Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Antworten
Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Erna »

Ab morgen lesen wir das obengenannte Buch.
Es behandelt zwar nicht die augenblickliche Flüchtlingswelle, sondern die in den 80er Jahren stattgefundene, also zu Zeiten Chomenis, aus dem Iran.
Die Familie, die in Teheran gewohnt hat, wird in einer kleineren Stadt in Westdeutschland ansässig. Der Prozess der Integration wird in Abschnitten von jeweils 10 Jahren aus der Perspektive der einzelnen Familien-Mitglieder erzählt.
Die Übersetzung ist gelungen. Die Sprache der einzelnen Personen unterscheidet sich je nach ihrem Alter. In dem Abschnitt von Laleh findet man auf Seite 148 einige Gedanken zum Titel. Er dürfte vielleicht aufgrund von Integration entstanden sein. Viel Spaß beim Lesen.
Grüße aus Frankfurt
Zuletzt geändert von Erna am Donnerstag 19. Mai 2016, 11:55, insgesamt 1-mal geändert.

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Erna »

Eben finde ich auf der Seite von Qantara.de folgende Bemerkung, die gut zu unserem Buch passt:
Unter Frauen: Versteckte Schönheit im Iran
Die meisten Nasen-OPs weltweit, blond gefärbte Haare und perfekte Maniküre: Viele Iranerinnen eifern Hollywood-Schauspielerinnen nach - oft hinter verschlossenen Türen und unter dem Tschador. In ihrer Fotoserie "Unter Frauen" zeigt Samaneh Khosravi in vielen Facetten das Schönheitsideal im Iran.

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von HildegardN »

Liebe Literaturfreunde,

Wie bereits in den beiden zuvor in unserem Literaturkreis gelesenen Romanen werden die Leser des Romans „Nachts ist es leise in Teheran“ nicht nur mit der Geschichte, der Politik und der Entwicklung der von den Autoren beschriebenen Länder konfrontiert, sondern manchmal auch mit ihrer eigenen Vergangenheit – wie auch ich.

Das, was die deutsch-iranische Autorin Shida Bazyar in ihrem Roman beschreibt, ist lange her. 1979 ist ein ereignisreiches Jahr für Iran: Der Schah geht, Khomeini kommt, und eine Familie muss ihr Heimatland verlassen und sich ein neues Zuhause suchen.
Die neue Situation zeitigt Aufruhr, Gewalt und Verfolgungen iranischer Bürger, die zum Teil als Flüchtlinge ihr Land verlassen müssen. Flüchtlingsschicksale werden bekannt, wie sie uns – vor allem in den Medien – angesichts der „Flüchtlingskrise“ heute fast alltäglich begegnen und immer mehr beschäftigen.

Der Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ erzählt die Geschichte einer jungen iranischen Familie: Behsad, Nadis und ihren drei Kindern Morad (Mo), Laleh und Tara im Anschluss an die Revolution 1979 über vier Jahrzehnte hinweg.

Der Iraner Behsad ist involviert in die Revolution 1979 in Iran, die zur Abschaffung des Schah-Regimes führte und seine Flucht aus dem Land erforderlich machte.

Der Abschnitt, den den Behsads Ehefrau Nahid erzählt, schildert die Flucht aus dem Iran nach Deutschland und das Einleben der Familie nach ihrer Ankunft. Von Behördengängen ist die Rede, von Asylanträgen und Arbeitssuche sowie der Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Letztendlich gilt es die Bedingungen einer erfolgreichen Integration zu erfüllen, wie sie auch heute von den derzeitigen Flüchtlingen erwartet wird.
Nahid erzählt aber auch, wie sie auf Nachrichten von ihrer Familie aus dem Iran wartet, auf deren Briefe und nicht zuletzt natürlich auf die Möglichkeit, wieder nach Hause zurückkehren zu können.

Wie belastend das Warten für Flüchtlinge im fremden Land sein kann, habe auch ich während einer Internierung in Dänemark (1945 – 1947) erlebt, und mit mir ...zigtausend andere deutsche Kriegsflüchtlinge. Warten auf die Freiheit, warten auf die Rückkehr nach Deutschland, es war ein Warten, das immer wieder auch Resignation zuließ, aber auch durch die Hoffnung überlagert wurde, und das Vertrauen auf die Zukunft. --
Wie sehr das Warten, vielleicht auch die Ungewissheit unser Leben beeinflusste, zeigt das folgende Gedicht, das Agnes Miegel Weihnachten 1945 als Flüchtling aus Ostpreußen in einem dänischen Internierungslager schrieb:

Von Heimat und Zuhaus verbannt!
Dir brennt kein Licht, du freust sich nicht,
Du musst nur immer warten!
Und es ist schwer und es ist hart
Dies eine kleine Wörtchen „wart!“ Halt aus!
Ein Wort nur wär´ unsagbar schwer:
„Nimmermehr!“
..das „Nimmermehr“ haben wir, die Flüchtlinge aus dem deutschen Osten, alle erfahren müssen, als unsere frühere Heimat uns für immer verschlossen blieb. Was die Zukunft für die jetzt in Deutschland eintreffenden Flüchtlinge bereit hält, wissen wir nicht, aber es wird daran gearbeitet, ihnen ihre bisherige Heimat auch für die Zukunft zu erhalten.
Hildegard

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von HildegardN »

Liebe Literaturfreunde,

der Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ wird in den Rezensionen, die ich gelesen habe, als „ein herausragender literarischer Roman über Unterdrückung, Flucht, Hoffnung und Integration“ beurteilt (verdi Publik Mitgliederzeitung), und ich schließe mich dieser Beurteilung voll an.
Shida Bazyar hat sorgfältig recherchiert und einfühlsam beobachtet . In ihrem Roman weist sie u.a. auf die Sorgen der Flüchtlinge um ihre Familien hin: Was die Flüchtlinge aus dem Iran bewegte und mit Sorge erfüllte, schreibt sie, war das Schicksal ihrer Familien die sie in einer unsicheren und gefährlichen Lage zurück lassen mussten.

Auch in den beiden zuvor in unserem Literaturkreis gelesenen Romanen „Gehen, Ging“ Gegangen“ (von Jenny Erpenbeck) und „Frankfurt verboten“ (von Dieter David Seuthe) ist dieses Thema, teils ausführlich, beschrieben worden.
Und als Ostflüchtlinge in Dänemark hat die Sorge um unsere in der Heimat zurück gebliebenen Familienangehörigen uns lange Zeit belastet, jedenfalls so lange, wie wir hoffen durften, dass sie noch am Leben waren.

Grüße aus Bad Homburg
Hildegard

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Erna »

Seit einigen Tagen habe ich das Buch "Nachts ist es leise in Teheran" beendet. Wenn es auch ein Roman ist, wie Bazyar es beschreibt, so ist es doch sehr authentisch, da Bazyar auf die Erfahrungen ihrer Eltern zurückgreifen kann. Ihre Eltern könnten also durchaus auch ihre Flucht aus dem Iran so erlebt haben, es könnte so gewesen sein, wie es erzählt wird.

Wie steht es mit der Integration der Familie, das große Schlagwort in unserer Zeit? Ist es ihr gelungen, sich hier zu integrieren? Sie hatte eigentlich eine gute Ausgangsposition. Eine gut gebildete Familie, Akademiker, die nicht in einem Pulk, sondern als Einzelne kamen, die begriffen hat, dass Sprache das wichtigste Instrument zum Leben in einer anderen Gesellschaft ist, die verhältnismäßig rasch eine eigene Wohnung erhielt und auch deutsche Nachbarn, die ihnen wohlwollend gegenüber standen. Alles gute Voraussetzungen, die so nicht oft zusammentreffen.
M.A. nach, ist die am besten integrierte Person Tara. Alles, was sie in der einen oder anderen Gesellschaft macht, ist für sie selbstverständlich. Laleh dagegen findet bei ihrem Besuch in Teheran manche der iranischen Verhaltensweisen lästig oder kann sie nicht genau einordnen. Sie hat unterschiedliche Ansichten, die einmal der einen oder aber der anderen Kultur entsprechen, die auch nicht mehr genau weiß, hat der gleiche Begriff bei ihr und ihren ehemaligen Freundinnen den gleichen Inhalt. Als sie das Elternhaus verlässt , hat sie sich in der westlichen Kultur gut eingerichtet hat
Mo hat sich dagegen, wenn auch mit einem etwas schlechten Gewissen, all die negativen Verhaltensweisen zu eigen gemacht, die gar nicht alle deutschen Studenten ausmachen, sondern nur einen kleinen Teil. Sein Studium besteht vorwiegend aus Biertrinken und den Genuss von Drogen. Ab und zu besucht er eine Demonstration, ich habe das Gefühl, eher weil es dazu gehört als aus Überzeugung, wie es sein Vater im Iran tat. Eine Überanpassung?
Wie sieht die Integration bei Nahid und Behsad aus? Nahid hat sich eingerichtet, sie könnte sowohl hier wie im Iran leben. Wahrscheinlich gibt es Verhalten, das sie weder hier noch dort akzeptieren würde.
Mir scheint, dass Behsad es am schwersten hatte, sich zu integrieren.. Er, der in Teheran fast als Held gilt, noch immer, trotz Abwesenheit, ist in Deutschland fast unsichtbar, lebt in der Vergangenheit, will Antworten auf Fragen geben, die niemand mehr fragt, ist der kleine dünne Mann.

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Erna »

Bazyar schreibt an einer Stelle, dass die Deutschen, die schon diskriminierende Angewohnheit hätten zu fragen, woher man käme.Ich habe darüber nachgedacht, da ich weiß, dass ich das auch mache. Ich bin bei mir zu der Erkenntnis gekommen, dass es weit in meine Vergangenheit zurück geht. Als ich selber Flüchtling war, fiel es mir natürlich auf, wenn ich mit jemandem sprach, wenn er nicht die Sprache der Gegend sprach. z. T. äußerte sich dies nur durch eine etwas andere Betonung. Ich war dann immer hoch erfreut, wenn mein Gesprächspartner wenigstens aus dem Osten kam. Es wäre mir aber nie eingefallen, dass man sich dadurch diskriminiert fühlen könnté. Eigentlich kann ich das bis heute nicht verstehen. Was ist diskriminierend daran, dass ich aus Oberschlesien komme oder aus der Türkei oder einem anderen Land?
Erna

Marlis Beutel
Beiträge: 364
Registriert: Mittwoch 5. April 2006, 18:54
Wohnort: 64646 Heppenheim

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Erna,

was Du schreibst, sehe ich genauso. Wenn ich jemanden frage, woher er kommt, dann tue ich das doch aus Interesse an ihm und womöglich auch aus Interesse an seinem Heimatland und seinem Schicksal und nicht, weil ich ihm zu nahe treten will. Welche andere Möglichkeit hätte ich, ihm zu zeigen, dass er mir nicht völlig gleichgültig ist?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Annemarie Werning
Beiträge: 126
Registriert: Sonntag 16. September 2007, 17:28
Wohnort: 61449 Steinbach

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von Annemarie Werning »

^Gestern abed 20.15 gab es bei Arte einen Dokumentarfilm über die Geschichte Irans. Sehr interessant, ich weiß nicht, ob sich das nachhören lässt, was ich empfehlen würde. Gezeigt wurde u.a. der Kampf gegen den Schah: Er begann nicht durch Mullahs, sondern von Studenten. Es kam dann auch zur Sprache, mit welcher Grausamkeit das Mullahregime politische Gegner verfolgt hat, wie es in unserem Buch ja beschrieben ist.
Annemarie

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Beitrag von HildegardN »

Liebe Annemarie, liebe Literaturfreunde

Die Geschichte des Irans hat auch mich beeindruckt, zunächst als ich sie zeitnah verfolgte, wobei das Schicksal des Schahs und seiner Familie und die mit dem Umsturz verbundenen politischen Ereignisse mein besonderes Interessse fanden. Durch Shida Bazyars Roman habe ich nun die Geschichte Irans aus heutiger Sicht erfahren, und das ist der Gewinn, den ich seit Jahren schon unserem Literaturkreis immer wieder verdanke. Das Schicksal der iranischen Flüchtlinge und ihre Integration habe ich erst jetzt erfahren und es mit den heutigen Flüchtlingssituationen und -Problemen vergleichen können. Deshalb will ich zum Schluss meiner Berachtung meinen Exkurs über die iranische Familie hier noch kurz fortsetzen.

Es war zur Jahrtausendwende (1999), als Laleh, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer 9-jährigen Schwester Tara ihre frühere Heimatstadt besuchte und bei ihrer Großmutter und ihren mit ihr zusammen lebenden Verwandten in Teheran eintraf. Laleh war beeindruckt von den Veränderungen in ihrer früheren Heimatstadt Teheran, die sie einst als als Kind, zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder Morad (Mo) verlassen musste. Auch das Zuhause ihrer Familie, die Geborgenheit und den Zusammenhalt der Großfamilie beeindruckten Laleh.
Als „so laut“ beschrieb sie den Lärm auf Teherans Straßen, aber auch die Gespräche oder Geräusche der vielen Menschen im Haus der Großmutter. „Nur nachts ist es still in Teheran“ , sagte Laleh (S. 148), und diese Bemerkung wurde der Titel dieses Romans.
Hildegard

Antworten