Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
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Erna
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Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von Erna »

Seit Freitag, dem 19. Juni lesen wir das Buch von Grass: Beim Häuten der Zwiebel.
Da beim letzten Buch die Lesenden sehr weit auseinander waren mit dem, was sie schon gelesen hatten, schlug Brigitte vor, dass alle bis zu unserem nächsten Treffen das Buch bis Seite 226 gelesen haben sollten. Eine Diskussion ist dann leichter.
Zunächst habe ich versucht, das Werk als Hörbuch zu lesn, bzw. anzuhören, da es mir aber gar nicht gefiel, griff ich wieder zur Printausgabe. Auch da hatte ich einige Schwierigkeiten, da Grass von seiner Kindheit und Jugend in der dritten und in der ersten Person abwechselnd erzählt. Das macht das Ganze etwas holprig. Da er aber eine Zeit beschreibt, die ich auch erlebt habe, ist es natürlich sehr interessant, die Erinnerungn, die wir haben zu vergleichen.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Erna,

das Buch lese ich schon länger als eigentlich vorgesehen. Es gab Passagen, in die man sich mit Leichtigkeit vertiefen konnte und andere, bei denen ich mir wünschte, das Buch wäre weniger lang. Vor allem kommt es immer wieder vor, dass sich der Autor nicht so genau erinnert und dann schriftlich überlegt, wie es gewesen sein könnte.
Andererseits erfuhr ich viel Unbekanntes über Grass, muss aber zugeben, dass ich seine Werke nur dem Namen nach kenne. In dieser Autobiographie erzählt Grass auch, welche Rolle seine Begegnungen mit anderen Menschen in seinen Romanen spielen. Ich hatte nicht gewusst, wie vielseitig dieser Künstler war.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von Erna »

Liebe Marlis,
es gab eine Zeit, da war Grass so etwas wie eine moralische Instanz für mich. Heute weiß ich durch die "Zwiebel", dass er genau so dem damaligen Einfluss erlegen ist, wie wir anderen auch. Das macht ihn etwas "gleicher". Viele Dinge, von denen er schreibt, habe ich ähnlich erlebt. So z.B. als er als Soldat im Zug, Anfang Januar 1944, im Sudetenland, hinundher gefahren wurde. Genau zur gleichen Zeit wurden Teile meiner Familie, darunter auch ich, wir wollten nach Bresdlau, in der gleichen Gegend tagelang umeinander gefahren, um schließlich wieder in Oberschlesien ausgeladen zu werden.
Allerdings staune ich über die vielen Orte, die er sich gemerkt, bezw. recherchiert hat.
Was mich nervt, ist am Anfang seine holprige Sprache: halbe Sätze, mehrere Wörter zusammengezogen, neue Wortschöpfungen. Ich habe das Gefühl, dass er bewusst anders sein möchte-
Aber man gewöhnt sich daran.
Erna

HildegardN
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Re: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von HildegardN »

Liebe Lieraturfreunde,
Erna schreibt, dass ihr Grass' häufiger Wechsel von der ersten in die dritte Person Sschwierigkeiten bereitet. Auch mich hat das immer wieder etwas irritiert. Nun fand ich eine Passage (auf Seite 36), in der Günter Grass - im Rahmen seines Bekenntnisses, der Waffen-SS angehört zu haben - eine etwas "verschlüsselte" Erklärung für sein Verhalten gibt.
Im Kapitel "Was sich verkapselt hat", schreibt Grass im zweiten Absatz: "... weil aber so viele geschwiegen haben, bleibt die Versuchung groß, ganz und gar vom eigenen Versagen abzusehen, die allgemeine Schuld einzuklagen oder nur uneigentlich in dritter Person von sich zu sprechen: Er war, sah, hat, sagte, er schwieg ...Und zwar in sich hinein, wo viel Platz ist für Versteckspiele."
Viele Grüße, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitlesende,

Grass steht hier aber auch vor einer ungeheuren Schwierigkeit: Was wusste man wirklich?
Wer etwas ahnte und aussprach, verschwand. Es gab die dicksten und feierlichsten Lügen.
Teenager sind in einer Lebensphase der eigenen Orientierung, in der sie keine Ideologie entschlüsseln können.
Und die Erwachsenen? Sie hüteten sich. In einem Fall wusste ein Mitschüler bestens Bescheid, aber sein Vater erschrak, als er erfuhr, was der Sohn weitergegeben hatte.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Beitrag von Erna »

Endlich habe ich das Buch Beim Häuten der Zwiebel beendet. Mit dem ersten Teil hatte ich so meine Schwierigkeit. Ich fand es irgendwie schrecklich, so gewollt orginell schreiben zu wollen: die vielen halben Sätze, das Zusammenschreiben mehrerer Wörter. Die, wie ich es zunächst empfand, Reklame für seine anderen Bücher, als er mit dieser oder jener Anmerkung darauf hinwies, es schon dort beschrieben zu haben.
Im zweiten Teil waren alle diese Eigenheiten in weit geringerem Maße vorhanden. Zum Teil habe ich mich dran gewöhnt, sie vielleicht als Stilmittel angesehen aber dann ähnelte die Biographie auch in großen Teilen meiner eignen. Natürlich ist sie nicht gleich, aber "Flüchtling" zu sein, schafft gleiche Voraussetzungen.
Daneben gab es dann auch Stellen, die wie ich fand , in fast lyrischer Sprache geschrieben waren und zum Schluß hatte oder habe ich das Bedürfnis eigentlich noch ein anderes Buch zu lesen.
Erna

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