Peter Härtling. Liebste Fenchel

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 15. August 2014, 15:44

Liebe Erna,

nein, darüber haben wir noch nicht gesprochen, dass die Kinder schon früh Verantwortung übernehmen mussten, vor allem Fanny. Ich erinnere mich nicht, dass Fanny mit Puppen gespielt hätte. Auf S. 36 unten bemerkt Cousine Rebekka Meyer, Felix sei "engelschön", Fanny hingegen "etwas stark altklug". Fanny soll auch auf den temperamentvollen Felix aufpassen.
Auf S. 39 äußert sich die Familie, was aus den beiden begabten Kindern werden soll: Felix ein berühmter Musiker, Fanny, "ein bisschen schief und öfter störrisch", wird heiraten. Die Kinder "gehen miteinander um wie kleine Erwachsene." S. 39 unten. Zum Glück können die beiden sich aber auch mit Hilfe der Musik abreagieren, wenn sie in Stress geraten sind.
Gelegentlich störte es mich beim Lesen, wie sehr die Musik den Alltag bestimmt.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Freitag 15. August 2014, 17:43

Liebe Marlis,
dass Fanny auf ihren kleinen Bruder aufpassen und gewissermaßen auch für ihn „da sein“ musste, habe ich wohl zur Kenntnis genommen, aber nicht darüber nachgedacht. Schließlich war es in meiner Kindheit nicht anders, und die älteren Kinder passten, wenn es notwendig war, auf ihre jüngeren Geschwister auf, und es wurde ihnen damals – mehr als ein Jahrhundert später - manchmal schon früh Verantwortung übertragen.
Wie mag das heute sein, da sich so vieles in unserem Leben geändert hat, frage ich mich jetzt, da die Mütter oft berufstätig sind und Kindermädchen, wie in unserer Zeit, nicht mehr zur Verfügung stehen. Sind Geschwister heute ebenso füreinander engagiert und bereit oder setzt die frühe Entwicklung zur Selbstständigkeit auch hier nun andere Maßstäbe? In der Literatur erinnere ich mich nur an ähnliche Situationen und ihre Bewältigung, wie sie hier Peter Härtling am Beispiel von Fanny und Felix beschreibt.
Ich stelle immer wieder mit Freude fest, welche Anregungen wir durch die Diskussionen in unserem Literaturkreis erhalten, der diesmal, wie ich finde, besonders lebhaft ist.
Mit Wochenendgrüßen aus Bad Homburg, Hildegard

Erna
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Erna » Freitag 15. August 2014, 18:19

Meiner Meinung nach wird Fanny überfordert mit der Aufgabe, die ihr gestellt wird. Felix weiß nämlich, sein Können und seine Beliebtheit sehr gut einzusetzen. Fanny merkt und weiß es, dass sie immer hinter dem Bruder zuückstecken muss. Es ist nur gut, dass beide durch die Musik manches abbauen, abreagieren können. Trotzdem glaube ich, dass es nicht immer so besonnen zugegangen ist, wie es Härtling beschreibt. (Ein bisschen bekam ich auch bei meinen eignen Kindern von der Rivalität zu spürten!) Sicher, beide sind Genies, aber auch die haben Gefühle.
Ein schönes Wochenende
wünscht Erna

Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Samstag 16. August 2014, 15:16

Liebe Erna,

dass er sich in die Geschichte selbst einbringt, ist typisch für Härtling, besonders bei seinen biographischen Erzählungen.
Er pflegt gerne einen "geschwisterlichen" Umgang mit seinen Protagonisten, was er sicher auch tun kann, da er sich immer sehr gut vorbereitet und den verfügbaren Briefwechsel und andere Dokumente gründlich liest, so dass sich bei ihm vermutlich ein "familiäres" Gefühl zu seinen Figuren einstellt.
Ich finde das ganz nett und gewöhne mich schnell daran.

Mich hat der Umgang der Mendelssohn-Geschwister auch sehr beeindruckt (so wie es Marlis auch ergangen ist). Auch noch im Erwachsenenalter haben sie sehr engen und regelmäßigen Kontakt miteinander gepflegt und die jeweiligen angeheirateten Partner haben anscheinend ohne Klage diese Gewohnheit geteilt, wie die Nichten und Neffen dann auch. Man hat sich (außer man war ein Genie) damals anscheinend noch nicht so viel Mühe gegeben, sich vom Elternhaus abzulösen und sich zu individualisieren. Man hat sich aber auch zeitlebens für die Geschwister verantwortlich gefühlt und sich auch gegenseitig in jeder Hinsicht unterstützt, wie man anlässlich der häufigen Todesfälle in dieser Familie beobachten kann. Auch wenn eine Geburt zu erwarten war, eilten alle herbei und machten sich nützlich. Das war vielleicht auch nötig, denn es gab ja weder eine Krankenkasse noch ein Notarztsystem wie bei uns jetzt. In eine Familie eingebettet zu sein, war wohl "überlebenswichtig". Diesen Eindruck habe ich beim Lesen der Biographie gewonnen.

Viel Spaß beim Lesen.

Liebe Grüße an alle
Eleonore

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 18. August 2014, 19:45

Liebe Lesegruppe,
diese Mendelssohnfamilie muss ja wie ein Magnet auf alle angeheirateten Familienmitglieder gewirkt haben. Lea, die Mutter, hatte sehr viel Einfluss. Auf den Seiten 319-321 geht der Autor besonders auf sie ein. Auch Leas Mutter, Bella, ist sehr angesehen und spielt immer wieder eine wichtige Rolle.
Nach Leas Tod soll das Haus verkauft werden. Damit fällt die Familie vermutlich auseinander.
Wie Erna frage ich mich, ob das Zusammenleben so vieler Menschen in einer Familie immer harmonisch gewesen sein kann. Aus Erfahrung in meiner Familie weiß ich aber, dass dominante Persönlichkeiten leicht von anderen respektiert werden.
Grüße von der Bergstraße,
Marlis

HildegardN
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 20. August 2014, 15:21

Liebe Literaturfreunde,
Marlis' Ausführungen zu einem harmonischen Zusammenleben in einer Großfamilie stimme ich aus eigener Erfahrung voll zu. In meinem Verwandtenkreis gab es einst u.a. zwei Familien mit je acht und zehn Kindern (einmal mit neun Buben), in denen sich dies bestätigte.
Viel mehr noch beeindruckt mich die gewonnene Freiheit, die uns, den weiblichen Mitgliedern der inzwischen herangewachsenen Generationen zuteil wurde. Es sind ja inzwischen mehr als zwei Jahrhunderte vergangen, seit Fanny auf die Welt kam.
Fanny gelang es schließlich, sich in ihrer Familie – und auch darüber hinaus – durchzusetzen. Sie war zur Zeit ihres „Durchbruchs" etwa 25 Jahre alt, und Peter Härtling beschreibt sehr anschaulich ihren lang erkämpften Erfolg:
Am 8.Juli 1831 stand sie vor dem Orchester und den Sängern, hob den Taktstock – das Privileg ihres Bruders – und hörte die ersten Takte des von ihr komponierten „Lobgesanges“.
Die Sonntagskonzerte wurden Mode. Der Zulauf war gewaltig. Oft drängten sich 300 Personen im häuslichen Gartensaal und auf der Terrasse. Fanny dirigierte energisch das übliche Orchester und trat nun als Pianistin öffentlich auf.
„Ich spiele Klavier, doch ich dilettiere nicht, ich habe es gelernt, es ist meine Profession“, ließ Fanny die etwas erstaunten Zuhörer wissen, die ihr verlegen zugestanden, dass sie ihr Können außerordentlich schätzten.
Fanny hatte sich durchgesetzt - als erfolgreiche Künstlerin und auch als Frau. -
Mit vielen Grüßen aus dem Taunus, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 20. August 2014, 18:20

Liebe Mitlesende,
gestern beschäftigte ich mich noch einmal mit Fannys Heirat, die ja seltsam genug verlief. Zunächst durften die Verlobten überhaupt nicht miteinander kommunizieren, während Hensel in Italien war, dann hatte Hensel völlig zu Recht den Verdacht, der Verlobte sei Felix, nicht er. Die Besuche der verschiedenen Tanten waren auch wichtiger als Zusammenkünfte der Verlobten. Beim Lesen hat man den Eindruck, als sei eine Heirat zwar üblich, sei aber völlig zweitrangig. Wichtig seien allein die Familie und die Musik.
Ich sah im Internet nach, woran Fanny und ihr Bruder so früh starben. Es sollen Schlaganfälle gewesen sein.
Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Erna
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Erna » Mittwoch 20. August 2014, 19:55

Unter google "Fanny Hense"l ist ein sehr guter Artikel vom Spiegel aus dem Jahre 2003. Es gelang mir nicht den Link zu kopieren.
Da wird das Verhältnis der Geschwister Fanny und Felix eingehend beschrieben und auch auf die Rolle, die Fanny in ihrer Familie gespielt hat. Im Jahre 2003 waren viele ihrer Musikstücke noch nicht veröffentlicht.
Ich hatte beim Lesen des Buches immer das Gefühl, so eine harmonische Familie ist doch gar nicht möglich! In diesem Artikel jedenfalls wird gesagt, dass Fanny mit ihrer Mutter oft Auseinandersetzungen hatte.
Fanny stirbt mit 41 Jahren an einem Schlaganfall und ihr Bruder Felix ein halbes Jahr später, er dürfte also nicht einmal 37 Jahre gewesen sein.
Liebe Grüße
Erna

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 25. August 2014, 14:30

Liebe Mitlesende,

es fällt auf, wie wenig die Partner einander kennen bei der Verlobung und vermutlich auch bei der Eheschließung. Die Rollen waren wahrscheinlich festgelegt, man musste den Partner nicht unbedingt kennen und verstehen. Außerdem fällt auf, dass die Ärzte bei Krankheiten wenige Möglichkeiten hatten, den Patienten zu helfen. Die Menschen wurden folglich weniger alt als heute und die Kindersterblichkeit dürfte viel größer gewesen sein.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Erna
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Erna » Montag 25. August 2014, 18:30

Es ist erstaunlich, dass das Ehepaar Hensel, trotz der geringen Möglichkeiten sich vor der Eheschließung kennzulernen, sich doch unverhältnissmäßig gut vertrugen und dass Hensel, wie Fenchel ihren Mann in ihren Tagebüchern nennt, für seine Frau sehr viel Verständnis aufbringt. Mir stehen übrigens die Personen im zweiten Teil des Buches, also nach Abrahams Tod, menschlich sehr viel näher als am Anfang.
Was ich so aufregend finde, ist,dass alle so musikalisch sind, dass sie beim Lesen der Noten, sich die Klänge viorstellen können.
Dann meine ich noch, dass die Konversion der Familie Mendelsohn zum evangelischen Glauben, eigentlich eine Konversion zu Bach war. Hätte es Bach nicht gegeben, wäre die Konversion nicht erfolgt.
Schöne Grüße
Erna

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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Dienstag 26. August 2014, 14:11

Liebe Erna,

der Gedanke hat sich mir auch aufgedrängt beim Lesen, dass es eine totale Hinwendung zu Bach war, die die Familie zusammengeschweißt und die auch die Annahme des evangelischen Glaubens nahegelegt und erleichtert hat. Warum auch nicht.

Ich teile auch die Ansicht von Marlis, dass es erstaunlich ist, dass die Eheleute, die sich doch bei der Heirat nur wenig kannten, so gut vertragen haben. Die Erwartungen und die Rollenverteilungen waren ja bekannt und so konnte sich jeder bemühen, sie zu erfüllen. Ich glaube auch, dass tragende Pfeiler dieser Ehen der Respekt und die Achtung vor dem Partner waren. Vielleicht täte das den heutigen Ehen auch ganz gut.

Dass die Medizin die vielen Sterbefälle im Kindesalter noch nicht verhindern konnte, ist ein trauriger Aspekt in dieser Zeit, in der die Handlung des Buches angesiedelt ist.

Es grüßt Euch herzlich
Eleonore

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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 26. August 2014, 15:46

Ja, Bachs Musik wird in dieser Familie ungeheuer geschätzt, aber es ist nicht Bach allein, der sie bewegt zu konvertieren. Auf S. 103 unten sagt Fanny: "Ich verstehe, ... warum meine Eltern evangelisch geworden sind. Wir Juden sind nicht besonders angesehen und die Missgunst der anderen verfolgt uns."
Auf S. 118 unten sagt Rebekka: "Was hilft es, dass wir ihre Religion annehmen und unsere vergessen, was hilft es?" Felix versucht die Mutter zu trösten und sagt: "Es ist die Religion, die Bach zu seiner Musik bewegte. Zu einer Musik, die du liebst und die dich erfüllt."
Interessant ist auch der Brief, den der Vater aus Paris zur Konfirmation seiner Tochter schickt auf S. 68/69. Die Familie ist nicht besonders religiös und konvertiert aus anderen Gründen.
Überrascht hat mich eine Bemerkung von Felix, der Chopin gehört hat und nicht beeindruckt war. Aber ich kann die Stelle jetzt nicht finden.
Viele Grüße,
Marlis
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Mittwoch 27. August 2014, 18:01

Liebe MitleserInnen,

zu meiner Freude habe ich gerade in der Tageszeitung von dem neuen Buch von[b] Bernhard Schlink[/b] gelesen.
Es heißt „[b]Die Frau auf der Treppe[/b]“, ist beim Verlag Diogenes, Zürich, erschienen, hat 245 Seiten und kostet 21,90 Euro.

Die Geschichte wird „vom Ende her“ erzählt, was dem Leser Gelegenheit gibt, mit Schlink gemeinsam darüber nachzudenken, wie es gewesen wäre, wenn an einem Schnittpunkt eines gelebten Lebens die Weichen anders gestellt worden wären.
Ich habe alle Bücher von Schlink gelesen und einige davon mehrfach. Sie haben mir alle sehr gefallen in Stil und Inhalt.
Bernhard Schlink, der ja Jurist ist, fasst alles in kurze knappe Sätze und Kapitel, weiß eine Geschichte zu raffen, ohne dass die Übersicht dadurch verloren geht. Eben wie ein Jurist. Und die Spannung kommt nicht zu kurz. Dafür sorgt seine Lebenserfahrung.

Deshalb würde ich gerne vorschlagen, dieses Buch in der Gruppe zu lesen.

Herzlich grüßt
Eleonore

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 27. August 2014, 20:24

Liebe Eleonore,

was Du ansprichst, habe ich mich auch schon gefragt. Es hätte ganz leicht alles ganz anders kommen können. Deshalb würde ich gern Deinen Vorschlag unterstützen.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 29. August 2014, 09:38

Die Italienreise der Familie wird sehr anschaulich geschildert, meist aus Fannys Blickwinkel. Wie abenteuerlich ist diese Reise! Interessant auch die Begegnung mit Gounod. Man kann sich diesen Komponisten gut vorstellen.
Clara Schumann kann im Gegensatz zu Fanny sehr wohl in der Öffentlichkeit auftreten, gibt auch im Ausland Konzerte und hat eine Familie! Sie ist jünger als Fanny, und ihre Familie scheint sie nicht einzuengen.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

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