Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Erna » Montag 14. April 2014, 20:00

Eleonore hat mir schon einen so schönen Bericht über das o.g. Buch geschickt, dass ich ihn ins Forum anstelle einer Einleitung von mir stellen möchte:


Liebe Erna,
danke für Deine Informationen.
Ich habe den Traumsammler gelesen. Es ist ein wunderbares Buch. So wie ein Buch nach meinem Empfinden sein soll.
Im Gegensatz zu dem Schreibstil von A. Klüssendorf, die die Sätze wie Steine hinwirft, ist die Geschichte trotz der vielen verschiedenen Handlungsstränge gerafft und überschaubar und die Sätze und Wörter plätschern wie ein langsamer Fluss dahin.
Wunderbare blumige Redewendungen, die so ganz anders sind als die nüchtern hingeworfenen Sätze in heutigen deutschen Büchern. Natürlich sind die Farbigkeit und der Stil aus der alten arabischen Tradition hergeleitet, sozusagen die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Es ist ein Buch, das man gerne liest, obwohl es auch keine heile Welt beschreibt.
Der Autor beschreibt aber die schlimmen und schrecklichen Dinge nicht aus Freude am Darstellen der Grausamkeit, sondern gerade so deutlich, dass der Leser sich in der Fantasie selbst ein Bild davon machen kann. Die Fernsehbilder aus Kabul, die wir ja inzwischen alle in unserem Hinterkopf haben, helfen dabei.
Es sind gute, böse und grausame Charaktere in der Geschichte und den Geschichten ineinander verwoben. Das Schöne ist, dass man besser v e r s t e h t , warum sie gut oder böse sind oder handeln. Die Entwicklung der Dinge verläuft meistens nachvollziehbar und logisch. In dem Buch „April“ fühlte ich mich in dieser Hinsicht oft ratlos und von der Autorin sozusagen im Stich gelassen.
Ein wirklich lesenswertes Buch.
Viele Grüße von Eleonore,
die den Traumsammler über Ostern zu Ende lesen wird.

HildegardN
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 16. April 2014, 20:47

Die Bad Homburger Stadtbibliothek hat mir rechtzeitig zu unserem Lesebeginn den vorbestellten Roman "Traumwandler" zur Verfügung gestellt. Schon der Klappentext hat mich auf das Buch neugierig gemacht und Ernas Text im Forum mein Interesse beflügelt. Bisher habe ich erst das erste Kapitel gelesen, aber es hat mich bereits motiviert, mich auf das Weiterlesen zu freuen.
Besonders beeindruckt hat mich die Art und Weise, wie der Vater auf seine Kinder eingeht, wie er ihnen zum Beispiel die "Gute Nacht-Geschichte" erzählt. Das setzt ein tiefes Gefühlleben und Verständnis voraus, das natürlich dem Autor innewohnen muss. Und das erschwert es natürlich zu verstehen und auch zu tolerieren, dass der Vater die Trennung der Kinder vornimmt, obwohl er doch weiß, dass er vor allem seinem Sohn einen starken und vielleicht auch lebenslangen Trennungsschmerz zufügen wird - und sich selbst vielleicht auch.
Aber das wird die Zukunft erweisen, die sich für den Leser auf den nächsten 400 Seiten des Romans öffnen wird.
Hildegard

Eleonore Zorn
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Eleonore Zorn » Donnerstag 17. April 2014, 21:27

Liebe Hildegard, liebe Mitleser,

wenn man einigermaßen abgesichert und versorgt lebt und sein tägliches Brot hat, dann kann man es nicht verstehen, dass der Vater ganz bewusst ein Kind weggibt, um den übrigen Familienmitgliedern für einige Zeit das Überleben zu sichern. Dass der Sohn Abdullah das eigentliche Opfer sein wird, hat der Vater zu dem Zeitpunkt vermutlich nicht überblickt.
Die kleine Schwester war noch so klein, dass sie unter der Trennung sehr bald nicht mehr gelitten hat, da viele neue und schöne Eindrücke alles überlagert haben. Später erfährt man, dass der Vater durchaus eingeweiht war in die wohlmeinenden Pläne, die sein Cousin und die späteren Adoptiveltern hatten. Er hat dafür auch die eine oder andere Entschädigung erhalten.
Abdullah war nicht eingeweiht und ihm muss der Vater wie ein Monster erschienen sein.

Der Anfang der Geschichte erinnert sehr an die Geschichte von Abraham und Isaac. Ich habe als Kind große Schwierigkeiten gehabt, zu akzeptieren, dass Abraham seinen Sohn zu opfern bereit war, weil er Gott seinen Gehorsam beweisen wollte. Ich fand das immer so grausam. Gott hat sich nicht als Vater erwiesen, denn er hat ja sozusagen "Übermenschliches" von seinem Diener Abraham verlangt. Das war nicht fair, so denke ich auch heute noch. Das Leben verlangt in Krisenzeiten von den Menschen oft unfaire und grausame Entscheidungen. Aber Gott hatte ja die Wahl, im Gegensatz zu den Menschen. Er hätte Abraham diese Prüfung auch ersparen können.

Im späteren Verlauf des Buches erfährt man mehr über die große Not in dem Dorf Sabbagh und man versteht, dass die Entscheidung des Vaters zur Rettung der Familie vor der Hungersnot gefallen war, denn der nächste Winter stand bevor. Die Natur verhielt sich im Winter nicht zimperlich und raffte Jahr für Jahr viele Kleinkinder hinweg, die vor Hunger und Kälte starben.

Aber natürlich fällt es schwer, eine solche Entscheidung zu akzeptieren, wenn man selbst gerade gut versorgt ist und sozusagen aus dem Vollen lebt. Es ist eine besondere Gabe des Autors, dass er die Geschichte einfach erzählt ohne moralisch zu werten. So wie man sich auch heute noch Märchen erzählt, in denen oft auch solche Entscheidungen zu treffen sind, die nicht immer gut ausgehen.

Nach dem Lesen des Buches freut man sich, dass man solchen Prüfungen nicht ausgesetzt ist oder war. Ich glaube, es verleitet zu einem Gefühl der Dankbarkeit.

In diesem Sinne wünscht Eleonore allen Mitlesern ein frohes Osterfest

HildegardN
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Sonntag 20. April 2014, 15:01

Liebe Mitleserinnen,
danke, liebe Eleonore, für Deine schnellle und ausführliche Antwort. Mit Interesse, aber auch von einer gewissen Spannung begleitet, lese ich nun fast täglich in unserem gemeinsamen "Lesebuch" Der Traumsammler. Dabei hat mich besonders das vierte Kapitel (S.88.151) beschäftigt, das ein an MrMarkos gerichtetes Schreiben von Nabi, dem einstigen Diener und einzigen Erben des Suleiman Wahdati enthält.
Dieses Schreiben, das in einigen Passagen auch einem Abschiedsbrief und einem Vermächtnis entspricht, enthält eine Schilderung der Ereignisse und Lebensumstände eines halben Jahrhunderts in Kabul und geht teils auch ausführlich auf die bereits vom Autor vorgestellten Personen ein.
Es hat mich sehr berührt, ja auch fasziniert, wie es dem Autor gelungen ist, so viele Informationen in ein einziges Kapitel zusammen zu fassen, dass auf gut 60 Seiten fast vollständige Lebensbilder entstehen, die die Leser auch nachvollziehen können. Sehr deutlich und klar bringt der Autor die Stären und Schwächen der handelnden Personen zum Ausdruck und spart auch nicht mit der Schilderung intimer und kompromittierender Aspekte.
Khaled Hosseini geht in diesem Kapitel auch auf die Kriege in Afghanistan ein, auf ihre Auswirkungen auf Stadt und Land und die dortige Bevölkerung, und er lässt auch anschließende Wiederaufbau- und Hilfsmaßnahmen nicht aus. Die Hilfe, die der durch einen Schlaganfall behinderte Suleiman durch den engagierten Nabi erfährt, hat mich besonders beeindruckt, zumal der Autor hier auch ein Bild einer intensive Plege und die damit verbundenen Anforderungen und Probleme zeichnet.
Aus meiner Sicht hat das virte Kapitel viel dazu beigetragen, diesen Roman als besonders lebenswert zu beurteilen und Verständnis für die handelnden Personen und ihr Verhalten bzw. ihre Entscheidungen zu empfinden. Ich bin gespannt, ob und in wie weit der weitere Inhalt des Romans meine bisherigen positiven Eindrücke bestätigen oder evtl. sogar steigern wird.
Mit Ostergrüßen aus Bad Homburg, Hildegard

HildegardN
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 23. April 2014, 17:59

Liebe Mitleserinnen,
wie bei vielen Büchern, die ich gelesen habe, hat mich auch diesmal der Titel des Romans "Traumsammler" interessiert. Worauf ist er zurückzuführen, und wie ist er zustande gekommen, beschäftigten mich u.a. einige meiner Fragen.
Zunächst konnte ich keine Beziehung zwischen Inhalt und Titel feststellen, aber ganz zum Schluss bekam ich die Erklärung im laufenden Text präsentiert.
Im 9.Kapitel des Romans berichtet Pari, die Tochter Abdullahs, der vor vielen Jahrzehnten als Zehnjähriger seine kleine Schwester, die er innig liebte, einer Familie zur Adoption überlassen musste, dass ihr Vater einst mit ihr vor dem Einschlafen häufig folgendes gespielt habe: Das Erfinden oder Ausdenken sowie gegenseitige Verschenken von Träumen. Das Spiel bestand aus dem Einsammeln von schlechten und das Säen von schönen Träumen. Daran erinnert sich Pari, die damals ein Kind war, noch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter.
Trotz dieser Erklärung, bleibt allerdings meine mir wichtigste Frage offen. Was hat dieser Roman, in dem soviel bedrückende und zerstörische Realität zum Ausdruck kommt, mit Träumen gemein, es sei denn, dass es Albträume sind.
Gruß, HildegardN

HildegardN
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Donnerstag 24. April 2014, 09:56

Liebe Mitleserinnen,
meine gestern gestellte Frage fand ich schon eine knappe Stunde nach meinem kurzen Beitrag beantwortet. In einer Rezension vom 02.11.2013 fand ich folgende Erklärung: "Es sind keine Märchen aus tausendundeiner Nacht, die der in Kabul (Afghanistan) geborene Autor hier erzählt. Die meisten Träume, die er eingesammelt hat, sind Albträume. ImSMitttelpunkt fast aller Episoden stehen Menschen, die vom Schicksal hart getroffen wurden, denen Beängstigendes widerfuhr, die eine Schuld tragen, schwer krank sind, ihre Lebensziele nicht verfolgen können, ewig Suchende, die aufgeben, sich ergeben oder zugrunde gehen können."
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Homburg,
Hildegard

Erna
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Erna » Donnerstag 24. April 2014, 11:41

Zur Überschrift "Traumsammler", die uns Hildegard so schön erklärt hat: Ich habe vor Jahren von meiner Freundin eine Figur eines Indianers geschenkt bekommen , der eine Scheibe in der Hand hält und Traumfänger heißt. Er soll die bösen Träume - Albträume - abfangen. Es ist doch interessant, dass zwei Völkker, die so weit auseinander wohnen ähnliche Bräuche haben.
Gibt es dies vielleicht auch in unserer Kultur? Es muss ja nicht Traumfänger oder -sammler genannt werden!
Schöne Grüße
Erna

Marlis Beutel
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 26. April 2014, 10:44

Das Buch, das wir lesen, heißt nicht "Der Traumsammler", sondern "Traumsammler", was den Umfang der Träume erweitert, auch die träumenden Personen.
Am Anfang des zweiten Kapitels störten mich die Schläge, die der Vater seinem Sohn versetzt, sehr. Er erklärt ihm nichts.
So verhielten sich die Erwachsenen bei uns früher auch.
Der Autor ist ein begnadeter Erzähler, und es tut dem Leser gut, dass die beiden getrennten Kinder am Ende wieder zusammenkommen, jedoch ohne happy end.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

Eleonore Zorn
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Eleonore Zorn » Samstag 26. April 2014, 13:47

Liebe Marlis und Mitleser,

es halt mich am Anfang auch irritiert, dass es schon lange vor dem Buch "Traumsammler" einen ähnlichen Titel gab, der sehr lange auf allen Bestsellerlisten stand. Es war "Der Traumfänger" von Marlo Morgan. Dann gibt es noch "Die Töchter des Traumfängers".
Den "Traumfänger" habe ich gelesen, lange her, und fand das Buch sehr interessant, sehr informativ was Australien betrifft, und sehr geheimnisvoll, denn es geht um die geheimnisumwobenen aus Träumen erfahrenen Kenntnisse der australischen Ureinwohner über ihre Vorfahren. Es sollen noch heute manche Menschen dort solche "Wahrträume" haben, die viel mit Naturgöttern und generell mit Naturerleben zu tun haben.

Ein Auszug aus der Beschreibung bei einem großen Versandbuchhändler:
"Was eine seltene Ehre ist, kostet die amerikanische Ärztin Marlo Morgan zunächst viel Kraft und Überwindung: eine dreimonatige rituelle Wanderung durch den australischen Busch als Gast der Aborigines. Doch im Laufe der strapaziösen Tour erfährt sie eine ungeheure emotionale Bereicherung und spirituelle Wandlung. "

Die Rezensionen in Deutschland überschlugen sich in Lobeshymnen. Australische Rezensenten hatten Bedenken, die vielleicht berechtigt sind.

Was den Erzählstil betrifft, so sind beide Bücher sehr schön, sehr lesbar und unterhaltsam geschrieben, finde ich.

Beste Grüße
Eleonore

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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 26. April 2014, 17:08

Liebe Eleonore,

ja, das Buch über Australien hat mich auch eine Weile beschäftigt. Geheimnisse ziehen uns an. Allerdings hört unser Interesse dort auf, wo sich andere abschotten oder wo man gezwungen wird, anders zu sein als Altersgenossen ( z.B. S. 394-400).

Viele Grüße,
Marlis
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 27. April 2014, 08:49

Liebe Lesegruppe,

zuerst las ich den ganzen spannenden Roman, dann sah ich mir das erste Kapitel noch einmal an. Es ist verblüffend, auf welche poetische Art und Weise der Autor seine nun folgende Geschichte vorwegnimmt. Sogar Einzelheiten stimmen: Der Vater weiß hinterher nicht mehr, was er auf seiner abenteuerlichen Wanderung erlebt hat. Aber dem ganzen Dorf geht es allmählich besser, die Hungersnot ist vorbei. Der Dämon sagt etwas sehr Bemerkenswertes zum verzweifelten Vater: "Hättest du so lange gelebt wie ich, ... dann wüsstest du, dass Grausamkeit und Güte zwei Seiten derselben Medaille sind." S.23
Sind nicht Traum und Realität ebenfalls zwei Seiten der gleichen Medaille?

Viele Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 30. April 2014, 16:02

Liebe Mitleserinnen,
vor kurzem fand ich ein Interview , das der Fischer Verlag am 11.09.2013 mit dem Autor des Romans "Traumsammler" führte. Vielleicht interessiert es auch Euch, deshalb habe ich es hier eingefügt.
Auf die Frage: Khaled Hosseini, was hat Sie dazu inspiriert, den Roman "Traumsammler zu schreiben", antwortete der Autor: »Ich möchte erforschen, wie Menschen in Familien miteinander in Verbindung sind«, und fügte hinzu:
Es war nicht so, dass es den einen Moment der Inspiration gab oder mir die Idee für den Roman als Ganzes plötzlich in den Sinn kam. Es war eher so, dass mich die Idee für das zentrale Motiv einige Zeit begleitet hat, zumindest unbewusst. Ich habe vielleicht schon 2007 angefangen, darüber nachzudenken, als ich mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk nach Afghanistan gereist bin, um dort Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren, zu besuchen. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war, von einigen Dorfältesten von den verheerenden Folgen erzählt zu bekommen, die die harten Winter in Afghanistan mit sich bringen. Vor allem verarmte Dorfbewohner sind davon betroffen. Immer wieder verlieren Kinder und Alte, Kranke und Behinderte, ihr Leben. Ich habe mir diese Geschichten mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination angehört, denn sie handeln vom Überleben, von den Entscheidungen, die diese Dorfbewohner treffen müssen und von den Strapazen, die sie auf sich nehmen, um ihre Familien durch die kalte Jahreszeit zu bringen.
Zurück in Kalifornien versuchte ich mir dann auszumalen, was ich unter denselben Umständen getan hätte. Ich versuchte mir die Verzweiflung vorzustellen, das quälende Abwägen im Entscheidungsprozess, was das Beste für die Familie ist und die schmerzlichen Kompromisse, die diese Menschen eingehen müssen. Langsam begann in meinem Kopf die Geschichte einer Familie – nicht unähnlich den vielen, die ich getroffen hatte – Gestalt anzunehmen, die in einem abgelegenen Dorf lebt und gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die die meisten von uns unerträglich finden würden. Im Zentrum dieser Familie stellte ich mir ein junges Bruder-Schwester-Paar vor, das zum unschuldigen Opfer wird. Der Roman beginnt dann auch mit einer Verzweiflungstat, die die Familie auseinanderbringt und letztlich zu einer Art Fundament oder Stamm wird, aus der die weiteren Geschehnisse des Romans wie Äste erwachsen. Die meiste Zeit des Schreibens habe ich damit verbracht, die weitreichenden Folgen dieser Trennung zu ergründen, die Leben zu erkunden, die sie berührt und verändert und all die unerwarteten Momente, in denen sie Jahrzehnte später nachhallt.

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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 1. Mai 2014, 11:32

Liebe Hildegard,

danke für den Beitrag!
Es passiert auf der Welt ständig, dass Familien sich trennen (müssen) und dass Menschen, die getrennt wurden, nach ihren Wurzeln suchen. Aber daraus einen derart eindrucksvollen Roman zu schreiben, ist eine großartige Leistung. Der Leser erfährt viel über Afghanistan, aber auch über Auswanderer. Ich war beeindruckt von der Französin Pari, die immer wieder französische Ausdrücke benutzt und auf diese Weise authentisch wirkt. Dass man zwischen den Kontinenten beachtliche Strecken zurücklegen muss, ist heute anscheinend kein Problem mehr.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 1. Mai 2014, 15:48

Liebe Lesegruppe,

beim zweiten Lesen fällt mir auf, wie sehr die Menschen leiden und schweigen. Man könnte auch über Paris Abwesenheit sprechen und sich darüber freuen, dass sie es in der Pflegefamilie besser hat als zu Hause.
Auch der Autor schweigt. Er erzählt die Geschichte wie von fern und sehr behutsam, und der Leser empfindet das Leiden der Menschen mit.
Wenn ein Mensch ein Trauma verarbeiten will, dann muss er darüber sprechen. Vielleicht geschieht das am Ende des Buches?

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: Khaled Hosseini: Der Traumsammler

Beitrag von HildegardN » Donnerstag 1. Mai 2014, 16:55

Liebe Mitleserinnen,

ich habe den Roman "Traumsammler" mit regem Interesse gelesen, und er hat mir nicht nur viele, sondern auch vielseitige Eindrücke vermittelt, zumal er auch das aktuelle politische Geschehen aufgreift.
Anstatt hier meine wesentlichen Lese-Eindrücke zu beschreiben, habe ich einige Rezensionen ausgewählt, in denen ich meine Beurteilungen wiedergefunden bzw. bestätigt gefunden habe. Unberührt davon bleibt die Schilderung oder Erwähnung persönlicher Empfindungen, die keine Pauschalierung zulassen, für die Beurteilung des Gelesenen aber eine bedeutende Rolle spielen. Ich werde mich zu gegebener Zeit hiermit befasssen.

Aus einigen Rezensionen zum Roman „Traumsammler“ von Khaled Hosseini:

„Der Autor springt zwischen Zeiten und Personen hin und her, so dass dieses Buch schon eine Konzentration erfordert“.

„Allerdings handelt es sich hier nicht um einen geschlossenen Roman, sondern um eine Sammlung von verbundenen Erzählungen“.

„Es ist wie ein riesiges Puzzle, in dem die einzelnen Teile durch die schicksalhaften Wendungen der einzelnen Figuren miteinander verknüpft sind“.

„Der Roman wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt“.

„Jedes Kapitel in diesem Buch hat seinen eigenen Protagonisten, dessen Lebenswege sich nach und nach immer immer mehr mit denen von Pari und Abdullah kreuzen“.

„Das Besondere an dem Buch ist nicht der Kulturmix (Afghanistan, Paris, USA und die verschiedenen Zeiten), sondern die verteilte Erzählweise. Jedes Kapitel ist aus der Sicht einer anderen Person beschrieben, die mehr oder weniger in das Leben der Hauptdarsteller involviert sind“.

Mit frischen Maigrüßen aus Bad Homburg, Hildegard

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