John Williams: Stoner

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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John Williams: Stoner

Beitrag von Erna » Dienstag 28. Januar 2014, 18:18

Wir hatten ausgemacht, dass wir als nächstes Buch John Williams: Stoner lesen werden. Es war ja dieses Mal eine schwierige Findung. Erst nachdem das Buch von E. Heidenreich so außerordentlich gut besprochen wurde, ist die Wahl auf das Buch gefallen. Ich habe hier einige Anmerkungen gefunden.
Viel Spaß beim Lesen
Erna


Die Geschichte, die John Williams in seinem Roman "Stoner" erzählt, beginnt mit der Geburt des Protagonisten 1891 und endet mit dessen Krebstod 65 Jahre später. Stoner wächst auf einer Farm in Missouri auf, studiert dann in Columbia, 60 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt, und verbringt sein ganzes Leben in dieser Stadt. Seine Karriere bleibt bescheiden, die Ehe ist ein Desaster, seine Tochter vernachlässigt ihr Kind und trinkt. Ein Durchschnittsleben. Was wird davon bleiben?

"Stoner" ist ein ernster Entwicklungs- und College-Roman. John Williams erzählt chronologisch, stringent, leise und ohne Schnörkel. Wie sein Protagonist hält er sich zurück, er verzichtet auf sprachliche Extravaganzen und formale Experimente.

Der aus Texas stammende Literaturprofessor John Edward Williams (1922 – 1994) veröffentlichte 1948 seinen ersten Roman – "Nothing But the Night" – und im Jahr darauf einen Gedichtband: "The Broken Landscape". 1965 folgte "Stoner". Es war sein dritter Roman.

Keines seiner Werke wurde zunächst ins Deutsche übersetzt. Erst 2013 veröffentlicht der Deutsche Taschenbuch Verlag eine von Bernhard Robben vorgenommene deutschsprachige Übertragung des Romans "Stoner", und zwar nicht als Taschenbuch, sondern in Leinen gebunden, mit karminrotem Vorsatz und Lesebändchen.

Marlis Beutel
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 29. Januar 2014, 10:26

Das Buch beginnt ebenso sachlich wie genau. Die Beschreibungen sind so präzise, dass man annehmen könnte, der Autor habe sich die Geschichte gar nicht ausgedacht. Was für ein Leben! Die kleine Familie schuftet und ist gar nicht gewohnt, miteinander etwa zu diskutieren. Als der Vater dem Sohn vorschlägt, er solle zur Universität gehen, ist es ganz selbstverständlich, dass der Sohn gleichzeitig arbeitet, um die Kosten selbst zu tragen.
Mich erinnert der Anfang an das, was ich auch über meine Vorfahren erfuhr, die als Bauernsöhne erstaunliche Strecken zu Fuß zurücklegten, um eine Ausbildung zu absolvieren.
William wächst ohne Geschwister auf, d.h. er lernt auch gar nicht, sich mit anderen zu messen und sich im späteren Leben eventuell zu behaupten.
Ist es Zufall, dass der Autor John Williams heißt und seinem Helden den Vornamen "William" gibt?

Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 29. Januar 2014, 16:55

Liebe Lesse- und Diskussionsfreunde,
wie bereits im Forum angedeutet, ist es das Leben eines amerikanischen Farmerssohnes, des Protagonisten William Stoner, das wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg begann und nach einer immer wieder promblemreichen, fast lebenslangen Universitätslaufbahn endete, das den Inhalt dieses Romans bestimmt.
Zugleic aber ist es das Leben und Geschehen an einer amerikanischen Universität, der Universität von Missouri, mit dem die Studierenden konfrontiert und das die Lehrenden, darunter auch William Stoner, verpflichtend eingebunden sind.
Für das Leben und Schicksal des William Stoner waren vor allem seine Lebens- und familienverhältnisse weitgehend mitbestimmend, wobei die Frage, die sich mancher Leser stellen mag, wie bei einer günstigeren Konstellation das Leben des Protagonisten glücklicer und erfolgreicher verlaufen wäre, weder gestellt, noch (in Form von Spekulationen oder Kommentierungen) beantwortet wurde.
Grüße aus Bad Homburg, Hildegard

Brigitte Höfer
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Brigitte Höfer » Mittwoch 29. Januar 2014, 20:13

Das Wort "Pflichterfüllung" meint man ganz groß über dieses Leben geschrieben zu sehen. Stoner geht ernsthaft und unbeirrt seinen Weg und erst auf Seite 245 verlässt er die gewohnte Bahn: "In seinem dreiundvierzigsten Jahr erfuhr William Stoner, was andere, oft weit jüngere Menschen vor ihm erfahren hatten: dass nämlich jene Person, die man zu Beginn liebt, nicht jene Person ist, die man am Ende liebt, und dass Liebe kein Ziel, sondern der Beginn eines Prozesses ist, durch den ein Mensch versucht, einen anderen kennenzulernen."
Ich fand es total spannend, wie Williams beschreibt, wie die Ehefrau Edith sich immer wieder neue Infamien ausdenkt, um Stoner zu quälen und zu demütigen. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen: was denkt sie sich als Nächstes aus?! :evil:
Wenn man dann weiß, dass Williams vier Mal verheiratet war, hat er sicherlich einige seiner Erfahrungen in dieser einen Person hier unterbringen können... Aber genial geschildert!
Und es ist nur systemkonform, dass eine wahre Liebe in dieser Umgebung (dem puritanischen, kapitalistischen Amerika) nicht existieren kann.

Brigitte

Marlis Beutel
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 30. Januar 2014, 08:13

Liebe Mitleserinnen,

wenn man das Buch noch nicht kennt und die bisherigen Beiträge liest, fragt man sich, weshalb dieses Buch überhaupt vorgeschlagen wurde. Mich hat beim Lesen vor allem William Stoner interessiert, der ein liebenswerter Mensch ist und es auch bleibt. Er lernt sogar (im kapitalistischen und puritanischen Amerika) echte Liebe kennen. Seine Beziehung zu der kleinen Tochter ist berührend. Man fragt sich, weshalb er sich ein Scheusal als Ehefrau ausgesucht hat. S. 71-73 berichtet Williams, wie Edith erzogen wurde. Eine solche Erziehung ist nur in einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht möglich und natürlich mit erheblichen Ansprüchen verbunden. Stoner hat nicht gelernt, sich mit anderen auseinanderzusetzen und das Verhalten der anderen zu hinterfragen. Er selbst entwickelt sich aber zum engagierten Lehrer. Das konnte man nicht ohne weiteres erwarten nach seiner bäuerlichen Herkunft.

Viele Grüße,
Marlis
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 2. Februar 2014, 15:29

Liebe Mitleserinnen,

die Episode mit dem behinderten Studenten Walker hat mich sehr berührt. Stoner rückt nicht von seiner Überzeugung ab, dass dieser Student ein Blender ist und ungeeignet als Dozent, während der ebenfalls behinderte Lomax den Studenten ganz anders beurteilt und ihm dazu verhilft, beim zweiten Versuch das Examen zu bestehen. Es kommt zur erbitterten Feindschaft zwischen den beiden Dozenten. Stoner verliert, weil der andere Fachbereichsleiter ist und die Studenten auf seine Seite zieht. Jetzt denkt Stoner daran, die Universität zu verlassen und an eine andere zu gehen. Aber seine Frau hat sich gut eingelebt und will keine Veränderung.
Stoner gibt nach und bleibt.
Seine Integrität macht Stoner zum Verlierer. Als Leser findet man einen solchen Menschen sympathisch.

Viele Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von HildegardN » Sonntag 2. Februar 2014, 18:59

Liebe Marlis,
die Auseinandersetzung Stoners mit dem Doktoranden Charles Walker und seine Entscheidung, ihn durch die Prüfung fallen zu lassen, hat auch mich beschäftigt.
Allersings stimme ich mit Stoners Begründung überein, dass eine positive Bewertung der Prüfngsergebnisse nicht zu rechtfertigen sei. Zuviel Unregelmäßigkeiten und Wissenslücken des Kandidaten ließen ein "Bestanden" nicht zu, und auch sein Verhalten hat Stoners Entscheidung unterstützt.
Stomer musste die Konsequenzen tragen, aber ich meine, dass er durch das Gespräch mit Gordon Finch darauf vorbereitet war.
Liebe Marlis, in einem früheren Beitrag äußertes du die Frage: "Ist es ein Zufall, dass der Autor John Williams heißt und dem Protagonisten den Vornamen William gibt?"
Ich habe mich mit dieser Frage ebenfalls beschäftigt, aber während des Lesens bisher keine Antwort gefunden. Kürzlich entdeckte ich in einer Besprechung des NDR Kultur folgende Bemerkung über den Hochschullehrer Stoner: ...der wahrscheinlich nicht ganz zufällig schon im Namen einige Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer John Williams hat.
Grüße aus Bad Homburg, Hildegard

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 2. Februar 2014, 20:49

Liebe Hildegard,

über Deinen Beitrag freue ich mich. Ja, wahrscheinlich hat sich Williams mit einem Vorfall auseinandergesetzt, der ihn sehr beschäftigt hat. Er wollte ihn auch publik machen, deshalb die Namensähnlichkeit.

Viele Grüße,
Marlis
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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Annemarie Werning » Montag 3. Februar 2014, 23:02

Ich bin an der Stelle, als Stoner Edith einen Heiratsantrag macht.
Bei der Beschreibung von Edith darf man die Zeit nicht vergessen, in der sie erzogen wurde. Sie wird als wohl behütetes Kind geschildert, das die Fertigkeiten lernte, die man damals bei einer Frau der gehobenen Gesellschaftsschicht erwartete.
Ich kann nachvollziehen, dass Stoner von ihr fasziniert war, sie muss ihm wie eine Fee aus einer anderen Welt vorgekommen sein. Sie hat in ihm wohl auch einen Beschützeraffekt hervorgerufen. Aus heutiger Sicht erscheint es völlig unverständlich, dass er überhaupt kein Empfinden dafür besaß, dass sie keine Zuneigung zeigte. In der damaligen Zeit hat man wohl überhaupt viel weniger Gefühle gezeigt wie heutzutage. So sind die Eltern sowohl von Stoner als auch von Edith nicht liebevoll mit ihren Kindern umgegangen.
Hat er gedacht, ihre Zuneigung und Liebe werde selbstverständlich kommen, wenn sie verheiratet sind? Oder hat er sie lediglich besitzen wollen?
Wie kann man jemanden heiraten wollen, von dem man nicht weiß, ob er einen liebt?
Ich denke, das Verhältnis der Geschlechter zueinander hat sich in den 90 Jahren, die zwischen der Geschichte und der Jetztzeit liegen, fundamental geändert, besonders wohl in den Gesellschaftsschichten, in denen Frauen nicht zum Lebensunterhalt beitragen mußten.
Was meint Ihr?
Annemarie

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 4. Februar 2014, 12:11

Liebe Annemarie,

Du hast recht, diese Eheschließung und der spätere Verlauf der Ehe sind schon eigenartig aus heutiger Sicht.
Dass wir uns Gedanken darüber machen, zeigt aber auch, dass die Schilderung uns trotzdem nicht kalt lässt.
Heute berichtet meine Tageszeitung über die Moralvorstellungen der katholischen Kirche und die Handhabung ihrer Mitglieder, die sich erst zur kirchlichen Trauung entschließen, nachdem sie eine Weile zusammengelebt haben. Zitat: "Viele halten eine Eheschließung ohne voreheliches Zusammenleben gar für unverantwortlich."
Die Pille hat unsere Einstellung verändert. Früher kannte man einander gar nicht, wahrscheinlich wurden auch Gefühle nicht ernst genommen. Spielen Gefühle überhaupt eine Rolle, wenn es ums Überleben geht wie bei Williams Eltern? Spielen Gefühle bei Ediths Eltern eine Rolle? Später erschießt sich Ediths Vater nach einem Börsencrash in seiner Bank. Er hinterlässt keinen Abschiedsbrief. Als Edith davon erfährt, interessiert sie der Vater überhaupt nicht, sie denkt nur an die (finanzielle) Sicherheit der Mutter.
Dem Autor geht es aber um Gefühle. Deshalb spricht uns der Roman so sehr an.

Viele Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von HildegardN » Dienstag 4. Februar 2014, 16:25

„Eine lebenslange Niederlage“
ist der Titel einer Rezension von Thomas Andre`, erschienen in SPIEGEL ONLINE im November 2013, und mit folgender Einleitung: Das falsche Fach studiert, die falsche Frau geheiratet – überhaupt das falsche Leben gelebt. In seinem Roman „Stoner“ erzählt John Wiliams das berührende Drama eines Uni-Professors, dem schwant, dass er nie glücklich sein wird.
Ist William Stoner wirklich nie glücklich gewesen, war meine Frage, als ich dies las, habe darauf nachgeforscht und einige Texte hierzu gefunden.
Während seiner schon sehr fortgeschrittenen Erkrankung sinnierte William Stoner auf seinem Krankenlager, dass man sein Leben wohl für gescheitert halten würde, denn
Er hatte Freundschaft gewollt und freundschaftliche Nähe, die ihn im Schoß der menschlichen Gemeinschaft hielt; und er hatte zwei Freunde gehabt, der eine war sinnlos gestorben, ehe er ihn richtig kennenlernen konnte, der andere zog sich jetzt so weit in die Riege der Lebenden zurück, dass . . .
Er hatte die Einzigartigkeit, die stille, verbindende Leidenschaft der Ehe gewollt; auch die hatte er gehabt und nicht gewusst, was er damit anfangen sollte, also war sie gestorben . .
Er hatte ein Lehrer sein wollen und war einer geworden, doch wusste er, hatte es immer gewusst, dass er über weite Strecken seines Lebens nur ein mittelmäßiger Lehrer gewesen war . . .
Was hast du denn erwartet, fragte er sich. (S.344/345)
Einige Jahre früher, wohl unter dem Einfuss der heimkehrenden Studenten aus dem Zweiten Weltkrieg zu den Universitäten, gab er folgenden Gedanken und Schlussfolgerungen Ausdruck:
Die Jahre, die unmittelbar auf das Ende des Zweiten Weltkriegs folgten, waren seine (William Stoners) besten Jahre an der Universität und in mancher Hinsicht die glücklichsten Jahre seines Lebens . . .
Die Kriegsveteranen kehrten zurück und veränderten das Leben auf dem Campus, brachten eine Qualität mit, die es vorher nicht gegeben hatte . . .
Er arbeitete wie nie zuvor . . .
Die ihm eigenartig erwachsen scheinenden Studenten gingen ihre Studien an, wie Stoner es sich einmal von seinen Studenten erträumt hatte – als wäre ihr Studium das Leben selbt und nicht Mittel zum Zweck . . .
Während dieser Jahre wurde Stoner nur selten von seiner Hingabe an die Arbeit abgelenkt . . . (S.312/313).
Glück kann man nicht messen, aber ich kann es auch nicht interpretieren. William Stoner war m.E. zeitweise glücklich, wenn auch nicht „glücklich ein Leben lang“ - - aber wer ist das schon?
Mit Grüßen aus Bad Homburg, Hildegard

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 4. Februar 2014, 19:48

Liebe Hildegard,

nein, als lebenslange Niederlage kann ich die Geschichte Stoners auch nicht sehen. Er hat auch nicht das falsche Fach studiert. Wenn der Roman in einem solchen Ausmaß negativ wäre, würde man ihn dann mit Anteilnahme lesen?
Du hast recht, wer ist schon ein Leben lang glücklich? Das geht gar nicht.
Ich denke, Stoner ist einfach unbestechlich. Das zeigte sich bei der Benotung Walkers und zeigt sich wieder am Ende seines Lebens. Die Schlüsse, die er zieht, würde ein anderer so nicht ziehen.

Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Annemarie Werning » Mittwoch 5. Februar 2014, 16:31

Stoner ist ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt und auf Mitmenschen keine Rücksicht nimmt. Er wechselt sein Studienfach, ohne irgendwie für die Zukunft zu planen und an seine Eltern zu denken. Erst sein Lehrer bringt ihn darauf, dass er Lehrer werden könnte.
Er verrennt sich in die Liebe zu Edith, erst als er deren vermögendes Elternhaus kennenlernt, fragt er sich, ob die Entscheidung, sie zu heiraten, richtig war. Er kann ihr ja finanziell bei weitem nicht das bieten, was sie von zu Hause aus gewohnt war.

Fürchterlich finde ich, wie sich die sexuellen Beziehungen zwischen den Eheleuten entwickelt haben. Williams beschreibt sehr schön die Hintergründe: Sie ist ein Mädchen, das Angst vor der Sexualität hat, er kennt die Sexualität aus dem Tierreich. Beim ersten Beischlaf kommt es zu keinem Liebesspiel, er gibt seiner Wollust nach, so wie es Tiere tun. Daran, wie das auf das Mädchen wirkt, denkt er nicht. Es gab damals ja auch noch keine entsprechenden Beratungsbücher.

Die Ehe hätte durchaus gut werden können, wenn er Edith Zeit gelassen hätte, sich an ihn und an Zärtlichkeiten zu gewöhnen.
Annemarie

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 5. Februar 2014, 20:04

Liebe Annemarie,

Wie hätte sich Edith als Ehefrau entwickelt, wenn ihr Mann nicht ebenso unerfahren gewesen wäre wie sie?
Das ist eine interessante Frage, die wir nicht beantworten können. Es war ja früher nicht üblich, über Sexualität zu sprechen. Bei Katherine Driscoll erst erlebt Stoner, wie eine Beziehung zwischen Mann und Frau sein kann. Katherine ist zwar etwas erfahrener als Edith, aber auch ihre Einstellung zu Stoner ist völlig anders. Sie wirkt mehr wie eine moderne, gut ausgebildete Frau.
Ich war richtig betroffen, wie Edith mit ihrem Mann umgeht. Beispielsweise räumt sie sein Arbeitszimmer in seiner Abwesenheit aus. Das braucht sie selbst. Sie braucht auch ein ganzes Haus, obwohl der Mann Schwierigkeiten hat, es zu finanzieren.
Am Ende schimpft sie mit ihm, weil er ihr noch nichts von seiner schweren Krankheit gesagt hat, und was sie dann von sich gibt, ist alles andere als verständnisvolle Begleitung eines Todkranken.
Mir kommt Edith hilflos und egoistisch vor, ohne jedes Einfühlungsvermögen.

Viele Grüße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: John Williams: Stoner

Beitrag von Eleonore Zorn » Freitag 7. Februar 2014, 15:45

Liebe Marlis,
ich finde es auch geradezu unglaublich, wie Edith ihren Mann vorsätzlich kränkt, in die Irre führt, irritiert. Und doch versucht sie zeitweise, sich seinen Vorstellungen entsprechend zu verhalten. Sie ist eigentlich eine ganz bedauernswerte Person, die nie ihre innere Balance findet, sich immer in Extremen bewegt.
Ihr Verhalten am Ende sehe ich allerdings etwas positiver als Du. Ich finde es erstaunlich und finde es erfreulich, dass sie wenigstens die pflegerische Hilfe mit Geduld leistet, was ja nicht unbedingt zu erwarten war. Wenn sich die beiden Eheleute auch seelisch nicht mehr annähern können, zu viel Kränkungen haben sich angehäuft, so benehmen sie sich zum Ende hin wenigstens wie sogenannte "normale" Menschen.

Herzliche Grüße
Eleonore

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