Diskussionsbeginn: Die Einleitung

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ellen
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Diskussionsbeginn: Die Einleitung

Beitrag von ellen » Freitag 1. Juli 2005, 13:09

Dies ist der Start der Diskussion zur Einleitung. Bitte lest dazu die Zusammenfassung von Ursula und vielleicht ergeben sich aus ihren Fragen die ersten Beiträge hier im Forum?

Horst Glameyer
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Zu den beiden Fragen am Schluss der Einleitung:

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 5. Juli 2005, 19:14

1) Ob man im christlichen Europa gegenüber der Antike einfach offener, weniger klug oder weniger geformt und festgelegt war als in den Ländern des Islam, lässt sich nicht einfach beantworten. Wie im Brockhaus-Lexikon aus dem Jahr 2000 nachzulesen ist, traten bereits in Jesu Todesjahr noch in Jerusalem griechisch-sprechende Juden in der Diaspora zum Christentum über. Aus ihnen und den nachfolgenden Generationen gingen Missionare hervor, die sich in der hellenistischen Gedankenwelt auskannten und damit auch die christliche Lehre in deren Sinne beeinflussten, nicht zuletzt um Griechen und Römer zu missionieren.
Unter Konstantin I., dem Großen, wurde 313 das Christentum als erlaubte Religion den übrigen Religionen gleichgestellt. Der apostolische Glaube wurde durch einen Beschluss des Kaisers Theodosius am 27.2.380 maßgeblich für alle Völker seines Herrschaftsgebietes. Im folgenden Jahr erhob die katholische Orthodoxie auf dem Konzil in Konstatinopel ihre christliche Lehre zur Staatsreligion und verdammte den Arianismus. In der Folge führte die antiheidnische Politik des Theodosius zur Zerstörung antiker Tempel und Heiligtümer. Ketzerverfolgungen bis zum Hexenwahn gehörten in Europa durch Jahrhunderte zur Kirchengeschichte. Wenn dennoch antike Schriften über den Islam ins christliche Europa Eingang fanden, vornehmlich erst im Mittelalter, so ist das kaum ein Verdienst der Kirche, sondern einzelner Gelehrter, die sich überdies nicht selten deswegen dem Verdacht der Häresie aussetzten.
2) "Ließ die Kirche im Umgang mit der Heiligen Schrift mehr Spielraum als der Islam angesichts des Korans?" Bekanntlich gibt es keine schriftlichen Zeugnisse aus der Hand Jesu. Auch ist es umstritten, ob es sich bei dem Evangelisten Johannes um den Jünger Jesu handelt. Die zahlreichen Evangelien, kanonische und apokryphe, stützen sich auf mündliche Überlieferungen. Das älteste entstand anonym um 70 und wurde vom Bischof Papias (65 - nach 130) Markus zugeschrieben. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte können die Evangelien wörtlich und zum Teil auch inhaltlich gar nicht übereinstimmen. Den Spielraum nahmen sich die Evangelisten, wie z.B. der Evangelist Lukas. Er gibt im Kap. 22, 39-46 sehr ergreifend und eindrucksvoll wörtlich das Gebet Jesu im Garten Gethsemane wieder, obwohl dessen Jünger in einiger Entfernung schliefen und vom Gebet ihres Meisters wohl kaum etwas gehört haben konnten. Erst die Kirche traf unter den Evangelien eine verbindliche Auswahl.
Ganz anders verhält es sich mit dem Koran, den nach der Überlieferung ein Engel als Wort Gottes dem Propheten Mohammend offenbarte, der ihn seinerseits seinem Sekretär in arabischer Sprache diktiert haben soll. Folglich ist der Umgang mit den heiligen Schriften beider Religionen kaum zu vergleichen. Horst G.

Ursula

Beitrag von Ursula » Mittwoch 6. Juli 2005, 23:11

Lieber Horst,
deine Ausführung zur ersten Frage haben für mich einige Erhellung gebracht. Obwohl den christlichen Institutionen jedes Mittel recht gewesen war, konnten sie den Prozess der Säkularisierung nicht verhindern. Ich habe den Autor der Einleitung so verstanden, dass er diese Tatsache auf den Einfluss der griechisch-römischen Tradition und den schillernden Freiheitsbegriff zurückführt, denn in den Einflussgebieten des Islams hat es diesen Prozess in dieser Form ja nicht gegeben.

Mit deiner Antwort auf die zweite Frage kann ich dagegen weniger anfangen. Ich möchte den Kirchenlehrern zwar nicht zu nahe treten, bin jedoch der Meinung, dass, wer die Macht hat auch die Auslegung der Texte bestimmen kann. Die Geschichte mit dem Engel klingt ja sehr phantastisch, hat aber natürlich den Vorteil, dass sie nur von Mohammed allein erzählt werden konnte, während es für das Leben von Jesus mehrere schriftliche Zeugnisse gibt, aber reicht das als Erklärung für die unterschiedliche Entwicklung der beiden Religionen?

Beide Antworten führen bei mir zu einer weiteren Frage, die die Weitergabe von Werten betrifft. Ich habe den Eindruck, dass der Islam damit auch in der Gegenwart weniger Probleme hat als das Christentum, oder täusche ich mich da?
Ursula B.

Werner R

Beitrag von Werner R » Freitag 8. Juli 2005, 09:15

Ihr lieb Leut,
ich quäl mich noch mit Joas Werte-Verständnis ab, - auch Ursulas ausgezeichnete Zusammenfassung erleichtert mir die Akzeptanz nicht - da wildert ihr schon im Huber Aufsatz.
Ursulas Anmerkung zur Wertesetzung, löste bei mir das Erinnern an einen Spruch des immer noch allseits beliebten Philosophen Karl Marx aus:
„Die herrschenden Werte sind immer die Werte der Herrschende“
Werner R.

Ursula

Beitrag von Ursula » Freitag 8. Juli 2005, 15:28

Lieber Werner,
was deine Akzeptenzprobleme betrifft, kann ich nur zustimmen und irgendwie glaube ich auch, dass der Ansatz von Joas, der mit seiner Einleitung ja den Grundriss zur Wertebestimmung liefern will, nur dann fassbar wird, wenn man sich mit seinen Ausführungen zum Thema Werte näher befasst. Leider besteht dabei angesichts der vorhandenen Literatur die Gefahr, dass man sich im Dschungel der Definitionen verfranst.
(Der Aufsatz von Hans P. Lichtenberger http://www.fernunihagen.de/EUROLIT/iabl ... rger04.htm
gibt mm. E. einen guten Überblick, über das faktische Minenfeld.)
Die Beschäftigung mit den Fragen von Huber, die ja wortwörtlich von Joas übernommen werden, erlaubt m. E. aus folgenden Gründen eine konkretere Annäherung an das Wertethema.
Der Sammelband gibt einen guten Überblick über Entstehung und Wandel von Werten im sog. christlichen Abendland und beschreibt den Prozess der Säkularisierung, der letztendlich die Erlösungshoffnungen der totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts ermöglicht hat, während es dem Islam bisher weitestgehend gelungen ist, die Reinheit der Lehre nicht nur zu bewahren, sondern auch an die nächste Generation weiterzugeben.
Diese unterschiedliche Entwicklung führt zu den folgenden Fragen:
Wie wurden bzw. werden die unterschiedlichen Wertesysteme an die nächste Generation weitergegeben?
Welche Rolle spielen Methode und Funktion der Sprache bei der
Weitergabe?
Ursula B.

Werner R.

Beitrag von Werner R. » Sonntag 10. Juli 2005, 10:15

Liebe Ursula,
gerade weil Joas mit dem Abfassen der Einleitung so etwas wie eine Handreichung zum Lesen der folgenden Beiträge, quasi eine Landkarte samt Kompass, gibt, muss ich wissen, welchen Maßstab legt Joas zu Grunde. Unstreitig ist, dass Werte unseren Blick auf die Problematik des Themas „Die kulturellen Werte Europas“ beeinflussen.
Nun, nach dem Lesen der Einleitung muss ich erst Gewissensforschung treiben, ob meine Werte überhaupt den Anforderungen an Werte gerecht wird, ob sie nicht
“bloße Variante [meiner] Wünsche“ sind. Joas Unterscheidung von Wert und Norm in allen Ehren, auch die emotionale Wurzel von Wert kann ich noch nachvollziehen.
Aber mein Haupteinwand gegen die Wertedefinition der Seiten 12 – 16, besteht in der Behauptung, es könnte Werte geben, die philosophischen Ansprüchen genügten und nur unter Europäern gelten.
Wo ich mich auch umsehe um mich über „Werte“ zu informieren, nirgendwo gibt es die Einschränkung, »Achtung, folgender Wert gilt nur für Europäer«

Max Scheler:
“Der Formalismus in der Ethik und die materielle Wertethik“ 1913
Zitat:
Die Werte sind uns nicht in empirischer Erfahrung, sondern in apriorischer Einsicht, in anschaulich-unmittelbarer „Werterfassung“ gegeben. Scheler spricht von einem „Apriorismus des Emotionalen“
Es gibt ganz verschiedenartige Werte. Scheler unterscheidet zwischen
(a) den Werten des Angenehmen und Unangenehmen,
(b) dem Wertkreis des Edlen und Gemeinen
(c) den Werten des Schönen und Häßlichen, des Rechten und Unrechten sowie der
Wahrheitserkenntnis und
(d) den Werten des Heiligen und Unheiligen.
Zwischen den Werten bestehen Beziehungen, insbesondere Rangordnungen, ebenfalls a priori
Einsichtig sind.
Zitiert nach Funkkolleg „Praktische Philosophie/ Ethik Heft 7 Seite 30 f

Auch der Aufsatz von Hans P. Lichtenberger scheint mir keinen Hinweis auf spezielle „europäische Werte“ zu enthalten. (Vielen Dank für den Hinweis).
Frohes Schaffen
Werner R.

Ursula

Beitrag von Ursula » Montag 11. Juli 2005, 20:16

Wie mir Ellen mitgeteilt hat, gibt es Probleme mit dem Link zur Uni Hagen.
Ich habe es inzwischen mehrmals ausprobiert. Wenn ich den Link von meiner Festplatte kopiere klappt es, wenn ich den Link im Forum aktiviere klappt es nicht.
Eine Alternative, die auf jeden Fall klappen sollte ist die folgende: Hans P. Lichtenberger bei Google eingeben. Dort sind mehrere Ausätze von diesem Autor zu finden. Der Aufsatz zur Werteproblematik steht unter "Untitled Document".
Gruß Ursula

Horst Glameyer
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Die kuluturellen Werte Europas; hier: Einleitung

Beitrag von Horst Glameyer » Dienstag 12. Juli 2005, 19:15

Liebe Ursula,
um noch einmal auf meine zweite Antwort hinsichtlich der Entstehung des Korans zurück zu kommen: Soweit mir bekannt ist, besitzt nur der Koran in arabischer Sprache absolute Gültigkeit und hat auch als wortgetreuer Nachdruck die Bedeutung eines 'heiligen' Buches, mit dem unter keinen Umständen verächtlich umgegangen werden darf. Ich erinnere an die Empörung über die Vorgänge im amerikanischen Militärgefängnis auf Kuba. Übersetzungen des Korans in andere Sprachen haben nicht denselben Rang.
Die Weitergabe der islamischen Werte erfolgt in den Koranschulen und Familien aufgrund einer langen Tradition, die vermutlich nach Ansicht der Islamisten durch den Westen gefährdet sind und damit auch die im Westen lebenden Muslime in große Gefahr bringen. Ein Übertritt zum Christentum oder zu einer anderen Religion ist dem Muslim streng verboten und kann für ihn schwere Folgen haben.
Man spricht zwar von der Bibel als "Heiliger Schrift"; aber ihr Text ist immer wieder neu interpretiert und der jeweiligen Landessprache angepasst worden. Übrigens sprach Jesus von Nazareth aramäisch. Eine der ältesten Fassungen des neuen Testaments, die Vulgata, liegt jedoch in lateinischer Sprache vor.
In Europa erfolgte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ein Wertewandel, z.B. vor nicht langer Zeit die Abschaffung der Todesstrafe in den Ländern der EU. Durchaus keine Selbstverständlichkeit. Danach ist nicht einmal der Staat berechtigt, den Wert 'Leben' anzutasten. Ob sich in den islamischen Ländern ein Wertewandel vollzog, ist mir nicht bekannt. Wenn ja, in weitaus geringerem Umfang.
Zu Werners Frage, ob es 'europäische' Werte überhaupt gibt, lässt sich nur sagen, dass es keine weltweit verbindlichen Wertvorstellungen gibt, wohl aber in Abgrenzung zu den islamischen Ländern spezifisch 'europäische' Wertvorstellungen, die sich nicht ausschließlich auf die christlich-jüdische Religionstradition stützen, sondern mitunter sogar davon erheblich abweichen.

Werner R

Beitrag von Werner R » Mittwoch 13. Juli 2005, 09:22

Hallo Horst,
auf Deine Feststellung, dass es keine weltweitverbindlichen Wertvorstellungen gibt, folgt logischerweise, dass es auch keine europaweitverbindlichen Wertvorstellungen geben kann. :?
Aber, das ist mein Ausgangspunkt, ist gibt humane Werte! Jeder Mensch ist leidensfähig, hat Angst vor vermeintliche oder wirkliche Bedrohungen.
Weil ich bestreite, dass es in Abgrenzung zu den islamischen Ländern, spezifisch “europäische“ Wertvorstellungen gibt, - mögen sie nun christlich-jüdisch fundiert sein oder nicht -, kann ich diese Differenzen auch nicht benennen. Da bin ich nun auf Deine Benennung der unterschiedlichen Wertvorstellungen angewiesen.
Tschuess
Werner R.

Horst Glameyer
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Die kulturellen Werte Europas, hier: Einleitung

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 13. Juli 2005, 14:22

Hallo Werner,
hinsichtlich des Wertes "Leben" möchte ich auf die Verfolgung des indischen Schriftstellers Salman Rushdie wegen Verunglimpfung des Propheten Mohammed in einem seiner Bücher hinweisen, der sich jahrelang verstecken musste. Er wurde durch einen islamisch-religiösen Urteilsspruch im Iran für vogelfrei erklärt. Gleichzeitig forderte man die Muslime in aller Welt auf, ihn zu töten.
Nur die Proteste der westlichen Welt verhinderten die Steinigung einer nigerianischen Ehebrecherin. Diese Art der Todesstrafe stammt wahrscheinlich aus vorislamischer Stammeskultur, wird aber immer noch für rechtens gehalten.
Die säkulare Türkei mit muslimischer Regierung und überwiegend muslimischer Bevölkerung verzichtete mit Blick auf den erstrebten Beitritt zur EU darauf, gegen den PKK-Führer Ötzalan und den Kalifen von Köln, Kaplan, die Todesstrafe zu verhängen.
Ferner ist die Gleichstellung von Mann und Frau, die keineswegs innerhalb Europas schon restlos verwirklicht ist, ein Freiheitsrecht, das es in islamischen Ländern kaum oder gar nicht gibt. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die freie Partnerwahl, die neuerdings sogar zwischen Gleichgeschlechtlichen selbst im katholischen Spanien gesetzlich erlaubt sein soll.
Außerdem vertraten 1993 die Länder des Nahen und Fernen Ostens in der Bangkok-Erklärung (s. Kapitel "Freiheit und Rechte") die Ansicht, "Freiheit" als Wert sei in der Tradition vieler Länder nicht verwurzelt. Hingegen wurde er bereits in der Frz. Revolution vor mehr als 200 Jahren mit dem Ruf nach "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" gefordert und im weiteren Geschichtsverlauf mit der Abschaffung der Leibeigenschaft (Bauernbefreiung) verwirklicht.
Übrigens bot ein Grundherr noch zu Beginn des 18. Jhs. in einer Königsberger Zeitung eine leibeigene Familie (Vater, Mutter und Tochter) zum Kauf an. Die Familienmitglieder konnten unter Verweis auf ihre besonderen Fähigkeiten als Koch, Magd usw. auch einzeln erworben werden.
Ich halte deshalb die Werte "Leben" und "Freiheit" auch infolge ihrer langen europäischen Entwicklungsgeschichte für europäische Werte, die sich eines Tages vielleicht weltweit durchsetzen werden.
Mit freundlichem Gruß Horst

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ellen
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Werte

Beitrag von ellen » Mittwoch 13. Juli 2005, 15:55

Was ist Europa? Die Welt kann ich benennen, aber Europa? Kann ich dann von "europaweitverbindlichen" Werten sprechen?
Für die EU kann man diese Werte übrigens substantiell bestimmen. Sie stehen in dem europäischen Verfassungsentwurf. (Bitte laßt uns hier nicht über die Frage diskutiren, ob sie nun durchkommt oder nicht.) Sie sind darüber hinaus nicht normativ bestimmt, sondern sie sind empirisch entstanden.
Natürlich ist zu fragen, was uns der Gesetzestext bringt, wenn die Bürger es vielleicht so nicht sehen? Wie also ist es um die Wertorientierung der Bürger bestellt? Der EU-Bürger und die der türkischen Bürger? Darüber Auskunft gibt der "European Value Survey" von 1999/2000. Ich will das Ergebnis hier nicht darlegen, sondern verweisen auf einen sehr erhellenden Artikel aus der Beilage zum "Parlament" - "Aus Politik und Zeitgeschichte" (B38/2004) - Jürgen Gerhards: Europäische Werte - Passt die Türkei kulturell zur EU?
http://www.bpb.de/publikationen/YQEK12, ... ur_EU.html.
(Bitte die Druckversion oder die PDF-Datei aufrufen zum Ausdrucken.)
Vielleicht erscheint die Überschrift etwas abweichend vom derzeitigen Thema, allein, der Text sagt mehr zu unserem Thema als zum Titel des Artikels.
Zu den verschiedenen Lebensbereichen gibt es eine Reihe interessanter Aussagen, die uns bei unserer derzeit sehr philosophischen Diskussion vielleicht helfen können, das Thema ein bißchen auf die Füße zu stellen. In diesem Fall sind es eher politische Füße, die wiederum nicht allein glückselig machend sind. Ich glaube in diesem Artikel ist für alle etwas zu finden - die historisch, die geographisch, die philosophisch und die politisch interessierten MitleserInnen. Und für alle etwas über Werte!

WOLFGANG-S

WERTE oder ?

Beitrag von WOLFGANG-S » Donnerstag 14. Juli 2005, 00:37

*[[Menschenwürde]]
*[[Gleichberechtigung]]
*[[Humanität]]
*[[Freiheit]]
*[[Gerechtigkeit]]
*[[Wahrheit]]
*[[Offenheit]]
*[[Toleranz]]
*[[Wohlstand]]
*[[Sicherheit]]
*[[Nachhaltigkeit]]
*[[Umweltschutz]]
*[[Tierschutz]]
*[[Solidarität]]
*[[Fröhlichkeit]] etc.

sind das nun unser gemeinsamen Werte oder sind das gemeinsame
Worthülsen, die allein in der Übersetzung oft schon unterschiedliche
Auslegungen ermöglichen?

Sind das nicht alles sehr allgemeine Begriffe, die nach Belieben und
je nach persönlicher Lebenssicht für ganz unterschiedliche Zwecke
verwendet werden können? - Die nach 1928 entstandenen "Denk-
fabriken" haben sicher keine große Mühe damit.

Sind das was wir als Werte benennen in Wahrheit nichts weiter als
Schlupflöcher, um gemeinsamen Wertorientierungen zu entfliehen?

Wie sind europäische Werte definiert?

Ist Ordnung ein Wert? - oder ist das Zulassen von Unordnung ein
viel größerer Wert? (z.B. weil viel effizienter - weil es sich rechnet?)

Wie weit darf Ordnung gehen - und wo beginnt Chaos?

Was ist mit christlichen Werten? - Wo finde ich sie in der Verfassung?

Fragen über Fragen.

Aber das ist zu Projektbeginn sicher nicht unerwartet.
Vielleicht sind wir Ende des Jahres schlauer. Vielleicht.

MfG Wolfgang

Renate B

Werte

Beitrag von Renate B » Donnerstag 14. Juli 2005, 23:06

Werner R. erwähnt in seinem Beitrag vom 10.7. die Ausführungen von Hans Joas zu dem Begriff „Werte“. Ich habe beim Lesen der Einleitung hier ein Denkpause eingelegt und mich ebenfalls befragt, wie denn meine Einstellung zu Werten entstanden ist. „Unsere Werte bringen uns dazu , unsere Wünsche zu bewerten. Wir wollen bestimmte Wünsche dann nicht mehr haben und umgekehrt.“ Da wird es wirklich schwierig sich selber einzuschätzen und zu deuten. Sind unsere Werte Varianten der eigenen Wünsche? Die Anregung darüber nachzudenken hat mir gefallen.
Auch die Unterscheidung zwischen „ertragener Differenz“ und Toleranz war für mich interessant. Nur die ertragene Differenz wird also zu den traditionell geltenden Werten Europas gerechnet.

In dem Buch „Europa schreibt“ gibt es eine Aufzählung von europäischen Werten durch den polnischen Autor Stefan Chwin, er sagt: „Europäisch ist an uns das Bewusstsein über die Kompliziertheit der menschlichen Welt, ein Bewusstsein des Konflikts zwischen Erkennen und Handeln, zwischen Ethik und Politik, Gerechtigkeit und Erbarmen, individuellem Schicksal und kollektiver Verantwortung, zwischen Strafe und Rache Wirksamkeit und Wahrheit.“

Werner

Werner

Beitrag von Werner » Freitag 15. Juli 2005, 10:50

Hallo Horst,
langsam droht die Gefahr, dass das Engagement in dieses Abenteuer „europäische Werte“
zur Arbeit wird.
Zu Deinen Argumenten, besser zu Dein Erinnern an außer europäischen Unmenschlichkeiten.
Die von Dir genannten Beispiele sind alle im Islam angesiedelt. Zufall?
Zugegeben, einmal verweist du auf die Möglichkeit einer vorislamischen Ursache.

>Die säkulare Türkei mit muslimischer Regierung und überwiegend muslimischer Bevölkerung verzichtete mit Blick auf den erstrebten Beitritt zur EU darauf.

Horst, ich bin davon überzeugt, dass es in der Türkei Kräfte gibt, die – ohne auf den Beitritt zur EU zu schielen – für eine Trennung von Staat und Kirche hinarbeiten. Immerhin ist Kemal Atatürk noch nicht vergessen.
Irgendwie bin auch nicht davon zu überzeugen, dass es so etwas wie den „Islam“ gibt.
Die Fülle der Abspaltungen, der Gruppen die wirklich die einzig richtige Deutung der heiligen Texte für sich in Anspruch nehmen, warum sollten die der christlichen Gemeinschaft vorbehalten sein?
Sollten wirklich ca. 1,2 Milliarden Menschen potentielle Scheusale sein?
Wenn ich so beobachte wie viele Engstirnigkeit, Heuchelei, doppelte Moral, Absolutheitsanspruch in unserem christlich-jüdisch geprägter europäischen Wertegemeinschaft zu finden ist, weiß ich nicht woher ich das Recht nehmen soll, alle die nicht zu bestreitenden Unmenschlichkeiten einer Religionsform aufzudrücken.
Was mir nicht gefällt, ist dieser Versuch, eine europäische Identität durch Abgrenzung gegenüber einer Religion – Islam – zu schaffen.

Zu der Bangkok-Erklärung wird ja wohl noch einiges zu sagen sein, wenn der Aufsatz von Orlando Patterson dran ist.
Dann wird ja wohl der Wert „Freiheit“ auf Möglichkeit und Wirklichkeit abgeklopft werden.

>Ich halte deshalb die Werte "Leben" und "Freiheit" auch infolge ihrer langen europäischen Entwicklungsgeschichte für europäische Werte, die sich eines Tages vielleicht weltweit durchsetzen werden.

Leben und Freiheit – so unbestimmt Freiheit als Wert auch ist- halte ich für menschliche Werte,
die vielleicht eines Tages weltweit – auch europaweit – möglich sein werden.
Geben wir die Hoffnung nicht auf.
Tschuess
Werner R.

Werner

Werner R

Beitrag von Werner » Samstag 16. Juli 2005, 17:39

Ellens Hinweis auf den Artikel von Jürgen Gerhards Europäische Werte – Passt die Türkei kulturell zur EU?
Interessanter Artikel mit bemerkenswerten Argumenten sowohl für die Befürworter wie für die Gegner einer EU-Erweiterung.
Die beigegebenen Tabellen sollte man allerdings sehr kritisch interpretieren.
Wieweit die unterschiedliche Stadt-Land Verteilung der Bevölkerung in die Stichprobenauswahl eingegangen ist hätte ich schon gerne gewusst.

Wolfgangs „Fragen über Fragen“
Was ist mit christlichen Werten? - Wo finde ich sie in der Verfassung?Wolfgang, was nütz Dir die Erhebung „christlicher Werte“ in den Verfassungsrang wenn sie nicht konkretisiert werden können? Die „Würde des Menschen“ steht an herausragender Stelle in unserer Verfassung. Und? Schauen wir uns mal in etlichen Altenheimen um.

Hallo Renate,
Dein Problem mit der „ertragenen Differenz“ und der „Toleranz“.
Sicher wird ein studierter Philosoph oder Theologe den Unterschied höchst gelahrt explizieren können.
Für mich klingt „ertragene Differenz“ zwar edel, aber auch immer mit den gefährlichen Unterton: „treib es nicht zu weit mit der Differenz sonst könnte es für mich unerträglich werden!
Toleranz, ist unter gewissen Bedingungen einer der leichtesten Übungen. Für mich, als Ungläubiger, ist es kein Problem einen Menschen jüdischen Glaubens ebenso sympathisch zu finden, wie einen gläubigen Moslem oder einen überzeugten Christen. Die Probleme die die Anhänger unterschiedlicher Konfession miteinander oder gegeneinander haben, finde ich interessant, berühren aber nicht mein Lebensgefühl und bereiten mir auch keine Ängste.
Tschuess
Werner R.

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