"EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Eleonore Zorn
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"EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Eleonore Zorn » Mittwoch 10. September 2014, 12:08

Finnland wird im Oktober 2014 Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse sein. Dies ist sicher Grund genug, das Buch „EIS“ von Ulla-Lena Lundberg zu lesen. Sie schrieb es als Finnin in schwedischer Sprache, übersetzt ins Deutsche hat es Karl-Ludwig Wetzig.
Ich kenne es selbst noch nicht, bin aber auf Grund einiger Rezensionen ganz hoffnungsvoll, dass es uns alle bereichern und gut und lang unterhalten wird, denn von der Seitenzahl her ist es eher ein Epos als eine kurze Form.
Über die Autorin:
Ulla-Lena Lundberg ist 1947 auf der Schären-Insel Kökar, die fernab der Schiffsrouten zwischen Finnland und Schweden liegt, geboren. Sie verließ ihre Heimatinsel nach dem Tode ihres Vaters, da ihre Mutter auf das Festland ziehen musste, um Arbeit zu finden. Sie schrieb bereits als Jugendliche, hauptsächlich über biographische Ereignisse und die Besonderheiten der Schären-Inseln. Nach dem Studium war sie Austauschschülerin in den USA und Japan. Nachdem sie ihre Magisterarbeit über das Franziskanerkloster auf Kökar (im Buch Örar genannt) beendet hatte, lebte und arbeitete sie in Afrika (Botswana, Sambia, Kenia und Tansania). Diese Erlebnisse schlugen sich in Sachbüchern und Romanen nieder.
Ulla-Lena Lundberg erhielt 1998 für den Roman „Regn“ den Runeberg-Preis und 2012 wurde sie mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet. Heute lebt sie in Poorvo.
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Text über das Buch folgt morgen,

es grüßt alle Mitleserinnen und Mitleser,
Eleonore

Eleonore Zorn
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Eleonore Zorn » Mittwoch 10. September 2014, 18:16

Hier der Inhalt des Buches von Ulla-Lena Lundberg:

Ich kenne das Buch selbst noch nicht, bin aber auf Grund einiger Rezensionen ganz hoffnungsvoll, dass es uns alle bereichern und gut und lang unterhalten wird, denn von der Seitenzahl her ist es eher ein Epos als eine kurze Form
Es handelt von der Ankunft eines jungen Pfarrers mit seiner Familie auf einer sehr einsamen Schären-Insel, die die Autorin Örar nennt. Auf Kökar, einer der Inseln zwischen Schweden und Finnland ist Ulla-Lena Lundberg geboren. Sie hat die Insel in Örar umbenannt, weil der Inhalt des Buches keine Biografie, sondern ein Roman mit biographischem Hintergrund ist.

Das junge Ehepaar Kummel bringt neuen Wind in die etwas festgefahrenen Strukturen der Pfarrgemeinde auf der einsamen Insel. Wie das bei sehr kleinen Gemeinden so ist, die wenig Neuzugang haben und sich ungestört entfalten können, so bilden sich Eigenheiten, festgefahrene Rituale, Empfindlichkeiten und auch Eifersüchteleien zwischen einzelnen Gruppen heraus. Im allgemeinen ist es schwer, in so einem kleinen, langsam gewachsenen Universum als Fremder Fuß zu fassen.
Der Pfarrersfamilie, die aus Petter, dem Pfarrer, Mona, seiner Frau und der kleinen Tochter Sanna besteht, gelingt dies jedoch recht bald, vor allem durch die zupackende, praktische und anpassungsfähige Art von Mona. Auch der der Pastor findet nach und nach guten Zugang zu den nicht mehr als 250 Seelen seiner Kirchengemeinde, wird Ihnen ein hilfreicher Zuhörer , Berater und Freund.
Wie in den Rezensionen besonders erwähnt wird, beschreibt Ulla-Lena Lundberg in einer ruhigen, feinfühligen Sprache die Besonderheiten der Schären-Bewohner, die auf Grund der Abgeschiedenheit ihres Wohnortes sowie der rauen Natur der Inselwelt ihre Eigenarten haben. Sie müssen sich der Unbill vieler dramatischer Wetterkapriolen anpassen und das jedes Jahr von neuem. Der Frühling ist kurz, der Sommer nicht viel länger, der Herbst kommt früh. Aber das eigentliche Inselleben fängt erst an, wenn im harten Winter das Meer zwischen den vielen kleinen „Sprengeln“ zugefroren ist und es dann leichter wird, mit Tret-Schlitten von einem Ortsteil oder Hof zum anderen zu kommen. Dies fördert die Kommunikation, wenn die Arbeit ruht, die Fischer nicht auf das Meer können, kaum noch Leute vom Festland in Örar zu sehen sind. Dann entfaltet sich das Dorfleben mit allen positiven und negativen Seiten. Alte Geschichten machen die Runde, Gerüchte ebenfalls, der Postbote verbreitet seine Ahnungen, die schon eher Visionen oder geheimnisvolle „Gesichte“ sind.
Der Pfarrer und seine Familie werden schnell Teil des Geschehens. Er hört zu, seine Frau packt zu, sorgt für das Vieh, sät und erntet, beugt sich den Erfordernissen der wechselnden Jahreszeiten. Ein zweites Kind, ein Junge wird auf Örar geboren. Probleme tauchen nur kurz auf und werden gelöst, das Familienleben erfüllt den Pfarrer und seine Frau, sie sind zufrieden. Das Leben ist schön ...
Das Eis, das alles für einige Monate erstarren lässt, legt sich klirrend über diese Idylle und nichts ist mehr wie vorher. Darüber schreibt Ulla-Lena Lundberg nach Meinung der Kritiker in epischer Breite in einer schönen Sprache, die jeden einzelnen Charakter der Bewohner vor den Augen des Lesers äußerst lebendig werden lässt.
Ein spannendes Lesevergnügen erwartet uns, wie es scheint.
Nur eine Kritikerin fand das Buch „langatmig und ermattend“. Unsere Lesegruppe wird sich ein eigenes Urteil bilden und sieht dem Roman „EIS“ sicher mit Vorfreude entgegen.

EIS, von Ulla-Lena Lundberg
Ins Deutsche übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig
Mareverlag, 2014, 528 Seiten
ISBN-13: 9783866482067
24,00 €

Marlis Beutel
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 12. September 2014, 11:09

Liebe Mitleserinnen,

danke, liebe Eleonore, für die Einführung unseres neuen Buches!
Ich bin beim Lesen auf S. 175 und bin völlig überrascht, wie gut es der Autorin gelingt, dem Leser die Menschen und das Leben auf den Schären nahezubringen. Schon der Pfarrer und seine Frau verhalten sich ganz unterschiedlich. Jeder bewältigt das Leben auf seine Art und mit gegenseitigem Respekt.
Die Jahreszeiten bestimmen das Leben in einem Ausmaß, das wir uns in Mitteleuropa kaum vorstellen können. Mich hat auch die Genauigkeit der Autorin beeindruckt.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von HildegardN » Montag 15. September 2014, 14:27

Liebe Eleonore,
Deine Einführung, Bescheibung und Kommentierung unseres neuen Romans "Eis" habe mich sehr angesprochen, und vieles, was Du schreibst, entspricht auch meinen Feststellungen und Empfindungen.
Ich habe das Buch (aus Termingründen) bereits zuende gelesen und nun Gelegenheit, die mich beeindruckenden Passagen gedanklich Revue passieren zu lassen.
Die ruhige und feinfühlige Erzählweise der Autorin, ihre Beobachtungsgabe und die oft ins Detail gehenden Schilderungen, machen es den Lesern leicht, mit dem Geschehen, dem rauen Inselalltag und mit seinen Anforderungen an die Bewohner vertraut zu werden.
Anfangs habe ich mit zunehmender Spannung gelesen, zumal der Roman mich in eine Welt führte, die ich so noch nicht kennen gelernt hatte. Ulla-Lena Lundberg stellt sie uns in einer flüssigen, leicht verständlichen Erzählweise vor und erfreut ihre Leser durch ihre schöne Sprache. -
Wahrscheinlich lag es dann an dem Umfang des Romans, dass sich nach geraumer Lesezeit mein Eindruck verfestigte, dass ein straffer gefasster Text dem Lesevergnügen zugute gekommen wäre.
Mit herzlichen Grüßen aus dem Taunus
Hildegard

Eleonore Zorn
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Eleonore Zorn » Dienstag 16. September 2014, 14:38

Liebe Hildegard und Mitleser,

nun habe ich angefangen, den Roman zu lesen und bin jetzt schon ganz gefangen von der Atmosphäre auf dieser einsamen Insel und von der Schilderung der Ereignisse am Tag der Ankunft des Pfarrerehepaares in der neuen Gemeinde.
Die Pfarrersfrau steht zupackend und doch im rechten Moment auch mit der nötigen Zurückhaltung ausgestattet vor den Augen des Lesers.
Keine Arbeit scheint ihr zuviel zu sein und Organisationstalent ist ihr anscheinend schon in die Wiege gelegt worden.
Dagegen sind die beiden Inselbewohner, die wegen der Tiere kommen, fast träge und wirken etwas unorganisiert. Als sie der Pfarrersfrau beim Melken der Kuh zusehen, kann zumindest der Mann seine Hochachtung nicht verhehlen. Die Schnelligkeit und Zielstrebigkeit von Mona lässt das junge einheimische Paar schnell "alt" aussehen.
Man kann sich schon jetzt einen Zusammenprall der gegensätzlichen Charaktere bei passender Gelegenheit vorstellen. Das ausgleichende Temperament von Pastor Petter wird dann die Sache schon wieder richten. Die Tüchtigkeit der Ehefrau ist dem Pfarrer wohl auch ein bisschen unheimlich, so scheint es mir auf den ersten Buchseiten, aber er weiß sie in seinem Herzen und ab und an auch mit Worten doch sehr zu schätzen.
Mir gefällt die besondere Art des Schreibens von Ulla-Lena Lundberg sehr gut, obwohl sie ganz anders ist als die letzten Bücher, die ich gelesen habe. Kurze, knappe Sätze, die jeweils eine Szene wie mit einem Spotlight ausleuchten. Gleichzeitig erfahren wir, was der gerade von der Autorin beschriebene Protagonist denkt und wie er die Sache beurteilt. Das ist ungewöhnlich und sehr anschaulich. Beschreiben, meinen und beurteilen, alles fast gleichzeitig in einem Atemzug, das zieht den Leser intensiv in das jeweilige Geschehen hinein. Das Buch verspricht ein lebensnahes Lese-Erlebnis auch für Leute vom Festland.

Herzlich grüßt
Eleonore

Marlis Beutel
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 18. September 2014, 18:59

Liebe Mitleserinnen,

wenn man dieses umfangreiche Buch in einem bestimmten Zeitraum lesen muss wie Hildegard, dann wünscht man sich sicher, es wäre gestraffter. Ich habe bis jetzt kein Problem mit dem Umfang, im Gegenteil. Es gibt ja kein happy end, also wünsche ich unserer sympathischen Familie, dass sie möglichst lange glücklich ist. Beschäftigt ist sie sowieso. Das Leben auf der Insel ist eine Herausforderung, was die Arbeit betrifft und die Finanzen. Hinzu kommen immer wieder Gäste.
Gerade habe ich das Kapitel gelesen, in dem der Pastor sein Examen macht, damit er auf Dauer auf der Insel bleiben kann.
Petter hat keine gute Beziehung zu seinen Eltern, keine gute Erinnerung an seine Kindheit. Umso schlimmer ist es, dass die Eltern ihn im Erwachsenenalter immer noch für ihr Kind halten, über das sie verfügen können. Der Vater kommt wochenlang zu Besuch, die Mutter plaudert an völlig unpassender Stelle aus, was der Sohn plant. Und der Sohn hat nie gelernt, sich und seine Bedürfnisse wirklich ernst zu nehmen und auch einmal an die erste Stelle zu setzen.
Mona ist die ideale Frau für ihn. Sie ist enorm tüchtig und hat gesunden Menschenverstand, aber sie kann nicht ständig um ihn sein und ihn vor Schaden bewahren.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von HildegardN » Montag 22. September 2014, 10:24

Liebe Mitleserinnen.
Marlis schreibt, Petter habe nie gelernt, "sich und seine Bedürfnisse wirklich erst zu nehmen und auch einmal an die erste Stelle zu setzen" -- und das ist auch offensichtlich. Aber Marlis Aussage hat mich auch zum Nachdenken angeregt, und ich frage mich: welches waren diese Bedürfnisse, die Petter zurückstellte?
Am wichtigsten waren ihm m.E. seine seelsorgerischen Aufgaben die Betreuung seiner Gemeinde. Dafür lebte und engagierte er sich. Seine Familie liebte er, widmete sich ihrer jedoch zugunsten seines beruflichen und sozialen Egagements nicht all seine Kraft, während Mona, seine Frau, ihre eigenen Interesssen oft zurückstellte, um ihren Mann zu unterstützen.
Mona war m.E. die Stärkere, hat aber ebenso wie ihr Mann, immer wieder auf die Ausübung und Berücksichtigung eigener Wünsche und Bedürfnisse verzichtet - und dies zugunsten ihres Mannes bzw. seines Engagements.
Mit Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 22. September 2014, 11:48

Liebe Hildegard,

wie gut, dass Du unsere Diskussion in Gang hältst! Ich freue mich immer, wenn ich etwas von Euch lesen kann.
Bei meiner Bemerkung geht es ganz konkret um Petters Prüfung. Er ist nicht fähig, die ehemailge Angestellte Hilda abzuweisen, deren Anwesenheit und "Beichte" ihm den Schlaf raubt, so dass er am nächsten Tag die mündliche Prüfung vermasselt, deren positives Ergebnis er als Geistlicher braucht.
Du hast sicher recht, auch bei Mona könnte man nachsehen, wie weit sie zurücksteckt. Sie bekommt aber auch viel Bewunderung, weil sie so auffällig tüchtig ist.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Eleonore Zorn
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Eleonore Zorn » Mittwoch 24. September 2014, 13:45

Liebe Marlis und MitleserInnen,

ich finde die Szene im Hotel sehr aufschlussreich, was den Pastor betrifft. Er zeigt sich als nicht entscheidungsfähig, obwohl ihm ja die Konsequenz seines Handels die ganze Zeit bewusst ist. Hat er die Bewunderung der Hilda gerne angenommen und die Erinnerung an die lange zurückliegende "Erweckungs-"Szene aus seiner Jugend unbewusst genossen? Vermutlich ja. Seine Frau war zu Recht sehr wütend, als er ihr zu Hause davon berichtet hat. Wie gut, dass sie ihn so liebte, dass sie bereit war, die Sache zu vergessen oder zu verdrängen.
Der Pastor scheint ohnehin auf die Bewunderung seiner Gemeinde sehr angewiesen zu sein, was ihn immer gefährden wird, denn einsame Herzen gibt es ja genug auf der Insel.

Ich bin mit Hildegard auch der Meinung, dass seine Frau sehr viele ihrer eigenen Wünsche zurückstellt zugunsten der Familie. Sie stellt sie so weit zurück, dass es ihr schon gar nicht mehr bewusst ist. So akzeptiert sie, dass ständig Verwandtschaftsbesuch anreist, obwohl sie viel lieber mit ihrer Familie alleine ist. Als das zweite Kind geboren wird, gibt es eine Szene, in der sie darauf besteht, dass sie jetzt mal dran ist und dass sie erwartet, dass man sie auch einmal verwöhnt und bedient. Da habe ich beim Lesen aufgeatmet und mich gefreut, dass sie sich doch nicht ganz und für immer vergessen hat.

Es ist eigentlich natürlich in dieser Lebensphase des Ehepaares, dass beide ihre Wünsche zurückstellen zu Gunsten der Kinder, der Kirchengemeinde sowie für das Funktionieren des Haushaltes und der Dienstgeschäfte des Mannes. Sich dessen bewusst zu sein und es als Übergangsphase zu betrachten ist sicher hilfreich.

Das ist das Schöne an Büchern, dass jeder Leser den Inhalt verschieden interpretiert, ihm unterschiedliche Dinge auffallen und beschäftigen. So lange sich den Lesern das Buch als Ganzes in einer im wesentlichen übereinstimmenden Weise darstellt, hat der Autor die richtige Sprache gefunden. Ich denke, dass Ulla-Lena Lundberg da keine Sorge zu haben braucht.

Schöne Grüße von Eleonore

Marlis Beutel
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 26. September 2014, 18:21

Lieber Mitlesende,
Das Buch hatte mich so sehr gepackt, dass ich es nur als Geschichte las und keineswegs hinterfragend.
Jetzt sehe ich es mir noch einmal an, und da fallen mir sofort die Wesen auf, von denen der Postbote Anton spricht, auf S. 7.
Auf S. 9 Mitte steht "Doch als er an Land gehen will, schert das Boot ein kleines Stück vom Steg ab, so als ob die See ihn zurückhaben wolle, und ein kalter Luftzug weht durch den Sund. Was das bedeuten soll, weiß ich nicht." Es geht um die Ankunft des Pfarrers.
Im 7. Kapitel (S.111) sagt Anton zu Petter: "Aber ich sehe auch, was passieren wird." Er hat also das zweite Gesicht. Überhaupt steht einiges zu diesem Thema auf S. 111.
Gibt es noch mehr solcher Hinweise?
Das Schicksal dieser jungen Familie ist ganz eng mit der Landschaft verbunden, die sie aufgenommen hat und wo sie eigentlich leben wollte. Tragisch ist, dass die Brücke, die das Unglück hätte verhindern können, erst danach fertig wird.
Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von HildegardN » Samstag 27. September 2014, 07:28

Liebe Marlis,
Du sprischst vieles an, was auch mir aufgefallen ist. Leider kann ich nicht noch einmal nachschlagen, weil ich das Buch zurück geben musste.
Ws ich aber nicht vergessen kann, ist das tragische Ende, das mich traurig gemacht hat. Ich hatte mir so vieles erhofft von dem strebsamen jungen Pfarrer und seiner so tüchtigen Frau..
Grüße aus Bad Homburg, Hildegard

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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Eleonore Zorn » Montag 29. September 2014, 10:50

Liebe Mitleserinnen und Mitleser,

es hat mich sehr beeindruckt, wie die Autorin die Hausgeburt im Pfarrhaus schildert. Das fing schon damit an, dass eine Vierzehnjährige zur Betreuung der kleinen Sanna engagiert wurde, rechtzeitig, so dass sie sich aneinander gewöhnen konnten. Das Mädchen wurde mit dem Kind in den Wald zum Blaubeerpflücken geschickt. Für alle Zeit war damit für Sanna die Geburt eines Kindes mit dem Blaubeerpflücken verbunden, was ja auch nicht das Schlechteste ist.
Das ganze Dorf hielt offensichtlich mehr oder weniger den Atem an und trug die Sorge des Pfarrers mit, ob alles gut gehen wird.
Und dann brauchte es weder Telefon noch Internet, um die gute Nachricht vom Eintreffen des Babys über die Insel zu verbreiten.
Ehe der Pfarrer es melden konnte, wussten es in der Gemeinde schon alle. Man kann wirklich sagen, dass die Kirchengemeinde eine große Familie ist, mit allen Vor- und Nachteilen. Und wie selbstverständlich dann die Nachbarn einsprangen beim Kühemelken, bei den Notwendigkeiten des Alltags, es funktionierte wie ein Räderwerk und das alles ohne große Worte.
Ohne große psychologische Erklärungen wurde darauf geachtet, dass die kleine Sanna, die nun "eine großt Schwester" geworden ist, in alles einbezogen wurde, um unnötige Eifersuchtsanwandlungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Besonders der Pfarrer achtete sehr darauf, dass die Rolle der "großen Schwester" von allen respektiert wurde, das ging so weit, dass er bei seinen Telefonaten mit seinen Eltern und Schwiegereltern zuerst das erfolgreiche Beerenpflücken und dann die Geburt des Kindes erwähnte.
Hat Euch dieses Kapitel auch so gut gefallen?

Mit herzlichen Grüßen
Eleonore

Marlis Beutel
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 30. September 2014, 21:31

Liebe Eleonore,

an diesem Kapitel hat mich besonders beeindruckt, wie die Autorin die Gefühle und Gedanken der beteiligten Personen beschreibt. Sanna bekommt noch gar nicht bewusst mit, was da passiert und vertieft sich erstaunlich ausdauernd ins Beerenpflücken. Ihre Betreuerin Cecilia hat eine Ahnung, die sie aber auch verunsichert, denn miterlebt hat sie eine Geburt noch nicht und was muss sie tun, falls sie einspringen muss? Die Mutter ist tüchtig und denkt praktisch wie immer, der Vater ist blass und weiß nicht so recht, wie er helfen könnte. Die Ärztin, die so gar nichts von sich preisgibt, wird auf einmal sympathischer.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Brigitte Höfer » Donnerstag 2. Oktober 2014, 10:37

Liebe Marlis,
auch mich hat beeindruckt, wie die Autorin die Gefühle und Gedanken der "beteiligten" Personen beschreibt. Aber nicht nur die Personen werden lebendig, sondern auch der Fortgang der Handlung: Die Handlung nimmt Schwung auf, schwenkt ins Nebenzimmer oder an einen anderen Ort, um dann dort zu verweilen und gemächlich und in aller Detailverliebtheit eine neue Atmosphäre mit anderen Handelnden zu schaffen.
Die Erzählkunst ist Thema auf S. 93: Der "silberzüngige" Arthur erzählt. "Es ist, als würde man bei der Hand genommen und durch die Schrittfolgen des Tanzes geführt: Man nickt und lächelt, wenn man ein Zeichen erhält, und dann schwebt man übers Parkett." ... "und der Pfarrer, der zu Hause gelernt hat, die Redekunst seines Vaters mit großer Skepsis zu betrachten, wird hier trotzdem hingerissen und verführt. Arthur muss seine Seele verkauft haben, um dermaßen erzählen zu können."
Mir kam das Bild einer Puppenspielerin, die alle Fäden in der Hand hält und ihre Puppen zierlich und nett anzusehen tanzen lässt. Eine Idylle, die die Autorin jäh enden lässt. Eigentlich nicht nett. Wir wollten doch die Idylle, die Harmonie, den Glauben an die Friedfertigkeit der Menschen.
Interessant finde ich, dass die Autorin dem auktorialen Erzähler, der ja nie in Erscheinung tritt, den Ich-Erzähler Anton gegenüberstellt: als Schatten sozusagen. Jemand, der weiß, dass das Glück nicht dauert.
Liebe Grüße, Brigitte

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Re: "EIS", unser neues Buch ab 15.9.2014

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 3. Oktober 2014, 14:53

Liebe Brigitte,

Du hast recht. Gerade habe ich mir die Seite 93 noch einmal angesehen. Ulla-Lena Lundberg kann erzählen, dass man fasziniert ist. Aber sie blickt auch hinter die Fassaden, sehr im Gegensatz zum "silberzüngigen Arthur" und auch im Gegensatz zum Pfarrer, der seine Naivität noch nicht verloren hat.
Mona muss ihm immer wieder retten; sie weiß das auch.
Mir fällt der Kontrast auf zwischen dem warmherzigen Stil der Autorin und dem erschreckenden Buchtitel.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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