Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Eleonore Zorn
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Registriert: Donnerstag 14. September 2006, 16:45
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Re: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Beitrag von Eleonore Zorn »

Liebe Erna,

ja, ich teile Deine Ansicht, dass Katja Petrowskaja sich selbst bei ihrer verspäteten Suche nach den Wurzeln der Familie und auch ihre Familie "ironisch" betrachtet. Dieser Selbstschutz durch Ironie ist verständlich und hilft auch uns Lesern, einige der Wahrheiten im Buch leichter zu ertragen. So sehe ich es und bin froh darüber.

Eleonore

Marlis Beutel
Beiträge: 364
Registriert: Mittwoch 5. April 2006, 18:54
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Re: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitlesende,
vielleicht sollte ich noch einmal etwas zu unserer Lektüre schreiben.
1945 erfuhr ich auf dramatische Art und Weise, was der Nationalsozialismus angerichtet hatte. Ich war sehr jung und hatte keine Ahnung, wie man als Deutsche mit solcher Schmach umgeht. Bis heute weiß ich es nicht. Kein Mensch wäre damals nach Deutschland eingewandert, die Heimatvertriebenen mussten es und brauchten alle Energie, um hier Wurzeln zu schlagen.
Ich war nicht heimatvertrieben.
Katja Petrowskaja hat es geschafft, in einer ihr neuen Sprache über das Schicksal ihrer Familie zu schreiben. Sie lebt auch hier. Ich staune, in welchem Ausmaß die Zeit Wunden heilen läßt. In mir hat das Buch die verheilten Wunden wieder geöffnet. Neue Erkenntnisse brachte es nicht.
Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Beitrag von Erna »

Mir gefällt das Buch sehr gut. K. Petrovskaja erzählt Geschichten aus ihrer weit über verschiedene Länder verbreiteten Familie unter Einbeziehung der realen Vorgänge der jeweiligen Zeit. Sie erzählt sie aber so, dass sie nicht nur Schuld zuweist, sondern sie schreibt ebenso über das Verhalten von Kommunisten, der Sowjetunion und ihren eigenen Verwandten..
Vor einiger Zeit brachte der Sender hr2 die täglichen amtlichen Bekanntmachungen aus dem Warschauer Ghetto. Nichts was ich bisher über die ja von mir durchlebte Zeit in Hitlerdeutschland, Krieg, Flucht und Lager gehört habe, hat mich so beeindruckt, wie diese 10 Minuten jeden Tag, an denen die Nachrichten verlesen wurden. Das gleiche Empfinden habe ich auch bei dem Buch gehabt.
Die Ereignisse werden erzählt, ohne dass ich jeden Augenblick mich als Mitschuldige fühlen musste.
Erna

Erna
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Re: Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Beitrag von Erna »

Seit einer Woche habe ich das Buch "Vielleicht Esther" zu Ende gelesen. Ich meine , mit Gewinn. Sicherlich hat es an -Fakten nicht viel Neues gebracht, aber es ist in einer Art geschriebent, dass man nicht ständig ein schlechtes Gewissen hat, wenn man zu den Generationen gehört, die damals schon lebten.
Interessant fand ich auch den Schluss, als Katja ihren Großvater sucht, der erst nach vierzig Jahren zu seiner Frau zuück kam, er ist der Einzige, der Ukrainer ist und dessen Lebensweg, die verschiedenen Lager, in denen er war, zwar aufzufinden waren, aber der Mensch verschwunden.
Erna

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