Joachim Radkau: Wendezeiten der Umweltgeschichte

Vom Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten.
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Uwe Bartholl
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Joachim Radkau: Wendezeiten der Umweltgeschichte

Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 31. Juli 2007, 20:04

- Pausenzeichen- Dieses Kapitel sollte ab 01.08. zur Diskussion gestellt werden. Ein Kontakt mit dem Moderator kann zurzeit nicht hergestellt werden. Ich hoffe, dass das bald gelingt, und die Diskussion weitergehen kann. Ich werde über die Mailingliste informieren.

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Mittwoch 1. August 2007, 13:23

Hallo Uwe,

Hallo Maria, Renate, Erna, Erdmute, Gitti, Horst, Helmut F., Roland, Clemens, Mark - das sind die bisher aktiven Diskutanten!

Und hallo all jene, die künftig mitmachen wollen.

Ja: Uwe hatte leider Recht: Ich habe Provider, Telefonnummern, eMail-Adresse und die Hardware gewechselt, war in den letzten Monaten ziemlich intensiv mit Beruflichem und Privatem beschäftigt und war deshalb bei ViLE fast völlig offline. Soviel als einleitende Entschuldigung.

Dennoch: Termingerecht schlage ich heute auf den Gong für den Einstieg in die 37 Seiten von Joachim Radkau "Wendezeiten der Umweltgeschichte" in "Die Zukunft der Erde. Was verträgt unser Planet noch?"
Und ich möchte hier zuerst einmal an ein Zitat von Maria, an ihre Schlussbemerkung anknüpfen:

[ "Ich möchte aber noch eine grundlegende Frage aufwerfen, die mich beschäftigt, ich hoffe, dass sie nicht falsch verstanden wird.
Ist es überhaupt sinnvoll über solche Vorträge zu diskutieren? Wir haben es hier mit Fachleuten zu tun, die vor anderen Fachleuten einen Vortrag halten. Es sind Themen, über die sie Bescheid wissen, sie haben recherchiert und wollen sicher ihr Bestes geben.
Wir können ihre Aussagen zu Kenntnis nehmen, wir können daraus etwas lernen, aber können wir wirklich darüber diskutieren?
Könnte es sein, dass das mangelnde Interesse vieler ViLE Mitglieder sich damit erklären lässt?
Ich will mit diesen Äußerungen nicht unsere Arbeit klein reden, ich selber bin aber nicht sehr motiviert, über Fakten zu diskutieren, die häufig allgemeiner Konsens sind und die wir als gegeben akzeptieren müssen"


Können und wollen wir diese akademischen Äußerungen von Fachleuten wirklich und wirkungsvoll diskutieren oder sie nicht nur - dankbar und/oder kritisch - zur Kenntnis nehmen?
Und werden in der Tat viele ViLEs von diesen gelahrten Vorträgen nicht eher abgehalten, mitzumachen und sich in eine Debatte einzumischen? (Das war nebenbei auch bei den Veranstaltungen des "Forum für Verantwortung", an denen ich teilnahm, oft der Fall: Die kenntnisreichen Professores debattierten mit Vorliebe untereinander, das übrige Publikum schwieg ergriffen.)
Was bezwecken wir also mit dieser Debatte?

Joachim Radkau ist Prof für Neuere Geschichte in Bielefeld. Und ich fand / finde seine Ausführungen zwar höchst kenntnisreich, aber eben auch recht akademisch. Meine Skepsis, ob sich in seinem Beitrag viel Erhellendes und Bewegendes findet, um die aktuelle ökologische Lage der Welt und unserer Umwelt besser zu verstehen, habe ich in meiner Zusammenfassung angedeutet. Und mein Eindruck war halt auch: Hier hat ein ehrgeiziger Geisteswissenschaftler vor allem auf die Spezialthemen zurückgegriffen, bei denen er besonders gründlich geforscht und publiziert hat.
Wie ist Euer Eindruck?
Und: Wo sind die wirklich "heißen" Debattenthemen in diesem Beitrag?
Helmut K.

Horst Glameyer
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Umweltgeschichte als Geschichte der Menschen

Beitrag von Horst Glameyer » Mittwoch 1. August 2007, 18:57

Ein amerikanischer Psychologe, dessen Namen ich mir leider nicht gemerkt habe, vertrat die Ansicht, dass die Weltgeschichte seit jeher auf Beute machen und Besitz verteidigen beruhe. So steckt der Mensch noch immer wie jedes Tier, wenn auch nicht mit Duftmarken, sein Revier ab, indem er Zäune, Mauern, Gräben usw. errichtet, ja, im Staatsverband sogar Küstengewässer und den Luftraum für sein eigen erklärt. Im Gegensatz zu anderen, nicht sprachbegabten Lebewesen umschreibt der Mensch das auf Erden herrschende Gesetz vom „Fressen und Gefressenwerden“ weniger blutrünstig als „Nahrungskette“, an deren Ende er stehe. Dabei übersieht er geflissentlich die Kleinstlebewesen, Viren u.a., die sich ihrerseits an und in ihm gütlich tun.

Offensichtlich gehört es seit Anbeginn zur Natur der meisten Menschen (Märchendichter und andere sensible Wesen, die mit Pflanzen und Tieren reden, vielleicht ausgenommen), die Erde mit allem - einerlei ob organisch oder anorganisch - als zu ihrer freien Verfügung zu betrachten, wie es ihnen später in der biblischen Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1.26) zugestanden wurde.

Alles, aber wirklich alles dient ausschließlich menschlichen Zwecken, von der pflanzlichen und tierischen Ertragssteigerung mittels Züchtung und Gentechnik über oft quälend grausame Tierversuche in Forschung, Medizin und Wirtschaft bis hin zur Aufzucht und Auswilderung von ihm fast oder vollständig ausgerotteter Tierarten. Nicht zu vergessen seine ausgeprägte Liebe zu bestimmten Tieren, die ihm auf vielfältige Weise zur Unterhaltung dienen. Insofern hat Prof. Joachim Radkau Recht, wenn er "Umweltgeschichte als Geschichte der Menschen" bezeichnet. Über die Wendezeiten kann man geteilter Meinung sein.

Auffällig sind die Science-Fiction-Romane und –Filme, in denen der Mensch auf der Suche nach anderen Überlebensmöglichkeiten in den Weltraum vordringt. Vermutlich ist vielen bewusst oder unbewusst deutlich, dass künftigen Generationen die Erde als Lebensraum nicht mehr genügen wird und sie sich nach künstlichen Welten auf dem Mars oder anderswo umsehen müssen. Die phantastischen Ideen, die Jules Verne (1828 – 1905) in seinen Zukunftsromanen entwickelte, sind in abgewandelter Form längst Wirklichkeit geworden. Solange es im Interesse der Menschen liegt, werden sie mit allen Mitteln versuchen, ihre irdische Umwelt zu erhalten, andernfalls werden sie diese sich selbst überlassen und sich dank der bis dahin vervollkommneten Weltraumfahrt von ihr verabschieden oder sich mit Hilfe weiterentwickelter Techniken ins Virtuelle flüchten.
Horst

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Uwe Bartholl
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Beitrag von Uwe Bartholl » Donnerstag 2. August 2007, 09:55

Da kommt Freude auf, dass es doch zügig weitergehen kann mit der Beschäftigung der ÜBERLEBENSFRAGEN! Der Verlauf der Diskussion zeigt, dass "gelahrte Vorträge", wie sie hier vorliegen, durchaus für ViLE zu verstehen und mit Gewinn zu diskutieren sind. Mein Eindruck und mein Gewinn bestehen darin, dass mein Denken und Handeln entscheidende Anstöße erhält, mehr Eigenverantwortung der Erde gegenüber zu leben. Darin meine ich mit vielen Diskutanten gleichzuziehen. Mein Wunsch: Laßt uns weiter über die Themen erschließend diskutieren. Dabei mag uns gelehrte Zumutung nicht schrecken. Ja, was ist das Brennende in diesem Kapitel? Ich muß mich in die Lektüre vertiefen, wenngleich Horst's Beitrag dazu einlädt, loszulegen mit der Diskussion.
Uwe

Erna
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Beitrag von Erna » Donnerstag 2. August 2007, 12:39

Hallo, Helmut
an Dich geht eigentlich mein Schreiben. Wenn die Herren Professoren auch nach ihren Vorträgen sich nur mit sich unterhalten, zeugt es von ihrer Kurzsichtigkeit. Vielleicht haben die Außenstehenden, weil sie nicht in der Materie befangen sind, ganz gute Gedanken die letztlich weiter helfen.
Also machen wir weiter .
Erna

Horst Glameyer
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Umweltgeschichte als Geschichte desMenschen

Beitrag von Horst Glameyer » Freitag 3. August 2007, 13:07

Damit keine Missverständnisse entstehen: es geht hier nur um das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Seine herausragenden kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Leistungen im Laufe der Geschichte, z.B. vom Faustkeil bis zur Weltraumstation, stehen nicht zur Debatte; denn sie wurden nahezu ausschließlich vom Menschen für den Menschen erbracht. Selbst die Erkenntnisse der Tiermedizin, die nicht nur dem Wohle aller Tiere dienen, finden in der Humanmedizin (Leihmütter u.a.) Anwendung.

Was wir für schädlich halten, bezeichnen wir als Unkraut und Ungeziefer, das wir mit „Stumpf und Stiel“ auszurotten versuchen; es sei denn, wir können die Schädlinge, z.B. Mäuse und Ratten, für Forschungszwecke nutzen, die unseren Zwecken dienen. Selbst mit Gift rücken wir dem Unkraut und Ungeziefer zu Leibe. Erst als das giftige DDT durch die "Nahrungskette" auch in die Muttermilch und die Haare von Kleinkindern gelangte, wurde es zur Schädlingsbekämpfung verboten. Dass es anderen Lebewesen schadete, die wir nicht zum Ungeziefer zählen, war bei Beginn der Aktion zweitrangig und zu vernachlässigen.

Die lobenswerte Einrichtung von Natur- und Vogelschutzparks sowie Landschaftsschutzgebieten dient ihrem Schutz vor dem Menschen, nicht vor anderen Lebewesen. Der einsichtige Mensch schützt die Natur vor der rücksichtslosen Ausbeutung durch viele seiner Mitmenschen, weil die sich nicht als Teil der Natur betrachten, obwohl sie in und von ihr leben. Ist das nicht seltsam? Wie konnte sich im Laufe der langen Menschheitsgeschichte ein derart abartiges Verhältnis zur Umwelt entwickeln?
Ein Bär, der wie viele Menschen Appetit auf Schaffleisch hat, wird hierzulande sogleich zum Problembären. Allerdings züchtet er auch keine Schafe zum Verzehr für sich und andere Bären und ist an Schafwolle nicht interessiert.

Rundfunk und Fernsehen meldeten gestern (02.08.07), dass die Russen in der Arktis in 4000 m Tiefe auf einem unterseeischen Bergrücken eine Titanflagge in den Boden rammten, um damit ihren Anspruch bei fortschreitender Klimaerwärmung auf die Förderung der vermuteten arktischen Bodenschätze (Erdöl und Erze) sichtbar anzuzeigen.
Die ARD-Fersehsendung „MONITOR“ berichtete gestern von einer geplanten und mit Sondergesetz bereits genehmigten unterirdischen Pipeline in Nordrhein-Westfalen, durch die das Chemieunternehmen BAYER giftiges Kohlenmonoxyd über eine weite Entfernung leiten will, obwohl die Rohrleitung durch bewohntes Gebiet führt. Schon der Austritt des unsichtbaren und geruchslosen Gases durch ein 4 mm kleines Loch in der Leitung kann für die in der Nähe Wohnenden äußerst gefährlich sein.

Riesentanker, Elbvertiefung; aber auch statt Abrüstung noch mehr Waffen zur Friedenssicherung und Terrorismusbekämpfung: wie ist es wirklich um das Verhältnis des Menschen zu der von ihm selbst bedrohten Umwelt bestellt? Von mehr Wettbewerb und Konsum ist in den Medien viel die Rede. Stehen Gier und Einsicht vielleicht in einem unheilvollen Wettstreit?
Horst

Klaus Rüger

Zum Artikel von Herrn Radkau

Beitrag von Klaus Rüger » Dienstag 7. August 2007, 12:08

Herr Radkau war Professor für Neuere Geschichte und Philosophie in Bielefeld. Bekannt wurde er u. a. durch sein Buch über Max Weber ("Die Leidenschaft des Denkens"), aber besondere Verdienste hat er durch seine Forschungen auf dem Gebiet der Umweltgeschichte erworben. Sein Hauptwerk darüber ist unter dem Titel "Natur und Macht.Weltgeschichte der Umwelt" erschienen.
In seinen Vorträgen und auch in seinem hier behandelten Artikel schildert er, daß schon immer die Menschheitsgeschichte die Umwelt beeinflußt hat und umgekehrt. So haben z. B. die ausgepowerten Böden im Osten Nordamerikas die Westexpansion der Siedler bewirkt, genauso soll der Raubbau in Südrußland ausgangs des Mittelalters den Expansionsdrang der Kosakenbauern angestoßen haben !
In seinen zehn Wendezeiten der Mensch-Natur-Beziehung zeigt er, daß schon immer Umweltgeschichte Geschichte des Menschen war. Der Mensch hat in der Vergangenheit nicht nur negativ in die Umwelt eingegriffen, sondern sich auch schon Gedanken über Nachhaltigkeit gemacht. Die Umweltveränderungen durch den Menschen gingen bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts relativ langsam, sodaß die Menschen über Generationen Erfahrungen über die Langzeitwirkungen ihrer Veränderungen sammeln konnten. Jedoch sind die Eingriffe des Menschen seitdem massiv geworden !
Klaus

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Mittwoch 8. August 2007, 16:18

Ja Erna, ich stimme gerne zu: Auch "Außenstehende" und "nur" die akademischen Leuchten (oder Fachidioten) haben gute Gedanken zu den hier angesprochenen Themen. Und mich freut, dass die Diskussion jetzt à propos "Umweltgeschichte" offenbar bei Themen anlangt, die von Radkau ja schon angesprochen werden: Die Frage nach dem Verhältnis "Mensch : Umwelt" und damit nach der "Natur des Menschen".

Und zugleich bei einer Wertedebatte, Horst: Was spricht gegen die Weltsicht, dass wir Menschen uns die Welt zu Nutze machen, deren Teil wir sind? Sind es nicht eher die kurzsichtigen und kurzfristigen Nutzenüberlegungen - dass wir "unsere" Welt etwa durch Eingriffe ins Klima, in die Artenvielfalt, in die Lebewelten der Ozeane, in den Süßwasserkreislauf, in die Regenwälder etc. durch Bevölkerungswachstum, Übernutzung pflanzlicher und tierischer Ressourcen, Verursachen von Bodenerosion oder die Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen - mit denen wir "natürlichen Gleichgewichte" stören und unsere Überlebenschancen à la longue zerstören? Über welche, wenn nicht über solche menschliche Werte diskutieren wir? Oder gibt es andere, wenn nicht solche "anthropozentrischen" Kriterien? Sind nicht vielfach Dummheit (die Folgen lassen sich einfach z.B. noch nicht nicht voraussehen), Egoismus und Machterhalt einzelner Gruppierungen eher die Ursachen solchen menschlichen Fehlverhaltens?

Horst Glameyer
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Wendezeit der Umweltgeschichte

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 9. August 2007, 21:48

Lieber Helmut K., vielleicht ist der Mensch das einzige Lebewesen, das über sich selbst nachdenken und sein Tun und Lassen gewissermaßen von außen betrachten und beurteilen kann. (Ich bin in dieser Hinsicht immer etwas vorsichtig, weil früher schon häufig Tieren von Wissenschaftlern Fähigkeiten abgesprochen wurden, die sie nur beim Menschen vermuteten.) Dabei stellt sich heraus, dass er nahezu allesbeherrschend ist und wie jede Pflanze (auch sie erobert sich Lebensräume und verdrängt Schwächere) und jedes Tier trotz seines überragenden Vertandes oft genug ausschließlich seine Interessen verfolgt, ohne die Auswirkungen zu bedenken.

Als der Mensch die Furcht vor dem Feuer verlor und es auf vielfältige Weise zu nutzen verstand, war er hinfort allen anderen Geschöpfen überlegen und sich dessen wohl auch bewusst. Damit begann nach meiner Ansicht die erste Wendezeit der Umweltgeschichte.
Während sich sein Großhirn (natura secunda - s. Radkau S. 64) im Laufe der Entwicklung ausbildete, blieb ihm dennoch sein altes Klein- oder Stammhirn (natura prima) wie bei den Primaten bis heute erhalten und verkümmerte nicht. Als Sitz seiner Gefühle bestimmt es wie zu Urzeiten sein Verhalten hinsichtlich des Beutemachens und Besitzverteidigens. Ob sein jüngeres Großhirn mit allen Verstandesleistungen, z.B. weiser Voraussicht, jemals auf Dauer sein Handeln lenken wird, lässt sich gegenwärtig nur hoffen, aber nicht voraussagen. Möglicher Weise ist der Mensch aufgrund seiner Entwicklungsgeschichte und der damit verbundenen Zusammensetzung seines Gehirns nur bedingt in der Lage, auf die Erhaltung seiner Umwelt Rücksicht zu nehmen, weil seine "natura prima" immer wieder die Oberhand gewinnt.
Ein Politiker z.B., der eine Wahl gewinnen will, wendet sich sinniger Weise nicht an den Verstand, sondern an die Gefühle seiner Wähler; denn er weiß, eine Aussage kann noch so logisch begründet sein, jede nichtssagende, aber gefühlsbetonte Parole ist ihr allemal überlegen.
Horst

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Montag 13. August 2007, 16:38

Lieber Horst,
ich stimme gern zu: sich seiner selbst bewusst sein und sich beobachten / reflektieren zu können, ist wohl ein Privileg des Menschen - wenn wir uns auf auf das wissenschaftliche "Flachland" beschränken (ich bin momentan in Ken Wilber's Schriften vertieft). Ob wir aber nicht zu sehr vereinfachen, wenn wir diesem Bewusstsein nur "niedrige" animalische Bedürfnisse und (An-) Triebe zugestehen und davon ausgehen, dass die dann auch noch über die Geschichte hinweg statisch sind, also da keine Evolution, möglich ist? Ich bin da zunehmend unsicher.
Bei der kindlichen Entwicklung immerhin folgt auf eine pur egoistische eine soziale Phase und die psychische Entwicklung differenziert sich dann ja auch noch weiter (bei manchen Zeitgenossen) zu einer verantwortungsbewussten, ethischen Verhaltenskultur. Mir ist da auch die einfache Unterscheidung von Radkau noch zu simpel.
Und in Kollektiven dürfte es vermutlich ähnlich sein. So finden wir in dem Buch von Jared Diamond (Kollaps) durchaus Gesellschaften, die aus ursprünglich selbst-zerstörerischem Umweltverhalten lernten (z.B. beim Abholzen) und deswegen über Jahrtausende hinweg überlebten. Oder nimm' die exponential wachsende politische Bedeutung von Ökologie im kollektiven Bewußtsein des Westens in den letzten Jahrzehnten. Kurz: ich setze stärker als du auf die Reflexions- und Lernfähigkeit von Kollektiven und mag die heutzutage in Medienkreisen so beliebten Katastrophenszenarios eigentlich nicht besonders.
Aber das ist eben nur sehr subjektiv und vielleicht äußerst du - und andere - sich dazu aufs Neue.
Nebenbei: Die Hirnforschung sagt uns, dass es quasi keinen Gedanken gibt, der nicht mit Emotionen verknüpft ist. Also ist für mich auch die Unterscheidung von Verstand = Kultur und Gefühl = animalisch zu einfach. Oder habe ich dich da falsch interpretiert?

Horst Glameyer
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Wendezeiten der Umweltgeschichte

Beitrag von Horst Glameyer » Montag 13. August 2007, 22:18

Lieber Helmut K.,
wenn ich mich recht entsinne, vertritt Ken Wilber in seinem 1995 in den USA erschienenen Buch „Eros, Kosmos, Logos. Eine Vision an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend.“ die hoffnungsvolle Ansicht, dass die Evolution mit dem gegenwärtig lebenden Menschen noch nicht abgeschlossen sei, sondern sie dereinst einen weitaus höher entwickelten Menschen zum Wohle aller und allem auf diesem Planeten hervorbrächte.
Vielleicht war Mahatma Gandhi schon ein solcher Mensch. Über die Befreiung Indiens von der britischen Kolonialherrschaft hinaus bemühte er sich um einen Ausgleich zwischen Moslems und Hindus, was ihm allerdings nicht gelang. Bekanntlich wurde er 1948 von einem fanatischen Hindu ermordet.
Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es immer wieder herausragende Persönlichkeiten seines Denkens und Fühlens gegeben, die gewiss nicht alle erfolglos waren. Aber konnten sie wirklich viel und „nachhaltig“ verändern? Seit dem 11. September 2001 befindet sich die westliche Welt im Krieg mit islamischen Terroristen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Von all den anderen mörderischen Kriegen im vergangenen und jetzigen, gerade erst begonnenen Jahrhundert ganz zu schweigen.

Der Sender Phoenix brachte gestern Abend (12.08.) eine Fernsehdokumentation unter dem Titel „Der Ayers Rock“ in der Reihe „Abenteuer Erde – Naked Planet“. Die Aborigines, die in der australischen Wüste um diesen ihnen heiligen Berg leben, gehören vermutlich zum ältesten Stamm der Menschheit, der dort bereits vor 40000 Jahren existierte. Inzwischen hat die australische Regierung die Besitzrechte der Aborigines an diesem Gebiet anerkannt, es aber gleichzeitig für den Tourismus gepachtet. Tausende Touristen aus aller Welt besteigen jährlich den Ayers Rock, der sich einzigartig aus der Wüste erhebt, übernachten etwa 50 km entfernt in Hotels mit allem Komfort und modernen Swimmingpools und verbrauchen dabei das Wasser aus uralten unterirdischen Seen, das für die Aborigines lebenswichtig ist und sich nicht erneuern wird. Wissenschaftler befürchten, dass es deshalb in absehbarer Zeit kein Wasser mehr geben wird. Wie in dem von Dir zitierten Buch von Jared Diamond sind es hier die australischen Ureinwohner, die es seit Jahrtausenden verstanden, schonend mit der überaus kargen Natur im eigenen Interesse umzugehen. Erst die modernen Menschen haben am Ayers Rock das Verständnis dafür verloren.

Der französische Philosoph und Sozialwissenschaftler Gustave Le Bon beschrieb schon 1895 in seinem Buch „Psychologie der Massen“ deren Verhalten. Als ich die erschreckenden Begeisterungsstürme der Massen, darunter viele Studenten, beim Einzug des Ayatollah Khomeini 1979 in Teheran im Fernsehen sah, wurde ich an meine Kindheit erinnert. Nicht anders verhielten sich die Menschen, als z.B. der „Führer“ in Hamburg an ihnen vorüber fuhr. Leni Riefenstahl dokumentierte in ihrem Propagandafilm „Triumph des Willens“ wie Adolf Hitler seinerzeit auf die Gefühle unzähliger Menschen einwirken konnte. Es sind Gefühlsausbrüche in der Masse, denen sich der Einzelne oft rational gar nicht entziehen kann. Schon Goebbels Frage 1943 im Berliner Sportpalast „Wollt ihr den totalen Krieg?“ löste das völlig absurde „Ja!“ der Masse aus. Anscheinend fehlte ihnen und selbst dem Propagandaredner jegliche reale Vorstellung von einem „totalen“ Krieg.

Heute meldete der Deutschlandfunk die Abreise von 45 dänischen Wissenschaftlern in die Arktis, die nachweisen wollen, dass der von den Russen beanspruchte unterseeische Bergrücken nicht zum russischen Festlandssockel, sondern zu Grönland und damit zu Dänemark gehört. Auch Kanada und Norwegen sind natürlich an den verborgenen Schätzen (Erdöl und Erdgas in riesigen Mengen) interessiert. Ob deren Förderung ökologisch jemals sinnvoll sein wird, wer fragt danach? Erst einmal gilt: Beutemachen und Besitzverteidigen, wie zu allen Zeiten. Handelt es sich dabei nun um ein rationales oder emotionales Verhalten oder um ein Gemisch aus beidem? :roll:

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Dienstag 14. August 2007, 13:59

Offenbar - lieber Horst - entwickelt sich die Debatte momentan dank Ferienzeit eher zu einem Zwiegespräch. Sie's drum.

Ken Wilber: Das genannte Buch ist in der Tat momentan meine Lektüre. Einfacher und populärer geschrieben: "Eine kurze Geschichte des Kosmos". Was mich an dem Autor u.a. fasziniert: Die Integration von Naturwissenschaften (von Physik bis Biologie), Gesellschafts- und Geisteswissenschaften (Sprachwissenschaften, Soziologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Philosophie und Theologie) mit den spirituellen Traditionen aus West, Ost und Süd in ein Denksystem. Also der Versuch, "Stoff, Körper, Geist, Seele und GEIST" zu integrieren, was ihm von den etblierten Wissenschaftlern, die es auf ihrem Fachgebiet stets besser wissen - ihre Wahrheiten verabsolutieren - reichlich Kritik einträgt. Ein rasch lesbares Interview findest Du im Netz unter
www.integralworld.net/de/wilber-unplugged.html - 70k

Der Aspekt der "höher entwickelten Menschen" ist da vermutlich mehr von historischem Interesse, denke ich. Es geht wohl eher darum, sich diese integralen Sichtweisen - diese Bewusstseinschancen - zu eigen zu machen.

Wenn das auch Überlegungen sind, die nicht unmittelbar mit den "Wendezeiten der Umweltgeschichte" von Joachim Radkau zu tun haben, so knüpfen sie doch direkt an dessen Äußerungen zur "Natur des Menschen" in der Einleitung an. Und damit auch an die Frage, ob sich diese menschliche Natur im Laufe der Geschichte auch dynamisch verändern kann. Ob also künftig eine (kollektive) Bewusstseinsveränderung (das Kollektiv könnte dabei ja relativ klein sein, wenn es nur - geistigen und gesellschaftlichen - Einfluss gewinnt) auch politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich zu einer Wende führen könnte, bevor die Katastrophen wahr werden, auf die wir politisch, wirtschaftlich und ökologisch immer rascher zugehen.

Natürlich sind Phänomene der Massenpsychologie (Themata für Le Bon ebenso wie für Freud, Wilhelm Reich und Hofstätter, um nur ein paar weitere Namen zu nennen) oft schreckliche gesellschaftliche Ereignisse. Aber sie werden ja von irgendwelchen Ideologien und von einzelnen Machern, von Manipulateuren wie Riefenstahl oder Goebbels, um bei deinem Beispiel zu bleiben, in Gang gesetzt. Nebenbei ist unsere Produkt- und Imagewerbung vielfach ja auch ein solches Phänomen der Massenpsychologie.

Ich meine aber: Solche Kommunikationsprozesse sind hoch komplex unter dem Gesichtspunkt "Natur des Menschen". Und lassen sich aus meiner Sicht nicht einfach unter dem Rubrum "irrational = gefühlig = emotional" abheften. Oder wie seht ihr das?

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Beitrag von Uwe Bartholl » Dienstag 14. August 2007, 20:09

Gerade zurück von der ViLE-Reise aus Leck, Nordfriesland, verfolge ich mit Interesse, was ihr, Helmut und Horst, im Gedankenaustausch verdeutlicht. In Nordfriesland hat mich ständig die „Zukunft der Erde“ auf Schritt und Tritt begleitet. Nordfriesland, seit Menschengedenken der Naturgewalt Wasser ausgesetzt. Heute zum großen Teil ein Siedlungsgebiet, das dem Wasser abgerungen wurde. Die Höhe und Wehrhaftigkeit der Deiche allein entscheidet über Leben und Tod bei Sturmfluten, mit denen immer gerechnet werden muss. Anschaulich ist hier zu erleben, wie die Grenzen der Schutzwirkung bei steigenden Fluten durch die Klimaerwärmung erreicht werden. Höher als 9 Meter geht nicht! Wendezeiten, sie entstehen mit den marginalen Eingriffen des Menschen in die Natur. Die von ihm verursachten Gefährdungen der Lebensbedingungen haben in der Summe trotz Erkenntnis, das heutige Szenario entstehen lassen. Was hier als Versuch der Schadensbegrenzung zu erleben ist, sind die sich aller Orten drehenden Windenergieräder. Aller Orten aber auch eine heftige Diskussion des Für und Wider wegen der Verschandelung der Landschaft. Und nicht eigentlich der Versuch einer Schadensbegrenzung, sondern es geht allein ums Geld.

Horst Glameyer
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Wendezeiten der Umweltgeschichte

Beitrag von Horst Glameyer » Donnerstag 23. August 2007, 20:09

Auffällig ist, dass in jüngster Zeit Dokumentarfilme im Fernsehen gezeigt werden, die das Verhalten des Menschen gegenüber seiner Umwelt in Vergangenheit und Gegenwart zeigen, so z. B. gestern (22.08.) im NDR über Pflanzen und Tiere auf Madagaskar, von denen viele Arten aufgrund der seit unvorstellbar langer Zeit entstandenen Insellage einzigartig sind.
Heute gibt es nur noch ca. 10 Prozent des ursprünglichen Regenwaldes, der vor etwa 1600 Jahren die Insel bedeckte, als der Mensch sie betrat und begann, sich durch Brandrodung seinen Lebensraum auf Kosten der ansässigen Lebewesen zu erobern, die dadurch nicht selten völlig ausgerottet wurden. Daran hat sich trotz der Einrichtung großer Nationalparks nicht sehr viel geändert.

Seit der Raumfahrt im vergangenen Jahrhundert besitzen wir erstmals Bilder von unserem ‚Blauen Planeten‘ und werden uns mehr und mehr bewusst, dass er und alles, was auf ihm wächst und lebt, nicht uns allein gehört und nicht ausschließlich unserem wirtschaftlichen Nutzen dienen darf. Wie Außerirdische können wir betrachten und beurteilen, was Menschen dank ihrer Erfindungsgabe im Laufe von Jahrtausenden geschaffen, aber auch welche unermeßlichen Schäden sie auf der Erde angerichtet haben und vielleicht noch anrichten werden (atomare Verseuchung u.a.); wenn sie nicht beizeiten begreifen, dass sie nicht nur für ihr eigenes und das Leben ihrer Nachkommen, sondern wie in der biblischen Geschichte von Noah und seiner Arche für das Leben aller Geschöpfe verantwortlich sind.
Horst

Helmut K.

Beitrag von Helmut K. » Dienstag 28. August 2007, 16:02

Umweltgeschichte in der Vergangenheit und heute: Es spricht vieles wohl dafür, dass unsere Vorfahren rund ums Mittelmeer und anderswo (siehe dazu wieder das lesenswerte Buch KOLLAPS von Jared Diamond) damals in hohem Maße ihren Lebensraum nachhaltig zerstört haben. Nur: Dieser Lebensraum und zugleich ihre zerstörerischen Mittel waren relativ eng begrenzt, im Gegensatz zu heute. Dazu Theodore Roszak The Voice of the Earth, in diesem Kontext zitiert von Wilber: "Andere Völker haben in ihrer Unwissenheit Teile ihres Lebensraumes so sehr zerstört, dass ihr eigenes Überleben bedroht war. Flußtäler wurden verwüstet, Wälder abgeholzt, der fruchtbare Oberboden fiel der Erosion zum Opfer; doch der Schaden war begrenzt und vorübergehend." - Ken Wilber fährt dann fort: "Der wichtigste Unterschied zwischen gestern und heute liegt darin, dass wir diese Mittel jetzt haben und zwar nicht mehr ganz so unwissend sind, aber doch ignorant genug, entsprechende Verwüstungen anzurichten. "
Ich denke: Vorsichtiger Optimismus ist dennoch heute eher angesagt als schwarzgemalte Katastrophenszenarien, wenn wir, vereinfacht gesagt, auf eine positive Entwicklung / Evolution des menschlichen Bewußtseins setzen. Dazu nochmals in Wilber Worten (in EROS KOSMOS LOGOS):
" .... deshalb kann die Lösung nicht darin bestehen, uralte Formen ökologischer Unwissenheit zu reaktivieren (durch Beseitigung unserer Mittel) oder die heutige Ignoranz fortzusetzen (in der Hoffnung, dass der freie Markt uns schon retten wird); geboten ist jetzt vielmehr eine Evolution und Entwicklung zu einem integativen Bewußtsein, das ebenfalls - erstmals in der Geschichte - Biosphäre und Noosphäre zu einer höheren und tieferen Einheit integriert."
Bewusstseinsevolution also als Voraussetzung für eine Wendemarke in der Umweltgeschichte (bei allen Möglichkeiten pathologischer Entgleisungen): Eine wie ich finde nachdenkens-werte Überlegung.

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