Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Antworten
Eleonore Zorn
Beiträge: 48
Registriert: Donnerstag 14. September 2006, 16:45
Wohnort: 68259 Mannheim

Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Eleonore Zorn » Donnerstag 11. Dezember 2014, 20:35

Wir wollen uns mit dem nächsten Buch dem Nobelpreisträger für Literatur 2014, Patrick Modiano, widmen. Er hat diesen Preis für seine Bücher über seine sehr genauen, wie mit einem Vergrößerungsglas beobachteten Kindheits- und Jugenderinnerungen erhalten, die sich als Leitthema durch alle seine Bücher, auch seine Romane, ziehen. Es ist eine Kindheit in Paris während der Okkupation durch die Deutschen. Modianos Leben (er ist 1945 geboren) war geprägt vom Alltag in einem lieblosen Elternhaus. Beide Eltern waren in ihren Berufen wenig erfolgreich. Die Mutter war eine flämische Schauspielerin („Schmierenschauspielerin“ nannte sie ein Rezensent), der Vater ein ebenfalls eher erfolgloser Kaufmann. Seine oft abenteuerlichen Versuche,die finanzielle Situation der Familie zu verbessern, endeten oft im Fiasko. Die Eltern trennten sich, schoben das Kind in Internate ab, was Patrick Modiano nachhaltig verstörte. Erst spät hat er sich durch das Schreiben von diesen Schrecknissen seiner Kindheit weitgehend befreit, ist aber auch heute noch öffentlichkeitsscheu und zieht sich am liebsten schreibend zurück. Alle seine Romane haben diese Einsamkeit zum Thema, die Einsamkeit der Verlassenen, der Heimatlosen, der Ungeliebten. Der sehr eigenwillige, karge, aber gut lesbare Stil, in dem er seine Bücher schreibt, macht sie für jeden gut lesbar. Erst im Laufe dieses Jahres kamen viele seiner Bücher in deutschen Übersetzungen auf den Buchmarkt.
Die Lesegruppe hat sich „Ein Stammbuch“ vorgenommen. Das ist eine gute Basis für den Einstieg in das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers.

In Frankreich hatte Modiano schon mit seinem ersten Roman:La Place de l‘Étoile“
großen Erfolg. Lange vor dem Nobelpreis erhielt er den Prix Goncourt und den großen Romanpreis der Academie francaise sowie andere Auszeichnungen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht
Eleonore

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Erna » Samstag 20. Dezember 2014, 18:42

Im Nachtrag des Buches :Mein Stammbaum steht, dass eine Biographie kein Roman ist, weil sie Ereignisse und Tatsachen enthält, die sie vielfältiger und profunder machen.Ich habe bereits einige Bücher gelesen und auch Filme gesehen, die die Zeit der Bestzung zum Thema hatten, kann mich aber nicht erinnern, dass sie aus Sicht von Franzosen oder soger jüdischen Franzosen geschrieben waren. So interessiert mich dieses Buch besonders.
Erna

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Erna » Samstag 20. Dezember 2014, 18:56

Inzwischen habe ich wohl die Hälfte des Buches gelesen und möchte dem Nachtrag Recht geben. Für mich ist diese Biographie kein Roman. Sie besteht vielmehr aus einer Aneinanderreihung von Ereignissen, die den Eindruck erwecken, als ob sie tatsächlich passiert sind.
Ich finde es auch erstaunlich, dass P. Modiano den Titel -ein Stammbaum- wählte. Es ist doch sein Stammbaum! Wobei es ihm wohl am wichtigsten war, die Menschen zu finden, mit denen sein Vater Kontakt hatte und Geschäfte machte. Von seinem Vater erzählt er viel, er hatte wohl auch einen intensiveren Kontakt zu ihm als zu seiner Mutter. Außerdem waren die Bekannten seines Vaters auch sehr interessant .
Erna

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von HildegardN » Sonntag 28. Dezember 2014, 15:46

Liebe Literaturfreunde,
wie Erna schon andeutete, hat die Übersetzerin dieses Buches, Elisabeth Edl, in ihren "Nachbemerkungen" einige Passagen zum Titel des Buches hinzu gefügt.
Da ich nicht weiß, ob Ihr alle in Eurem Exemplar diesen Text vorfindet, habe ich hier einige dieser Aussagen der Übersetzerin ausgewählt.
"Fast alle Romane von Patrick Modiano sagen 'Ich'. Ein 'Stammbaum' jedoch ist das Buch, in dem dieses Ich den Namen des Autors trägt: Patrick Modiano. Aus einem Erzähler Ich, einer literarischen Figur, ist ein Ich geworden, das seine Identität ausdrücklich mit der des Autors teilt.
Ein Stammbaum ist kein Roman, sondern ein autobiographisches Buch, das eine große Zahl von individuellen und historischen Lebenstatsachen enthält.
Ein Stammbaum bestätigt jenen Satz, den Patrick Modiano 1969 in seinem zweiten Roman geschrieben hat: Ich erfinde nichts. Alle Personen, von denen ich spreche, haben gelebt. Ich treibe die Genauigkeit sogar so weit, sie mit ihren richtigen Namen zu nennen
Ein Stambaum ist das Dokument einer fast unvergleichlichen Kontinuität im Lebenswerk eines Schriftstellers, gleichsam sein lebens- und werkgeschichtlicher Stammbaum.
Ein Stammbaum ist jedoch keineswegs nur Dokument, sondern vor allem ein eigenständiges literarisches Werk. Modiano schreibt keine Erinnerungen, keine Autobiographie im herkömmlichen Sinne, er erzählt sein eigenes Leben nicht anders als das Leben seiner Romanfiguren."

Ich habe das Buch soeben zu Ende gelesen und werde mich in einem späteren Beitrag dazu äußern.
Euch allen herzliche Grüße aus dem verschneiten Bad Homburg
Hildegard

Marlis Beutel
Beiträge: 364
Registriert: Mittwoch 5. April 2006, 18:54
Wohnort: 64646 Heppenheim

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 29. Dezember 2014, 16:24

Modianos Vater konnte während der deutschen Besatzungszeit nur überleben, weil er mit allen Wassern gewaschen war und wenige Prinzipien hatte. Seinen Vater hatte er im Alter von vier Jahren verloren. Er hatte nur gelernt sich durchzuschlagen mit Hilfe irgendwelcher Geschäfte.
Patrick kommt nicht zufällig zur Welt, die Eltern leben ein paar Jahre zusammen. Aber ihre Ehe ist nicht von Dauer. Sie überlassen sich ihren wechselnden Interessen statt sich dauerhaft um ihre Söhne zu kümmern.
Es überrascht mich, wieviele Namen von Menschen Patrick Modiano gefunden hat, denen seine Eltern begegnet waren vor der Geburt ihrer beiden Söhne. Es hatte auch viele Wohnungswechsel gegeben, die der Sohn genau auflistet.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von HildegardN » Donnerstag 1. Januar 2015, 18:17

Liebe Literaturfreunde,
„Klar statt komplex, knapp statt ausufernd, so sind Sprache und Werk von Patrick Modiano“, las ich in einer Kommentierung und fand dies auch in seiner Autobiographie „Der Stammbaum“ bestätigt. Auf knapp 120 Seiten schildert der Autor die ersten beiden Jahrzehnte seines mitunter chaotischen Lebens, nahezu ohne eigene persönliche Gefühlsäußerungen und bewertende Betrachtungen.
Nur Patrick Modianos schwierige, ja unglückliche Kindheit und Jugend erlebt der interessierte und aufmerksame Leser gedanklich mit, wenn es ihm gelingt, aus den knappen Aufzählungen der Erinnerungen des Autors, die kaum für Platz für seine Gefühlsäußerungen lassen, zu folgern, wie Modianos Kindheits- und Jugenderlebnisse seine Entwicklung und sein späteres Leben beeinflussten bzw. auch bestimmten.

Dieses Buch erfordert m.E. vor allem Einfühlungsbereitschaft und Verständnis des Lesers, wenn er Patrick Modianos Werk nicht nur als bloße Information abhaken will (was sich manchmal anbietet). Der Leser gewinnt leider auch nichts, wenn er den Vorschlag eines Rezensenten aufgreift, der in seiner Kommentierung u.a. ausführt „Sie können eines seiner Bücher am Nachmittag lesen, dann zu Abend essen, und dann ein weiteres lesen“.

Mit herzlichen Neujahrsgrüßen
Hildegard

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Erna » Donnerstag 1. Januar 2015, 18:45

Hildegard hat die Meinung eines Rezensenten bekannt gemacht. Ich habe die Rezension von Jochen Schimmang vorliegen, der Modiano als den "größten Stilisten der französischen Gegenwartsliteratur" bezeichnet. Modianos Buch, ein Stammbaum, sei eine "Geschichte seiner Kindheit als Roman". Vielleicht irritiert mich dieses Buch so sehr, weil wir vorher "Eis" gelesen haben, dass m. Ansicht nach auch von einer großen "Stilistin" geschrieben wurde und kaum gegensätzlicher sein kann als ein Stammbaum.
Mich verwirren auch die vielen Personen, die aufgeführt werden. Aber vielleicht hat dies mit meinem Alter zu tun.
Ein gutes neues Jahr wünscht Euch
Erna

Marlis Beutel
Beiträge: 364
Registriert: Mittwoch 5. April 2006, 18:54
Wohnort: 64646 Heppenheim

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 2. Januar 2015, 10:06

Liebe Erna,

Du hast völlig recht, so einfach ist Modiano gar nicht zu lesen, bzw. nur vordergründig.
Es gibt genügend unglückliche Kindheiten auf der Welt. Ich habe mir überlegt, was das Besondere an Modianos Kindheit ist. Auf jeden Fall bietet sie jede Menge Stoff für einen Schriftsteller. Langweilig war sie nicht. Er musste sich mit massiven Ängsten und Alleinsein auseinandersetzen. Aber passiert das nicht auch anderen Kindern? Was wissen die Erwachsenen schon? Sie verhalten sich, als wären sie nie Kind gewesen.
Modiano fand keinen Freund in den verschiedenen Institutionen, in die er sich einfügen sollte, kaum einen verständnisvollen Lehrer. Warum?
Er zählt Bekanntschaften auf, die sich der Leser bestimmt nicht merken kann, es gibt sehr wenig Handlung. Aber Modiano liest sich gut. Es ist ein Glück, dass er als Kind und Jugendlicher immer wieder Bücher lesen konnte, die ihn beeinflusst und ihm sicher auch geholfen haben, mit seinem Leben klar zu kommen. Das schreibt er nicht, aber es ist naheliegend.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
Beiträge: 878
Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Neues Buch: Patrick Modiano: "Ein Stammbaum"

Beitrag von Erna » Montag 12. Januar 2015, 13:49

Heute schickte mir Renate folgenden Kommentar zum Buch "ein Stammbaum":

Schade, dass ich am Freitag nicht dabei sein konnte.
Ich habe gestern das Buch zu Ende gelesen und eben eure Kommentare im Netz gelesen. Ich fand das Buch auch sehr gut lesbar, eher Tatsachen auflistend wie Personennamen -unendlich viele nicht merkbare, vielleicht sorgfältig recherchierte aber belanglose Kontakte seines Vaters. Aber auch Straßennamen von Paris, die die Unstetigkeit des Vaters verkörpern. 1945 wurden Kinder nicht geplant wie heute!
Ich glaube, dass solche Kindheiten gar nicht so selten sind. Und der Vater hat ja materiell für den Sohn gesorgt, selbst für seine literarische Bildung. Und es sind weit und breit keine Familie oder Freunde in Sicht, die sich des Kindes angenommen hätten!
Nur die Wohnung blieb konstant. Und die Mutter war eben Künstlerin ohne Erfolg.� Für mich eher die Biografie des Vaters - wie hätte sie wohl aus seiner Sicht geklungen?
Du kannst diesen Kommentar gerne für mich ins Netz stellen, denn ich habe keinen VILE Zugang.
Liebe Grüsse und einen schönen Sonntag
Renate

V

Antworten