Amos Oz: Judas

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
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Brigitte Höfer
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Amos Oz: Judas

Beitrag von Brigitte Höfer »

Die Sommerpause ist vorüber und wir können wieder eifrig im Forum diskutieren. Seit Juni haben wir den Roman von Amos Oz: "Judas" gelesen, aber noch nicht diskutiert. Das soll jetzt nachgeholt werden. Wir freuen uns über alle Beiträge!

Inhalt:
Das Leben des jungen Schmuel Asch ändert sich im Winter 1959 von Grund auf: Seine Freundin verlässt ihn, seine Eltern melden Konkurs an, und er muss sein Universitätsstudium abbrechen. Verzweifelt findet er Unterschlupf und Arbeit in einem alten Jerusalemer Haus als Gesellschafter für einen behinderten, rhetorisch gewandten Mann. Als Schmuel sein neues Domizil bezieht, begegnet er der schönen und aufregenden Atalja Abrabanel, die beinah doppelt so alt ist wie er. Sie macht ihm unumwunden klar, dass es besser wäre, sich nicht in sie zu verlieben, andernfalls würde er seinen Arbeitsplatz sofort verlieren, wie alle seine Vorgänger.
Die drei Protagonisten des Romans wohnen zurückgezogen in dem Steinhaus am Rand der Stadt, und zunächst scheint es, als führten sie ein ruhiges Leben. Im Innern des schüchternen und sensiblen Schmuel bricht ein Sturm los. Die Begierde nach Atalja und seine Neugier wandeln sich langsam in eine verzweifelte Verliebtheit. Er beginnt wieder sich mit seiner Forschungsarbeit über »Jesus in der Perspektive der Juden« zu beschäftigen und verliert sich in dem geheimnisvollen Sog, den Judas Ischariot, die Verkörperung des Verrats und der Niedertracht, auf ihn ausübt. Und allmählich entschlüsselt er die Geheimnisse, die in diesem dunklen und einsamen Haus geistern und in die seine Bewohner auf dunkle Art verstrickt sind.
In diesem Roman kehrt Amos Oz zum Milieu einiger seiner bekanntesten Bücher wie Mein Michael und Eine Geschichte von Liebe und Finsternis zurück, in das geteilte Jerusalem der fünfziger Jahre. Die zarte, wilde Liebesgeschichte ist eingebettet in die Landschaft der winterlichen Stadt und in die Ereignisse am Ende der Regierung Ben Gurion. Gemeinsam mit seinem Protagonisten prüft Oz mutig die Entscheidung, einen Judenstaat zu errichten, samt den Kriegen, die sie zur Folge hatte, und stellt die Frage, ob man einen anderen Weg hätte gehen können, den Weg derer, die als Verräter gelten.

Autorenportrait:
Amos Oz, geboren 1939 in Jerusalem, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie an der hebräischen Universität in Jerusalem. Oz ist Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. 1998 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Israel-Preis ausgezeichnet. Seit 1986 lebt er mit seiner Familie in Arad in der Negev-Wüste.
Quelle: http://www.suhrkamp.de/buecher/judas-amos_oz_42479.html

Annemarie Werning
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von Annemarie Werning »

Im Internet steht ein interessantes Interview mit Amos Oz zu dem Buch. Ich hoffe, dass der Link funktioniert.

http://faustkultur.de/2353-0-Gespraech- ... 8rCmJiLSUk

Annemarie

Brigitte Höfer
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von Brigitte Höfer »

Liebe Annemarie, ja, der Link funktioniert. Es ist ein sehr interessantes Interview.

Ich habe ein schöne Rezension bei literaturkritik.de gefunden:

http://literaturkritik.de/public/rezens ... z_id=20497

Brigitte

Annemarie Werning
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von Annemarie Werning »

Liebe Brigitte,
der Link bespricht das Buch wirklich umfassend.

Mich faszinierte in dem Buch von Oz am meisten seine Deutung des Judas. Ich habe im Internet gesucht, ob es zuvor schon ähnliche Ideen über Judas gab und in der Tat, es gibt ein Judas Evangelium, das in letzter Zeit gefunden wurde und um 280 n.Chr. geschrieben worden sein soll. Die mündliche Überlieferung soll um die Zeit von 180 n.Chr. bestanden haben. Das steht in folgendem Link:

http://www.ursulahomann.de/WerWarJudasV ... plett.html.

Danach war Judas mit Jesus besonders vertraut und handelte mit seinem Einverständnis.

Annemarie

Brigitte Höfer
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von Brigitte Höfer »

Liebe Annemarie,
der Vortrag von Ursula Hohmann (Jahrgang 1930, freie Publizistin, homepage ursulahomann.de) ist wirklich interessant und umfassend. Wirklich überraschend, wie viele Schriftsteller sich mit der Figur des Judas befasst haben! Da können wir noch viel diskutieren!

Zu Amos Oz: er hat ja den Siegfried-Lenz-Preis bekommen und der Deutschlandfunk hat ein Gespräch mit ihm aufgezeichnet, das ich auch sehr interessant finde:
http://www.deutschlandfunk.de/amos-oz-i ... _id=303359

Brigitte

bheinze
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von bheinze »

Beeindruckend das interview von Oz mit ruth: herzlich,ehrlich,nachvollziehbar. :P
Jetzt muss ich mir doch das Buch besorgen, wahrscheinlich komme ich jetzt eher zum lesen mit meinem gebrochenen Fuß. Barbara

Marlis Beutel
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von Marlis Beutel »

Die meisten von uns wurden vermutlich als Kinder mit dem christlichen Glauben konfrontiert. Da ist es interessant, bei Amos Oz nachzulesen, wie dieser Glaube entstand und zwar in einer Situation, in der es Sekten gab mit unterschiedlichen Richtungen.
Die Menschen müssen empfänglich für religiöse Inhalte gewesen sein.
Warum sich der Nazarener gegen andere durchsetzte, wissen wir nicht. Besonders kämpferisch kann er nicht gewesen sein, jedenfalls nicht immer. Er hatte auch Zweifel.
Die Vorstellungen des Judas unterschieden sich von denen des Jesus, was den Verlauf der Geschichte dramatisch werden ließ mit schlimmen Konsequenzen für beide.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Amos Oz: Judas

Beitrag von HildegardN »

Liebe Literaturfreunde, liebe Marlis,
„Die meisten von uns wurden vermutlich als Kinder mit dem christlichen Glauben konfrontiert“ schreibst Du, liebe Marlis, in Deinem Beitrag, und ich pflichte Dir bei.
Als Landkind wohnte ich weit entfernt von unserer Kirche, deshalb fand der Gottesdienst zumeist daheim statt. Meine Mutter hatte ihre Familie und das anwesende Personal versammelt und las aus der großen bebilderten Bibel den vorher ausgewählten Text vor. In der Dorfschule erfuhr ich im Religionsunterricht mehr. Besonders hat mich die Schilderung bzw. das Verhalten des Judas Ischariot, des zwölften Jüngers Jesu, beeindruckt und eingeprägt. Danach hat sein Jünger Judas Jesus verraten, ist schuldig geworden, und weil er seinen Verrat und die Verachtung seiner Umwelt nicht ertragen konnte, hat er Selbstmord begangen.
In dem Roman „Judas“ von Amos Oz ist Judas Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung des mit seiner Magisterarbeit befassten Hauptprotagonisten Schmuel Asch. In einem Gespräch mit Atalja erklärt Schmuel, Atheist zu sein. Und fügt hinzu:
„Ich glaube keine Sekunde daran, dass Jesus Gott war oder Gottes Sohn, und ich glaube daran, dass Judas Ischariot der treueste und ergebenste seiner Jünger war und ihn nie im Leben verraten hat, im Gegenteil, er wollte der ganzen Welt seine Größe beweisen“ .(S.128/129)
Mit spätsommerlichen Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

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