Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
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Brigitte Höfer
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Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Brigitte Höfer » Freitag 29. Januar 2016, 11:01

Zu unserem neuen Buch, das wir ab Mitte Februar lesen wollen, gibt es zwei Videos mit der Autorin:

https://www.youtube.com/watch?v=qOS17QjHMD0
https://www.youtube.com/watch?v=qhs1N409D3U

Weitere Informationen erfolgen bald an dieser Stelle.
Liebe Grüße, Brigitte

HildegardN
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von HildegardN » Sonntag 14. Februar 2016, 16:01

Liebe Literaturfreunde,
jetzt habe ich „unser Buch“ zu Ende gelesen, und es hat mich besonders interessiert und auch gedanklich beschäftigt. Hat doch Jenny Erpenbeck ein Thema aufgegriffen, das uns alle beschäftigt und mit dem wir uns auch auseinander setzen müssen.

Im Mittelpunkt von Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ steht der emeritierte Professor für Klassische Philologie, Richard. Der Prrofessor Richard ist ein etwas lebensferner Akademiker, der sich in seinen Ruhestand noch nicht richtig eingefunden hat. Durch Zufall wird er auf die afrikanischen Flüchtlinge in Berlin aufmerksam, die auf dem Kreuzberger Oranienplatz u.a. mit Hungerstreik gegen ihre Behandlung und die Auswirkungen der geltenden Regelungen protestieren und nimmt Kontakt zu ihnen auf. Richard befasst sich mit den Afrikanern und ihren Schicksalen, kümmert sie um sie, lädt einige von ihnen zu sich nach Hause ein und gibt Deutschunterricht. Ein Beispiel selbstlosen ehrenamtlichen Engagements.

Die Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen, um hier zu bleiben. Doch Deutschland will sie möglichst schnell in das EU-Land zurückschicken, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben. Nur ziehen sich die Asylverfahren in die Länge und dauern oft jahrelang. Das führt zu Unmut und Verdruss der Asylsuchenden.
Die Flüchtlinge in Berlin erhalten Sprachunterricht. Unter anderem lernen sie, deutsche Verben zu konjugieren, deshalb heißt Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“.

Die Autorin hat viel recherchiert und hat sich mit Flüchtlingen unterhalten, heißt es in einer Rezension von Wolfgang Tischer (Literaturcafe.de). „Das ganze Buch verfolgt das Anliegen, dem Leser Flüchtlingsschicksale exemplarisch nahezubringen und aufzuzeigen, mit welchen irrsinnigen und ungerechten bürokratischen Regelungen die hilfesuchenden Menschen konfrontiert werden. Erpenbeck konnte beim Schreiben noch nicht wissen, dass all diese Dinge nun in der breiten Öffentlichkeit diskutiert werden“. –

Und das ist mein Grund, heute nicht näher auf das Buch einzugehen, weil die ursprüngliche Aktualität durch die zwischenzeitlich erfolgten Veränderungen und noch offenen Fragen in der Flüchtlings- und Asylpolitik nicht mehr in vollem Umfang gegeben ist.
Mit herzlichen Grüßen
Hildegard

Annemarie Werning
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Annemarie Werning » Freitag 19. Februar 2016, 15:31

Mich faszinieren an diesem Buch weniger die Flüchtlingsschicksale, von denen ohnehin viel bekannt ist, als die Sicht eines in Ostberlin 40 Jahre lang lebenden Professors auf die Wende und auf die Bundesrepublik. Ist Euch aufgefallen, dass der Satz "hier bei uns in Deutschland" bei den Ostberlinern Erstaunen hervorgerufen hat? (S. 182). Sehr einfühlsam ist auch beschrieben, wie ein gebildeter verwitweter Pensionär sein Leben einrichtet (wohin mit all dem Krempel, wenn ich gestorben bin). Für ihn ist die Begegnung mit den Flüchtlingen ein Glücksfall, er gewinnt neue Interessen und Abwechslung in seinem eintönigen Alltag.

HildegardN
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von HildegardN » Samstag 20. Februar 2016, 10:40

Liebe Annemarie,
auch ich sehe, wie Du schreibst, die Begegnung des Berliner Professors mit den Flüchtlingen als positiv für seine Lebensgestaltung und Zufriedenheit im Ruhestand an, der zunächst von Passivität und "Sich-Treiben-Lassen" geprägt zu sein schien. Der Professor hat eine neue Aufgabe gefunden. Wie wichtig das ist, habe ich selbst erlebt, als ich beim Eintritt in meinem Ruhestand um Mitwirkng beim Aufbau von Projekten gebeten wurde. Die neuen, überwiegend selbstbestimmten Aufgaben haben mir ein erfülltes Leben von mehr als zwei Jahrzehnten beschert, die ich als die schönste Zeit meines Lebens empfunden habe.
Wahrscheinlich werden die vielen ehrenamtlichen Helfer der einströmenden Flüchtlinge ähnliche Erfahrungen machen, insofern sehe ich Jenny Erpenbecks Roman auch als ein gutes Beispiel für Hilfsbereitschaft und Engagement.
Viele Grüße aus Bad Homburg
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 21. Februar 2016, 16:33

Liebe Mitlesende,

was mich am allerstärksten berührt hat, das war der Schluss des Romans: Damals, glaube ich, sagt Richard, ist mir klargeworden, dass das, was ich aushalte, nur die Oberfläche von all dem ist, was ich nicht aushalte.
So wie auf dem Meer?, fragt Khalil.
Ja, im Prinzip genauso wie auf dem Meer.

Herzliche Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Erna » Sonntag 21. Februar 2016, 20:24

Eigentlich wollte ich schon einmal über das Buch etwas schreiben, aber ich bin erst auf Seite 110. Ich ärgere mich oftmals. Eigentlich wiederspricht es so allem, was wir einmal über das Schreiben gelernt haben, finde ich. Am Anfang die vielen Ein-Wort-Sätze, dann Erzählen und Interview ohne Kennzeichnung hintereinander. Die Ereignisse, die zeitlich und von den Personen her differieren ebenso in einem Abschnitt.
Die Erinnerungen, die Richard bei seinen Beobachtungen erinnert, sind für mich das Interessanteste. Die Beschreibungen des Flüchtlingsverhaltens lesen wir jeden Tag in der Zeitung.
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Brigitte Höfer » Sonntag 21. Februar 2016, 20:33

Liebe Marlis,
Danke für dein Zitat.ja, ich empfinde es auch als sehr berührend.
All das, was wir nicht aushalten, ist die Angst, die große Angst: so bewegt und dunkel und tiefgründig wie das Meer.
Angst vor dem Alleinsein, Angst vor der Schmach, Angst vor dem Scheitern, Angst davor, das Leben zu verlieren.
Wir wissen nicht, wie und woher uns die Angst urplötzlich anfällt.
Aber zu der Angst hinzugehen, sie an der Oberfläche zu berühren, sie auszuhalten, ist das, was wir tun können.
Konkret gesagt: Unsere Angst vor den Geflüchteten können wir dadurch mindern, dass wir zu ihnen hingehen, mit ihnen sprechen, sehen, wie sie leben.
Früher sagte man dazu: Mut haben.
Ich finde, dass Jenny Erpenbeck eine sehr mutige Frau ist. Und intelligent dazu. Und schreiben kann sie auch. Und sie macht Mut.
Liebe Grüße, Brigitte

Marlis Beutel
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 22. Februar 2016, 07:32

Liebe Brigitte,

was Du zum Schluss über die Autorin schreibst, leuchtet ein: Sie bringt zwei Welten zusammen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Da ist die Welt derer, die vor ganz realer Gefahr über ein ebenso gefährliches Meer flüchten und ihre Angehörigen einem ungewissen Schicksal überlassen und die Schuld des alten Mannes, der als junger Mensch seiner späteren Frau viel Leid zufügte, indem er sie zur Abtreibung überredete, bei der sie fast starb und dann kein Kind mehr bekommen konnte.
Man wird an das "Lied des Harfensängers" erinnert:
"Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend saß,
der kennt euch nicht, Ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
ihr lasst den Armen schuldig werden,
dann überlasst ihr ihn der Pein,
denn alle Schuld rächt sich auf Erden."

Herzliche Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Erna » Samstag 5. März 2016, 14:33

In Qantara habe ich einen Artikel gefunden, der zu dem Buch von J. Erpenbeck passt. Ich werde ihn hierher kopieren, da ich glaube, dass beim Schreiben des Links doch viele nicht nachschauen.
02.03.2016
Flüchtlinge in Deutschland
Ich brauche keine Integration, ich habe eine Satellitenschüssel
Nicht alle Flüchtlinge wollen sich in Deutschland integrieren. Und nicht alle finden den richtigen Weg. Echte Integration beginnt mit dem Abbau von Vorurteilen - vor allem in der Liebe. Von Yahya Alaous
Die Integrationsfähigkeiten von geflüchteten Menschen sind unterschiedlich. Viele geben ihr Bestes, um die deutsche Sprache zu lernen; viele versuchen, die Gebräuche in Deutschland und die Funktionsweise der Gesellschaft zu verstehen. Viele möchten auch deutsche Freunde gewinnen, denn natürlich funktioniert der Prozess, sich in einer neuen Umgebung einzugewöhnen, leichter, wenn man dabei unterstützt wird. Andererseits denken auch viele, dass es möglich sein muss, hier ohne eigene Integrationsbemühungen zu leben - besonders die Älteren, die Tag und Nacht darauf hoffen, bald wieder nach Syrien zurückzukehren.
Diese Menschen bevorzugen es, dort zu leben, wo sich bereits Landsleute angesiedelt haben. Sie wollen sich mit ihnen anfreunden, ohne Sprach- und Kulturbarriere - und natürlich benötigen sie eine Satellitenschüssel, um weiterhin ihre altbekannten arabischen Fernsehsender zu schauen.
Für diese Sorte Menschen ist die Aufgabe, sich zu integrieren, überaus schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Die Jobcenter schicken die Neuankömmlinge jedes Alters zunächst in Schulklassen, um die deutsche Sprache zu erlernen. Aber das Jobcenter und die Verpflichtung zum Spracherwerb allein bringen die Menschen nicht dazu, zu sprechen. Wie die Engländer sagen: Man kann das Pferd zum Wasser führen, es zum Trinken bewegen, das kann man nicht.
Kann man nicht auch super ohne Integration leben?
In der Sonnenallee im stark arabisch und türkisch geprägten Berliner Stadtteil Neukölln habe ich neulich eine palästinensische Hochzeit erlebt. Das Geschehen versetzte mich sofort in ein palästinensisches Lager nahe Damaskus. Es waren die gleichen Bräuche, die gleiche Zeremonie, die gleichen Lieder, die gespielt wurden. Nichts hatte sich für diese Menschen verändert, außer, dass sie vielleicht die Chance auf ein Leben in mehr Wohlstand genießen. Ich habe mir Mühe gegeben, nach irgendwelchen Zeichen der Integration zu suchen - gefunden habe ich kein einziges.
Viele syrische Flüchtlinge, die ich bislang in Berlin getroffen habe, klagten über den Druck, den das Jobcenter auf sie ausübe, damit sie die deutsche Sprache erlernen. Einer wollte mir sogar etwas von Menschenrechten erzählen - mit denen ist der Zwang, die Sprache lernen zu müssen, seiner Ansicht nach nicht vereinbar. Dann fuhr er fort: Wir müssen ständig schauen, wie wir uns integrieren können - sind denn alle Deutschen integriert? Er wollte wissen, ob es nicht auch Deutsche gebe, die nicht in Harmonie mit der Gesellschaft leben. Einsame, aggressive, ehemals Kriminelle führte er als Beispiel an. Was das denn solle mit der ganzen Integration - man könne doch auch ohne sie super leben!
Junge Geflüchtete haben es leichter, sich anzupassen. Sich zu verlieben ist der einfachste und gleichzeitig der wichtigste Grund, sich auf den langen Weg in die Mitte einer neuen Gesellschaft zu begeben. Glücklich sind die jungen Männer, die es auf diesem Weg, dem der Liebe, schaffen, "der", "die", "das" und irgendwann auch den Dativ richtig einzusetzen.
Diejenigen, die diese Chance nicht haben, versuchen auf anderen Wegen, Beziehungen zu Deutschen entstehen zu lassen. Sie sprechen unermüdlich und mit nur wenigen Worten mit allen Verkäufern in jedem Geschäft. Der Verkäufer muss zuhören - auch wenn er es nicht will und eventuell sogar kaum etwas von dem Kauderwelsch versteht, das bei den meisten Lernenden nach einigen Stunden Unterricht hängengeblieben ist. Der neu Zugereiste könnte schließlich ein gut zahlender Stammkunde werden.
Andere wählen den einfachsten Weg zur Integration: den über die Mode. Sie zerreißen ihre Hosen, setzen sich absurd geformte Hüte auf (ohne zu wissen, dass nur ein kleiner Teil der deutschen Fußball- und Karnevalsfans diese Kopfbedeckungen trägt - und das auch nur zu bestimmten Anlässen) und tragen große Kopfhörer. So wollen sie offenbar zeigen, dass sie ein Teil dieser modernen Gesellschaft sind.
Die Imitation von Integration
Doch das sind nur oberflächliche Versuche, die Imitation von Integration. Tatsächliche Integration geht tiefer. Sie sollte sich in einer anderen, freiheitlichen Orientierung an westlichen Werten manifestieren, getragen von der Überzeugung, dass individuelle Freiheiten genau wie die Gleichberechtigung der Frau unumstößliche Grundpfeiler der neuen Gesellschaftsordnung sind. Wer sich wirklich integrieren will, muss diese Werte akzeptieren - und im Idealfall verinnerlichen.
Vor Kurzem sah ich einen Mann, der schön wie ein Model war. Er umarmte liebevoll eine asiatische Frau, die er, wäre er Araber gewesen, nach dem aktuellen arabischen Schönheitsideal nur schwerlich seiner Mutter hätte vorstellen können. In unserer strengen und oberflächlichen Gesellschaft gibt es immer noch den brutalen Spruch: "Die findet niemals jemanden zum Heiraten." In Deutschland scheint dagegen der wunderbare Satz zu gelten: "Ein jeder Topf findet seinen Deckel."
Versuche zur Erklärung dieser, wahrscheinlich wunderbar frei und unbefangen entstandenen Liebe sind für unsere Traditionalisten beunruhigend. Zeigt sie doch, dass die "Liebe zu einer Frau" mehr beinhaltet als vermeintliche äußere Schönheit, garantierte Jungfräulichkeit und die Empfehlung der Brautmutter, überbracht mit Gebäck an die Mutter des potenziellen Ehemannes.
Die meisten jungen Menschen in Syrien haben, natürlich im Stillen, voreheliche Liebesbeziehungen erlebt. Besonders in der Studienzeit gab und gibt es heimliche Paare. Problematisch wurde es erst, wenn sich der Wunsch zur Festigung dieser Liebschaften durch die Ehe anbahnte. Denn die Ehefrau auszusuchen war und ist der Job der Mutter des zu verheiratenden Sohnes. Dass dieses Heiratsprinzip eine Unzahl von Problemen mit sich bringen kann - von einem langweiligen Eheleben bis zur Scheidung -, liegt auf der Hand.
Hier in Deutschland haben junge wie alte Menschen die garantierte Freiheit, sich selbst für einen Lebenspartner entscheiden zu dürfen. Es gibt keine unbedingt erwünschten oder erzwungenen Hochzeiten, die sich aus den Wünschen oder Bedürfnissen der Großfamilien erschließen oder sich an ihnen orientieren.
Die wunderbare Idee, sich seinen Partner selbst auszusuchen
Ein Teil der echten Integration beginnt also, wenn die Neuankömmlinge ihre Vorurteile gegenüber freien, vorehelichen Beziehungen zwischen Mann und Frau aufgeben und die wunderbare Idee, sich selbst jemanden zum Zusammenleben aussuchen zu dürfen, umarmen. Das europäisch-asiatische Paar brachte dies für mich sehr schön zum Ausdruck: Familie und Gesellschaft akzeptieren den freien Willen der beiden, ein Leben miteinander zu gestalten. Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Herkunft, das Aussehen oder der Bildungsstand des vom Kind gewählten Partners nicht einmal innerhalb der Familien zur Diskussion steht. Es ist eine Frage von Vertrauen und Respekt.
üssen lernen, individuelle Wünsche, die hier in einer Vielzahl von Lebenskonzepten erkenntlich werden, zu respektieren. Ich habe zum Beispiel einen jungen Libanesen getroffen, der mit einer mindestens 25 Jahre älteren Frau verheiratet ist. Der Unterschied scheint beide nicht zu stören. Soweit ich
weiß, leben sie ein ganz normales Leben in Berlin. Zusammen.
Was aber wäre, wenn sie gemeinsam in den Libanon gehen würden? Könnte er sie seiner vielleicht gleichaltrigen Mutter problemlos vorstellen? Könnten die beiden zusammen durch eine Stadt oder gar durch sein Heimatdorf schlendern, Hand in Hand? Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Ich glaube, er würde sehr viele Ausreden finden, damit er sie nicht seiner Familie vorstellen müsste.
Das kleine peinliche Gefühl
Das Leben in Deutschland konfrontiert Menschen aus arabischen Ländern täglich mit Eindrücken, die ihnen bislang unbekannt waren. Doch wer eingangs noch peinlich berührt war, als er einen Mann und eine Frau zum ersten Mal in der Öffentlichkeit wild knutschen sah, der wird dieses kleine peinliche Gefühl spätestens in dem Moment vergessen, in dem er zwei Männer oder zwei Frauen zum ersten Mal küssen sieht.
Und da man so etwas ständig erlebt, zumindest hier in Berlin, werden die meisten Flüchtlinge im Laufe der Zeit sehr wahrscheinlich irgendwann aufhören, alles mit der alten Heimat zu vergleichen. Langsam werden die neuen Eindrücke intellektuelle Integrationsprozesse in Bewegung bringen.
Diejenigen Menschen, die sich entscheiden, mit aller Kraft an ihren alten Werten festzuhalten, schließen sich selbst aus dem Integrationsprozess aus. Sie werden schon bald von hohen selbstgebauten Mauern umgeben sein, über die sie nicht mehr hinwegschauen können.
Yahya Alaous
(Das erste Erscheinen des Artikels war in der Süddeutschen Zeitung)
Schon bei den sog. Gastarbeitern gab es Deutschkurse. Auch für Frauen und viele von ihnen durften die Kurse nicht besuchen, weil ihre Männer es nicht erlaubten.
Erna

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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Erna » Montag 7. März 2016, 18:26

Da ich das Buch zu Ende gelesen habe, möchte ich noch etwas dazu schreiben.
Ich habe mich anfangs über die für mich unmögliche Schreibweise beklagt und muss nun feststellen,dass J. Erpenbeck die Einwortsätze und das hintereinder Schreiben von Aussagen verschiedener Personen aufgegeben hat. Das Buch las sich dann für mich viel angenehmer und erzeugte mehr Interesse.
Es war für mich erstaunlich, wie wenig Menschen vom Leben der Flüchtlinge (Bekannte und Freunde Richards) wissen.
Es war nicht vorauszusehen, welche Massen von Flüchtlingen nach Deutschland kommen, aber die Zustände, wie sie in dem einen Meldezentrum in Berlin herrschten oder herrschen, wie in einer Tv-Sendung gezeigt, dürfen einfach nicht vorkommen. Das ist unmenschlich.
Anderseits sind auch nicht alle Flüchtlinge so vorbildliche, verantwortliche Menschen, wie die Autorin sie darstellt, die z. B. in ihrer Lage das Angebot von Frauen zu Sexualverkehr ablehnen.
Am meisten beeindruckte mich der Schluss, wo Richard versucht alles nur Erdenkliche für die Flüchtlinge zu tun und nicht mehr erreicht als Matratzen auf dem Fußboden für eine kurze Zeit, damit sie in Berlin bleiben können.
Erna

Annemarie Werning
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Re: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beitrag von Annemarie Werning » Montag 14. März 2016, 21:29

Auf die Anregung von Brigitte sende ich Euch eine Liste der im Buch vorgekommenen Migranten. Es ist erstaunlich, welch weite Wege sie allein in Afrika zurückgelegt haben. Es scheint so, als gäbe es zwischen den einzelnen afrikanischen Länder keine Grenzen.
Awad = Tristan
Geb. in Ghana, Mutter starb bei der Geburt. Bis zum 7. Lebensjahr lebte er bei der Grpßmutter. Danach holte ihn der Vater und nahm ihn nach Libyien mit. Dort arbeitete der Vater als Chaffeur. Er selbst besuchte die Schule und arbeitete als Automechaniker.
Der Vater wurde erschossen. Er wurde von einer Militärstreife in ein Barackenlager gebracht und dann auf ein Schiff nach Sizilien gebracht.

Karon = dünner Mann, der kehrt
Er stammt aus Kamerun
Die Eltern haben ihn bei der Stiefmutter zurückgelassen. Ab 11 Jahren hat er auf Feldern gearbeitet, mit 18 Jahrne hat er sich einen Kiosk gekauft, mit 19 ist er nach Kumasi in Ghana gekommen, dort hat er Schule als Straßenhändler verkauft, danach hat er auf einer Farm gearbeitet.
Als der Vater starb, mußte er zur Totenfeier fahren und für Mutter und Schwester sorgen.
Er arbeitete auf Kakaoplantagen, ging nach Accra in Ghana, wo er wieder als Straßenhändler Schuhe verkaufte, als der Straßenhandel verboten wurde, wollte er Kräuter verkaufen, die in Paracetamol enthalten sind, dies mißlang. Er fuhr 2010 mit Schleppern nach Libyen und arbeitete in Tripoli bis zur Revolution. Dann setzte er mit Boot nach Sizilien über, er lebte 20 Monate in Italien.
Richard kaufte ihm Land für die Mutter in Kamerun.

Rashid
Geboren in Kaduna in Nigeria. Vater war wohlhabend. Hatte 5 Frauen und 24 Kinder. Rashid war der erste Sohn nach 10 Töchtern.
Er besuchte Schule und Berufsschule und lernte das Schlosserhandwerk..
An einem großen muslem. Feiertag wurde der Vater entführt und im Auto verbrannt. Die Familie floh. Er fuhr nach Niger und von dort nach Tripoli. Dort übte er sein Schlosserhandwerk als Selbständiger aus, Er hatte eine Frau und zwei 3 und 5 Jahre alte Kinder, eine große Wohnung.
Er wurde vom Soldaten zusammen mit seinen Kindern gewaltsam in ein Lager und dann auf ein Boot gebracht. Das Boot kenterte, viele Menschen und seine Kinder ertranken. Die Ehefrau ist nach Kaduna zurückgekehrt und hat sich scheiden lassen.
Rufu stammt aus Buloino Faso, ist noch sehr jung, spricht italienisch, liest Dante.
Osarobo, Junge von 18 Jahren.stammt aus Niger, lebte dann aber mit seinem Vater in Libyen. Er hat mit 15 Jahren gesehen, wie man seinen Vater erschlagen hat. Er ist seit 3 Jahren in Europa unterwegs.

Abdusalem und Ithemba stammen aus Nigeria
Ali stammt aus Tschad, will Krankenpfleger werden und hat Koranschule besucht.
Yussuf stammt aus Mali.
Apoll ist Tuareg, ist ohne Eltern als Nomade in seinem Clan aufgewachsen

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