Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Marlis Beutel
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 9. April 2015, 18:58

Liebe Mitlesende,

bei jedem Kapitel, das man aufschlägt, könnte man denken, die Autorin erzähle eine neue spannende Geschichte. Das stimmt so nicht, die Kapitel gehören zueinander, aber sie folgen nicht zwangsläufig aufeinander.
Wie hat sich die Tante in Amerika verändert! Aber das Leben ist dort ja auch völlig anders, es ist
leistungsorientiert, man wird ständig herausgefordert und sogar mit dem eigenen Versagen konfrontiert.
Sieht Tante Uju in Ifemelu eine Persönlichkeit, die ihr den Rücken stärkt?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Erna
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Erna » Freitag 10. April 2015, 17:07

Mich hat vor allem interessiert, ich bin so bei Seite 250, wie Ifem die erste Zeit in USA ohne Arbeit meistert und ihre Gefühle, die sie dabei hat.Auch die Überlegungen, die angesprochen werden, wenn über die beiden Gruppen von Farbigen erzählt wird, also den Nachkommen der ehemaligen Südstaatensklaven und den kürzlich aus Afrika eingereisten. Dabei fallen mir die bei uns wohnenden ausländischen Studenten ein.
Erstaunlich finde ich auch, dass, als Ifem eine Arbeit hat und ihr Unterhalt gesichert ist, sie es aufgibt sich dem Amerikanischen anzupassen und wieder die Sprache so gebraucht, wie sie in Nigeria gelernt hat.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 13. April 2015, 15:46

Ifemelu reagiert mit Selbsthass auf die Schwierigkeiten, mit denen sie in den USA konfrontiert wird. Sie ist nicht fähig, mit Obinze darüber zu sprechen oder mit ihren Eltern.
Vor allem braucht sie Geld, findet aber keinen Job und macht schließlich eine "Massage", für die sie 100 Dollar bekommt. Beim Lesen dachte ich daran, dass der Mann in einer ähnlichen Einsamkeit gefangen ist wie Ifemelu. Aber für das junge Mädchen ist es das schlimmste, was ihr widerfahren kann.
Sie schämt sich so sehr, dass sie jeden Kontakt meidet und nur noch lesend im Bett liegt.
Im 16. Kapitel erhält sie endlich den ersehnten Job (während ihre Freundin so tut, als hätte sie jede Menge Anfragen, um ihren Wert zu erhöhen).
Diese Afrikaner sind stolze Menschen und würden lieber verhungern als sich erniedrigen.

Marlis
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 20. April 2015, 21:04

Zur Zeit gibt es bei uns eine Ausstellung mit Porträts von älteren Frauen aus Burkina Faso. Das ist zwar nicht Nigeria, liegt aber gar nicht so weit entfernt. Die Frauen tragen alle unterschiedliche und elegante Kopfbedeckungen und wirken würdevoll, obwohl sie in einer armen Gegend leben. Man sieht ihnen die Armut nicht an.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Erna » Dienstag 21. April 2015, 10:11

Liebe Marlis,
sicherlich war der Mann sich seins sehr ungewöhnlichen Wunsches sehr bewusst und Ifemelu konnte ahnen, dass es ein Wunsch in diesr Richtung sein würde. Nur was blieb ihr übrig? Es hätte ja durchaus die Möglichkeit gegeben nicht hinzugehen. Deswegen finde ich, dass sie überreagiert. Das sind allerdings Gedanken von jemandem, der nicht in so einer Lage gewesen ist.
Grüße aus Frankfurt
Erna

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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 21. April 2015, 10:58

Liebe Erna,

man kann schwer beurteilen, ob jemand aus einem anderen Kulturkreis überreagiert. Mich hat die Würde der armen Frauen aus Burkina Faso beeindruckt, wie ich schrieb. Wie entsteht Würde im Lauf des Lebens? Ich denke, jemand, der nie respektiert wurde, kann gar keine Würde entwickeln.
Inzwischen erfuhr ich, dass die älteren Frauen in Burkina Faso sich sonntags treffen und besprechen, wie sie anderen helfen können. Sie stützen sich also auch gegenseitig.
In unserer Lektüre ist viel von Frisuren die Rede, und ich wusste nicht so recht, weshalb das so wichtig ist.

Viele Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Erna » Dienstag 21. April 2015, 11:06

Liebe Marlis,
Frisuren und Kopfbedeckungen! Hat beides nicht bei uns früher auch eine bedeuetnde Rolle gespielt? Wenn man die Frauenfrisuren von heute sieht, wirken sie doch immer etwas wie gerade aus dem Bett aufgestanden. Ein geachtete Frau hatte, noch als ich Kind war, immer wenn sie außer Haus ging, einen Hut auf. Und ihr Haar war sorgfältig gekämmt. Das hatte sicherlich auch bei uns etwas mit Würde zu tun.
Grüße
Erna

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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 23. April 2015, 10:04

Im dritten Teil unseres Buches wird von Obinzes Aufenthalt in London erzählt. Er lebt dort ohne Genehmigung und kann nur arbeiten, wenn er sich für einen anderen ausgibt. An diesem Punkt hört offensichtlich auch die Solidarität unter den Flüchtlingen auf: Jeder ist sich selbst der nächste.
Die Autorin schildert überzeugend die unterschiedlichen Erfahrungen, die Obinze macht.
Der Akademiker arbeitet ohne jeden Groll als Möbeltransporteur. Einen Teil seines Verdienstes muss er dem geben, für den er sich ausgibt. Aber als der noch mehr Geld von ihm fordert und ihn sogar denunziert, verschwindet Obinze. Er vergisst den Mitarbeitern aber nie, dass sie ihn kollegial behandelt haben.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Annemarie Werning » Sonntag 3. Mai 2015, 15:56

Die Schilderung von Obinzes Aufenthalt in London hat mich auch sehr berührt. Eindrucksvoll geschildert war, wie diejenigen, die es geschafft hatten, einen englischen Pass zu bekommen, sich an das Leben in England angepaßt haben und viel Wert darauf gelegt haben, ihre Kinder vorzüglich auszubilden. Es scheint in London auch nicht die Rassendiskreminierung zu geben, wie sie von der Verfasserin für Amerika beschrieben wird und wie man es immer wieder in der Zeitung lesen kann.
Die Situation von Obinze ist aussichtslos. Er verfügt über keine Beziehungen, wie sie Ifemelu durch Kurt gehabt hatte, versucht auch gar nicht, eine Beziehung aufzubauen, die zu einer Ehe hätte führen können. Wie stark muss die Frustration in Nigeria gewesen sein, dass er als Akademiker versuchte, mit einfachen Arbeiten über die Runden zu kommen. Das läßt uns auch die Flüchtlingsströme, die nach Europa ziehen, verstehen.
Herzliche Grüße
Annemarie

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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Erna » Sonntag 3. Mai 2015, 18:54

Das Verhältnis der weißen Bevölkerung zur farbigen ist in England und in Amerika sehr unterschiedlich. Es scheint, dass man in Amerika eher eingebürgert werden kann als es in England möglich ist. Die Schwierigkeiten, die Obinze hat, gleichen denen, die auch bei uns öfter vorkommen. Dafür ist das Verhalten der Bevölkerung, also des Einzelnen gegenüber den Fremden, in England toleranter.
Mich hat sehr die Beschreibung der Zeit vor Obamas Wahl beeindruckt. Sowohl die amerikanischen Afrikaner als auch die afrikanischen sind mit großem Elan und Interesse dabei.
Buch und Wirklichkeit hängen irgendwie zusammen. Oder das Buch erweckt, wenigstens bei mir, großes Interesse an der Wirklichkeit. Vor einiger Zeit ist ein Moslem Präsident von Nigeria geworden. Seit dieser Zeit sind bereits zweimal von Boko Haram entführte Mädchen und Frauen aufgefunden worden. Hoffentlich finden sie auch noch die entführten zweihundert.
Schöne Grüße
Erna

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Re: Chimamanda Ngozi Adichie : Americanah.

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 7. Mai 2015, 19:41

Im 38. Kapitel kommt es zu einem Zwischenfall, mit dem Blaine und Ifemelu nicht gerechnet haben:
Blaine hat einen Protest organisiert, weil ein armer alter Farbiger schuldlos von der Polizei festgenommen wurde. Für Ifemelu ist der Protest so belanglos, dass sie nicht hingeht und Blaine auch noch belügt. Er ist fassungslos, sie findet ihr Verhalten "normal".
Menschen verinnerlichen unterschiedliche Maßstäbe für ihr Verhalten, besonders in unterschiedlichen Kulturen. Das dürfte in der Politik nicht einfach sein, aber auch im Privatleben gibt es Überraschungen.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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