Peter Härtling. Liebste Fenchel

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Erna » Dienstag 29. Juli 2014, 19:35

Mit dem realen Treffen klappt es im Augenblick nicht so. Das soll aber nicht ein Grund dafür sein. dass wir auch nicht mehr lesen-
Wir fangen also am 1. August mit dem Buch von Peter Härtling: Liebste Fenchel an.
Viel Spaß wünscht
Erna

Eleonore Zorn
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Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Donnerstag 31. Juli 2014, 23:10

Liebe Erna, liebe Mitleser,
ich freue mich, dass wir ein Peter Härtling-Buch lesen werden.

Dieser Roman handelt von der innigen und dauerhaften Liebe und Treue der begabten Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn. Fanny wurde 1805 als ältestes von vier Kindern der reichen jüdischen Familie von Lea und Abraham Mendelssohn in Hamburg geboren. Später zog die Familie nach Berlin, wo sie den christlichen Glauben annahm und sich danach Mendelsseohn Bartholdy nannte. Fanny‘s musikalische Begabung fiel schon sehr früh auf und wurde im musischen Elternhaus sehr gefördert. Vier Jahre später erblickte ihr Bruder Felix das Licht der Welt. Auch er komponierte und musizierte sehr früh und erfuhr jede nur erdenkliche Förderung, so dass ihm nach und nach eine große Karriere als Komponist in ganz Europa möglich war. Das war zur damaligen Zeit leider für ein begabtes Kind weiblichen Geschlechts nicht vorgesehen. Fanny‘s Vater äußerte sich dahingehend sehr deutlich:
„Die Musik wird für Felix vielleicht Beruf, während sie für dich stets nur Zierde sein darf und soll“.

Die Geschwister erhielten im Elternhaus, in dem die Geistesgrößen der damaligen Zeit häufig Gast waren, eine gleichwertige Ausbildung und förderten sich gegenseitig ihr Leben lang durch brieflichen Gedanken-Austausch über musikalische Belange. Fanny akzeptierte ihr Schicksal als Frau in ihrer Zeit, gab Hauskonzerte und komponierte im Geheimen. Manche ihrer Stücke wurden unter dem Namen des Bruders veröffentlicht.
Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde später sehr berühmt und war auch in England ein gern gesehener musikalischer Gast. Aus dieser Zeit sind viele schriftliche Zeugnisse vorhanden, die das gute Einvernehmen zwischen den beiden Künstlern bezeugen.
Fanny heiratete 1829 Wilhelm Hensel. Auch nach der Heirat blieb der Kontakt zwischen den Geschwistern erhalten. Felix Mendelssohn-Bartholdy blieb zeitlebens der größte Bewunderer von Fanny‘s musikalischer Begabung, aber er konnte ihr Schicksal, das als Frau um 1800 von Konventionen und Traditionen bestimmt war, nicht ändern.

Peter Härtling gelingt es in dem Buch, dem Leser einen lebhaften Eindruck des Geisteslebens und der musikalischen Atmosphäre im Elternhause Mendelssohn Bartholdy
zu vermitteln. Auch die innige Verbundenheit zwischen Fanny und Felix findet reichlichen Ausdruck anhand ihrer Kompositionen und ihres Briefwechsels
Den Namen "Fenchel" gab Felix seiner Schwester übrigens deswegen, weil sie ihm als Kind gerne Fencheltee servierte.

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Über den Autor werde ich in den nächsten Tagen etwas ins Forum schreiben.

Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Samstag 2. August 2014, 12:17

Peter Härtling, Autor der Biografie über Fanny Mendelssohn-Bartholdy:

Peter Härtling ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sein schon früh von leidvollen Erfahrungen geprägtes Leben gab ihm für autobiografische Romane reichlich Stoff. Später schrieb er sehr einfühlsam geschilderte Kinderbücher. Die heutige Lebenswelt von Heranwachsenden beschreibt er in diesen Büchern, die auch sehr gerne von Erwachsenen gelesen werden. Alle Themen unserer Zeit wie z.B. Alter und Tod, Erste Liebe über Grenzen hinweg, Behinderung, Patchworkfamilien finden darin ihren Widerhall. Die Bücher wurden fast alle zu Bestsellern und einige sind erfolgreich verfilmt worden. Einige Titel seien genannt: „Oma“, „Ben liebt Anna“, „Das war der Hirbel“, „Krücke“.
„Nachgetragene Liebe“ handelt vom Vater, der früh in einem russ. Gefangenlager starb. „Zwettl“ vom Dorf in Niederösterreich, in dem er nach der Flucht aus Mähren lebte. Der Selbstmord der Mutter (als er dreizehn war), das Dasein als Waise und Flüchtlingskind, die Erinnerungen an Ereignisse im Krieg und in der Nachkriegszeit, all diese Schrecknisse seiner Kindheit und Jugend verarbeitete er schreibend in eindrucksvoller Weise.
Später galt seine Liebe den Biografien von Musikern wie Schubert, Schumann, Mozart sowie Fanny, der Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Peter Härtling taucht ganz ein in die jeweilige Epoche sowie das künstlerische und private Umfeld seiner Figuren.und bringt uns ihre Begabungen, ihre Freuden und Leiden sowohl als Künstler und als Menschen in lebhafter Weise nahe.

Peter Härtling ist zu Recht mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden. Er ist verheiratet mit seiner Jugendliebe, ist Vater mehrerer Kinder und hingebungsvoller Opa zahlreicher Enkel.
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Die Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe:
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„Liebste Fenchel: Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi“
384 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch (19. Mai 2011)
ISBN 978-3-462-04312-9
Euro 19,99, Taschenbuch Euro 9,90, Ebook Euro 9,99
Das Buch ist außerdem im Online-Handel gebraucht ab 4,89 Euro + Versandkosten erhältlich.

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 4. August 2014, 10:15

Liebe Eleonore,

danke für Deine Informationen! Ich begann die Lektüre nicht sehr gern, denn es ist ein großer Unterschied, ob ein Autor über erfundene Gestalten schreibt oder über Menschen, die tasächlich gelebt haben. Oft empören auch die Konventionen, die überhaupt nicht hinterfragt wurden und heute wenigstens bei uns überwunden scheinen.
Was an der Lektüre aber fasziniert, ist das Leben in dem anderen Jahrhundert. Ich denke an die Reise, die diese reiche Familie unternimmt (Kapitel 14). Was für ein Aufwand!
Es war auch damals problematisch genug, Jude zu sein.
Härtling erzählt die kurzen Kapitel oft so dicht, dass man sie zweimal lesen muss. Was ist wahr? Was hat der Autor erfunden, nachdem er gründlich recherchiert hat?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Dienstag 5. August 2014, 00:43

Liebe Marlis, liebe Mitleser,

das Schöne ist, dass man früher so viele Briefe geschrieben und sie auch aufgehoben oder untereinander kopiert und weitergereicht hat. Es gibt also sehr viel schriftliches Material über das Leben von Fanny und Felix, vor allem auch, weil beide selbst so schreibfreudig waren.
Das war ein reiches Feld für Härtling, das er auch genutzt hat. Ich hatte vor langer Zeit schon die Biografien gelesen und finde im Buch alles bestätigt, was auch in Lexika und natürlich bei wikipedia erwähnt ist. Schön finde ich aber, wie Peter Härtling die einzelnen Szenen lebhaft ausgeschmückt und lebendig dargestellt hat und die berühmten Zeitgenossen wie Goethe u.a. in den Roman eingebunden hat. Das ist anschauliche, lebendige Geschichte, besser als aus jedem Geschichtsbuch in der Schule. So sehe ich es und genieße den Einfallsreichtum Härtlings. Es war für ihn in diesem Falle nicht nötig, besonders viel dazu zu erfinden. Den Besuch des kleinen Felix bei Goethe findet man z.B. in vielen Büchern über Goethe und in seinen eigenen Briefen. Die Italienreise des Ehepaares Hensel ist in Briefen ebenfalls sehr gut dokumentiert. Es gibt verschiedene Bücher darüber. Und natürlich immer wieder Notenbüchlein, musikalische Dokumente, Konzertankündigungen, Berichte von Zeitgenossen.
Und leider nur allzu wahr: Auch damals hatten die Juden unter Vorurteilen und Vorschriften schon zu leiden. Wie verständlich, dass einige nach einem Ausweg suchten. Ich finde es sehr interessant, wie Härtling die Reise nach Frankfurt so darstellt, als sei es eine Vergnügungsreise gewesen, obwohl die ganze Familie doch eigentlich unter einer großen Anspannung war, ob der Plan, sich in Frankfurt taufen zu lassen, gelingt.


Herzlich grüßt Eleonore

HildegardN
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 6. August 2014, 13:34

Liebe Mitleserinnen,
die bisherigen Diskussionsbeiträge haben mich besonders erfreut und natürlich auch nachdenklich gemacht, wie das in unserem Leserkreis immer wieder der Fall ist.
Marlis macht auf die von Peter Härtling beschriebenen Konventionen aufmerksam und fügt hinzu: „.. die heute wenigstens bei uns überwunden scheinen“. In meiner Kindheit und frühen Jugend wurde ich mit ihnen noch konfrontiert. -
Peter Härtling befasst sich in seinem Roman „Liebste Fenchel“, der fast einer Biografie gleichkommt, sehr einfühlsam mit dem Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn und geht intensiv auf die musische Entwicklung der begabten Mendelssohn-Kinder Fanny und Felix ein. Felix war der strahlende Stern seiner Familie.
Schon früh musizierten die Geschwister zusammen. Während Felix mit neun Jahren seinen ersten Konzertauftritt hatte, musste Fanny zeitlebens im Schatten des Bruders stehen, weil sich ein öffentlicher Auftritt, und gar ein Broterwerb, für Frauen ihres Standes nicht schickte.
Während Fanny am Klavier und als Sängerin im Familienkreis auftrat, erwarb sich der vier Jahre jüngere Felix schnell den Ruf eines Wunderkindes – auch dank der Förderung durch seine Schwester, mit der er früh zu komponieren begann.
Anders als Felix konnte sich Fanny – als begabte Konzertpianistin und Komponistin - nicht entfalten, da sie nicht für die Öffentlichkeit, sondern von ihrer Familie lediglich für die Ehe vorgesehen war. Peter Härtling bringt das in seinem Buch sehr deutlich zum Ausdruck.
„Felix gehört längst der Welt“, entgegnete Abraham, der Vater, seiner Tochter Fanny bei einem sie belehrenden Gespräch, „von ihm wird viel erwartet. Und du, meine Fanny, gehörst nicht der Welt, du weißt es, du gehörst dem Haus, gehörst der Familie.“
Fanny musste um ihre Chancen kämpfen – lebenslang.
Lesergrüße an alle,
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 6. August 2014, 14:36

Liebe Mitleserinnen,

das Buch ist spannend, voller Ereignisse. Was mich wundert, ist, dass so begabte Musiker wie Fanny und Felix nie zu üben brauchen. Sie können einfach alles. Niemals Fingerübungen?
Konventionen machen das Leben bequemer für diejenigen, die sich danach richten. Für Fanny schränken sie ein. Sie liebt musikalische Herausforderungen ebenso wie ihr Bruder. Durch den Wohlstand der Familie muss sie sich nicht um Haushalt und Kinderbetreuung kümmern wie andere Frauen. Wieviel Begabung mag schon sang- und klanglos untergegangen sein, weil sie gar nicht gepflegt und gefördert werden konnte!

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Freitag 8. August 2014, 11:32

Liebe Mitleserinnen,
Die Lebenswege der beiden hochbegabten Geschwister Mendelssohn entwickelten sich immer unterschiedlicher voneinander, und Fanny begann zunehmend unter ihrer Zurücksetzung gegenüber ihrem Bruder zu leiden.
Während Felix immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit trat, musste Fanny sich auf das Wirken im Kreise der Familie beschränken.
Fanny empfand es zunehmend als ungerecht, dass ihr Bruder seine Wunderknabenkarriere starten durfte, während sie ihre nicht geringeren Talente nur im privaten Kreis präsentieren konnte. Sie war auf die „Bühne" der häuslichen Sonntagskonzerte beschränkt.
„In den Sonntagsmusiken bist du gewissermaßen als Glied der Familie zu bewundern“, versuchte ihr Vater sie zu überzeugen und fügte hinzu: „Ich habe es dir als deine Bestimmung erklärt, Fanny. Was willst du dir das antun?“
„Nein Papa“, entgegnete Fanny, ich spiele Klavier und komponiere wie Felix. Ihr denkt wahrscheinlich: Frauen können das nicht. Ich kann es!“
Fanny war gerade 20 Jahre alt, und Felix, der dem Gespräch beigewohnt hatte, stimmte ihr zu. --
Peter Härtling beobachtet und schildert diese Situation sehr genau und regt seine Leser damit u.a. auch an, Vergleiche zu ziehen, den inzwischen eingetretenen Wandel zu erkennen und die jetzige Entscheidungsfreiheit einzuschätzen.
Mit Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Eleonore Zorn
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Eleonore Zorn » Freitag 8. August 2014, 15:55

Liebe Hildegard, liebe Mitleser,

das von Dir erwähnte Kapitel hat mir ebenfalls klar gemacht, dass wir die Freiheiten, die wir heutzutage als Frau genießen, manchmal vielleicht gar nicht mehr genug zu schätzen wissen. Wenn selbst in einem relativ weltoffenen Haus wie dem der Familie Mendelssohn das Talent der Tochter so "unter dem Deckel" gehalten wird, wie mag es da in anderen Familien gewesen sein, die von vornherein traditioneller oder unter noch strengeren Moralvorstellungen lebten.
Schlimm fand ich, wie die Mutter von Anfang an die Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Wilhelm Hensel und Fanny Mendelssohn-Bartholdy ganz selbstverständlich in die Hand nahm und geradezu generalstabsmäßig dirigierte. Sie hatte von Anfang an einen Plan, wie die Sache laufen sollte und sie hatte anscheinend auch einen genauen zeitliche Rahmen vor Augen. Dass Fanny und Wilhelm aber nicht einmal Briefe austauschen durften (was für andere Liebespaare ihrer Zeit doch auch schon selbstverständlich war), das scheint mir nicht weniger als grausam. Um so unverständlicher ist es mir, dass Fanny sich diesem Reglement unterworfen hat, so nach dem Motto "meine Mutter wird schon wissen, was für mich gut ist".
Na ja, es ist ja alles gut gegangen. Wir verdanken dem Briefwechsel zwischen berühmten Liebespaaren doch auch viele Einsichten in die Gedankenwelt und die Lebensweise von jungen Menschen vieler Epochen. Dem Autor Härtling hat die auffallende Schreibfreudigkeit der ganzen Mendelssohnfamilie einen wunderbaren Leitfaden für seinen biographischen Roman geliefert. Zu schade, dass gerade der Briefwechsel zwischen Fanny und Wilhelm so rigoros unterbunden worden war. Da man damals auch oft schon mit 17 heiratete, lässt sich diese große Vorsicht der Mutter nicht mit der "Unreife" der Tochter erklären. Eher schon damit, dass Lea Mendelssohn abwarten wollte, wie sich das Talent und die Karriere des Malers Wilhelm Hensel entwickeln wird. Er hat sie nicht enttäuscht.
Ich bin nun gespannt, ob sich die Familie auch in die Liebesangelegenheiten von Felix einmischen wird. Vermutlich nicht, da man einem Mann damals anscheinend zutraute, selbst richtig zu wählen. Obwohl das ja nun gerade bei "Wunderkindern" nicht immer der Fall war und ist.

Gelobt sei das Briefeschreiben, wie sonst hätten wir denn all diese interessanten Einzelheiten erfahren können. Gelobt seien auch die fleißigen Leser dieser reichen Mitteilungsflut. Dank vor allem den Schriftstellern, die daraus kurzweilige Roman schreiben.

Ein schönes Wochenende und viel Vergnügen beim Weiterlesen wünscht
Eleonore

Marlis Beutel
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 8. August 2014, 16:58

Liebe Mitleserinnen,

in dieser Familie wird eigentlich niemand in die Selbständigkeit entlassen. Alle bleiben beisammen, vergrößern höchstens das Haus. War das damals üblich? Nahm die Familie in umfassenderer Form ihre Verantwortung wahr, z.B. weil Frauen gar keinen Beruf hatten und, falls sie nicht heirateten, verhungert wären? Auch diesen Gesichtspunkt sollten wir berücksichtigen. Wann wehrten sich die Frauen gegen dieses Muster?
Als ich zur Schule ging, waren die Lehrerinnen nicht verheiratet. Es gab an meinem Wohnort eine vierklassige höhere Mädchenschule. Wer Abitur machen wollte, ging anschließend in die Oberschule für Jungen, wo nur Männer unterrichteten.
Es gab das Sprichwort "lange Haare, kurzer Verstand". Die weiterführende Schule kostete damals Schulgeld (von dem man aber befreit werden konnte bei guter Leistung und geringem Einkommen). Manche Eltern schickten nur ihre männlichen Sprößlinge in die weiterführende Schule, denn die Töchter würden ja heiraten und brauchten keine lange Ausbildung.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 12. August 2014, 07:14

Liebe Mitlesende,

danke, dass wir gerade dieses Buch lesen und danke, Eleonore, für Deine erläuternden und weiterführenden Beiträge!
Felix Mendelssohn Bartholdy war mir natürlich bekannt, Fanny aber nicht. Sie gehört unbedingt zu unserer Kulturgeschichte. Kein Wunder, dass sich bereits andere Autoren mit ihr beschäftigt hatten.
Härtling war mutig genug, es noch einmal zu tun. Das Buch kam mir ungeheuer dicht vor, voller Ereignisse für diese so unterschiedlich reagierenden Geschwister. Es sieht so aus, als hätten sie ihr kurzes Leben sehr intensiv gelebt. Auch die Eltern hatten viel an die Kinder weitergegeben, leider hatten sie Fanny gebremst.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Dienstag 12. August 2014, 10:16

Liebe Marlis,
es waren die Regeln der damaligen Zeit und auch die der gehobenen Gesellschaftsschichten, die Fanny bremsten. Heute wäre sie von allen Seiten, vor allem wohl von ihrer Familie, gefördert worden. Aber es gab auch Unterschiede.
Seit Jahrhunderten schon waren meine Vorfahren selbständige Landwirte im Osten des damaligen Deutschland, und ich wuchs in einer Landwirtschaft auf. Wir Kinder wurden ganz unterschiedlich erzogen. Mein Bruder war als Hoferbe vorgesehen und wurde von meinem Vater entsprechend angeleitet und ausgebildet. Auch ein Studium war (vielleicht) vorgesehen.
Meine Schwester und ich wurden zur Selbständigkeit erzogen, mit dem Ziel, als mitarbeitende Bauersfrau Verantwortung für den Haushalt und das Personal zu tragen. Auch hierfür waren besondere Ausbildungsgänge vorgesesehen, nicht aber der Besuch eines Gymnasiums, denn das war für Mädchen ja überfüssig, weil sie ja sowieso heirateten...
Gruß, Hildegard

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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 12. August 2014, 10:45

Liebe Hildegard,

ja, so war das damals, und dann kam alles völlig anders als geplant und vorhergesehen. Die Kriege, so fürchterlich sie waren, dürften den Status der Frauen verändert haben, aber auch die rasante technische Entwicklung mit den Erleichterungen im Haushalt, ebenso die Pille.
Wahrscheinlich würden die Geschwister Mendelssohn heute von der Weiterentwicklung der Medizin profitieren und nicht so früh und schnell sterben wie damals.

Mit herzlichen Grüßen
Marlis
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 13. August 2014, 13:59

Liebe Mitleserinnen,
Ja, liebe Marlis, der Status der Frauen hat sich enorm verändert, wenn auch noch nicht für alle, und weitaus überwiegend erfreuen wir uns unserer gewonnenen Entscheidungsfreiheit, obwohl auch diese Probleme aufwerfen kann. Peter Härtling konfrontiert uns damit in seinem Buch als er Fannys zwiespältige Gefühle schildert:
Die Einschränkungen und Begrenzungen, denen sich Fanny bei der Ausübung ihrer Musik stellen musste, beeindruckten und verunsicherten sie, und immer wieder sinnierte sie, wie sie sich davon befreien könnte. Ihr Bruder Felix konnte es sich ja leisten, was ihr die ungeschriebenen Regeln nicht gestatteten. Wie oft hatte sie sich schon mit Spott und Wut gefügt, wenn es hieß, eine Frau darf den Künsten allenfalls im Hause dienen, ein Auftritt in der Öffentlichkeit wäre ungehörig - vor allem für eine Frau ihres Standes!
Abends, wenn ihr Mann aus seinem Atelier kam und sie mit ihrem kleinen Sohn Sebastian spielte, freute sich Fanny, eine Frau zu sein. War sie aber mit einem Lied oder einer Kantate fertig, wünschte sie sich, ein Mann zu sein. Sie könnte dann ihre Arbeit in Druck geben, darauf warten bis sie irgendwo aufgeführt würde, so wie Felix. --
Mit Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Erna
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Re: Peter Härtling. Liebste Fenchel

Beitrag von Erna » Donnerstag 14. August 2014, 19:51

Nun bin auch ich dazu gekommen mit der "liebsten Fenchel" anzufangen. Es war für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig, denn während P.H. erzählt bringt er sich selber als Erzähler mit ins Spiel, so als er am Anfang als Grund für die Auswahl des Themas, die Geburt seines siebten Enkels angibt. Oder das heutige Haus nennt, das an der Stelle des alten Mendelsohn Hauses nennt.
Sein Werk ist in 25 Kapitel aufgeteilt, die er entweder Etüden oder Intermezzi nennt. Diese Einteilung gibt ihm die Möglichkeit das Ereignis, das er sich ausgesucht hat, näher zu beleuchten. Bisher finde ich, dass trotz dieser Fokussierung, man einen guten Eindruck von der Familie des 19. jahrhuderts erhält. Was mich sehr beeindruckt, ist dass die Kinder, vorwiegend Fanny, sehr früh Pflichten zugewiesen bekommen und Verantwortung übernehmen. Man hat noch nicht die Jugend bis ins Erwachsenenalter verlängert.
All dies habt ihr ja schon angesprochen.
Schöne Grüße
Erna

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