das Entscheidende: Was treibt uns an, das, was als Wert für die Bewertung des Wünschenswerten erkannt wird, auch anzuwenden? Wem gegenüber bin ich verpflichtet, fühle ich mich verantwortlich? Ein Christ, eine Christin hat da klare Orientierung. Aber auch derjenige/diejenige, die ohne religiöse Bindung sich der menschlichen Gemeinschaft gegenüber in ihrem Handeln verantworten. Schon Sokrates sieht im Inneren des Menschen das Wahre beheimatet, um das wir uns kümmern müssen. Wir wissen eben über Gut und Böse ganz gut Bescheid. Doch im Tagesgeschäft beherrschen uns vielfach Werte, die nicht dem Konsens über Wünschenswertes entsprechen. Wir wissen das, und lassen es laufen. Ich meine mit Werner, mit und ohne Kirche befinden wir uns nicht auf dem Pfad der Wertetugenden, die zur Diskussion stehen. Doch die Diskussion erhellt, in welcher Entfernung wir uns vom Pfad der Tugend befinden. Ob das heilsame Kräfte mobilisiert? Mich lässt es sorgfältiger Hinsehen auf mein (wertorientiertes) Tun.

Werner

Werner R.

Beitrag von Werner » Montag 15. August 2005, 11:05

Wo liegt denn die Schwierigkeit mit den Werten? Im Alltag? Im gewöhnlichen Leben?
(Welches in einem späteren Abschnitt ja noch zur Diskussion stehen wird).
Ist es nicht eher erstaunlich, wie gut bei ca. 6,5 Milliarden Erdbewohnern auf der zwischenmenschlichen, privaten Ebene das Zusammenleben gelingt? Unabhängig von Religionszugehörigkeit, von Rasse, ,oder vom wirtschaftlich/politischem System.
Muss ich wirklich einen Wertekanon zu Rate ziehen, wie ich, in welcher Situation auch immer, auf meine Umgebung reagiere? Der Einwand, dass die Verinnerlichung dieser Werte, ihre selbstverständliche Anwendung, einer – in unserem Kulturkreis christlichen - Erziehung geschuldet sei, will mir nicht einleuchten.
Im Gegensatz zu Herrn Huber sehe ich das „Liebesmotiv“ nicht als Unterpfand der göttlichen Liebe, sondern als biologisch, evolutionäre Voraussetzung für das Überleben der Gattung Mensch. Gravierende Verstöße einzelner gegen den allgemein akzeptierten Wertekanon verweisen entweder auf pathologische Fehlentwicklung – eher selten - , oder auf massive gesellschaftliche Verwerfungen. (Schon vor über achtzig Jahren auf den Punkt gebracht von Heinrich Zille: „man kann einen Menschen mit einer Wohnung genau so erschlagen wie mit einer Axt“.

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Werners Beitrag vom 15.08.2005

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 16. August 2005, 20:18

Werner, genau, so meine auch ich, geht das eben nicht: Einen Wertekatalog zu Rate ziehen, bevor dem Gedanken die Tat folgt. Wenn das so ist, dass der menschlichen Spezies ein Grundwertekatalog eingeschrieben ist, dann bleibt für mich die Frage berechtigt, wozu dann die Wertediskussion und dann noch speziell auf Europa bezogen? Allgemein habe ich in deiner persönlichen Vorstellung gefunden, dass du der Meinung bist, mal abwarten, vielleicht kann das Zutagefördern kultureller Werte Europas die Rettung Europas sein. Hierin sehe ich eine Begründung für die Diskussion und die Frage, was sorgt dafür, dass sich die als richtig/notwendig erkannten Werte im Handeln niederschlagen. Und ich meine, da liegen die Schwierigkeiten, also im persönlichen und Alltagsleben. Nur der Blick auf unsere Gesellschaft zeigt mir, das es um die Umsetzung vieler Werte nicht zum besten bestellt ist. Ich denke dabei an die Probleme der Verwahrlosung unserer Öffentlichen Räume genauso wie das Problem der Chancenlosigkeit für einen grossteil der Jugendlichen, die keiner will. Ich weiß, dass das Ursachen hat. Aber warum lässt uns erst Pisa schwerfällig aufwachen?.
Wozu brauchen wir Frauenhäuser und neuerdings auch Männerhäuser, die vor Gewaltanwendung schützen. Und wie unbarmherzig gehen wir mit dem Hunger auf der Welt um? Ich bin daher der Meinung, dass das Zusammenleben der Menschen von einem Verbesserungsbestreben zum Guten hin begleitet sein muss. Nicanor Perlas, Träger des alternativen Nobelpreises, machte auf einer Veranstaltung in Hamburg kürzlich deutlich, was nicht im Innern des Menschen beginnt, hat keine Chance, Veränderung zu bewirken. Voraussetzung ist die Erkenntnis über das, was sich ändern soll. Hier kann Diskussion Klarheit schaffen.

Werner

Uwes Beitrag vom 16.8

Beitrag von Werner » Mittwoch 17. August 2005, 10:46

Uwe, es geht mir nicht darum die Diskrepanz zwischen einem - wie auch immer begründeten - Wertkatalog und der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu leugnen. Schon gar nicht darum, unsere Diskussion klein zu reden. Wir sollten uns aber als Individuum nicht Asche aufs Haupt streuen für Entwicklungen, die wir nur indirekt als „Wahlbürger“ mit verantworten. Die Verantwortung der aktiven Politiker an der zu beobachtende Nichteinhaltung der Werte ist wieder ein anderer Themenstrang. Wir sollten uns nicht moralische Defizite einreden lassen, die uns den Blick für die gesellschaftlich/wirtschaftliche Ursache der Fehlentwicklung verbauen.
Die von Dir zu Recht genannten Phänomene, Verwahrlosung öffentlicher Räume, Perspektivlosigkeit - nicht nur - der Jugend, die Notwendigkeit von Frauen- Männerhäusern, sind nicht durch persönliches Engagement zu lösen.
Caritas und Ehrenamt sind da eher kontraproduktiv, da sie allenfalls die Ursachen hinter einem Nebelschleier von Hilfsbereitschaft verschwinden lassen. Wir gehen unbarmherzig mit dem Hunger der Welt um? Wer ist hier Wir? Du bestimmt nicht und unter meinen Verwandten und Freunden auch keiner. Gleichgültig schon, aber mit den Gleichgültigen sollte man nicht zu hart ins Gericht gehen. Gleichgültigkeit kann auch eine Form von Selbstschutz sein, besonders dann, wenn man keine Möglichkeit sieht dem Elend etwas entgegenzusetzen.
Trotzdem stimmt die Aussage: „ Was nicht im Innern des Menschen beginnt, hat keine Chance, Veränderung zu bewirken. Voraussetzung ist die Erkenntnis über das, was sich ändern soll.“
Nur, wie sieht es mit der Voraussetzung für Erkenntnisgewinn aus? Sollte da nicht die Rückbesinnung auf die „Aufklärung“ hilfreicher sein als die Besinnung auf die jüdisch-christlichen Wurzeln unsers Wertekanons?

Horst G.

Rückbesinnung

Beitrag von Horst G. » Mittwoch 17. August 2005, 20:13

Lieber Werner, du empfiehlst zum Erkenntnisgewinn eine Rückbesinnung auf die "Aufklärung" anstatt auf einen Wertekanon der jüdisch-christlichen Tradition. Die Forderung Kants, der Mensch möge sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien, richtete sich vornehmlich gegen die kirchlichen Dogmen seiner Zeit. Das scheint bis zu einem gewissen Grade gelungen zu sein. Allerdings hat es zu allen Zeiten kirchliche Reformbewegungen gegeben, die mehr oder minder erfolgreich waren. Kants "Kategorischer Imperativ" ist selbst mit bestem Willen so schwierig zu erfüllen wie das Liebesgebot Jesu Christi, das meistens verkürzt zitiert wird.
Mit der Aufklärung wurde die Vernunft in den Mittelpunkt menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns gestellt. In ihrer "Dialektik der Aufklärung" zeigen Horkheimer und Adorno, dass sich mit Hilfe der Vernunft auch ein Mord begründen und sogar rechtfertigen lässt. Der Vernunftbegriff ist folglich schwer zu definieren und häufig der Beliebigkeit unterworfen. War der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vernünftig? Aus amerikanischer Sicht gewiss, weil dadurch der Krieg beendet und vielen amerikansichen Soldaten das Leben gerettet wurde. Aus Sicht der japanischen Opfer stellt sich das anders dar. Ob aber die Entwicklung von Atombomben als Massenvernichtungsmittel überhaupt "vernünftig" war, darüber kann man noch heute sehr geteilter Meinung sein.
Im Dritten Reich lautete der offizielle Gruß: "Heil Hitler!" Würde heute jemand mit "Heil Köhler!", "Heil Schröder!" oder "Heil Merkel!" uns begrüßen, hätten wir allen Grund, an seinem Verstand zu zweifeln. Damals hatten selbst viele Vernunftbegabte keine Einwände dagegen, sondern hielten diese Vergötzung eines Menschen für "normal".
Ich denke, sowohl die Werte aus jüdisch-christlicher Tradition als auch aus der Aufklärung haben gleichermaßen ihre Berechtigung und können als Richtschnur dienen, sofern sie nicht zu missbräuchlichen Zwecken verwendet werden.

Werner

Beitrag von Werner » Freitag 19. August 2005, 15:36

Ja Horst, soweit ein Krieg überhaupt mit Vernunftgründen rechtfertigt werden kann, gibt es ein Dilemma, denn aus christlicher Sicht ist ein Krieg zwar oft rechtfertigt worden, aber nie mit "christlichen" Wertvorstellungen. Wir können uns natürlich lang und heftig darüber streiten - Philosophen verbringen ihre Zeit damit - ob Glaubensgewissheiten effektiver als Vernunftgründe sind. Aber für keine der möglichen Handlungsbegründungen gibt es eine Letztbegründung.
(vorausgesetzt ich habe Karl- Otto Apel [s. Wikipedia Stichwort "Letztbegründung" und "Karl-Otto Apel"] einigermaßen verstanden.)
Das eigentliche Dilemma besteht, meines Erachtens, in der stark situationsbedingten Schlüssigkeit von Werturteilen.
Gewiss trifft das Herz(Glaube) häufig die richtige Entscheidung, dafür ist eine vom Kopf(Vernunft) getroffene Entscheidung weniger von emotionalen Unwägbarkeiten betroffen.
Ob die Entscheidung, Atomwaffen einzusetzen, wirklich einer Vernunft entsprang?
Die Historiker sind sich da nicht einig. Es spricht einiges dafür, dass Japan schon vor Hiroshima und Nagasaki kapitulationsreif war. Die nachgeschobene Begründung, die eigenen Soldaten zu schonen, entspricht dann einer typischen nachträglichen Rationalisierung und Legitimierung. (Immer noch lesbar und m.E. gültig: „Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen“ in der er sich ausführlich mit der „selbst geschaffenen Apokalypse“ durch die Atombombe auseinandersetzt).
Nach wie vor halte ich die Idee der Aufklärung für zukunftsträchtiger als eine von Konfessionen geleitete Religiosität.

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