Peter Härtling. Liebste Fenchel

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Dienstag 2. September 2014, 11:55

Liebe Marlis,

als Fanny und Clara Schumann sich trafen, hatte Clara schon auf Wunsch und Drängen ihres Vaters eine Karriere in der Öffentlichkeit gemacht. Aber privat hatte sie sich eben so wenig wie Fanny nach eigenem Ermessen entfalten dürfen. Jahrelang hat ihr der Vater die Liebe zu Robert Schumann verboten, ist sogar gerichtlich gegen Schumann in dieser Sache vorgegangen. Erst als es dem Vater passend erschien und Schumann als Komponist anfing anerkannt zu werden, hat er die Heirat erlaubt. Er hat sich also verhalten wie Lea, die Mutter von Fanny. Es scheint damals nicht ungewöhnlich gewesen zu sein, dass die Eltern sich gegenüber den eigentlich schon erwachsenen Kindern solche Gängelungen und Übergriffe erlaubten.
Die Familie Mendelssohn hatte ja die künstlerische Entfaltung von Felix sehr, sehr unterstützt, was seine Auftritte und die Anerkennung in der Öffentlichkeit betrifft. Selbst Felix hat manchmal gezögert, bei aller Liebe zu seiner Schwester, diese zur Durchsetzung ihrer Ansprüche in dieser Angelegenheit zu ermutigen. Er war ein Mann und fürchtete zu Recht vielleicht doch die Konkurrenz aus der eigenen Familie, wenn es um seine Karriere ging. Es fällt mir auf, dass er kurz vor Fannys Tod, ihr wieder mehr Mut zusprach, sich durchzusetzen als Komponistin. Die Menschen sind leider immer in die Erwartungen ihrer jeweiligen Zeit eingebunden und können nicht immer ihren Begabungen gemäß handeln, wenn die Unterstützung der Familie aber auch die der öffentlichen Meinung fehlt.
Gemessen an vielen anderen Schicksalen von Frauen haben sowohl Fanny Mendelssohn als auch Clara Schumann noch relativ viel Förderung von Seiten der Familie erfahren. Wenn man bedenkt, wie viele Begabungen unentdeckt geblieben sind, weil ganze Gesellschaftsschichten sich den herrschenden Konventionen und der öffentlichen Erwartung gebeugt haben. So viel weibliches Können und Wissen ist nur im Geheimen und im Rahmen der Familie gediehen. Wie gut, dass das nun anders ist.

Eleonore grüßt herzlich

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 2. September 2014, 14:15

Liebe Eleonore,
danke für Deinen sehr interessanten Beitrag!!!
Wenn ich mir den Brief ansehe, den der Vater zu Fannys Konfirmation schrieb, dann erschrecke ich. Denn hier heißt es: "... Deiner Mutter, und ich darf wohl auch fordern, Deinem Vater bis in den Tod gehorsam und ergeben..."
Auch in meiner Familie gab es die Überzeugung, der Vater habe immer recht, und nur das Kind zweifle zeitweise, um am Ende des Lebens einzusehen, dass der Vater doch immer recht gehabt habe.
Glaubte man das tatsächlich? Mussten die Eltern früher sich früher so verhalten, weil sie für Diskussionen mit den Kindern gar keine Zeit hatten? Ich erinnere mich daran, dass ich als Erwachsene
nie das Gefühl hatte, unfehlbar zu sein, sehr im Gegensatz zu dem, was die andere Generation mich gelehrt hatte.
Herzliche Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Dienstag 2. September 2014, 17:07

Liebe Marlis,

wie recht Du hast, was den Konfirmationsbrief des Vaters betrifft. Als ich diesen Ausspruch vor einiger Zeit gelesen habe, traute ich meinen Augen nicht. Allein das Wort "fordern" kann einen ja erschrecken. Es klingt wahrhaft militärisch. Und doch standen solche Dinge sicher auch in vielen Briefen anderer Familien, da die Eltern damals (und Lehrer auch) allgemein so autoritär waren. Auch ich erinnere mich noch an autoritäres Verhalten in meinem Elternhaus, aber auch an viele Auseinandersetzungen darüber, da meine ältere Schwester und ich das nicht mehr einfach so hingenommen haben, als wir keine Schulkinder mehr waren. Meine ältere Schwester und ich haben uns da manchen Ärger mit meinen Eltern eingehandelt, weil wir den Eltern widersprochen haben. Wir hatten in vielen Dingen die gleichen Pflichten wie die Erwachsenen, warum sollten wir dann nicht die gleichen Rechte haben? Das waren unsere Argumente, die schwer zu widerlegen waren. Meine jüngeren Geschwister haben dann davon profitiert, bei ihnen war es dann schon anders. Man wundert sich trotzdem, dass sich solche Familienstrukturen so lange halten konnten. Andererseits waren Familien für den einzelnen oft die einzig verlässliche Instanz in den wechselhaften Zeiten. Das sieht man auch in der Mendelssohn-Familie, dass jeder sich immer wieder in den Schoß der Familie zurückbegab, wenn es ihm "draußen" schlecht ging. Wenn man allein das Ein- und Ausziehen der erwachsenen Kinder, das Kommen und Gehen und sich gegenseitig helfen liest, dann ist das doch auch sehr berührend. Es gab kein langes Fragen nach Schuld, nach eigenem Versagen, sondern man rückte einfach ein bisschen zusammen, damit die Rückkehrer Platz fanden. Vielleicht hatte der Vater dieses Wissen im Hintergrund, als er Gehorsam "forderte". Er wusste ja von seinem eigenen Einsatz, den er zu geben bereit war.

Das ist das Faszinierende an Biographien, dass man sich immer wieder bewusst wird, dass früher vieles, aber nicht alles besser war. Und wie sich die Freiheit, auf die wir heute pochen, erst nach und nach entwickeln konnte. Aber auch, welchen Preis wir alle dafür bezahlen.

Gruß aus Mannheim,
Eleonore

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