Seite 2 von 4

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Donnerstag 29. Januar 2015, 15:49
von HildegardN
Liebe Mitleserinnen,
"Werden Mae Zweifel kommen", fragt Marlis in ihrem Beitrag vom 28.01., und ich finde, die Antwort auf diese Frage zeichnet sich bereits ab, wenn man verfolgt, wie Mae's Erfolg bei Circle ihr Leben bestimmt, das sie mehr und mehr ihren beruflichen Aufgaben - und ihrer Karriere - widmet.
Mae's engagierter Einsatz für Circle entwickelt sich m.E. zu einer Mission, und so lange Mae von dieser beherrscht wird, haben Zweifel in ihrem Leben keinen Platz.
Grüße aus Bad Homburg
Hildegard

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Freitag 30. Januar 2015, 12:17
von Erna
Hallo, liebe Leserinnen,
Buch und Wirklichkeit vermengen sich immer mehr. Heute hat Facebook neue Richtlinien erlassen, dass die Benutzer auch außerhalb von Facebook beobachtet und die gewonnenen Daten benutzt werden können. Die Benutzer können sich nicht dagegen wehren.
Gestern habe ich die medizinische Untersuchung von Mae gelesen. Sie war sich gar nicht bewusst, dass sie mit dem Getränk gleichzeitig sich selber durchsichtig machte.
Auf der anderen Seite wird ihr leises Unbehagen dadurch beruhigt, dass Annie ihr anbietet, dass ihr Eltern durch Circle eine Krankenversicherung erhalten, die bei der MS ihres Vaters ja sehr wichtig ist.
Was ich als gelungen an diesem Buch finde, ist, dass D. Eggers drei unterschiedliche Schreibweisen verwendet.Die erzählenden Teile sind in einer angenehmen Art geschrieben. Die Vorträge der Experten dagegen mit vielen Fachausdrücken gespickt, die ich als älterer Leser nicht kenne, und die Dialoge zwischen den einzelnen Circler, entsprechnd ihrem Alter etwas schnodderig, so wie die über Zwanzigjährigen wahrscheinlich sprechen. Die älter als dreißig sind, gelten ja für die Circler schon als alt!
Es ist jedenfalls ein Buch, das ich bis tief in die Nacht hinein lese.
Viele Grüße
Erna

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Samstag 31. Januar 2015, 19:07
von Annemarie Werning
Liee Mitleserinnen,
ich versuche, das Buch auf englisch zu lesen und komme entsprechend langsam voran.
Zu Marlies' Frage, was Zing ist: Ich denke, das ist so etwas wie Facebook, gibt es hier auch.

Das erstaunliche an dem Buch ist die Begeisterung, die die Mitarbeiter haben. Ihr Bestreben ist das Beste für die Menschheit zu erreichen: Totale Überwachung soll die Kriminalität verringern, soll die Gesundheit fördern, soll uns über das Befinden lieber Menschen informieren, soll Kindesentführungen unmöglich machen.

Personen, die die Individulität hochhalten wollen, gibt es im Circle offenbar nicht.

Von unseren Datenschützern geht es vor allem um die Individualität. Ich selbst bin da zwiespältig. Ich fühle mich im öffentlichen Raum sicherer, wenn er von Videokameras überwacht wird und ich habe auch nichts gegen die Vorratsspeicherung. Ich hätte wohl auch nichts dagegen, wenn ich per Videokamera von einem mir wohlgesonnenen Menschen dauernd beobachtet werden könnte, wenn das den Zweck hat, mir sofort helfen zu können, wenn es nötig ist.

Jedenfalls scheint mir das Arbeiten sehr mühsam zu sein, wenn man dauernd auf mehrere Bildschirme schauen muss.

Liebe Grüße
Annemarie

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Samstag 31. Januar 2015, 19:11
von Marlis Beutel
Liebe Erna,

im Englischen wird sicher das Wort "share" benutzt, das im Deutschen mit "teilen" übersetzt wird. Diese Übersetzung finde ich nicht so gut, eher bedeutet "share" so viel wie "gemeinsam haben". Beim Deutschen "teilen" gibt man etwas ab, "share " bedeutet eher, dass man etwas gemeinsam besitzt oder übernimmt: share the costs, share the property. Dieser emotionale Bezug leuchtet im Englischen ganz unmittelbar ein, man gehört dazu. Ist das nicht phantastisch?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Sonntag 1. Februar 2015, 17:49
von Erna
Liebe Marlis,
ich habe share im Wörterbuch nachgesehen und es ist so wie Du sagst Marlis, share bedeutet sowohl teilen als auch gemeinsam, miteinander benützen und noch vielesl anderes mehr. Zing bedeutet pfeifen, zischen, kritisieren, wenn Mae also einen Zing schreiben soll, dann wird es wohl Kritik sein.
Nur durch den Einstieg über die Annehmlichkeiten und die ständige Kommunikation, inzwischen hat Mae ja 5 Bildschirme, ist eine durchgehende Überwachung möglich. So wird ja Mae darauf hingewiesen, dass ein Circler möglichst auch die Freizeit in dieser Gemeinschaft verbringen soll. Das erfuhr dadurch weil ihre Mails zu Freizeitaktivitäten fehlten. Wer ist der gehimnissvolle Kalden, der nach Möglichkeit jedem Foto ausweicht?
Viele Grüße aus Frankfurt
Erna

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Montag 2. Februar 2015, 12:57
von Marlis Beutel
Liebe Annamarie,

vor allem freue ich mich, dass Du mitliest und mitdiskutierst.
Was Du schreibst über Individualität und Überwachung, ist ja das spannende Thema unseres Buchs. Zunächst nehmen die überzeugten Circler auch an, die Welt würde durch ständige Überwachung sicherer. Maes Exfreund Mercer ist anderer Meinung. Mae selbst ist so überzeugt vom Circle, dass bald ihr gesamtes Denken in bestimmten Bahnen verläuft und sie mit Mercer oder "normalen" Menschen gar nicht mehr diskutieren kann.
Wir dürfen gespannt sein, zu welchen Schlüssen uns der Autor am Ende des Buches führt.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Dienstag 3. Februar 2015, 18:13
von HildegardN
Liebe Mitleserinnen,
Annemaries Diskussionsbeitrag, in dem sie ausführt, dass sie die öffentliche Überwachung als hilfreich empfidet, pflichte ich voll bei, nicht aber, wenn die Überwachung in mein persönliches Leben eingreift, selbst, wenn sie auf meine persönliche Sicherheit ausgerichtet ist.
Ich könnte es nicht ertragen, in meinem persönlichen, im alttäglichen Leben, z.B. in meiner eigenen Wohnung transparent zu sein.
In unserem Circle-Roman nimmt die Transparenz die erste Stelle ein und steigert sich bis zum Ende des Buches unaufhörlich.
"Transparenz ist etwas, wofür wir beim Circle eintreten", verkündet Stenton, einer der drei Weisen, dem applaudierenden Publikum (S.236), als er die Kongressabgeordnete Santos begrüßt und den Einzug der Transparenz in die Demokratie einleitet. Eine Transparenz, die so vermute ich, allein von Circle gesteuert wird und keiner gesetzlichen Überprüfung und Begrenzung unterliegt.
Gruß aus Bad Homburg
Hildegard

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Mittwoch 4. Februar 2015, 17:44
von Erna
Unsere Mitleserin Angie schrieb folgende bemerkung zu dem Buch von D. Eggers:

in unserem Buch bin ich bis S.402 gekommen. Die Beiträge im Forum habe ich auch gelesen.
In der Schule habe ich 1962 im Englischunterricht ein Referat gehalten über das Buch "1984" von George Orwell und auch den Fim davon gesehen. Es beschreibt die totale Überwachung des Einzelnen mittels PC. An der Spitze des Staates ist eine Diktatur und derjenige, der etwas sagt oder tut, was der Regierung nicht passt, wird in einen Käfig mit Ratten gesperrt. Für mich war es damals die absolute Horrorvision.

Das Jahr 1984 kam und ich war glücklich, dass es das oben genannte Szenario noch nicht gab. Leider gibt es die Überwachung heute.
Wenn man z.B. bei booklooker etwas bestellt, werden einem Angebote gemacht von Büchern zu ähnlichen Themen. So ist das überall bei Internetkäufen. Solange wir keine Diktatur haben, ist es mir egal. Aber was ist, wenn mal wieder ein Diktator kommt? Deshalb schreibe ich meine Meinung nicht gerne ins Internet, denn was einmal drinnsteht, steht drin.

Du kannst meine Gedanken gerne den anderen aus dem Lesekreis mitteilen, wenn du möchtest oder auch unter deinem Namen im Forum schreiben. Ich bin aus den oben genannten Gründen weder bei Twitter noch bei facebook. Ich mache unter einem Pseudonym Bewertungen von Sehenswürdigkeiten, Hotels und Restaurants bei Tripadvisor. Wenn ich z.B. in Bad Homburg eine Ferienwohnung zur Unterbringung meiner Gäste suche, fragen sie mich sofort aus USA, ob ich noch weitere Ferienwohnungen in Frankfurt oder Oberursel usw. suche.

So weit der Bericht von Angie.
Da ich schon so viele Male im Forum stehe, macht es mir nichts mehr aus, einmal mehr drin zu stehen. Die Wahrnehmungen von Angie sind aber richtig.
Viele Grüße
Erna

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Mittwoch 4. Februar 2015, 21:26
von Marlis Beutel
Liebe Mitlesende,

das Buch bleibt spannend. Ich hatte aber nicht erwartet, dass es mich auch erschüttern würde. Das tat es, als sich Annie mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzt. Es ist ja kein Problem für den Circle, auch die Vergangenheit offenzulegen. Und Annie, deren stolze Familie schon mit der Mayflower in die USA gekommen war, konnte nicht ahnen, was die Vergangenheit offenbaren würde. Da helfen ihr keine Floskeln der Circler. Was sie erfährt, trifft sie ins Mark. Ihr ganzes Weltbild wird erschüttert.
Übrigens leuchtet ein, dass man "Circle" nicht ins Deutsche übersetzt. "Kreis" klänge viel zu harmlos.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2015, 12:37
von Marlis Beutel
Liebe Mitlesende,

haben wir schon darüber gesprochen, dass in diesem Roman restlos alles gemessen und benotet wird,
was sich nur messen lässt, sogar der Koitus? So etwas halten höchstens junge Leute aus, denn das ist Stress. Und was soll das eigentlich? Es wird gar nicht hinterfragt.

Grüsse von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Freitag 6. Februar 2015, 14:43
von HildegardN
Liebe Mitleserinnen,
als Folge der unerlaubten Benutzung eines Kajaks (S.302f) war Mae nicht nur von der Polizei festgenommen worden, sie hatte innerhalb des Circle auch wiederholt Rechenschaft über ihre Einstellung, über Denken und Tun abzulegen.
In einer gemeinsamen Circle-Veranstaltung – oder war es eher eine Anhörung von Mae oder eine Art Gewissens-Demonstration? – verkündete Bailey dem anwesenden Publikum, „dass Mae, um mit anderen all das zu teilen, was sie sah und somit der Welt bieten konnte, auf der Stelle transparent werden würde.“ (S.346)
Mae akzeptiert ihre neue Aufgabe, genießt die erreichte „Öffentlichkeit“ und fügt sich scheinbar vorbehaltlos in ihre transparente Rolle ein, ja, sie legt die Kamera kaum noch zum Schlafen und nur noch zum kurzfristigen Toilettengang ab.
Dass Mae mit ihrer Kamera nicht nur sich selbst, sondern alles, womit sie sich befasste, und auch die Menschen, mit denen sie zusammen war oder sprach, transparent machte, war vorrangig das erstrebte Ziel der Erfinder und Circle-Gestalter. etwaige Risiken wurden wohl ausgeblendet oder in Kauf genommen. Ob Mae sich dessen bewusst war? Und hat sie überhaupt über die Verantwortung nachgedacht, die sie mit der Kamera übernommen hat?
Als sie durch ihre Transparenz unbedacht eine peinliche Situation ihrer Eltern der Öffentlichkeit zeigte (S.419), war Mae tief betroffen und verunsichert. Konnte sie aber nachempfinden, wie ihre Eltern die öffentliche Bloßstellung erlebt und verkraftet haben – verkraften mussten?
Mit Wochenendgrüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Freitag 6. Februar 2015, 17:22
von Marlis Beutel
Liebe Hildegard,

zu Deinen Fragen fällt mir ein, dass Mae offenbar Einzelkind ist. In dieser Position war sie leicht Mittelpunkt und Hauptperson und musste sich nicht ständig auch mit den Bedürfnissen von Geschwistern auseinandersetzen. Sie ist außerdem sehr jung und in mancher Hinsicht naiv. Was Mercer ihr sagt, begreift sie überhaupt nicht und interpretiert es falsch. Das Spiel, das sie zuletzt mit ihm treibt, ist dermaßen verantwortungslos, dass man es nur mit grenzenloser Naivität entschuldigen kann.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Montag 9. Februar 2015, 16:09
von HildegardN
Liebe Marlis,
Maes Verhalten während der Todesfahrt ihres einstigen Verlobten halte ich nicht nur für verantwortungslos, sondern für gefühllos, ja eigentlich grausam. Hier kommt wohl ihr unreifes, fast kindliches Verhalten zum Ausdruck, das Grausamkeit als nicht so schlimm empfindet oder gar verdrängt, wenn sie z.B. mit dem eigenen Spieltrieb verbunden ist.

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Montag 9. Februar 2015, 19:17
von Marlis Beutel
Liebe Hildegard,

Du hast völlig recht: Maes Verhalten ist erschreckend und zwar ebenso erschreckend wie so manche Grausamkeit, von der man in der Zeitung liest. Nur dass sie gar nicht zur Rechenschaft gezogen wird.
Zuletzt hat sie schon längere Zeit keinen Kontakt zu den Eltern, ihre Freundin liegt im Koma und der geheimnisvolle Kalden ist nicht mehr geheimnisvoll und attraktiv. Deutet sich Ernüchterung an?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis

Re: Dave Eggers: Der Circle

Verfasst: Montag 9. Februar 2015, 20:26
von wheumann
Liebe Mitlesende,

Das Buch wurde vor der NSA Affäre geschrieben. Ich glaube, daß wir viel durchsichtiger sind, als wir das gemeinhin annehmen. Die Schilderungen mit Netzhautchip und sofortiger Veröffentlichung von privaten Daten sind erschreckend. Erschreckend aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen für nichts anderes als Ruhm und Ehre ihr Innerstes preisgeben.
Von Form und Aufbau her hat mich das Buch nicht vom Hocker gerissen. George Orwell in modernen Kleidern, das Ganze in eine amerikanische Umgebung gestellt mit den täglichen Ratings, den gläsernen Angestellten, dem eiligen Essen auf dem Flur. Ich habe nach den ersten Seiten auf die auflagenfördernde Sex-Szene gewartet, und ich wurde nicht enttäuscht.
Ein nettes Buch, aber irgendwie bin ich froh, daß ich endlich fertig bin.

Ganz herzliche Grüße

Wolfgang aus Hünxe