Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
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Brigitte Höfer
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Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von Brigitte Höfer » Sonntag 2. Oktober 2016, 09:09

Ab dem 1. Oktober 2019 lesen wir von Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier.
Aus dem Klappentext:
Nach dem Erscheinen seines zweiten Kindertagebuchs "Die Berlinreise" wurde Hanns-Josef Ortheil häufig gefragt, wie er als Zwölfjähriger ein derart beeindruckendes Buch schreiben konnte. Dieser Frage ist er jetzt in dem Band "Der Sift und das Papier" nachgegangen. Schritt für Schritt wird erzählt, wie er, begleitet und angeleitet von Vater und Mutter, sich das Schreiben beibrachte. Er beschreibt, wie er übte und wie diese Übungen langsam übergingen in kleine Schreibprojekte, die er sich selber ausdachte und verfolgte. Es ist die Geschichte eines Jungen, der lange Zeit nicht sprach und der einen eigenen Weg zum Sprechen und Schreiben suchen musste.
Hier gibt es einen Link von Perlentaucher.de:
https://www.perlentaucher.de/buch/hanns ... apier.html
Dort gibt es auch eine Lesung, die ich sehr interessant finde.
Wir freuen uns auf Beiträge!
Brigitte

HildegardN
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Re: Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von HildegardN » Dienstag 4. Oktober 2016, 14:50

Liebe Literaturfreunde,

Brigitte hat uns rechtzeitig das Tor zum Austausch und Diskutieren über unser "neues Buch" Der Stift und das Papier eröffnet, und ich freue mich schon auf die zu erwartenden Beiträge. Da ich "meine Lesebücher" zumeist über die hiesige Stadtbibliothek beziehe, habe ich den angemeldeten Titel sofort ausleihen, aber auch nach einer begrenzten Zeit wieder zurück bingen müssen. Desalb kann ich Euch heute schon meine ersten Eindrücke schildern, die später fortgesetzt werden.

„Ich sitze in der Jagdhütte meines Vaters auf dem elterlichen Grundstück im Westerwald.. Ich beginne zu schreiben... plötzlich, von einem Moment auf den andern ... bin ich wieder: Das Kind, das schreibt.“ Mit diesen Worten leitet der Autor Hanns-Josef Ortheil seinen Roman „Der Stift und das Papier“ ein, der u.a. auch als Fortsetzungsroman zu Ortheils Roman „Die Erfindung des Lebens“ gesehen und bezeichnet wird (z.B. Südd.Zeitung). Wir haben diesen Roman bereits in unserem Lesekreis gelesen und im ViLE-Forum „Gemeinsam Lesen“ kommentiert und miteinander diskutiert.

In den ersten beiden Kapiteln unserer derzeitigen Lektüre „Der Stift und das Papier“ wird vor allem auf die Befindlichkeit und Entwicklung des Kindes Hanns Josef, das in seinen frühen Kinderjahren nicht mehr sprach, und durch die einfühlsamen Bemühungen seines Vaters langsam aber stetig zu seiner Sprache zurück fand, hingewiesen.

„Ist dieses Buch eine Wiederholung des von uns bereits gelesenen Romans „Die Erfindung des Lebens“, wenn auch durch aktuelle und detaillierte Beschreibungen ergänzt oder bereichert“, habe ich mich während des Lesens wiederholt gefragt. Die Antwort fand ich später.

Das dritte Kapitel „Übungen“ brachte die Wende in meiner Einstellung zu unserem Buch „Der Stift und das Papier“. “Niemand konnte damals ahnen, dass ich ein derartig besessener Schreiber wurde, dem das Schreiben soviel bedeutete“ , teilt der Autor seine Leser mit (S.154) und beschreibt seine Verzauberung durch das Schreiben (S.157). Von da an habe ich den autobiographischen Roman „Der Stift und das Papier“ mit großem Interesse – bis zum Schluss – gelesen, hat mir doch das Schreiben selbst ein Leben lang viel bedeutet.

Grüße aus Bad Homburg
Hildegard

Annemarie Werning
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Re: Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von Annemarie Werning » Mittwoch 26. Oktober 2016, 19:02

Ortheil schreibt, dass er nach der Einschulung dem Unterricht nicht folgen konnte, weil er gar nicht verstanden hat, was gesprochen wurde. Er kannte wohl Wörter, die er bei dem Einkauf mit seiner Mutter aufgeschnappt hatte, aber offenbar zu wenige. Für mich war das schwer zu verstehen, weil man als Kind in die Sprache hineinwächst. Ich erinnere mich nicht, dass mir die Bedeutung von umgangssprachlichen Wörtern erklärt wurde, ich habe sie gehört und aus dem Zusammenhang heraus gedeutet. In seinem Umfeld muss es doch auch Menschen gegeben haben, die mit ihm gesprochen haben, zumindest die Logopädin, die ihn betreut hat, und sein Vater. Vorstellen kann man sich sein Gefühl in der Klasse so, als wenn man unter Franzosen oder Engländern sitzt, die sich unterhalten, man versteht einiges, aber nicht alles, es ist anstrengend zuzuhören und man schaltet ab.
Er wurde in der Klasse als "ekliger Schisser" ausgegrenzt, weil er nicht sprach. Dies motivierte ihn, die Sprache zu lernen. Dazu kam ein Wissensdrang, denn anders kann man sich nicht vorstellen, warum er mit dem Vater beliebige Wörter aus dem Duden heraus gesucht hat. Ich habe meinen Wortschatz bestimmt nicht auf solche Weise erlangt, sondern durch Zuhören und Lesen.
Eine gute Übung war es, dass der Vater ihn aufforderte, Dialoge aufzuschreiben.
Dass er so schnell so gute Fortschritte machte, liegt vor allem an seiner Beziehung zum Vater, der ihn nicht bevormundete, sondern mit ihm auf gleicher Augenhöhe sprach, keine Aufgaben gab, sondern ihn ermunterte, das zu tun, was er selbst ausgedacht hatte. Der Vater hat nur Möglichkeiten vorgeschlagen und es ihm überlassen, ob er sie ergreift.

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von Erna » Sonntag 30. Oktober 2016, 17:57

Auch bei dem Buch "der Stift und das Papier" stehe ich ganz auf der Seite von Annemarie. Wenn ich die Überlegung zu dem Begriff Kinderbuch lese, so fände ich die Begriffsklärung notwendig. Ebenso finde ich die Abwertung der Lesebuchstücke als nicht gerechtfertigt.
Hier bemühen sich zwei Menschen um einen Lernenden, ein Zustand der in einer Schule nur in den seltensten Fällen möglich ist.
Bei mir herrscht das Gefühl vor, dass ein Kind Erwachsene lehren wollte, dass jeder Text eine andere Art des Schreibens erfordert.Wieso ist es diesem Kind dann so lange ncht gelungen zu schreiben?
So ungaubwürdig wie es mir erscheint in einer sprechenden Gesellschaft nicht sprechen zu lernen, erscheint es mir in einer schreibenden, nicht schreiben zu lernen, wenn auch nicht gerade literarisch. So viel man eiß, lernt man die meisten Dinge "en passant".
Erna.

Annemarie Werning
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Re: Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von Annemarie Werning » Montag 31. Oktober 2016, 11:03

Gut einfühlen kann ich mich in die Beschreibung seines Zustands in seiner Schulklasse. Ortheil hat sehr schön beschrieben, wie der Sitzplatz neben ihm immer frei war, bevor Manni neben ihn gesetzt wurde und wie er sich sändig als Außenseiter sah. Durch die vielen Umzüge meiner Eltern habe ich in 13 Jahren 6 Schulen besucht. Erst in der 4. Schule (da war ich 11/12) hatte ich Freundinnen. Mein Enkelkind hatte in der Grundschule keine richtigen Freunde. Als die Lehrerin in der 5. Klasse dann eine Umfrage machte, was sich die neuen Schüler am meisten von der neuen Schule wünschten, hat sie sich Freunde gewünscht und zum Glück auch gefunden. Gleichaltrige Freunde zu haben, ist ein sehr elementares Bedürfnis. Ortheil hat lediglich beobachtet und analysiert, nicht aber mit anderen Menschen agiert, so dass er auch keine Fähigkeiten für eine Kontaktaufnahme entwickeln konnte. Dieses Beobachten hat ihm auch die Spontanität genommen. Dieses sich in sich selbst einschließen ist durch das stetige Aufschreiben noch verfestigt worden. Obwohl er auf diese Weise Schreibfertigkeit erlangt hat, ist er eigentlich zu bedauern.
Annemarie

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier

Beitrag von Erna » Montag 28. November 2016, 16:27

Mit Stift und Papier
Mit dem fünften Teil, der unter dem Titel „Weiterschreiben“ läuft, gelingt es H-.J. Orttheil alle Punkte anzusprechen, die er für literarisches Schreiben notwendig hält.
Während das erste Buch sich mit dem Sprechen befasst, führt das zweite Buch über „Sprache“ in das literarische Schreiben ein
Das Buch ist in fünf Teile unterteilt, die Schritt für Schritt den Weg ins Schreiben aufzeigen.
Der 1. Schritt ist unter den Titel „Anfänge“ gestellt. Jedes einzelne Kapitel ist mit einer Überschrift, also einem Gedanken, z.B. „Die Hütte meines Vaters“ versehen und führt zum nächsten, hier mit dem Titel „erste Schritte“.
Der zweite Schritt heißt „Werkstatt“ und beginnt mit Überlegungen zu „Raum und Zeit“. Er führt zum Nachdenken über die Wichtigkeit von Raum und Zeit, also wo und wann ein Text entsteht. Die Überschrift erinnert mich an die Aufmerksamkeit, die diesen beiden Komponenten, von den Lehrern zugemessen weAusrden.
Der dritte Schritt beginnt mit dem Wert von „Übungen“, das erste Kapitel handelt von der Motivation durch Ideen.
Der vierte Schritt wird mit „Auftritten“ bezeichnet und die Zielgruppe genannt, für die „geschrieben wird“. H.-J.Orttheil hat zunächst nur für sich und seine Eltern geschrieben. Für eine große Zahl von Lesern braucht es daher eine besondere Art des Schreibens.
Die einzelnen Schritte, die er für wichtig hält, kann er so ansprechen. Was mich allerdings sehr aufregte, war der Musterknabe, als den er sich selber beschreibt und die Darstellung seiner Eltern, deren mehr oder weniger einziger Lebensinhalt er darstellt.

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