Diskussionsbeginn: Die Einleitung

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Ursula

Beitrag von Ursula » Sonntag 17. Juli 2005, 21:23

Die mittelalterlich anmutenden Sanktionen, die der Islam für Normenverletzungen vorsieht, reichen m. E. als Erklärung für die von Hans Joas definierte Wirkungsweise von Wertsystemen nicht aus, da er die Befolgung von Normen aus Angst vor Bestrafung ausdrücklich von der Wirkungsweise von Normen abgrenzt. Er spricht von einer „spezifischen Freiheit, die durch das
passivische Wirken von Werten erreicht werden soll oder wird.
Um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen hier ein Zitat aus dem bereits erwähnten Aufsatz von Lichtenberger:

„Werte entstehen aus nicht bewussten Intentionen – quasi naturwüchsig – und werden zugleich als höchster Ausdruck unserer Freiheit, Freiwilligkeit und Identität empfunden.

In diesem Zusammenhang fallen mir die schaukelnden Kinder ein, die den Koran auswendig lernen. Könnte es sein, dass auf diese Weise konditionisierende Verhaltensweisen erzeugt werden, die im Extremfall sogar den eigenen und den Tod weiterer Menschen als Ausdruck von Freiheit und Identität legitmieren?
Ursula

WolfgangS

WÜRDE

Beitrag von WolfgangS » Montag 18. Juli 2005, 18:21

Werner, besten Dank - doch Würde des Menschen ist nicht nur ein Problem in Altenheimen. Da ist vieles aus meiner Sicht "hausgemacht" und somit auch änderbar - wenn man nur will. Unsere Gesellschaft hat zunehmend ein Problem mit der Würde des Menschen. Es geht hier immer stärker um die Würde des GELD-Besitz-Menschen. Und gelegentlich wird sogar die Würde des Bundespräsidenten in den Medien schwer beschädigt. ... :-(

Wenn wir unsere Würde nicht verteidigen - die "Lemonsquizer" warten da gar nicht erst ab. Die quetschen auch das letzte Tröpfchen Würde aus unserer Gesellschaft, wenn es sich nur rechnet. - Oder?

Ich jedenfalls würde gern in einem Europa leben, in dem jeder Mensch - mit Ausnahme derer, die gegen die Menschlichkeit grob verstoßen - in
WÜRDE leben kann.

Eher unwürdig betrachte ich das türkische Schielen nach Europa - hier geht es wohl doch eher um ein Ausschöpfen europäischer Fördergelder.
Auch wenn man gern Anderes in den Blickpunkt rückt. Wer war doch gleich Hauptzahler in der EU? Und wer kämpft da zur Zeit um seine großen Vorteile - (Spanien, Frankreich, GB ...) - da sind die Bedürftigen Beitrittsstaaten weit weit weit kompromissbereiter.

Ist Kompromissbereitschaft eigentlich ein europäischer WERT?
Sind Kompromisse Europas würdig?

Oder sitzen wir alle am Pokertisch und es gewinnt, wer am besten ... ???

Manchmal hat man das Gefühl das Schachern auf orientalischen Basaren wäre ein zutiefst europäischer WERT. Sorry. :-(

MfG Wolfgang S

HANNA

Die kulturellen Werte Europas

Beitrag von HANNA » Montag 18. Juli 2005, 18:32

In eure Diskussion habe ich mich inzwischen eingelesen, allerdings ohne das Buch gelesen zu haben. Da ich mich aber gerade mit einem Aufsatz von Sabine Schiffer „Der Islam in deutschen Medien“ beschäftige, will ich daraus einige Abschnitte zitieren, die mir zu der Diskussion passend und wichtig erscheinen.

Aus dem Abschnitt „Zeigen und Ausblenden“
„1,2 Milliarden Individuen auf der Welt sind Muslime. Sie sind in verschiedenen Ländern und Erdteilen zu Hause und leben in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen. Differenzierte soziokulturelle Faktoren machen deutlich, dass es innerhalb der muslimischen Bevölkerungen eine Vielzahl von verschiedenartigen Lebensrealitäten gibt. Dennoch lässt sich feststellen, dass in deutschen Medien „die“ Muslime zunehmend als homogene Masse wahrgenommen werden, die bedrohlich oder zumindest rückständig erscheint.
Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach hat in den vergangenen Jahren die Islamophobie in Deutschland deutlich zugenommen – vor allem durch äußere Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11.9.2001 oder die Geiselnahme von Beslan in Tschetschenien, die fast ausschließlich in der Kategorie „Islam“ präsentiert und wahrgenommen wurden. In der Berichterstattung bleiben Entwicklungen ausgeblendet, beispielsweise wie es zu der aktuellen Situation in Tschetschenien gekommen ist, ohne die der Vorgang nicht verstanden werden kann. In Krisenzeiten lassen sich solche Informationen jedoch nicht mehr „nachschieben“, weil sie dann allein vor dem Hintergrund der Betroffenheit und des Skandals rezipiert werden. So stehen wir unvermittelt immer wieder vor Ereignissen, die mit islamistischen Tendenzen erklärbar scheinen. Dieses so genannte Framing drängt sich geradezu auf, wenn sich z.B. Attentäter explizit auf den Islam berufen. ....
Aus diesem Material entstehen Feindbilder: Schwarzweiß- und Worst-Case-Denken, das Messen mit zweierlei Maß, Projektionen, Homogenisierung vielschichtiger Gruppen von außen und eine Fehlbeurteilung sich selbst erfüllender Prophezeiungen. ...
In der Islamberichterstattung lässt sich dieser Mechanismus ebenso nachweisen wie bei anderen Themen. Ausgeblendet bleibt meist das Normale, Unspektakuläre, denn only bad news are good news, und wer würde schon ein unspektakuläres Medium kaufen? Wie sehr Zeigen und Ausblenden unsere Wahrnehmung trüben, belegt auch das folgende Beispiel: Immer wieder können wir lesen, dass muslimische Mädchen nur die Hälfte dessen erben, was ihre Brüder erben. Das stimmt, es bleibt jedoch ausgeblendet, dass muslimische Männer damit traditionell die Verpflichtung übernehmen, für ihre unverheirateten Schwestern und andere Verwandte zu sorgen, während Frauen dieses Geld zur eigenen Verfügung erhalten. ...

Damit sei es erst mal genug. Der Aufsatz ist mir deshalb wichtig, weil er auf willkürliches Ausblenden und Zeigen hinweist, was auch bei der Wertediskussion eine Rolle spielen sollte.
Der Aufsatz ist zu finden in der Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament-Aus Politik und Zeitgeschichte 20/2005, 17. Mai 2005 „MUSLIME IN EUROPA“.

Gast

Beitrag von Gast » Montag 18. Juli 2005, 20:23

Gehen unsere Freiheitswerte wirklich auf Mises "Privatseminar" 1923 zurück und sind Hayeks Ansichten der Weg in die Zukunft?
(vgl. A.Merkel***)

Oder geht es hier auch um bewußtes Auslassen und Aufzeigen von
Zusammenhängen, wo sie vielleicht nicht zu finden sind?

Oder kann ich nur die Hayekschen Zusammenhänge nicht sehen.
Bin ich blind? - Wenn ich die Brille absetze - fast!

Was ist denn nun mit der Freiheit in der Wissensgesellschaft.

Ist Freiheit ein konservativer Wert?
Ist Freiheit ein Grundwert der Sozialdemokratie?
Ist Freiheit ein idealistischer Traum der "Aufklärung"?
Ist Freiheit Mangelware, die sich nur wenige gegen "gutes Geld" leisten?
Ist Freiheit ein Recht ohne Strafe jeden Sklaven oder Juden zu töten?
Wo beginnt, wo endet Freiheit?
Ist Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit?
Ist Freiheit ein Leben ohne Verfassungsschutz, ohne Polizei, ohne Militär, - weil das ja Geld kostet und der Staat muß ja sparen?
Kann jeder unter Freiheit verstehen was er will - denn:
Die Gedanken sind frei?

Warum habe ich nur so viele (Vile) Fragen?

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Auszug aus einem Artikel von Angela Merkel
19.01.2005 Financial Times Deutschland***

...Individuelle Freiheit setzt zudem voraus, dass dem Einzelnen ein privater Bereich, insbesondere sein Eigentum, gesichert ist, in den andere nicht eingreifen können, auch nicht durch auf demokratischem Wege zustande gebrachte Mehrheitsbeschlüsse.

Hayek macht auch deutlich, dass es auf individuelle Freiheit als umfassendes, in der Gesellschaft als Ganzes zu verwirklichendes Prinzip ankommt. Denn nur durch eine Gesellschaft, die individuelle Freiheit jedem Bürger in gleicher Weise gewährleistet und in einem umfassenden Sinne in ihren Institutionen und Gewohnheiten widerspiegelt, werden auch dem Einzelnen all jene Vorzüge offenbar, die eine freie Gesellschaft dem Einzelnen zu bieten vermag - viel mehr, als wenn diese individuelle Freiheit auf wenige beschränkt wäre.

In einer freiheitlichen und damit fortschrittlichen Gesellschaft kann der Einzelne seine eigenen Ziele viel erfolgreicher verfolgen. Er kann nämlich aus einem Wissensbestand Nutzen ziehen, über den er alleine unmöglich verfügen kann. Ein Gesichtspunkt, der wohl noch nie so wichtig war wie im Zeitalter der Wissensgesellschaft.

Mit dem Fall der Mauer, dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen und der Durchsetzung einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaftsordnung in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks scheint ein Teil der historischen Mission dieses Werks erfüllt.

Der andere Teil ist dagegen heute Gegenstand heftiger Diskussionen.
Denn die Vorzüge des Wohlfahrtsstaates werden in der politischen Diskussion mehr denn je abgewogen gegen die daraus folgenden Probleme einer hohen Staatsverschuldung und einer Lähmung der wirtschaftlichen Antriebskräfte. ...

----------------------------------------------------------------------------------

Und was bitte kann ich jetzt darunter verstehen?
Ist Hayek heute das was im Sozialismus die Partei war?
Bin ich auch der Einzelne? Oder bin ich nur ich?
Vielleicht bin ich auch "wenige" - mit "einer Lähmung" im Gehirn?
Ich hab schon den Sozialismus nicht verstanden - kein Wunder!

Wer kann es mir erklären - DEUTSCH?

MfG WolfgangS




 





 

Horst Glameyer
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Einleitung

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 19. Juli 2005, 12:07

Die Frage ist doch, welche gemeinsamen kulturellen Werte gibt es, auf die man sich innerhalb Europas oder zumindest innerhalb der EU als maßgebend verständigen kann? Ob sie von jedermann als für ihn gültig anerkannt und im Alltag beachtet werden, führt nicht zur Aufhebung dieser Werte, die weiterhin als Richtschnur für das Leben in der europäischen Gemeinschaft ihre Gültigkeit behalten.
Im Laufe der Zeit wandeln sich einige Werte. So war lange die Ehre ein hoher Wert. Wurde sie selbst aus nichtigem Anlass verletzt, musste sie in blutigem Duell wieder hergestellt werden. Allerdings war damals nicht jeder satisfaktionsfähig, besaß demnach keine Ehre, die verletzt werden konnte und die es zu verteidigen galt.
Heute hat sich dieser dem seinerzeit dem Adel und Offizieren vorbehaltene Wert in die Würde des Menschen gewandelt, die jedem
zugebilligt wird. Auch sie kann verletzt werden, doch niemand wird sich deswegen duellieren, sondern jedermann, einschließlich des Staates, ist aufgerufen, die Würde des anderen zu wahren.
Zweifellos sind Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in allen Kulturen anerkannte Werte, die deshalb nicht wertlos geworden sind, weil gegen sie immer wieder durch Betrug und Lüge verstoßen wird.

Werner

Werner .

Beitrag von Werner » Dienstag 19. Juli 2005, 15:40

Liebe Ursula,
zu den mittelalterlich anmutenden Sanktionen:
Da zeigt der von Hanna angeführte Beitrag schon eine interessante Perspektive.

Zu den Werten . Wer weiß schon wie er zu seinen Wertvorstellungen kommt?
Wie viel ist einer anthropologischen Konstante geschuldet. Sozusagen die Werte, die wir als
Überlebenspaket mit auf die Welt bringen? (das ist nicht nur der Wille zum Überleben, dazu zählt auch das Urvertrauen, welches leider empfindlicher auf Störungen reagiert als der Egoismus).
Welche Werte verdanken wir der Familie, der sozialen Herkunft, der Schule, der Werbung?
Deine Beobachtung, der sich rhythmisch bewegenden Schüler, ist wohl eine Lerntechnik um längere Textpassagen auswendig zu lernen. (Übrigens in orthodoxen Talmudschulen eher anzutreffen) Dient also mehr der Konzentration als der Konditionierung.
Die Todesverachtung der Selbstmordattentäter speist sich aus anderen Quellen. Wäre sicher auch interessant sich in die Geschichte der Attentäter, der Terroristen und ihre Antriebe zu vertiefen. Nicht nur der Jetztzeit. Auch mal unter dem Gesichtspunkt, unter welchen Aspekten Terroristen später Nationalhelden wurden.

Hallo Wolfgang,
Deine Einschätzung, dass unsere Gesellschaft Probleme mit der Würde hat, ist für mich kein Problem ;-)
Und gelegentlich wird sogar die Würde des Bundespräsidenten in den Medien schwer beschädigt.
Da wird die Sache, für mich, schon problematischer. Mir ist nicht klar, welche Würde Du da beschädigt siehst. Die Würde des Amtes oder die des Menschen? Ein Teil unserer Schwierigkeiten liegt, nach meiner Ansicht, in dieser unhinterfragten Amtsautorität.
(Nicht nur beim Bundespräsidenten).
Eher unwürdig betrachte ich das türkische Schielen nach Europa - hier geht es wohl doch eher um ein Ausschöpfen europäischer Fördergelder
Da kann ich nicht zustimmen. Die Türkei hatte keine Schwierigkeiten Mitglied der EWG zu werden, sie wurde – und wird – als Mitglied der Nato hofiert – zugegeben, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr mir der gleichen Leidenschaft - , woher plötzlich diese Aversion?
Ausschöpfen der Fördermittel?
Wolfgang, einer meiner Hoffnungen ist, dass die Hebung der Lebensperspektiven eine wirksame Maßnahme zur Eindämmung des Terrorismus sein könnte. Wirksamer als alle Verschärfungen der Terrorismusgesetze und dem damit verbundenen Abbau von Bürgerrechten.
Ist Kompromissbereitschaft eigentlich ein europäischer WERT?
Ist Kompromissbereitschaft überhaupt ein Wert?
Ehe doch: „Diesmal war ich nicht stark genug um mich durchzusetzen.“ :-(
Oder sitzen wir alle am Pokertisch und es gewinnt, wer am besten ... ???
So schlecht ist dein Vergleich nicht. Nur, wir, das Volk, sitzen natürlich nicht am Pokertisch.
Wirtschaft und Regierung haben da Platz genommen. Bringt aber nichts, die Wirtschaft weiß besser welch mieses Blatt die Regierung hat.
Manchmal hat man das Gefühl das Schachern auf orientalischen Basaren wäre ein zutiefst europäischer WERT.
Was heißt hier »orientalisch«?
»Geiz ist Geil

Noch zu Deiner Merkel-Hayek-Passage.
Was mir so bei »Freiheit« einfällt.
Freiheit für Alle? Welche Freiheit?
Freiheit wozu?
Freiheit wovon?

Jeder ist frei! Eine Parole die vorwiegend von Leute im Munde geführt wird, die sich jede
“Gleichmacherei“ verbitten! Gleichmacherei, womöglich auch noch soziale! Igittigit.

Tschuess Werner

Gleichheit

WolfgangS

Beitrag von Gleichheit » Dienstag 19. Juli 2005, 22:13

Zur Freiheit später mehr. Zur Brüderlichkeit - da erinnere ich mich an unsere früheren sowjetischen Brüder. Da ist das dann auch vorerst genug.

Nun aber zur Gleichheit.

Wenn ein Medienunternehmen 20% Anteil an einem anderen Medienunternehmen hält, dann wird das nicht zur Ermittlung
der Obergrenze von 30%-Grenze Zuschauer-, Hörer-, Leserquote
hinzugezählt. - Man kann das Lachen schon hören!

Dann sind also 20%=0% - und das ist GLEICHHEIT.

Gleichheit vor dem Gesetz! - Ich glaube ich habe in %-Rechnung gefehlt.

Gleichheit beim Zugang zu Bildungschancen.
Warum dann Gesetze, die reiche Gleiche irgendwie gleicher machen?
Wir führen Studiengebühren für alle ein und schon sind alle gleich.
Wir zahlen alle den gleichen Pauschalbetrag in die Krankenversicherung und schon sind alle gleich. usw. usw.

Gleichheit ist schön. Für wen?

Und zur Würde - die ja auch für alle gleich gilt:

Gerecht ist, was nützt! - und das macht uns alle gleich - Nützlichkeit!

Was braucht es da noch Würde?

MfG WolfgangS

Wolfgang

Freiheit am Abend

Beitrag von Wolfgang » Dienstag 19. Juli 2005, 23:35

Ist der Mut am Abend darauf ausgerichtet Träume frei auszuleben?

Mich begeisterten schon als Kind Pferde. - Sehnsucht nach Freiheit.
UND ich glaube fest daran: Freiheit findet man Rücken der Pferde.
Doch egal, wo jemand ist, Freiheit ist ein wertvollen Gut.
Viel wertvoller als die Güter, die uns unter diesem Begriff verkauft werden.

Der Begriff Freiheit vermag Motivationen auszulösen und Energie frei zu setzen. Brave Kinder träumen von der Freiheit. "Frechdachse" leben sie.
Alleinsein ist noch nicht Freiheit. Die Liebe zu Anderen befreit und engt doch ein. In Freiheit denkt es sich freier. Die Gedanken sind frei.

Wenn ich einmal nicht mehr Anderen befehlen muss, bin ich dann frei?

Oh, wie wünschen wir unseren Vorgesetzen diese Einsicht.

Führen all die vielen kurzen und schnellen Wege zur Freiheit?

Oh, ja - bitte - bitte ... :-)

Ist Freiheit in der Arbeit, mit der Arbeit oder neben der Arbeit?

Oh, Gott ...

Goethe: "Des Freiesten Freiheit ist Recht zu tun."

Oh, wie unfrei wir doch alle sind!

Bismarck: "Die Freiheit ist ein LUXUS, den sich jedermann gestatten kann."

Oh, es gibt ihn also doch - den Luxus für ALLE ...

Gegen den Verlust an Freiheiten helfen keine Schmerzmittel.

Freiheit ist Wissen. - Nachahmen ist schon Unfreiheit.
Wenn Erfahrung dumm macht und Können einen Freiheitszuwachs erbringt,
so ist Freiheit das Wissen über die wachsende Dummheit. :-(

Rousseau: "Freiheit gibt es in keiner Regierungsform; sie lebt nur im Herzen des freien Menschen; er trägt sie überall mit sich."

Tolstoi: "Freiheit ist Befreiung von der Illusion der Täuschung der Persönlichkeit." - " Freiheit wird nicht mit dem Streben nach Freiheit, sondern mit dem Streben nach Wahrheit erlangt."

FREIHEIT = f(gesellschaftlichen Bedingungen) = VERANTWORTUNG

MfG WolfgangS

Erna
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Beitrag von Erna » Mittwoch 27. Juli 2005, 14:18

Eigentlich ist ja die Diskussion über die Einleitung mehr oder weniger zu Ende.Trotzdem möchte ich nach dem Durchlesen noch etwas dazu bemerken.Ich lernte in der Schule, es ist schon lange her, daß Europa, bis auf den Osten von Wasser umgeben ist. Im Osten bildet der Ural die Grenze. Vor Urzeiten habe da auch ein Graben bestanden. So weit die alte geographische Definition.
Was sagen uns Werte? Christen beziehen ihre Werte sicherlich aus ihrer Religion, ebenso ist es bei den Angehörigen anderer Religionen. Menschen, die keiner Religion angehören ,überlassen die Definition der Gemeinschaft oder lassen unterschiedliche Aussagen zu. Heute, da nicht mehr das christliche Wertverständnis in Europa bestimmt, ist es wohl die Gesellschaft oder sogar der Einzelne. Wir gehen auch davon aus, dass Werte sich verändern: z.B. von Treue und Anpassungsbereitschaft zur Selbstverwirklichung und Emanzipation. Vielleicht in Kürze auch schon wieder zur Rücksichtsnahme oder Fairness. Werte und die sich daraus entwickelnden Leitnormen helfen aber dabei, uns zu orientieren.
Den Unterschied zwischen dem Koran und dem Neuen Testament ist wirklich der, dass die arabische Fassung als Wort Gottes heilig ist und nicht verändert werden darf. Nicht die Worte an sich, sondern die ganze arabische Ausgabe. Daher steht immer auf der entsprechenden Seite der gleiche Text. Alles andere sind nur Übersetzungen, die es erst verhältnismäßig spät gab. Der Koran ist nicht diktiert worden, sondern in zeitlichem Abstand aufgezeichnet und geordnet.
Ob es allgemein gültige Werte gibt? Im Christentum galt das Töten immer als verwerflich. Das war es bei anderen Völkern ,auf anderen Kontinenten, durchaus nicht.

Werner

Beitrag von Werner » Freitag 29. Juli 2005, 18:26

Eigentlich ist ja die Diskussion über die Einleitung mehr oder weniger zu Ende.

Sie wird wohl nie zu Ende gehen. Warum sollte sie auch?
Je länger ich mich mit dem Buch, welches die Grundlage unserer Anstrengungen ist, befasse, umso mehr sehe ich die Notwendigkeit, eine Einheit zu erhalten – oder zu schaffen – in dem wir das Thema »Die kulturellen Werte Europas« sozusagen Engführen, das heißt in dem sich die Argumente der einzelnen Beiträge gegenseitig beleuchten oder verknüpfen. Nach meiner Vorstellung würde sich der Artikel des Prof. Joas dazu eignen.

Im Osten bildet der Ural die Grenze. Vor Urzeiten habe da auch ein Graben bestanden. So weit die alte geographische Definition.

Das Ural-Gebirge und der Fluss Ural als östliche Grenze Europas wurden erst um 1730 durch einen schwedischen Offizier in Russischen Diensten ins Gespräch gebracht.
(nach Norman Davies. Europe A History , 1997)

Was sagen uns Werte?

Wie komme ich zu meinen Werten?
Welchen Anteil hat die christliche Religion an meiner Wertvorstellung? Möglicherweise eine christlich unterfütterte Zivilisation, oder meinetwegen auch Kultur. Sicherlich nicht eine Konfession, eine Kirche. (Als gelernter Katholik weiß ich wovon ich spreche).

Wir gehen auch davon aus, dass Werte sich verändern: z.B. von Treue und Anpassungsbereitschaft zur Selbstverwirklichung und Emanzipation. Vielleicht in Kürze auch schon wieder zur Rücksichtsnahme oder Fairness.

Warum sollte sich Treue und Selbstverwirklichung gegenseitig ausschließen? Warum sollte Anpassungsbereitschaft nur bei Verzicht auf Emanzipation möglich sein. Treue wie Selbstverwirklichung sind nie reine, absolute Werte. Treue ohne wenn und aber, Nibelungentreue? Selbstverwirklichung kann, muss aber nicht, zur Egozentrik führen.

Ob es allgemein gültige Werte gibt?

Davon gehe ich aus! Ganz grob gesagt, Menschlichkeit, Humanität. Es ist meine Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinem Zivilisationsgrad, von seiner Konfession, von seiner Bildung und von seinem sozialen Status, verletzlich, leidensfähig ist.

Im Christentum galt das Töten immer als verwerflich


Als Idee wahrscheinlich, aber als Kirche, in der Praxis?

.Das war es bei anderen Völkern, auf anderen Kontinenten, durchaus nicht.


Wer nennt die Völker, nennt die Namen bei denen Töten um des töten willens – wie es im Juristendeutsch heißt – aus niedrigen Motiven, nicht unter Strafe stand und steht.

Werner R.

Ursula

Zusammenfassung

Beitrag von Ursula » Freitag 12. August 2005, 00:29

Zusammenfassung

Die Diskussion zur Einleitung hat einen großen Bogen geschlagen und macht eine kurze Zusammenfassung unmöglich. Viele gute Fragen warten noch auf Antwort, was jedoch kein Malheur ist, weil noch viel Zeit bleibt, um die Diskussion an anderer Stelle wieder aufzunehmen.
In der folgenden Zusammenfassung soll deshalb der wissenstheoretische Ansatz im Zusammenhang mit dem Wertbegriff von Hans Joas mit einem kleinen Ausflug in die Philosophiegeschichte verdeutlicht werden. Die Anregung dazu ist dem Beitrag von Werner R. zu verdanken. Er verweist auf Max Scheler, der die philosophische Vorstellung von den „angeborenen Ideen“ weiterentwickelt, deren prominentester Vertreter Platon ist. Scheler ist wie Platon ein Vertreter der rationalistischen Position, während Hans Joas wohl eher die Position des Empirismus vertritt 1).
Empiristen gehen davon aus, dass das menschliche Bewusstsein bei der Geburt so etwas wie eine „tabula rasa“ ist. Alles Wissen ist danach Erfahrungswissen, während die Rationalisten von ursprünglich vorhandenen „angeborenen Ideen“ ausgehen. Dazu gehört beispielsweise bei Platon die Idee des „Guten“, eine Idee, die in der Frage der Werte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben dürfte.
Die rationalistische Position, lange Zeit als unwissenschaftlich erklärt, wird inzwischen durch die Evolutionstheorie bestätigt.2) Sie spricht von genetisch bedingten Erkenntnistrukturen, die sich in Anpassung an die reale Welt entwickelt haben und die Welt hinreichend genau abbilden, um das Überleben des Organismus zu sichern.
„Das können Vorstellungen sein oder Begriffe, Kategorien, Urteile und Vorurteile, Wahrheiten, Schlussgewohnheiten, logische, moralische oder Naturgesetze, Instinkte, Anschauungsformen, Erlebnismuster (Archetypen) oder Erkenntnisstrukturen.“3)
Diese Aussagen haben etwas tröstliches, weil sie davon ausgehen, dass es auch bei der Gattung Mensch eine genetische Ausstattung zu geben scheint, die sie mit dem Ganzen verbindet. Der Ansatz der Empiristen kann dagegen nur mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet werden, obwohl nicht auszuschließen ist, dass besagte Anlagen im Prozess der Modernisierung verloren gingen. Hans Joas setzt bei der Wertevermittlung auf ganz bestimmte Erfahrungen. Sie sollen das Gemüt, noch besser wohl das Unbewusste, ansprechen, eine Methode, die überspitzt formuliert an Gehirnwäsche denken lässt. In einer heilen Welt wäre das wohl nur ein kleines Übel. Nur welche Erfahrungen können Heranwachsende in unserer Gesellschaft machen? Welche Werte werden vermittelt? Werner R. zitiert Karl Marx: „Die herrschenden Werte sind immer die Werte der Herrschenden“.

Ursula


1) Wertevermittlung in einer fragmentierten Gesellschaft, Vortrag von Prof. Dr. Hans Joas anlässlich des vierten Werkstattgespräches der Initiative McKinsey bildet. im Schloss Tegel, Berlin, am 3.12.200
http://www.mckinsey-bildet.de/downloads ... g_joas.pdf
2) Gerhard Vollmer: „Evolutionäre Erkenntnistheorie)
Verlag S. Hirzel, Stuttgart.
http://www.vobs.at/bio/evol/e-eet10.htm
3) Gerhard Vollmer, a.a.O.

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