Seite 1 von 1

Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Montag 28. September 2015, 13:12
von Erna
Naved Kermani erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das hat uns bewogen, etwas von ihm zu lesen. Wir haben uns für dieses Buch entschieden, weil es nicht so umfangreich ist, wie seine Romane. Wahrscheinlich wird es unsere ganze Aufmerksamkeit verlangen, wenn auch das Thema sehr interessaant iust: Ein Vergleich der Ijob- Geschichte mit dem Buch Attar eines islamischen Mystikers des 13. Jahrhundert.

Erna

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Mittwoch 30. September 2015, 19:24
von Erna
Inzwischen habe ich 20 Seiten des neuen Buches gelesen.
Kermani hat es in 5 Kapitel unterteilt,die folgende Überschriften haben:
1. Hiobs Frage
2.Das Buch der Leiden
3. Rechtfertigung und Schrecken Gottes
4. Aufstand gegen Gott
5.Geschichte einer Gegentheologie.

Der Anfang des 1. Kapitels beschäftigt sich mit der Erklärung, dass er aus einer sehr frommen muslimischen Familie stamme, die aber und vielleicht gerade deswegen sehr liberal sei. Er beschreibt einzelne Personen der Familie, die auf ihn, als dem wahrscheinlich jüngsten Mitglied, Eindruck gemacht haben. Er nennt den Glauben der Familie als "schlicht". Man müsse nicht fromm sein, weil man gut ist; aber die Güte der Mitglieder dieser Familie resultierte aus ihrer Frömmigkeit. Diese war mehr als nur die Erfüllung der Pflichten. Gott stattete die Angehörigen mit Vertrauen aus und versorgte sie mit Hoffnung. Als Beispiel nennt er sene Tante Loban. Immer hat sie für ihr Leiden Gott so gedankt wie für erhaltene Geschenke.
An einer Stelle benennt er den Unterschied zwischen Islam und Christentum: Der Islam ist barmherzig, das Christentum sieht die Nächstenliebe als das höchste Gut an. Hier stellt sich mir die Frage, ist beides nicht identisch?

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Donnerstag 1. Oktober 2015, 07:52
von Marlis Beutel
Liebe Mitlesende,

dieses Buch ist hervorragend geschrieben und wahrscheinlich ebenso gut recherchiert, aber ich möchte es aus persönlichen Gründen nicht mitlesen. Es tut mir leid; ich hoffe, beim nächsten Buch klappt es wieder.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Donnerstag 1. Oktober 2015, 12:51
von Erna
Vielleicht ist es nützlich zu unserem Buch auch folgenden Text zu lesen:


http://www.ursulahomann.de/DieHiobsfrag ... plett.html
Schöne Grüße
Erna

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Sonntag 4. Oktober 2015, 15:41
von Annemarie Werning
Dieses Buch müßte man eigentlichg gründlich durcharbeiten, wozu ich mir aber die Zeit nicht nehmen möchte.
Aber auch, wenn man das Buch nur einfach liest, ist es sehr interessant.
Kermani fragt, wer Gott ist und welche Eigenschaften er hat. Das macht uns bewußt, dass Gott etwas von den Menschen Erdachtes ist und ihm von den Menschen Eigenschaften zugeschrieben sind wie Allmacht, Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit. Kermani fragt sich sodann, wie diese Eigenschaften damit vereinbar sind, dass soviel Böses in der Welt vorkommt. Denn mit den Zuschreibungen von Allmacht, Gerechtigkeit und Güte lassen sich diese Geschehnisse nach menschlichem Verstand nicht vereinbaren. Wie Theologen und Philosophen mit diesem Problem umgehen, wird sehr spanndend beschrieben. Ich bin etwa in der Mitte des Buchs angekommen, in dem Gott als Eigenschaft Arglist zugeschrieben wird.

Für mich war das Hiob-Problem bislang nicht so aktuell, was einfach daran liegt, dass meine Generation bisher von so übergroßen Katastrophen, wie sie Attar erlebt hat, verschont geblieben ist. Bemerkenswert ist, dass Attar aus diesen Tragödien nicht zu dem Schluss gelangt ist, die Existenz eines Gottes überhaupt zu verneinen, wie auch - was mich berührt hat - Heine den Glauben bei all seinen Leiden nicht verloren hat. Besonders interessant ist der Vergleich er Gottesbilder im Judentum, Christentum und Islam. Ich hoffe auf weitere Beteiligung im Forum.
Annemarie

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Sonntag 4. Oktober 2015, 16:40
von HildegardN
Liebe Literaturfreunde,
ebnso wie Marlis werde ich unser aktuelles Buch "Der Schrecken Gottes" nicht mitlesen.
Als ich kürzlich unsere Bad Homburger Stadtbibliothek besuchte, entdeckte ich unter "Neuerscheinungen bzw. Bestseller" den Roman "Judas" von Amos Oz, den ich sofort ausgeliehen habe.
Meine anschließenden ersten Leseeindrücke habe ich bei einer Recherche bei Google in einer Rezension des Deutschlandfunks in etwa bestätigt gefunden.
Die einführenden Sätze dieser Rezension lauten: "Jede Menge Religionsgeschiche und Politik, eine unmögliche Liebesgeschichte, eine heilende Vater-Sohn-Geschichte und vieles mehr: Amos Oz zeigt mit seinem Roman"Judas" großes Erzählen - und bietet intensive Einblicke in die jüdische Geistesgeschichte und -kultur." http://www.deutschlandfunk.de/buchrezen ... judas-ambi...
Schöne Herbstgrüße, Hildegard

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Sonntag 4. Oktober 2015, 17:31
von Erna
Ich habe gerade das 1. Kapitel gelesen und bin gar nicht bis zu Attar vorgedrungen. Die Frage ist doch, wie kommt das Böse in die Welt. Warum lässt Gott das Böse zu. An einer Stelle sagt Kermani, dass es dazu dient zu beweisen, dass es Gott gibt. Denn gerade wenn es einem schlecht geht, ist man versucht, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Und sei es nur um ihn anzuklagen, dass er das Böse zuläßt. Selbst Atheisten haben in großen Nöten sich Gott wieder zugewandt.
Heute Morgen hörte ich im Radio die Frage, warum es eigentlich nur eine Theodizee nach dem Bösen gibt. Es wäre doch richtiger sie an den Heiligen auszurichten.
Eigentlich müsste man das Buch mit Bleistift und Papier zum Aufschreiben lesen. Viele Dinge, die Kermani anspricht, kann man gar nicht so gut und genau wiedergeben. Es lohnt sich aber schon, den Anhang zu lesen.
ERna

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Mittwoch 14. Oktober 2015, 17:36
von Erna
Bevor ich zum 2. Kapitel von Kermais Buch. "Der Schrecken Gottes" etwas schreibe, habe ich mich noch einmal mit der Bedeutung des Wortes "Mystik" beschäftigt. Ich fand Folgendes bei Wickipedia:
Wichtige Vertreter der islamischen Mystik sind Yunus Emre, al-Ghazali, Hafis, Schams-e Tabrizi, Ibn Arabi und Dschalal ad-Din ar-Rumi. Im Islam gibt es in Orden organisierte Strömungen, die als (sufiyya) bezeichnet werden – ein Ausdruck, der mit dem Ausdruck tasawwuf in Verbindung steht. Beide Ausdrücke werden bisweilen mit „Mystik“ wiedergeben, weil es in diesem institutionellen Kontext ähnliche Lehren und Praktiken gibt, wie sie im westlichen Kulturraum oft mit dem Terminus „Mystik“ verbunden werden.
Attar gehört nicht zu den bekanntesten Mystikern des Islams. Warum also hat Kermani ihn ausgewählt? Was ich in den ersten beiden Artikeln lese, ist eine Abrechnung mit den sozialen Zuständen der damaligen Zeit, deren Vorhandensein Gott zur Last gelegt werden. Ist das auch ein Grund für uns, das noch immer so zu sehen? Haben wir nicht den freien Willen, etwas zu ändern?
Ich kenne nicht viel von islamischer Mystik, etwas von Yunuy Emre und Celalettin Rumi, die ich aber bei weitem nicht so niederdrückend empfand wie Attar. Natürlich findet man Entsprechungen auch im Westen und Kermani hat viele Menschen aufgeführt, die ähnlich litten. Mir persönlich aber gefällt Yunus Emre besser, der neben den Schmerzen auch noch immer sagen kann:
Aller Frühling tut sich auf,
Blumen beten Rosenkranz..
erwählen sich einander aus..
Blumen beten Rosenkranz.

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Montag 19. Oktober 2015, 14:51
von Brigitte Höfer
http://hessenschau.de/kultur/kermani-re ... s-100.html

Hier ist die Rede Kermanis im Wortlaut zu lesen.LG Brigitte

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Dienstag 27. Oktober 2015, 14:12
von Erna
Das 3. Kapitel von „Der Schrecken Gottes“

Versuch einer Zusammenfassung

Das 3. Kapitel ist überschrieben mit – Rechtfertigung und Schrecken Gottes -
Es beschäftigt sich mit der Allmacht Gottes gegen die Weisheit, mit der Freiheit des Menschen gegen die Vorherbestimmung. Kermani spricht in diesem Kapitel - über den unergründlichen Gott- von - der Relativierung der göttlichen Allmacht – von dem Leiden Gottes – dem Schrecken Gottes – und der Theologie der Angst.
Die Mystik der verschiedenen Religionen ähneln sich. Diese Behauptung von N. Kermani wird durch viele Zitate untermauert.
Zur Welt gehört Gutes und Böses. (Maimonidis, Avicenna) Gott hat eine andere Logik wie wir und auch eine andere Gerechtigkeit (Averroes) daher können wir sein Handeln nicht verstehen. Maimonidis sagt, dass alles Leiden seinen Ursprung in der Endlichkeit und Fehlbarkeit des Menschen hat.
Hiob begriff nicht, dass sein Leiden auf einer materiellen Existenz beruhte und er den göttlichen Plan nicht durchschauen konnte. Auch bei Kant und Leibniz geht es um die rationalistische Metaphysik, um das Verstehen mit dem Ziel Gott erklären zu können. Gott erklären zu können heißt aber, so zu werden wie er. Die Welt aber kann nicht die absolute Manifestation der absoluten Macht sein.
Hans Jonas sagt, dass man im Monotheismus entweder von der Allmacht Gottes abrücken muss oder wir müssen sagen, dass wir die Logik des göttlichen Handelns nicht begreifen können.
Immer wieder taucht auch die Frage nach Gottes Gerechtigkeit auf.
Bei Epikur wird gesagt, dass es folgende Annahmen gibt: Gott will das Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es auch nicht oder er will es und kann es. Gründe dafür können Neid und Schwäche sein, dann ist er kein Gott. Wenn er aber will und kann, woher kommen dann die Übel?
Die Frage nach Gottes Allmacht und Gerechtigkeit taucht auch im Islam immer wieder auf und wird von den einzelnen Schulen unterschiedlich beantwortet. Eine der Schulen sagt, dass alles vorherbestimmt sei.
Im Westen blieb es der Theodizee des 20. Jahrhunderts überlassen die Vernunft als Mittel für tröstliche Antworten zu bemühen. Das Böse wurde als vom Menschen erzeugt bezeichnet und unsre Welt als denkbar beste aller Welten bezeichnet. (Leibniz, Schopenhauer, Baudelaire).
Der als Person gedachte monotheistische Schöpfergott verlangt den Anspruch der Allmacht. Kommt ein anderes Element dazu, wie beim Zoroastertum Ahriman oder die Finsternis beim Manichäismus, ist Gott nicht mehr allmächtig. Bei Plotin ist es die Vorsehung, die unabhängig von Gott existiert, da sie an der Materie hängt, aus der Er die Welt gemacht hat und seine Macht beschneidet. Daher sollte man auch nicht Beschwerde über das Böse führen, sondern das Gute preisen (123).Bei den Überlegungen zur Allmacht Gottes wird Jesus nicht erwähnt.
Im Koran ist Gott auch für da Böse verantwortlich. Die Ordnung lässt sich nur im Himmel verwirklichen.
Der Schrecken Gottes‘
Von Gott erwarten wir drei Dinge: Güte, Allmacht und Erkennbarkeit.. Nach Attar ist Gott zwar allmächtig und könnte das Böse ändern, wenn er wollte, er will aber nicht und macht sich eher einen Spaß mit den Menschen. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass er bösartig ist, denn er gibt indem Hungrigen Schnee zu essen. ( S131). Es gibt sogar Mystiker, die Gott verulken, so weit geht Attar aber nicht.
Gott wird auch von manchen als arglistig angesehen. Am stärksten traf Gottes Arglist den Satan. Nach sufischem Verständnis verlangte er von ihm vor dem Menschen niederzuknien, was der Satan aber verweigerte. (138)
Nach dem Koran ist Gott auch für den Unterhalt des Menschen verantwortlich, was ihn aber nicht hindert sich dieser Aufgabe zu entziehen. Er hat den Menschen erschaffen, um Spaß mit ihm zu haben. (Erzählung mit der Bärin) Man kann Gott nicht begreifen, nicht verstehen und nicht beschreiben.
Obwohl die Mystiker Angst vor dem Tod haben, besteht doch unter ihnen eine Art von Todessehnsucht. Attar sagt, dass zwar die Sünde nicht unsere sei, wir aber sie trotzdem am Hals hätten. Die Bilder, die Attar gebraucht, stützen sich auf das Alte Testament. Z.B. Esau und Jakob.
Gott verschenkt seine Gnade nicht nach der menschlichen Logik. Er ruft den, den er möchte ohne einen Grund.
Sowohl Attar, als zuvor schon Augustinus gehen davon aus, das die Willensfreiheit der Menschen sehr groß ist.

Re Navid Kermani

Verfasst: Freitag 6. November 2015, 14:07
von Erna
Zusammenfassung des vierten Kapitels
Der Aufstand gegen Gott

Das Hiob-Motiv
Das vierte Kap. wendet sich dem Inhalt des Hiob-Buches zu, er wird aus christlicher, jüdischer und islamischer Sicht betrachtet.
Der Inhalt: Gott schließt mit dem Teufel ein Abkommen, in dem er Satan sagt, dass es ihm nicht möglich sein wird, Hiob von ihm abzuwenden.
Nach der christlichen Sicht leidet Hiob und versteht Gott nicht mehr, da er der Ansicht ist, dazu keinen Anlass gegeben zu haben. Er hat eine Strafe erhalten, deren Grund er nicht kennt.
Gott straft aber ohne Ansehen und es braucht auch keine Kausalität dazu.
Im Bibellexicon steht dazu, dass Gott sich der Treue Hiobs vergewissern wollte, wie er es auch bei Abraham getan hat, den er aufforderte Isaak zu töten.
Während Hiobs Freunde der Ansicht sind, dass sein Leiden als Strafe gedacht ist. – alles Leid kommt von Schuld.-
In der jüdischen Bibel, dem Alten Testament, AT haben viele Menschen gegen Gott rebelliert, wenn sie der Meinung waren, keinen Anlass zu einer Handlung Gottes gegeben zu haben. So zum Beispiel auch Moses, Elias, Jeremias und noch andere. S154 Gottes Handeln ist grausam und willkürlich. So bestehen die Psalmen zur Hälfte aus Klagen, vor allem nach der Zerstörung Jerusalems. PS 88 In vielen Psalmen tritt Gott als Kriegsheld auf.
S157 sagt Jürgen Moltmann, dass Jesus an Gott gelitten hätte. Wenn aber Gott leidet, kann er nicht der Adressat der Anklage sein.
Im AT sagt Marcion, dass Gott lügt. Er tut, als ob er nichts wüsste, hält seine Versprechen nicht ein und hat kein Mitleid.
Das Neue Testament zeigt Jesus als fordernd, er vertritt den Absolutsheitsanspruch,- niemand kommt zum Vater als durch mich. Gott sagt: ich werde sein, der ich sein werde.
S165 Metz sagt, dass die christlichen Kirchen den Standpunkt der Freunde Hiobs einnehmen.
Im Islam ist es unmöglich, sich gegen den Koran aufzulehnen, denn es ist Gottes Wort. So nimmt Hiob eine Ergebenheitshaltung gegenüber die von Gott verhängten Leiden ein. Hiobs Rede ist ein Zeichen der Dankbarkeit. S168. Der Glaube an die Vorbestimmung nimmt die Möglichkeit der Bestrafung.
Trotzdem gibt es einzelne Mystiker aus dem Bektaschi-Orden , die sich gegen Gott auflehnen.
In der Gegenwart ist es vor allem Nagip Mahfus. Er beschreibt Gott als einen Herrscher der fern von den Menschen ist und nach Belieben über sie entscheidet.
Beim Islam gibt es kaum Menschen, die so leidenschaftlich mit Gott schimpfen, wie Attar. Die meisten, die mit Gott hadern, stehen am Rand der Gesellschaft. Kermani sagt, dass sich die Sufis so an Gott klammern, wie ein Säugling an die Brust seiner Mutter.
Mit Gott kann nur jemand hadern, der mit ihm vertraut ist. Bei Attar bedeutet Hadern Anklage. Attar betont, das 3eigentlich aufrührerische Wesen Hiobs, das von der jüdischen und christlichen Exegese verdrängt wurde. S176 Die Religionen des Nahen und Mittleren Ostens stehen in Bezug zu einander und beeinflussen sich gegenseitig. .
Der Koran berichtet nur andeutungsweise von den Eigenschaften Gottes, viel weniger als es die christliche und jüdische Religionen tun. Im AT wird z.B. von der Arglist Gottes gesprochen, das könnte man nicht im Koran. Im AT ist das Verhältnis zu Gott viel konkreter als im Koran. Abraham fordert das Versprechen von der Gerechtigkeit Gottes ein. Er solle sich an die Abmachungen des Bundes halten.
Attar lässt in seinen Geschichten die das Hiobsmotiv haben, meistens Narren und anonyme Asketen handeln. S181 Im Buch des Leidens wird Gott des Rechtsbruchs bezichtigt.
Die Narren Attars und auch Hiob wissen nicht, warum Gott so an ihnen handelt. Attar nimmt beide ernst S184. Im Buch des Leidens erfahren die Menschen Attars Gott als eine Gefahr, vor der man sich schützen muss.

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Mittwoch 11. November 2015, 18:30
von Annemarie Werning
Faszinierend finde ich das Kapitel Satans Klage.
Ich füge die entsprechenden Koranstellen bei:

Und da sprachen Wir zu den Engeln: "Werft euch vor Adam nieder" und sie warfen sich nieder, außer Iblis. Er war einer der Dschinn , so war er ungehorsam gegen den Befehl seines Herrn. Wollt ihr nun ihn und seine Nachkommenschaft statt Meiner zu Beschützern nehmen, wo sie doch eure Feinde sind? Schlimm ist dieser Tausch für die Frevler. [18:50]

Da sprach dein Herr zu den Engeln: "Es ist Mein Wille, einen Menschen aus Ton zu erschaffen. [38:71]
Und wenn Ich ihn gebildet und Meinen Geist in ihn eingehaucht habe, dann fallt vor ihm nieder." [38:72]
Da warfen sich alle Engel nieder [38:73]
bis auf Iblis. Er wandte sich hochmütig ab und war ungläubig. [38:74]
Er sprach: "O Iblis, was hindert dich daran, dich vor etwas niederzuwerfen, das Ich mit Meinen Händen geschaffen habe? Bist du hochmütig oder gehörst du zu den Überheblichen?" [38:75]
Er sagte: "Ich bin besser als er. Du erschufst mich aus Feuer, und ihn hast Du aus Ton erschaffen." [38:76]
Er sprach: "So geh hinaus von hier; denn du bist ein Verfluchter. [38:77]
Und Mein Fluch soll auf dir bis zum Tage des Gerichts lasten." [38:78]
Er sagte: "O mein Herr, gewähre mir eine Frist bis zu dem Tage, an dem sie auferweckt werden." [38:79]
Er sprach: "Also, wird dir die Frist gewährt , [38:80]
bis zum Tage einer vorbestimmten Zeit." [38:81]
Er sagte: "Bei Deiner Erhabenheit, ich will sie sicher alle in die Irre führen. [38:82]
Ausgenommen (davon sind) Deine erwählten Diener unter ihnen." [38:83]

Diese Geschichte entspricht nicht dem AT. Allerdings gehörte Satan dort auch zunächst zum "Hofstaat" Gottes. Er verkörpert eine chaotische Gegenmacht zu Gottes Plan.

Kermani schließt mit der Idee, dass die Hoffnung auf Gott zur Hoffnung auf Seine Gleichgültigkeit geworden ist (S.280). Gott wird durch Menschen wirklich, denen Gott nicht gleich ist.

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Dienstag 17. November 2015, 00:23
von Brigitte Höfer
Bei Literaturkritik.de habe ich folgendes gefunden, das sich gut an unsere Betrachtung von "Der Schrecken Gottes" anschließt:

Wie Navid Kermani in „Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen“ Religion und Literatur kunstvoll verbindet und damit auch zum Perspektivenwechsel auf die Gewaltakte in Paris anregen kann

Von Regina Roßbach

Darüber, dass Johan Schloemann Navid Kermanis Friedenspreisrede in der Süddeutschen Zeitung einen „unerträglichen Übergriff“ genannt hat, kann man eigentlich nur müde lächeln. Anlass seiner Kritik war Kermanis Aufruf zu einem gemeinsamen Gebet am Ende der Rede. Insbesondere in der Paulskirche, einem aus historischen Gründen betont „säkularen Raum“, sollte es kein Gebet mehr geben, so Schloemann. Mag dies nur ein kläglicher Versuch sein, die nach Preisreden leichter als sonst manipulierbare Skandalisierungsmaschinerie wieder einmal in Gang zu bringen, ist an ihm doch eine Formulierung auffallend: Kermani laufe Gefahr, sich „genau jener Beschwörung einer politischen Theologie anzugleichen, die er dem radikalen Islam als Übergriff vorwirft.“ Diese Aussage ist gefährlich: Terrorismus und Religion werden hier auf ähnlich unzulässige Weise miteinander vermengt wie die aktuellen Ereignisse in Paris etwa vom Bayrischen Finanzminister Markus Söder für seine politischen Ziele in der Flüchtlingskrise instrumentalisiert werden: eine völlige Verkehrung von Ursache und Wirkung, Opfer und Täter.

In Bezug auf Navid Kermani, der sich in seinen Schriften stets gegen kulturelle Missverständnisse einsetzt und um differenzierteres Verstehen gesellschaftlicher Konflikte ringt, sind Vorwürfe dieser Art besonders ungerecht. Er selbst bemerkt zwar in der Vorrede zu „Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen“, dass ihm in seinen „Texten und mehr noch in den öffentlichen Reden bisweilen ein Pathos unterläuft“, der ihm nicht gleich bewusst sei, der aber dennoch sein Schreiben augenscheinlich bestimme und fragt sich daraufhin, woher dieser „ungewöhnlich hohe, meinetwegen predigerhafte, für manche Ohren vielleicht aufdringlich existentielle Ton“ eigentlich komme.

Es zeigt sich aber bereits hier Kermanis Hang zur kritischen Hinterfragung seiner selbst, durch den alleine er sich schon von Radikalisierung jeglicher Art freisprechen lässt und den er zudem als wichtigsten künstlerischen und intellektuellen Wert seines Schaffens hervorhebt: „Literatur – Kunst und Intellektualität insgesamt – ist im Kern ein selbstkritischer Akt.“ Aus dieser Überzeugung heraus lehnt er kollektive Selbstgerechtigkeit aller Art ab, islamischen Extremismus ebenso wie deutschen Nationalismus und die Verletzung von Menschenrechten durch europäische Flüchtlingspolitik: alles Beispiele für „die Immunität der kollektiven Wahrheit gegen die individuelle Erfahrung und Einsicht.“ Besonders die in der Rede „Nach Europa. Zweig und die Grenzen“ formulierten Gedanken über Zusammenhänge zwischen Terrorismus und Flüchtlingskrise ist eine große Leserzahl zu wünschen.

Auf der Suche nach der Ursache für seinen zu einer pathetischen Rhetorik neigenden Schreibstil versucht der Autor sein Denken in einer bestimmten Tradition zu verorten und kommt zu dem Schluss, dass sein Interesse für deutsche Schriftsteller auf der einen und die Religiosität seiner Familie auf der anderen Seite – also „Koran und Kafka“, wenn auch biographisch seiner Meinung nach in umgekehrter Reihenfolge – die „zwei Pole“ bilden, „zwischen denen sich mein Schreiben bewegt, Offenbarung und Literatur.“ Aus der Verbindung zwischen diesen beiden, durch die Erhellung des einen durch das jeweils andere, und aus der Fähigkeit, ihre Parallelen auch für aktuelle gesellschaftliche Fragen produktiv zu machen, resultiert die gedankliche und stilistische Kraft von Kermanis Texten. Als habilitierter Orientalist mit iranischer Herkunft ist er Experte für die religiöse und literarische Tradition des Orients, zudem Theaterwissenschaftler und Kenner internationaler Literatur. Weil es ihm gelingt, seine überall erkennbare wissenschaftliche Expertise für die Erkenntnis sozialer Zusammenhänge zu nutzen, beweist Kermani außerdem eindrücklich die Wichtigkeit und Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Bildung.

Mit großer Eleganz knüpft Kermani in den beiden ersten Texten des Bandes, die als Kurzversionen der früher erschienenen Monographien „Gott ist schön“ und „Der Schrecken Gottes“ bezeichnet werden, verschiedene Verbindungen zwischen Religion und Literatur. So habe der Koran von Anfang an nicht in erster Linie durch die Ideen überzeugt, die in ihm vermittelt werden, sondern durch die „schiere ästhetische Wirkung seiner melodischen Rezitation“. Vielfach werde im Lauf der Geschichte des Islam von Intellektuellen und Dichtern berichtet, deren Zweifel sich just in dem Moment zerstreut hätten, in dem sie der Schönheit des Koran-Vortrags lauschten. „Ich glaube an den Koran, weil seine Sprache zu vollkommen ist, als daß sie von einem Menschen erdichtet worden sein könnte“, könnte der Ausspruch vieler Muslime lauten, so Kermani – ein „ästhetischer Gottes- oder Wahrheitsbeweis“, wie er außer im Islam wohl in keiner Religion denkbar sei.

Die Nähe von Dichtung und Koran werde ganz offensichtlich auch daran deutlich, dass sich beide bis heute des Standard-Arabischen bedienen, das noch aus vorislamischen Zeiten stammt, dessen „Gefüge von atemberaubender Komplexität, Regelhaftigkeit und semantischer Dichte“ sich seither nur minimal verändert hat. Die heute gesprochene Sprache hat mit dem Arabisch des Koran und der Literatur, das wie eine zweite Sprache erlernt werden muss, nur wenige Gemeinsamkeiten. Diese Erkenntnis macht zudem den Erfolg radikaler Islamisten verständlich. Denn die Schönheit und Bannkraft der Koran-Sprache birgt auch die Gefahr der Instrumentalisierung: „Die Faszination, die vom Fundamentalismus ausgeht, ist durchaus auch sprachlich bedingt.“

Dabei könnte gerade die poetische Seite des Koran die Mechanismen totalitärer Bewegungen genau genommen sogar entkräften. Historisch hat sich die orientalische Literaturwissenschaft am Koran selbst entwickelt, weil dessen Schönheit sich auf seine poetische Seite – und damit auf seine Vieldeutigkeit – zurückführen lässt: Der Koran „läßt sich poetologisch geradezu durch seine Ambiguität definieren, ja er hört auf, poetisch zu sein, wenn er eindeutig wird.“ Kermani findet im Koran also nicht nur den ästhetischen Gottesbeweis, sondern auch einen schlagenden Beweis für dessen Unvereinbarkeit mit politischer Ideologie, der sich von seiner Beziehung zur Literatur ableiten lässt.

Genauso bestechend klar und überzeugend zeigt Kermani durch Analyse eines Epos des persischen Dichters Faridoddin Attar, dem „Buch der Leiden“, wie sich nicht nur der Gegensatz zwischen Literatur und Religion auflösen lässt, sondern wie sie einander fortwährend bereichern. Wie Dantes „Göttliche Komödie“ ist das Buch die Beschreibung einer Seele durch den Kosmos; der Autor nutzt den Aufsatz nebenbei, um die Ignoranz westlicher Literaturwissenschaftler zu kritisieren, mit der die arabischen Wurzeln europäischer Form- und Motivtraditionen negiert werden. Die Auflehnung gegen Gott, die bei Attar auf geradezu rebellische, dämonische, gewaltsame Weise geschieht, ist mit den drei großen Weltreligionen nicht nur vereinbar, so Kermani, sondern ist ihnen „als ein intimes, vielleicht das intimste Moment des Glaubens“ sogar inhärent. Wiederholt vergleicht Kermani das Verhältnis Gottes zu den Menschen und andersherum als eines, das mit der Liebe zwischen Mann und Frau vergleichbar ist:

„Das Gebet Levi Jizchaks, ‚Ich will nicht wissen, warum ich leide‘, wandelte Rabbi Judah L. Magnes ab, der Mentor Hannah Arendts: ‚Ich will nur, daß Du weißt, daß ich leide.‘ Wegen seiner wahnsinnigen Liebe zu Leyla ist Madschnun dem Elend anheimgefallen und der Verachtung. Einmal sagt sein Vater:
- Du Ahnungsloser! Du hast dich verächtlich gemacht. Nicht einmal ein Brot würde dir jemand noch verkaufen.
- Diese Qualer erleide ich nur wegen der Geliebten. Weiß sie, daß ich um ihretwillen leide?
- Sie weiß es.
- Das ist mir genug, um bis zum Jüngsten Tag zu atmen.“

Wie die Liebe zwischen Menschen eine beschützende, zärtliche und vertrauenswürdige Seite habe, so könne sie zugleich auch wütende, eifersüchtige, grausame Formen annehmen. Kermani nutzt diese Parallele zwischen der Liebe von Mann und Frau und der Liebe zu Gott an späterer Stelle auch für eine – selten lässt sich dieses Wort für literaturwissenschaftliche Analysen verwenden – wunderschöne Interpretation von Kleists „Amphytrion“. Dass Leid, Wut, Zweifel und Distanz mit der Liebe zu Gott, wie sie in religiösen Texten und Geschichten berichtet wird, nicht unvereinbar ist, zeigt er an vielen Beispielen. So werde erzählt, dass man in den Baracken von Auschwitz Gott selbst den Prozess gemacht habe:

„Im Morgengrauen wurde das Urteil verkündet: Wegen der ungeheuerlichen Unterlassungen, die Er sich an seinen Kindern hat zuschulden kommen lassen, wird der Heilige, gelobt sei Er, mit sofortiger Wirkung aus der Gemeinde ausgestoßen! – Es war, als hielte der Kosmos den Atem an. ‚Kommt‘, seufzte endlich der Rabbi, ‚und jetzt gehen wir beten.‘“

Kermanis Betrachtung der Liebe dient letztlich nicht einem gefühlsduselig-kitschigen Glaubensbekenntnis, sondern unterstreicht mit Nachdruck die Forderung, Meinungsvielfalt auch in religiösen Gesellschaften zuzulassen: „Die Größe einer Kultur erweist sich, wo sie den Affekt gegen ihre größten Autoritäten zuläßt, sogar den Affekt gegen Gott.“

In der Begründung für die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hieß es, der Autor stelle sich der „Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft“. Die Wahl der Autoren, mit denen er sich beschäftigt, ist dafür eine Bestätigung. In dem kenntnisreichen Essay „Der Auftrag der Literatur“ über die Auseinandersetzung des iranischen Schriftstellers Sadeq Hedayat (geb. 1903 in Teheran, gest. 1951 in Paris) mit Franz Kafka heißt es: „Indem er über Kafka schrieb, schrieb Hedayat über sich selbst.“ Genauso bei Kermani: Weil er selbst als Kulturvermittler fungiert, interessiert er sich für die großen Schriftsteller der Weltliteratur; für jene Autoren, die sich schon früher einem Dialog zwischen den Nationen und dem Kampf für Toleranz gewidmet haben. Er schreibt über Lessing, der mit seinem „Nathan der Weise“ die Religionen einander annähern wollte, dessen weniger bekannter Einakter „Philotas“ viel über Terrorismus aussagt; auch Goethe, der mit seinen „Talismanen“ den Islam „so prägnant, poetisch elegant und zugleich vieldeutig“ erfasse wie kein anderes ihm bekanntes Gedicht.

Manche mögen Kermanis Essays und Reden pathetisch finden, vielleicht sogar zuweilen kitschig; radikal jedoch sind sie keinesfalls und nirgends. Jeder Text ist durch eine je ganz besondere Verbindung von „Koran und Kafka“, also Literatur und Religion, Literaturwissenschaft und Theologie, westlichem und östlichem Denken, immer schon pluralistisch in sich.

Navid Kermani: Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen.
Verlag C. H. Beck, München 2014.
365 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783406666629

http://www.literaturkritik.de/public/dr ... z_id=21351

© bei der Autorin und bei literaturkritik.de

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Freitag 20. November 2015, 18:40
von Erna
Wenn man den Aufsatz über Kermani und Kafka liest, getraut man sich fast nicht, seine Gedanken zu äußern.
Ich bin beim fünften Kapitel angelangt und finde es genau so spannend, wie die anderen. Man mag selbst gläubig sein oder auch nicht, alle Aussagen, die im Buch "Der Schrecken Gottes" gemacht werden, regen zum Denken an.
Erna

Re: Naved Kemani: Der Schrecken Gottes

Verfasst: Donnerstag 3. Dezember 2015, 18:56
von Erna
Das letzte Kapitel ist gelesen. Ich kann nur sagen. dass ich das Buch bis zuletzt interessant fand und möchte mit dem Satz enden:
Die Frage ist nicht, ob es Gott gibt oder nicht, die Frage ist, ob du ihn brauchst. Deshalb muss es ihn geben. S.279
Erna