Dave Eggers: Der Circle

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Lieber Wolfgang,

prima, dass Du schreibst! Ich mache mir jetzt Gedanken, woraus das Innerste des Menschen besteht. Vielleicht ist da gar nicht viel? Wenn ich mir Facebook anschaue, staune ich, was dort zum besten gegeben wird. Und dann wird man gefragt, ob man das auch gut findet. Toll, nicht wahr?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

wheumann
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von wheumann »

Liebe Marlis,

alles, was nur uns gehört, Gefühle, Liebe, Lust, Weltschmerz, Freude, Humor, Höhen und Tiefen und so fort. Wenn man so etwas teilen kann, dann nur mit einem vertrauten Partner.

Im Buch wird wirklich alles, aber auch jede gefühlsmäßige Zuckung, veröffentlicht und bewertet. Aber nicht etwa individuell und zum Nutzen des betreffenden Menschen, sondern nach den Normen einer Pseudoreligion (In einer Kritik habe ich gelesen, aus Kirche und Kommunismus)
Heraus kommt ein nicht nur körperlich und von der Kleidung, sondern auch vom Geist her uniformer Mensch. Das finde ich scheußlich.

Ich bin jetzt bei der 2. Runde Lesen, vielleicht macht es ja dann mehr Spaß.

Es tauchte einmal die Frage nach Zing auf.

Seht doch mal unter Xing oder Linkdin nach. Das sind Soziale Plattformen, die sich auf soziale berufliche Interaktion spezialisiert haben. Schon jetzt ein Festessen für Personalchefs, weil man die Einträge, die ja weitergegeben werden, nicht mehr löschen kann.

Herzlche Grüße

Wolfgang Heumann

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Lieber Wolfgang,

danke für Deine Antwort! Sie leuchtet ein. Man kann sehr verletzt werden, wenn man sein Innerstes mit einem anderen Menschen teilt. Das ist Mercer passiert, und seine Ehrlichkeit wird ihm zum Verhängnis. Im Roman spricht das niemand deutlich aus. Merkt es wirklich niemand?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Erna »

Gestern Abend habe ich das Buch beendet. Und ich bin erschrocken, was aus der zunächst so naiven Mai geworden ist. Eine Frau, die überhaupt keine Skrupel mehr hat und die am Bett ihrer im Koma liegenden Freundin überlegt, wie man deren Gedanken, die sie möglicherweise im Koma hat auch noch allen zugänglich machen kann. Während ihr Ex-Freund in Panik versucht den Stimmen der Verfolger zu entkommen, guckt sie selenruhig auf ihre Armband und freut sich über die ständig steigende Zahl ihrer Follower.
Grüße aus Frankfurt
Erna

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitlesende,

früher gab es die Familien, die beisammenblieben und vermutlich Schutz gewährten gegenüber der restlichen Welt. Innerhalb der Familien herrschte sicherlich nicht ständig Harmonie und Verständnis, eher richtete man sich irgendwie ein, dominierte oder unterwarf sich. Vor allem hatten Frauen eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Familie.
Die Situation hat sich geändert. Die Familien sind kleiner geworden, trennen sich, Frauen sind berufstätig. Kein Wunder, dass andere Gemeinschaftsformen ausprobiert werden wie im Circle. Was erschreckt, ist die Ideologie und die Totalität des Circle. Und die Insider bemerken die Gefahr nicht (außer Kalden, aber der wird nicht ernst genommen).

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Erna »

Eben habe ich in Zeit online eine Rezension über den Circle gefunden, die so beginnt
Von Ijoma Mangold
Diese Frage lässt sich ohne Wenn und Aber beantworten: Nein, es ist kein gutes Buch. Der Circle ist sogar ein in besonders offensichtlicher Weise schlechter Roman. Er erfüllt bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane: eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse, Dialoge, die didaktisch so aufgebaut sind wie ein Besinnungsaufsatz, und Figuren als Meinungsträger, reine Pappkameraden, die alles, was der Leser sich denken soll, für die Doofen noch mal extra sagen.
Es lohnt sich, sie zu lesen.
Schöne Grüße
Erna

I

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Erna,

danke für den letzten Beitrag! Wolfgang hatte sich ja ebenfalls kritisch geäußert. Immerhin hat das Buch jede Menge Diskussionen ausgelöst, auch in unserer Gruppe. Ich bin froh, dass wir es gelesen haben. Es ist im Augenblick aktuell genug, einerlei ob man es wichtig oder oberflächlich findet.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von HildegardN »

Liebe Marlis,
ich stimmme Dir voll zu. Auch ich habe Dave Eggers Roman "Der Circle" gern und interessiert gelesen und auch manches Wissen daraus geschöpft, und z.B. auch die Bestätigung, dass einige seiner Prognosen bereits Realität geworden sind.
Besonders beeindruckt, ja nahezu betroffen gemacht, hat mich die Erkenntnis, wie das Streben nach absoluter Transparenz - bzw. das engagierte Mitwirken an ihrer Umsetzung - unser Leben beeinflusssen kann, wenn es die natürlichen menschlichen Gefühle zu blockieren oder gar zu zerstören beginnt, wie es im Falle der Circle-Vorzeigefrau Mae geschehen ist.
Wichtig waren mir wieder unsere Diskussionen, die mir, wie so oft, Anregungen zur Vertiefung und Beurteilung mancher Textstellen brachten.
Mit Wochenendgrüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Hildegard,

Du schreibst etwas ganz Wichtiges, was ich noch gar nicht durchdacht habe: Blockiert das Streben nach Transparenz unsere Gefühle oder zerstört sie sogar? Gibt es diesen Zusammenhang?
Die Oberflächlichkeit ist offensichtlich. Aber wie entsteht sie?
Es sieht so aus, als hätten wir noch einmal ein neues Diskussionsthema.

Herzliche Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Brigitte Höfer
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Brigitte Höfer »

Liebe Mitleserinnen,
gestern in der Kulturzeit bei 3sat wurde der Architekt der EZB in Frankfurt interviewt, der die Transparenz des Gebäudes hervorgehoben hat. Das passt ja genau: transparente Architektur und geheime Machenschaft hinter Glastüren...
Ich habe die Kommentare über Dave Eggers Stil gelesen und möchte darauf hinweisen, dass man ihn nicht unterschätzen darf: er schreibt mit einer unterschwelligen Ironie. Nicht ohne Grund ist er in den USA für seine Bücher berühmt und geschätzt. Marlis hat mit Recht die Oberflächlichkeit erwähnt, die in diesem Roman eine große Rolle spielt. Die Oberflächlichkeit verdankt sich der Dominanz der Augen. (Saint-Exupérie: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.) Das ist unsere materialistische Kultur.
Um diese an der Oberfläche der Dinge haftende Art zu verstehen, hilft es vielleicht, die Einführung des iPhones 2007 auf youtube mal anzuschauen:<https://www.youtube.com/watch?v=c_m2F_ph_uU>. Das ist genau die Vorlage für die Einführung der Kameras in dem Roman. Und die Kameras sehen ja auch nur die Oberfläche der Dinge.
Liebe Grüße, Brigitte

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitleserinnen,

während eine Gesprächs wurde mir klar, weshalb die Beschäftigten im "Circle" bei ihren Mitteilungen zwangsläufig an der Oberfläche bleiben: Man kann nicht an fünf Bildschirmen gleichzeitig und blitzschnell (die Zeit wird ja immer gemessen) arbeiten und dabei noch tiefergehende Ideen produzieren.
Viele Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt, ohne dass ihre Kreativität oder ihr Verstand sonderlich
genutzt werden. Aber diese Arbeiter gehen schließlich nach Hause in eine völlig andere Umgebung.
Beim "Circle" ist es wieder die Totalität, die betroffen macht.
Aber Brigitte hat recht: Der Autor hat das Buch nicht völlig ernst gemeint. Das merkt man, wenn man es ein zweites Mal zur Hand nimmt und irgendwo aufschlägt.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Annemarie Werning
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Annemarie Werning »

Ich bin jetzt fast am Ende des Romans. Auffallend ist die Veränderung von Mae. Zu Beginn des Romans sorgte sie sich noch um ihre Eltern und freute sich an der Natur. Nach und nach verschwand jede Empathie. Sie kann sich weder in ihre Eltern noch in Mercer oder in die gefundene Mörderin einfühlen oder Mitleid haben. Auf der anderen Seite wächst ihre Egozentrizität. Sie ist gekränkt, dass nicht 100 % aller Circler sie gut finden, bemißt ihren Wert an den Smiles und spricht nach ihrer Einschätzung wie ein Präsident. Mit Frances schläft sie zwar, hat aber keine persönlichen Gespräche. Persönliche Gespräche sind in ihrer Welt sowieso völlig ausgeschlossen, weil ja alles was gesagt oder getan wird, öffentlich zugänglich ist. Die Jagd nach Mercer hatte für sie nur das Ziel, ihn dazu zu bringen, sie und ihr Leben anzuerkennen. Als Person war er ihr gleichgültig, sie wollte lediglich, dass er ein Anhänger von ihr wird.
Dieser Wandel der Persönlichkeit ist gut dargestellt, ich denke, dass er auch in unserer Welt ohne Überwachung häufig bei Personen eintritt, die überaus großen Erfolg erleben.
Liebe Grüße
Annemarie

HildegardN
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von HildegardN »

Liebe Mitlesende,
"der Wandel der Persönlichkeit" Maes, wie Annemarie sehr treffend formuliert, hat mich sehr beeindruckt und bis zum Ende des Buches zunehmend beschäftigt. Vor allem Machthaber und Politiker werden m.E. vor allem davon betroffen und können sich nur schwer oder gar nicht davon befreien.
Bei Mae, in die ich anfangs so viel Hoffnung und Erwartung setzte, hat das Machtstreben, das sich mit ihrem Erfolg immer mehr steigerte, alle positiven, den Menschen eigene, Gefühle zerstört, wie hätte sie sonst so handeln können, wie sie es schließlich tat.
Grüße aus Bad Homburg
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Annemarie,

Deine Darstellung ist sehr überzeugend. Ich überlege, ob Maes Veränderung wirklich durch ihren Erfolg zustande kommt oder durch die Totalität des Circle.
Während der Nazizeit gab es in Deutschland auch keine Korrektur mehr von außen, die Propaganda und die ständige Überwachung sorgten dafür. Als der braune Spuk vorbei war, konnten die Menschen kaum fassen, was sich alles abgespielt hatte, ohne dass jemand eingriff.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Dave Eggers: Der Circle

Beitrag von Erna »

Die Diskussion, die über den Wandel von Maes Persönlichkeit entstanden ist, finde ich sehr interessant. Vielleicht sollten wir noch einen Faktor mit dazu nehmen: Die 3 Leiter des Circles loben sehr oft und auch die positiven Smilies verstärken die Handlung immer wieder. Sie sagen ja, das hast Du gut gemacht, also gibt es keinen Grund an sich zu zweifeln.
Marlis schreibt, dass wir uns die Überwachung,von der im Circle berichtet wird und es auch im 3. Reich gegeben hat, gar nicht mehr vorstellen können. In der FAS gibt es einen Artkel :Arbeit geht unter die Haut von Sven Astheimer und Sebastian Melzer. Dort werden Praktiken beschrieben, die heute schon angewandt werden, die weit über die hinausgehen, die das Buch von Eggers beschreibt. Und wir nehmen sie billigend in Kauf, denn wir könnten gefahrlos dagegen sein.
Gruß aus Frankfurt
Erna

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