Seite 1 von 2

Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Dienstag 3. Januar 2017, 14:21
von Brigitte Höfer
Ab Januar 2017 lesen wir in der Frankfurter Gruppe das Sachbuch: "Mut zur Nachhaltigkeit- 12 Wege in die Zukunft" der Stiftung "Forum für Verantwortung".
Es ist der 13. Band der in den Jahren 2007/2008 im Fischer Verlag erschienenen zwölfteiligen Buchreihe und stellt deren Zusammenfassung und Aktualisierung dar. Aus dem Klappentext:
"Wir - die Zivilgesellschaft - müssen entscheiden, in welcher Welt von morgen wir leben wollen."
Klaus Wiegandt.
"Seit dem Jahr 2000 widmet sich Klaus Wiegandt mit der Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit. Er hat führende Wissenschaftler der hierfür relevanten Disziplinen versammelt, um einen Diskurs in Gang zu bringen. Jetzt ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen: Was wurde bisher erreicht? Laufen die Entwicklungen - etwa bei dem Ressourcen- und Energieverbrauch, den Treibhausgasemissionen, der Schere zwischen Arm und Reich- mittlerweile in die richtige Richtung? Die Autoren in diesem Band geben ein Update, legen dar, welchen Handlungsbedarf es nach wie vor gibt, und welche positiven Entwicklungen sich bereits abzeichnen."
Klaus Wiegandt (Hg.) "Mut zur Nachhaltigkeit - 12 Wege in die Zukunft"
Fischer Taschenbuch Dezember 2016
ISBN 978-3-29603-3
€ 14,99

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Mittwoch 4. Januar 2017, 11:10
von helmutf-berlin
Präsentation des Buches “ Mut zur Nachhaltigkeit“ am 14. Dezember in der Landes Vertretung des Saarlandes in Berlin.
Der Herausgeber des Buches Klaus Wiegandt stellte das Buch, welches er einen Weckruf zur Mobilisierung der Zivilgesellschaft nannte, vor und nannte einige Gründe, die ihn veranlassten dieses Buch herauszugeben.
Wiegand sieht Nachhaltigkeit in erster Linie als eine kulturelle Angelegenheit und Herausforderung. Die Probleme, die durch Nichtbeachtung der Nachhaltigkeit bereits entstanden sind, können durch Wirtschaftswachstum und technische Innovationen nicht mehr gelöst werden. Soll zum Beispiel das Ziel einer Erderwärmung von maximal zwei Grad noch erreicht werden, müsste der weltweite Energieverbrauch um ca. 50 % verringert werden. Dies zum Beispiel durch alternative Energieerzeugung zu erreichen hält Wiegand für illusorisch, da der weltweite Anteil an alternativer Energieerzeugung unter einem Prozent der gesamten Stromerzeugung liegt.
Im Prinzip leben die Industrienationen mit ihrem enormen Ressourcenverbrauch über ihre Verhältnisse und so auch auf Kosten der Schwellen- und Entwicklungsländer. Die letztgenannten Ländergruppen sind bestrebt ihre Lebensqualität den Industrienationen anzugleichen, was den Ressourcenverbrauch weiter steigern wird. Nur durch Nachhaltigkeit und drastische Senkung des Verbrauchs an fossilen Rohstoffen wird ein dramatischer Klimawandel aufzuhalten sein.
Die anwesenden Autorinnen und Autoren Dr. Jill Jäger, Prof. Dr. Stefan Rahmstorf und Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner unterstützten, unter Bezugnahme auf ihre Beiträge zum Buch, die Ansichten des Herausgebers Klaus Wiegandt.
Die „12 Wege in die Zukunft“ sind eindringliche Texte von Fachleuten die sie zu ihren Spezialgebieten verfasst haben.
Alle zwölf Kapitel sind sehr lesenswert und regen zum Nachdenken und vor allem handeln an.

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Sonntag 22. Januar 2017, 11:53
von Brigitte Höfer
Kapitel 8: Friedrich Schmidt-Bleek: They can’t put it back - RESSOURCENWENDE

Wir beginnen mit dem Kapitel 8, weil ich der Meinung bin, dass in diesem Kapitel am nüchternsten beschrieben wird, worum es geht: wir verbrauchen mehr, als wir haben.

Friedrich Schmidt-Bleek ist von der Herkunft her Kernchemiker. Er leitete ab 1992 zusammen mit Ernst Ulrich von Weizsäcker das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Als Motto steht zu Beginn seines Aufsatzes: „Der größte Nachteil der Wissenschaft ist, nicht alle Nebeneffekte im Voraus ermitteln zu können.“

Er bemängelt, dass die Nutzung der Güter effizienter werden muss und dass die Ressourcenproduktivität erhöht werden muss. Was heißt das? Er hat errechnet, wieviel kg „Natur“ für das kg Endprodukt verbraucht wurde und wie groß der „Rucksack“ ist, den das Produkt mit sich trägt.

Auf Seite 284 führt er 12 Punkte an (die vielleicht dem Untertitel des Buches Pate gestanden haben): hier in Kurzfassung:
1. Die Ökosphäre ist überlebensnotwendig.
2. Sie ist mit Hilfe von Technik nicht ersetzbar („They can’t put it back“)
3. Lokal und Global zerstört hoher Konsum die Ökosphäre.
4. Der Lebensstil der Wohlhabenden zerstört die Lebensgrundlage der Armen.
5. Die Wohlstandsgestaltung muss entmaterialisiert werden.
6. Die Dematerialisation muss umfassend sein.
7. Öko-Innovation bedeutet geringstmöglichen Einsatz von Ressourcen.
8. „Faktor 10 absolut“ ist ein erreichbares Ziel.
9. Ohne radikale Dematerialisierung ist keine Nachhaltigkeit möglich.
10. Der Planet Erde braucht engagierte partizipierende Menschen und systemisch ganzheitliche Politikgestaltung.
11. Nachhaltige Entwicklung muss Leitbild für Europa werden.
12. Es ist Zeit zu handeln.
Weiterhin spricht er die Energiewende mit Fukushima im Jahr 2011 an: Die Energiewende muss in eine Ressourcenwende eingebettet sein. Weiterhin kritisiert er den Markt als ein Verwirrspiel gigantischen Ausmaßes. Er meint, dass wir, wenn wir nicht protestieren, Gefangene einer Zivilisation bleiben, die mehr oder weniger dazu zwingt, Umwelt zu zerstören. Er kritisiert, dass es den Politikern an systemischem, ganzheitlichem Denken fehlt. (Und uns vielleicht auch!) Er ruft uns zu: Mehr Demokratie wagen!

Ich möchte hier die Anregung geben, den Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen zu lesen, der beschreibt, wie eine Energiefirma in den USA einen Naturschützer dazu bringt, dem Abbau einen Berges aus Kohle zuzustimmen, weil er als Projekt die Einrichtung eines Naturschutzgebiets für einen gefährdeten Vogel erhält. Er hilft sogar, 200 Familien aus diesem Gebiet umzusiedeln. Großartig geschrieben!

Brigitte
Eine Einführung in Kapitel 9 erfolgt in den kommenden Tagen.

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Sonntag 22. Januar 2017, 15:35
von Brigitte Höfer
Kapitel 9: Bernd Meyer: Wie können die planetaren Belastungsgrenzen eingehalten werden? Ergebnisse des Forschungsprojekts POLFREE

Bernd Meyer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Osnabrück und Mitglied der Ressourcenkommission im Umweltbundesamt.

Er sagt: „Unsere Wirtschaftsweise ist sowohl mit der Entnahme von Ressourcen AUS der Umwelt als auch mit der Emission von Schadstoffen IN die Umwelt verbunden.“
„Die Entnahme von abiotischen (= leblos, ohne Leben) Rohstoffen aus der Natur ist nicht selten nur mit Abbautechniken möglich, die weite Landstriche verwüsten, die Lebensräume von Menschen, Pflanzen und Tieren zerstören und Giftstoffe in den Kreislauf der Natur einbringen.“
Er fordert, dass der Staat regulierend in den Konsum eingreift. Er weist darauf hin, dass seit mehr als 30 Jahren diskutiert wird: 1987 die Brundtland-Kommission, 1992 Rio des Janeiro mit der Rio-Deklaration und der Agenda 21 ein 359 Seiten umfassendes Aktionsprogramm. (Anm.: 1993 wurde in Oberursel der Eine-Welt-Verein gegründet und ab 1996 gab es eine Agenda 21-Gruppe, die sich auf lokaler Ebene mit Nachhaltigkeit beschäftigte. Inzwischen ist Oberursel eine Fairtrade-Stadt: https://de.wikipedia.org/wiki/Fair-Trade-Stadt )
1997 gab es ein in Kyoto beschlossenes Zusatzprotokoll. Die USA haben dies abgelehnt, auch Kanada hat sich aus dem Abkommen verabschiedet. Wenn man die einzelnen Stationen liest und verfolgt, kann man sich vorstellen, wie kontrovers solche Diskussionen verlaufen.

Der Autor stellt das von der EU geförderte Forschungsprojekt POLFREE vor. Auf der Internetseite http://cordis.europa.eu/result/rcn/158632_de.html wird Folgendes geschrieben:
„Eine effiziente Ressourcennutzung ist das Schlüsselelement der Nachhaltigkeit und damit für Europa eine dringliche Sache. Das Projekt "Policy options for a resource-efficient economy" (POLFREE)befasst sich vier Schlüsselfragen: "Warum werden Ressourcen so oft ineffizient genutzt?", "Welche neuen Konzepte und Paradigmen könnten eine effiziente Nutzung gewährleisten?", "Wie könnte ein ressourcenschonendes Europa aussehen?" und "Welche Schritte sind zu gehen, um Ressourceneffizienz zu erreichen?“

Weiterhin erfahren wir etwas über Computermodelle zur Erforschung von Zukunftsszenarien. Auf Seite 328 wird das Szenario „Global Cooperation“ den verschiedenen Politikfeldern zugeordnet: a) Klimapolitik (CO2-Steuer, Steuer auf Luftverkehr, Quote für erneuerbare Energien, Regulierung zur Förderung der Elektromobilität, Förderung von Energieeffizienz von Gebäuden, keine Subventionen beim Einsatz fossiler Energieträger.) b) Ressourceneffizienz bei abiotischen Materialien (Recycling, Besteuerung von Metallen, innovative Materialien), c) Nachhaltige Nutzung von Land und Wasser (Regulierung der Wasserentnahme, Vermeidung von Abfall, Förderung der Produktivität, Besteuerung des Fleischkonsums), d) Ökologische Steuerreform (Besteuerung von Schadstoffemission und Ressourcenverbrauch).
EU goes ahead (Europa geht voran) und Civil Society Leads (die Bürgergesellschaft führt an).

Eine abschließende Bewertung seines Aufsatzes bringt mich zu folgendem Ergebnis: Insgesamt scheint mir der Vorschlag von Herrn Meyer mit viel Bürokratie verbunden zu sein. Seine optimistische Sprache lässt mich an der Realisation seiner Vorschläge zweifeln.
Brigitte

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Dienstag 31. Januar 2017, 22:09
von Brigitte Höfer
Ressourcenwende
Liebe ViLE-Mitglieder, als ich in Australien war, erfuhr ich, dass die Aborigines dort seit 40.000 Jahren ohne Kriege und Verteilungskämpfe gelebt haben. Wie das? Es gab vor dem Eindringen des weißen Mannes mehr als 700 Sprachen und die Bevölkerung blieb die ganze Zeit weitgehend gleich: schätzungsweise eine Million Menschen. Und das auf einem Kontinent, der zu 50 % aus Wüste besteht. Was ich erfuhr, war Folgendes: die Gruppen hatten jede ihren abgegrenzten Bezirk, in dem sie für Generationen lebten. Sie wanderten dort durch diesen Bezirk, und fanden dort Wasser und Nahrung. Sie wanderten immer zu den gleichen Orten, und diese fanden sie, indem sie sich an alten Liedern orientierten - den sogenannten Song Lines, in denen die Landschaft beschrieben war und sie auf Stellen hinwies, an denen sie nach Wasser und eiweißreichen Nahrungsmitteln (Tierlarven, Würmer und Maden) graben konnten. Auf ihren Wanderungen kamen sie immer ungefähr nach einem Jahr an, ein Jahr, in dem sich die Natur regenerieren und sie mit den Früchten, Kräutern und Nahrungsmitteln versorgen konnte, wie sie die Natur innerhalb eines Jahres hervorbringt. So ging das von Generation zu Generation.
Eines erstaunte mich: wie konnte das 40.000 Jahre gut gehen, wie wurden sie mit dem Bevölkerungswachstum fertig? Die Antwort war: es gab kein Bevölkerungswachstum. Die Bevölkerung betrug nahezu unverändert eine Million Menschen. Ich staunte: wie schafften sie das? Die Antwort war: sie lebten mit der Natur. Sie orientierten sich vielleicht an den Kängurus: wenn der Säugling im Beutel zu wenig Milch bekommt, weil die Mutter zu wenig Wasser und Nahrung hat, stirbt er. Er wird aus dem Beutel entfernt. Ein neu geborenes Kind krabbelt in den Beutel und bleibt so lange darin, bis es groß genug ist, sein Futter selbst zu suchen.
Heute haben wir Menschen die Geburtenkontrolle. Untersuchungen haben gezeigt, dass sie nur angewandt wird, wenn die Menschen, und vor allem die Mädchen, eine entsprechende Bildung genießen (Nordindien). Das Thema werden wir später noch behandeln.
Wir sprechen heute auch von der Ressource Mensch. Ist er das wirklich? Ist er nicht eher ein gigantischer Ressourcenverbraucher?

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Donnerstag 2. Februar 2017, 19:05
von Brigitte Höfer
Vorschau

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Sonntag 5. Februar 2017, 15:44
von ihahn
Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit
Kapitel 3: Mojib Latif: Bringen wir das Klima aus dem Takt? Hintergründe und Prognosen
Mojib Latif ist Professor an der Universität Kiel, leitet am GEOMAR Helmholz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Bereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik
Prof. Latif zitiert den Nobelpreisträger Paul Crutzen von 1992 in Rio de Janeiro bei der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen:
„Der Chemie-Nobelpreisträger P. Crutzen hat den Begriff Anthropozän eingeführt, um den Beginn eines neuen Erdzeitalters zu kennzeichnen, in dem der Mensch einen ähnlich großen Einfluss auf die Umwelt ausübt wie die natürlichen Faktoren.“
http://www.zeit.de/2013/50/anthropozaen-paul-crutzen
Er erklärt die fundamentalen Unterschiede zwischen Wetter und dem Klima:
Wetter – Klima -- Klimasystem
Mit dem Begriff Wetter bezeichnet man den aktuellen Zustand der unteren Atmosphäre an einem bestimmten Ort.
Der Begriff Klima bezieht sich auf die global durchgeführten Messungen über einen langen Zeitraum (30 Jahre) und ermöglicht über statistische Daten Erkenntnisse über die Ursachen der Veränderungen der Atmosphäre.
„Seit Beginn der Industrialisierung hat der Mensch enorm an Bedeutung für das Klima gewonnen, indem er Treibhausgase … in großen Mengen in die Atmosphäre emittiert und damit eine nachweisbare Erderwärmung verursacht hat“
Die Atmosphäre steht in Wechselbeziehung zu:
Hydrosphäre (Ozeane und Wasserkreislauf)
Kryosphäre (Eis, Schnee, Permafrost)
Biosphäre (Tiere und Pflanzen)
Pedosphäre (Böden)
Lithosphäre (Gestein)
Diese verschiedenen Klimasystemkomponenten reagieren unterschiedlich schnell auf Störungen und Veränderungen der Atmosphäre (interne Klimaschwankungen).
Klimaschwankungen können ebenso durch Störungen von außen (externe Klima-schwankungen) entstehen:
- Beispiel: durch Veränderung der Erdbahn um die Sonne entsteht eine Eiszeit
oder
- Beispiel: durch anthropogene Einflüsse, wie enormer Ausstoß von Treibhausgasen (Energiesektor, Landnutzungsänderung), steigt die Temperatur.
„Wegen der Trägheit einiger Systemkomponenten wird sich das Klima für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende weiter ändern, selbst dann noch, wenn der Mensch keine Treibhausgase mehr ausstößt.“

Treibhauseffekt
„Die optimalen Lebensbedingungen auf der Erde verdanken wir hauptsächlich der Zusammensetzung der Erdatmosphäre (78 % Stickstoff, 21 % Sauerstoff, 0,9 % Argon, 0,1 % Spurengase - darunter befinden sich die Treibhausgase). Die Treibhausgase produzieren den Treibhauseffekt, der eine natürliche Eigenschaft der Erdatmosphäre ist und sie beeinflussen damit den Strahlungshaushalt der Atmosphäre.“
Bereits 1862 beschrieb der Ire John Tyndall, dass der Treibhauseffekt von der gasförmigen Phase des Wassers (dem Wasserdampf) herrührt und ebenso Kohlendioxyd Einfluss hat.
Heute ist nachgewiesen, dass der Treibhauseffekt zu 2/3 von Wasserdampf und 1/4 von Kohlendioxyd verursacht wird.
Der Anstieg des Kohlendioxyds seit dem Beginn der Industrialisierung
In der vorindustriellen Zeit lag der CO2 Gehalt der Atmosphäre zwischen 0,028 % das entspricht 280 ppm, heute ist er mit über 400 ppm um 40 % höher als zu Beginn der Industrialisierung.“
Der anthropogene Klimawandel
Der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius veröffentlichte bereits 1896 eine Arbeit mit dem Titel „Ueber den Einfluss des Atmosphärischen Kohlensäuregehalts auf die Temperatur der Erde“ in der er eine Erderwärmung von etwa 5-6°C kalkulierte bei Verdopplung der CO2 Konzentration.
Heute wissen wir „es sind die positiven Rückkopplungen, die im Zusammenhang mit der anthropogenen Klimaänderung eine enorm wichtige Rolle spielen… der Wasserdampf verstärkt eine anfängliche Erwärmung und das führt wiederum zu noch mehr Wasserdampf in der Atmosphäre.“
Identifizierung des Menschen als Hauptverantwortlicher am Klimawandel
„Strahlungsantrieb ist ein Maß für die Veränderung der Energiebilanz der Erde durch externe Faktoren und wird in Einheiten von Watt pro Quadratmeter (W/m2) angegeben. Der vom Menschen verursachte Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre führt zu einem positiven, der Anstieg der Aerosole in der Luft durch den Menschen zu einem negativen Strahlungsantrieb. Ein positiver Strahlungsantrieb führt zu einer Erwärmung, ein negativer zu einer Abkühlung der Erde.
Der totale anthropogene Strahlungsantrieb seit Beginn der Industrialisierung ist positiv und beläuft sich auf 2,3 W/m2. Das besagt, dass der menschliche Einfluss auf das Klima ein erwärmender ist…“
Indikatoren des Klimawandels
„Die globale Erdoberflächenerwärmung ist seit 1881 um 1°C (Deutschland 1,4°C) gestiegen. Weltweit hat sich die Zahl der Hitzetage erhöht. Es haben sich Starkniederschläge, Hochwassersituationen und Dürren vermehrt.
Die Arktis zeigt die stärkste Erwärmung von allen Regionen der Erde.
Die Meeresspiegel steigen, die kontinentalen Eisschilde Grönlands und der Westarktis haben begonnen zu schmelzen.
Die Ozeane werden durch Aufnahme von CO2 nachweislich saurer, der Säuregrad ist bis zu 30% höher als zu vorindustrieller Zeit.
Meeres -Erwärmung und -Versauerung bedrohen neben Verschmutzung und Überfischung schon heute das Leben in den Weltmeeren und damit auch eine unserer zentralen Ernährungsgrundlagen.“


Zukunftsprojektionen
„Eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C (Forderung von Paris 1995) ist so gut wie ausgeschlossen!“
„Nach einer schnellen Reduzierung der globalen Treibhausgasemissionen sieht es derzeit überhaupt nicht aus.“
Trotzdem gibt es für den Verfasser eine begründete Hoffnung “dazu müsste es aber den Willen aller Länder geben, das Klimaproblem auf nachhaltige Weise zu lösen, wie auch eine große Solidarität zwischen den Ländern untereinander, insbesondere zwischen den Industrienationen und den Entwicklungs- und Schwellenländern.“

Nach diesen Prognosen und dem bereits langjährigem Wissen der Klima-Entwicklung durch die anthropogenen Einflüsse, erscheint es mir kaum möglich eine wirkungsvolle Verhaltensänderung der Menschen und aus der Politik zu erwarten. Jedoch liegt ein wenig Hoffnung in der Aussage von Prof. Latif im letzten Teil „Das Erdsystem ist komplex, Überraschungen sind programmiert …… und durch Ungewissheit und Ambiguität gekennzeichnet …“
vielleicht gibt es positive - noch nicht von der Wissenschaft erkennbare Überraschungen …
Inge

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Dienstag 7. Februar 2017, 14:57
von ihahn
Klaus Wiegandt (Hg.) :Mut zur Nachhaltigkeit
Kapitel 4: Stefan Rahmstorf, Katherine Richardson
Wie bedroht sind die Ozeane?
Stefan Rahmstorf ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Katherina Richardson, ist Professorin für biologische Ozeanographie an der Universität Kopenhagen, leitet das Sustainability Science Centre und ist Mitglied des dänischen Klimarates.
Die Erwärmung der Meere schreitet weiter fort
Die Veränderungen der Weltmeere betreffen physikalische Eigenschaften (Temperaturen, Meeresspiegel, Meeresströme) sowie chemische Eigenschaften (Säuregehalt, pflanzliches und tierisches Leben im Meer)
Die global ermittelten Meerestemperaturen an der Oberfläche sind seit 1900 bis 2015 rund 1°C angestiegen. Es gibt aber deutliche regionale Unterschiede, die wohl auf eine Abschwächung des Golfstromsystems zurückzuführen sind.
Ebenso lässt sich in tieferen Schichten der Weltmeere ein Erwärmungstrend nachweisen, der Auswirkungen auf das Leben und den Sauerstoffgehalt im Meer hat.
Der Meeresspiegel steigt weiter
Der globale Meeresspiegel ist seit 1993 bis 2016 um rund 8 cm angestiegen. Der IPPC (Weltklimarat) erklärt, dass seit Anfang des 20. Jahrhunderts der Anstieg des Meeresspiegels knapp 20 cm betrug und dass bis Ende des 21. Jahrhunderts mit rund 40 cm bis zu 70 cm Anstieg zu rechnen sei.
Der Klimawandel und das Leben im Ozean
Durch Temperaturveränderung kommt es zu einer Umverteilung von Organismen im Ozean und zur Änderung des Ökosystems.
(Bsp.) Dorsch in einem sich ändernden Klima
„Wir haben historische Belege, dass die Dorschpopulation auch bei wärmeren Temperaturen in der Ostsee überleben kann, wenn dies der einzige Stressfaktor ist.“
(Bsp.) Korallenriffe werden sowohl vom Klimawandel als auch steigendem CO2 in der Atmosphäre bedroht
Korallenbleiche (Bedrohung der Korallenriffe) nimmt durch die steigende Temperatur zu. ½ Milliarde Menschen auf der Welt sind für ihren Lebensunterhalt und Lebensraum von den Korallenriffen abhängig.
Ozeanversauerung
Neben Korallen gelten Muscheln und Stachelhäuter als am empfindlichsten gegenüber einer Versauerung der Ozeane.
Der Ozean als Kohlenstoffsenke
„Inzwischen haben wir erkannt, dass auch biologische Prozesse zum ozeanischen Kohlenstoffkreislauf beitragen. …. Diese Biomasse wird durch Photosynthese gebildet, durch winzige Pflanzen, die Phytoplankton genannt werden. C02 wird aus dem Wasser durch Photosynthese aufgenommen und in komplexere Moleküle umgewandelt die Kohlenstoff enthalten, die dann tiefer in den Ozean sinken. Zusätzliches CO2 wird dadurch im tiefen Ozean abgelagert (biologische Pumpe).“
„Die Einführung der Molekulargenetik in die Untersuchung von Plankton hat unsere ganze Denkweise über das Leben im Meer verändert.“
Die Funktion des Ozeans als Kohlenstoffsenke nimmt wahrscheinlich ab
Sauerstoffzehrung
Durch die Anreicherung der Küstengewässer mit Nährstoffen (Düngemittel) führt es in den tieferen Schichten zu sogenannten Todeszonen, in denen durch Mangel an Sauerstoff kein tierisches Leben mehr möglich ist.
„Die zweite Art von Sauerstoffmangel wird durch die globale Erwärmung verursacht. Wenn Meerwasser wärmer wird, verringert dies seine Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen.
Das Meer als Müllhalde
Kunststoffe werden nicht natürlich abgebaut, sie werden durch Lichteinwirkung, Hitze und mechanische Kräfte nur zerkleinert.
Öl verunreinigt das Meer: z. Bsp.: 2010 Deepwater Horizon Unfall (4,9 Mill Barrel Öl -Verschmutzung)
Freigesetzte Radioaktivität im Kühlwasser: 2011 Fukushima Atomkraftwerk-Unfall durch Erdbeben
Ernte von Meeresressourcen
Fischbestände der Ozeane sind bis zu 50 % erschöpft.
Marine Aquakulturen werden aufgebaut. Dafür werden natürliche Küstenregionen benutzt oder Mangroven-wälder vernichtet.
Gestein und Sand wird in Küstenregionen abgebaut und dadurch natürliche Lebensräume für Tiere zerstört.
Landgewinnung für Landwirtschaft und Tourismus zerstören natürliche Küstenregionen.
Was können wir tun?
Die Einwirkung der Menschen auf die Meere weltweit wurde 2008 und 2015 in einer Studie (von Fachzeitschrift Science) quantifiziert und kartiert. So lassen sich die Bereiche mit hoher Belastung (Nordatlantik und Nordpazifik) und auch positive Veränderungen (Abnahme von destruktiven Formen des Fischfangs in europäischen Gewässern) erkennen.
Ein anderer Ansatz ist: Aufstellung eines Gesundheitsindex für die Meere, darin werden Wasserqualität, Biodiversität, Küstenschutz, Tourismus und Nahrung aus dem Meer aufgeführt.
„Wie kann – angesichts des hohen Nutzungsdruckes und der globalen Erwärmung - ein sinnvolles Management unserer Meere und Küstenzonen aussehen?
Leitbild ist dabei, die Weltmeere als gemeinsames Erbe der Menschheit zu betrachten und dies völkerrechtlich zu verankern: Klimaschutzabkommen von Paris im Dez 2015, wurde am 22.4.2016 von 177 Staaten in New York unterzeichnet.“

Die Autoren dieses Kapitels zeigen erst ein Bild der Meeres-Situation auf, das erdrückender nicht sein kann und doch klingt zum Schluss eine Hoffnung durch, dass durch bewußtes Kauf-Verhalten eines jeden Menschen und durch politisches Engagement die Zukunft der Meere in unserer Hand liegt.
Dieser Hinweis an Generationen, denen die persönliche Freiheit, die Selbstverwirklichung und der persönliche Wohlstand als höchstes Ziel gilt – hat dies Chancen? Inge

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Samstag 11. Februar 2017, 12:04
von Brigitte Höfer
Liebe Inge,
Danke für die Zusammenfassung des Kapitels von Prof. Latif: bringen wir das Klima außen Takt?
Deine optimistische Haltung in Ehren, aber so ganz stimme ich mit Deiner Interpretation nicht überein. Latif sagt dezidiert in seinem letzten Absatz (aus dem du zitierst): "Beim Klimawandel handelt es sich um ein sogenanntes systemisches Risiko. (...) Einfache Ursache-Wirkung - Prinzipien gelten nicht mehr. Ein als harmlos eingeschätztes Ereignis kann selbst über große Entfernungen hinweg oder nach einer langen Zeit ungeahnte Folgen haben, die die Funktionsfähigkeit der Staatengemeinschaft insgesamt gefährden." Und weiter weist er auf die mögliche Zunahme von Flüchtlingsströmen hin. In meinen Augen warnt er vor einem ungebremsten Energiehunger und vor weiteren Eingriffen des Menschen in die Natur. Im Prinzip erleben wir ja schon die Folgen der Ausbeutung der Erde: Die Zusammenbruch der Staaten und Demokratien, die Flüchtlinge, der Neid, die Missgunst und die Verunglimpfung sind alltägliche Themen in unseren Nachrichten. Ich habe nicht viel Hoffnung, dass sich die Machthaber von selbst ändern werden. Sie bauen darauf, dass ihre Macht wächst, wenn sie die Macht anderer brechen. Das Gesetz des Dschungels: der Stärkere gewinnt.
Brigitte

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Sonntag 26. Februar 2017, 21:04
von Annemarie Werning
Die FAS vom 26. 2. 2017 berichtet, dass zwei Drittel des Plastikmülls in den Meeren aus Asien, China, Indonesien, den Philippinen, Vietnam, Thailand, Sri Lanka, stammen. Mit der Bevölkerung und Wirtschaft wächst auch der Plastikverbrauch. Die Abfallentsorgung funktioniert nicht. In Großstädten wird der Müll nur in den wohlhabenden Vierteln entsorgt, weil die Leute in den Armenvierteln die Gebühren nicht bezahlen können. Oft gibt es keine Müllverbrennungsanlagen und der Müll lagert in offenen Deponien. Von dort trägt der Wind den leichten Plastikmüll in die Flüsse und er fliesst in die Ozeane. Im vergangenen Jahr gelangten nach dieser Meldung ca. 9 Mio Tonnen Plastik in die Ozeane. Die Verpackungen werden im Meer spröde, das Plastik zerfällt, sinkt und wird von Fischen, Muscheln und Krebsen gefressen und wird über diese Tiere auch Nahrung der Menschen.
Es ist nötig, dass in der Bevölkerung dieser Länder ein Bewusstsein für die Problematik geschaffen wird - wer weiß, ob und wann das das gelingt.
Annemarie

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Dienstag 21. März 2017, 20:53
von Annemarie Werning
Weltbevölkerung und internationale Migration von Rainer Münz und Albert F. Reiterer
Weltbevölkerung

Die Zahl der modernen Menschen war anfänglich sehr klein. Ein Teil unserer Vorfahren verließ Afrika vor 100.000 Jahren. Sie breiteten sich zuerst in Asien aus, vor 60.000 Jahren wahrscheinlich in Australien, vor 45.000 Jahren in Europa.
Bis zum Ende der Altsteinzeit vor 14.000 Jahren war die Menschheit auf geschätzte 3 bis 4 Millionen angewachsen. Zu dieser Zeit begannen die Menschen im Nahen Osten damit, ihr Nomadenleben aufzugeben und Landwirtschaft und Viehzucht zu betreiben. Das ermöglichte mehr Menschen zu überleben. Vor 7000 Jahren dürften auf der Erde bereits 7 bis 10 Millionen Menschen gelebt haben. Es bildeten sich Städte und Staaten, es entwickelte sich Arbeitsteilung. Das führte dazu, dass die Weltbevölkerung um die Zeitenwende auf 240 Millionen angewachsen war. Ab 700 n. Chr. setzte erneut ein Bevölkerungswachstum ein. Allein in China wuchs die Zahl bis 1000 n.Chr. von 60 auf 120 Millionen. In Europa verhinderten Seuchen und Kriege ein stärkeres Wachstum.
Dies änderte sich mit der industriellen Revolution ab 1750. Im Jahr 1800 erreichte die Weltbevölkerung 1 Milliarde. 60 % der Menschen lebten davon in Asien. Doch das größte Bevölkerungswachstum entstand in Europa. Das führte zu den starken Auswanderungsbewegungen nach Amerika, Australien, Afrika. Mitte der 1920er Jahre überschritt die Zahl der Menschen die 2 Milliardengrenze. 1960 waren es 3 Milliarden.
2017 wird mit 7,5 Milliarden gerechnet, für 2050 mit mehr als 9,7 Milliarden und für 2100 mit 11,2 Milliarden. Während für Europa, China und Japan schrumpfende Bevölkerungen erwartet werden, wird sich nach Ansicht der Verfasser die Einwohnerzahl Afrikas bis 2014 verdoppeln und bis 2100 vervierfachen. Anschließend wird das Bevölkerungswachstum wieder sinken. Die Verfasser rechnen damit, dass sich die Versorgung mit Lebensmitteln wahrscheinlich sicherstellen lässt. Das Problem wird darin gesehen, dass sich die ärmeren Gesellschaften an dem Lebensmodell und dem Ressourcenverbrauch der USA, Europas und Japans orientieren. Das aber wäre nicht durchzuhalten.
Demographischer Übergang
Nach dem Rückgang der Sterblichkeit besonders der Kinder zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderten die Menschen in den vormodernen Gesellschaften ihre Lebensweise, sie bekamen weniger Kinder und heirateten später. Dies führte nach 1 bis 2 Generationen zum Schrumpfen des Wachstums, weil die Generation der Kinder kleiner als die der Eltern wurde. Um 1950 lag die durchschnittliche Kinderzahl weltweit bei 5, 2015 hingegen nur noch bei 2,5 Kindern pro Frau. In den entwickelten Ländern schrumpfte die Zahl auf 1,8, in den weniger entwickelten von 6 auf 2,7. Am höchsten ist die Kinderzahl in Afrika.
Gleichzeitig verlängerte sich die Lebenserwartung seit den 1950er Jahren im globalen Durchschnitt von 47 auf 70 Jahre im Jahr 2015.
Die Kehrseite der geringeren Geburtenzahl und der längeren Lebenserwartung führt zu einer Alterung der Gesellschaft in den entwickelten Gesellschaften. Für Deutschland rechnet die Prognose für 2050 mit 40 % Menschen über 60, was eine Herausforderung an die Sozialsysteme ist.
Migration
Eine Massenmigration begann im 17. Jahrhundert mit der Auswanderung aus Europa nach Amerika, Algerien, Palästina, das südliche Afrika, Australien, Neuseeland, Sibirien und Zentralasien, insgesamt 70 Millionen Menschen. Von Afrika wurden 12 Millionen Menschen in die Sklaverei entführt und über den Atlantik gebracht. Billige indische Arbeitskräfte wurden innerhalb des britischen Empire als Arbeitskräfte verschickt.
Ab dem 1. Weltkrieg verlor die Arbeitsmigration zunächst an Bedeutung, stattdessen prägten Massenflucht und Vertreibung die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rund 1,5 Millionen Menschen mussten die Türkei verlassen, im Gegenzug eine halbe Million Muslime Griechenland. Nach dem 2. Weltkrieg mussten 10 Millionen Ost- und Volksdeutsche und 1,5 Millionen Polen umsiedeln. Die Niederlage der USA in Südvietnam führte zu 1,5 Millionen Bootsflüchtlingen, aus Afghanistan flohen 5 Millionen Menschen in benachbarte Länder. Im Syrienkrieg verließen 4,5 Millionen Menschen ihr Land.
Nach 1950 gewann die Arbeitsmigration wieder an Bedeutung. Der wirtschaftliche Aufschwung erzeugte eine größere Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Rekrutierung von Arbeitskräften aus anderen Teilen Europas und aus unserer Nachbarschaft sowie postkoloniale Wanderungen veränderten die Zusammensetzung der Bevölkerung Westeuropas nachhaltig.
Ab 1985 wurde die Zahl der Zuwanderer in die EU-Länder höher als die der europäischen Auswanderer. Die USA änderten zwischen 1965 und 1975 ihre restriktive Einwanderungspolitik und öffnete sich für Zuwanderer aus Asien und Lateinamerika. Internationale Migration von Arbeitskräften findet im großen Umfang auch in Afrika, Asien und Südamerika statt. Zu wichtigen Zielregionen gehören die arabischen Golfstaaten, Südafrika, Malaysia, Singapur, Russland und Australien. Während im Jahr 2000 weltweit 175 Millionen Menschen nicht in ihrem Geburtsland lebten, sind es 2015 bereits 244 Millionen, d.h. 3,2 % aller Menschen. Allein 104 Millionen Migranten stammen aus Asien. 60 % von ihnen hielten sich in einem anderen asiatischen Land auf, Europa lag an zweiter, Nordamerika an dritter Stelle. Der Saldo aus Zu- und Abwanderung ist vom Wohlstandsniveau abhängig. Länder mit einem BIP von 9.000 $ pro Kopf verzeichnen mehr Auswanderung als Einwanderung, über 15.000 $ ist es umgekehrt.
Erfolgreiche Migranten fühlen sich auch im neuen Land ihrer Familie verpflichtet. Die Summe ihrer Rücküberweisungen macht ein Vielfaches der gesamten Entwicklungshilfe aus. Politisch kann die Migration für die Herkunftsländer stabilisierend wirken, weil sie die Zahl der Arbeitslosen reduziert. Sie ist aber auch mit einem gewissen brain drain verbunden. In den Zielländern sehen die sozial Schwächeren in den Zuwanderern leicht eine bedrohliche Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, andere sehen ihre Identität und ihr Lebensgefühl bedroht.
Annemarie

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Dienstag 21. März 2017, 20:55
von Annemarie Werning
Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren von Klaus Hahlbrock und Wolfgang Schuchert

Die Verfasser beginnen mit der Feststellung, dass das Ungleichgewicht zwischen Hunger und Überfluss, Armut und Reichtum, Ressourcenübernutzung und ökologischer Stabilität immer größer wird und beklagen die selbstbezogene Realitätsfremde der Wohlstandsländer.

Biosphäre und Züchtung
Alle gezüchteten Nutzpflanzen und Tiere unterliegen den biologischen Gesetzmäßigkeiten der Biosphäre. Alle Pflanzen sind Nutznießer einer unübersehbaren Vielfalt von Kleintieren und Mikroorganismen, die den Boden für das Wurzelwachstum und die Nährstoffaufnahme aufbereiten und von Insekten und Vögeln, die ihre Blüten bestäuben, Schädlinge beseitigen und Samen verbreiten. Wird der Anbau nur einer oder sehr weniger Nutzpflanzenarten über mehrere Jahre auf derselben Fläche mit intensiven Dünge- und Pflegemaßnahmen fortgesetzt, wird das natürliche Ökosystem massiv verletzt.
Die Umwandlung von über lange Zeiträume entstandenen Ökosysteme und Wasserkreisläufe in nur kurzfristig ergiebige, wasser-, energie- und anderweitig pflegebedürftige Monokulturen führt besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern zu Bodenerosion, Verschmutzung von Flüssen und Seen und Wüstenbildung. Obwohl dies allgemein bekannt ist, fehlt es an der Bereitschaft zu entschlossenem Handeln, was die Verfasser auf den fehlenden Blick der Europäer über den eigenen Tellerrand zurückführen. Es fehlt ihnen am Verständnis für die großen Produktionsunterschiede zwischen Europa und allen übrigen Erdteilen, insbesondere den wasserarmen Gebieten in Afrika und Asien. Die Verfasser begrüßen, dass inzwischen gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, wie es bereits auf 12 % der globalen Ackerflächen der Fall ist. Nach einer Studie von 2014 führte das zur Einsparung von 37 % an Pestiziden und Herbiziden, zu einer Steigerung der Ernteerträge um 22 % und einer Steigerung der Einkünfte von Kleinbauern von 68 %. Bisher sind alle mit gentechnischen Mitteln hergestellte und landwirtschaftlich genutzte Pflanzen mit ökologischen Vorteilen belegt. Allerdings muss zwischen der Methode, mit der eine Sorte gezüchtet wird und der Art ihres Anbaus unterschieden werden. Denn jeder Anbau einheitlicher Kulturen, unabhängig von der Art der Züchtung, stellt einen massiven Eingriff in das natürliche dynamische Gleichgewicht des betroffenen Ökosystems dar.

Nahrungsproduktion, Konsumverhalten und Gewohnheiten
In den Industrie- und einigen Schwellenländern konzentriert sich die landwirtschaftliche Produktion einschließlich der Massentierhaltung auf Großbetriebe, in einigen Ländern auf Kosten von Kleinbauern (land grabbing). Ein großer Teil gerodeter Urwaldflächen wird für den Anbau von Energie und Futterpflanzen genutzt. Trotz der Rodungen von 12 Millionen Hektar jährlich hat sich die globale Ackerfläche nicht vermehrt, da der Flächenzuwachs durch Verluste durch Wüstenbildung und Erosion und Umwidmungen für Siedlungsprojekte ausgeglichen wird. Besonders die übermäßige Fleischproduktion mit ihrem immensen Futter- und Wasser- und Antibiotikaverbrauch ist weder ökologisch noch ökonomisch nachhaltig. Es ist nicht der ernährungsphysiologisch begründete Bedarf an tierischen Nahrungsmitteln, sondern das wachsende Angebot zu Billigpreisen, der die Essgewohnheiten besonders in den Entwicklungs- und Schwellenländern verändert hat.

Alternative Ressourcen und Renaturierung
Die Verfasser weisen darauf hin, das in verschiedenen Regionen Mittelamerikas, Afrikas und Asiens getrocknete, geröstete, geräucherte Insekten als protein- und fettreiche Nahrung verzehrt werden. Besonders in Asien stehen auch Algen auf dem Speiseplan. Für die menschliche Ernährung könnte beides in Zukunft einen wesentlichen Beitrag leisten.
Außerdem bieten die halbe Milliarde an Klein- und Kleinstbauern in Afrika und Asien ein erhebliches Potential für die Ernährung. Die traditionsreiche Form der Nahrungsmittelproduktion mit großem Arten- und Sortenreichtum ist den Monokulturen weit überlegen. Sie bietet die Möglichkeit sparsamer Wasser- und Abfallnutzung und beim Vertrieb kurze Wege. Produktionssteigerungen der Landwirtschaft in diesen Gebieten setzen allerdings eine fachliche Ausbildung, eine soziale und technologische Infrastruktur, Eigentumsrechte, einen besseren Status der Frauen und politische Stabilität voraus. Das sind die dringlichsten Anforderungen an die nationale und internationale Politik.
Eine weitere Alternative zu Wüstenbildung und Verlust von Nahrungssicherheit stellt die Renaturierung verarmter Biotope dar. Nach Schätzungen der UNO könnten hierdurch 2 Milliarden Hektar Land für menschliche Nutzung gewonnen werden.
Eine Sicherung der menschlichen Ernährung setzt unabdingbar voraus, dass die verbliebenen natürlichen Ökosysteme wirkungsvoll vor Entwertung geschützt und jegliche Ressourcenverschwendung verhindert werden. Nicht nur beim Natur-, Wasser- und Energieverbrauch, bei Elektro- und Plastikmüll auch bei Lebensmitteln ist der Anteil des Verschwendeten kaum geringer als das tatsächlich Benötigte. Die Ernte- und Nachernteverluste durch Schädlinge und Krankheitserreger sind besonders in feuchtwarmen Gebieten hoch und erfordern umfangreiche Gegenmaßnahmen und verstärkte Bemühungen in der Resistenzzüchtung.
Für unser persönliches Verhalten fordern die Verfasser eine vielseitige Ernährung mit umweltverträglich erzeugten Lebensmitteln, die Bevorzugung saisonaler Produkte regionaler Herkunft oder aus fairem Handel sowie einen achtsamen Umgang mit Lebensmitteln und die Vermeidung unnötigen Abfalls.
Annemarie

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Montag 3. April 2017, 11:23
von Annemarie Werning
Die Zukunft der Ressource Wasser – revisited von Wolfram Mauser

Der Wasserkreislauf unterscheidet zwischen „blauen Wasser“ – das Wasser in den Flüssen – und „grünem Wasser“, das durch die Vegetation fließt. 92 bis 99 % des von Menschen genutzten Wassers entfällt auf die Nahrungsmittelproduktion. Ob das Wasser in Zukunft für die Menschheit ausreichen wird, hängt damit wesentlich davon ab, dass das Wasser effizienter als bisher genutzt wird. Die Menge des Wassers, die für die Erzeugung von 2 Tonnen Weizen auf einem Hektar gebraucht wird, ist je nach Art der Anbaumethode und der Anbaufläche sehr unterschiedlich. Sie differiert zwischen 150 mm und 500 mm Evapotranspiration (das ist die Summe aus Verdunstung des Wassers aus Tier- und Pflanzenwelt und Boden- und Wasseroberfläche). Die Wassermenge, die für die Produktion von 1 kg Mais, Reis und Weizen benötigt wird, ist bei der Hochertragslandwirtschaft am geringsten. Dabei muss aber bedacht werden, dass die Steigerung des Ertrags auf nachhaltige Weise erfolgt, denn andernfalls werden die Böden langfristig zerstört. In Westeuropa, USA, Kanada und Südbrasilien befinden sich die tatsächlichen Ernten schon nahe an dem, was erreicht werden kann, die Wasserproduktivität ist sehr hoch und lässt sich ohne negative Effekte auf die Nachhaltigkeit kaum mehr steigern. Anders ist es in Afrika südlich der Sahara sowie Indien. Hier sind Ertragssteigerungen von 500 bis 800 % möglich. Würde dieses Potential ausgenutzt, könnte der Nahrungsmittelbedarf auch noch 2050 gedeckt werden. Allerdings erfolgt die weltweite Ertragssteigerung derzeit viel zu langsam. Der Verfasser hofft auf die Digitalisierung der Landwirtschaft. Durch Satelliten lässt sich der Wachstumszustand der Pflanzen, ein Schädlingsbefall, zu starke Düngung und zu hohe Bewässerung und der Reifezustand auf jedem Acker der Welt beobachten. Hierdurch könnte für jeden Flecken der Erde die Nachhaltigste, wasserproduktivste und ertragsförderndste Option errechnet und dem Landwirt über Smartphone übermittelt werden.
Der Verfasser meint, dass sich die negativen und positiven Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft global ausgleichen dürften. Während manche Regionen von größerer Dürre betroffen sein dürften, wird Landwirtschaft in den nördlichen Regionen Kanadas, Russlands und Chinas erst möglich. Zudem fördert die höhere CO2 Konzentration in der Atmosphäre bei sog. C3 Pflanzen wie Getreide, Reis, Zuckerrübe und Kartoffeln das Wachstum und steigert die Wasserproduktivität. Für Mais und Zuckerrohr gilt dies aber nicht.
Schließlich müsste der globale Handel dazu führen, dass wasserintensive Güter verstärkt dort produziert werden, wo Wasserressourcen nachhaltig verfügbar sind und dahin exportiert werden, wo Wasserknappheit vorherrscht. Würde man auf Bewässerungsfeldbau verzichten und stattdessen Nahrungsmittel aus den feuchten Mittelbreiten importieren, wäre Wasser gespart. Auf dieser Grundlage hat Saudi-Arabien seine landwirtschaftliche Produktion in den letzten Jahren neu ausgerichtet. Es hat die Weizenproduktion im Jahr 2016 beendet und den sich entleerenden Grundwasserspeicher wieder mit entsalztem Wasser aufgefüllt.
Der Verfasser endet mit der Bemerkung, dass trotz aller wahrgenommenen Krisen wie regionale Kriege, Migration, Terror, Wasserrationalisierungen kein Grund für Pessimismus bestehe. Stabilisierung der Erdbevölkerung, Alphabetisierung, verbesserte Gesundheitsvorsorge, Rückgang der Menschen mit Hunger und ohne Zugang zu sauberem Wasser und Steigerung der Lebenserwartung in allen Regionen der Erde sowie die Ausbreitung des Internets seien Anlass zur Hoffnung, dass sich Effizienz und Suffizienz im Umgang mit der Natur verbreiten.
Annemarie

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Montag 3. April 2017, 13:51
von Brigitte Höfer
Liebe Annemarie,
du hast drei supergute Zusammenfassungen der Kapitel über Weltbevölkerung, Ernährung und Wasser gemacht! Es ist fast eine Überforderung, alle Probleme, die wir Menschen haben und/oder uns machen, im Auge zu behalten. Und dennoch lesen wir zu jedem dieser Themen täglich in der Zeitung. Neulich einen Artikel in der Zeit über den Eigentümer der Drogeriekette Rossmann, der in seinen Läden in Tansania Kondome verkauft - aber mit behördlicher Genehmigung natürlich. In anderen afrikanischen Ländern gibt es diese Genehmigung nicht. Es ist also den dortigen Menschen nicht möglich, sich vor AIDS zu schützen oder eine Familienplanung zu betreiben.
Ein anderer Artikel in der Frankfurter Rundschau berichtete am 7. Januar darüber, wie unser Avocadoverbrauch die Existenzgrundlage der Kleinbauern in Peru bedroht: Durch den Bau von Wasserkanälen, die direkt zu den Feldern der Avocadobäume führen, vertrocknen weite Gebiete, in denen normalerweise Alpakaschafe weiden. Auch Grüner Spargel und Weintrauben werden intensiv gewässert. Auf die Quechua-Familien, die sich kärglich ernähren müssen, wird keine Rücksicht genommen.
Und man mag eigentlich gar nicht lesen, wie Trump gegen die Menschen wettert, die vom Klimawandel sprechen.
Ein sehr heikles Thema, das wir zur Zeit besprechen...
Brigitte
Hier übrigens der Link zum Müll im Meer: https://www.awi.de/im-fokus/muell-im-me ... rbase.html

Re: Klaus Wiegandt (Hg.): Mut zur Nachhaltigkeit

Verfasst: Mittwoch 5. April 2017, 11:46
von hwest
Wie lange warnen eigentlich die Wissenschaftler schon? Wenn man sich dessen bewusst wird, dann kann man nur pessimistisch sein. Jeder weiß, dass die Ressourcen der Welt endlich sind. Doch alle Ansätze zu nachhaltigem wirtschaften blieben bisher erfolglos.
Was ist der heutige Trend zum Nationalismus anders als ein Egoismus. Wir wollen unseren Wohlstand behalten und Fremde sollen nicht hinzukommen und davon profitieren.
Bei uns haben die Manager der Autoindustrie nicht eine Sekunde an Nachhaltigkeit gedacht, als sie den Betrug mit den Abgaswerten ihrer Dieselmotoren einleiteten. Der Klimawandel war ihnen egal. Auch dem neuen amerikanischen Präsidenten ist der Klimawandel egal, ja er hält ihn für eine Erfindung der Medien. In Südamerika und Asien werden ganze Regenwälder abgeholzt, um die Stämme in die reichen Länder verkaufen zu können. An ihrer Stelle werden Ölpalmen gepflanzt, deren Öl wohin geht? Na, ratet mal.
Warum kümmern sich die Politiker der Länder eigentlich nicht um Nachhaltigkeit? Die Antwort ist einfach. Ergebnisse und Erfolge würde es erst geben, wenn ihr Mandat längst abgelaufen ist und wenn sie nicht mehr leben. Denn die Abwärtsspirale dreht sich langsam.
Horst