Alice Munro: Tricks

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Brigitte Höfer
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Alice Munro: Tricks

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 2. Dezember 2013, 23:49

Ab Dezember lesen wir das Buch “Tricks“ mit acht Erzählungen der diesjährigen Nobelpreisträgerin für Literatur, Alice Munro. Die kanadische Schriftstellerin wurde 1931 in Ontario geboren. Ihre Berühmtheit verdankt sie fast ausschließlich der Kunstform der Short Story. In ihren Kurzgeschichten lotet sie die tief verborgenen Seelenregungen der auftretenden Personen aus. Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion.

Erna
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Erna » Dienstag 3. Dezember 2013, 16:44

Ungefähr die Hälfte der Erzählungen habe ich bereits gelesen.
Zunächst habe ich mir die Definition der Gattung "Erzählung" heausgesucht und habe bei Wikipedia das gefunden:
Eine Erzählung (lat.: narratio) ist eine Form der Darstellung. Man versteht darunter die Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form. Deren Ergebnis, eine Geschichte im Sinne des englischen Begriffs story, nennt man Narration. Der Akt des Erzählens wird Narrativität genannt. Das Attribut narrativ wird auch für die Methode verwendet, Sachverhalte und Lehren in Form von stories zu vermitteln.
Gleich auch noch die Definition von Roman:
Der Roman ist eine literarische Gattung, und zwar die Langform der schriftlichen Erzählung. Das Wort Roman ist ein Lehnwort aus dem Französischen und bedeutet „Erzählung in Versen oder Prosa“
Also sind beide literarische Formen sich sehr ählich.
Bei den vorliegenden Erzählungen geht es in mehreren, vielleicht allen? um Juliet und ich stellte auch eine Entwicklung der Protagonistin fest.
Die bisher Gelesenen könnten auch uns widerfahren sein und ich habe daher eine große Nähe zu meinem normalen Leben empfunden
Grüße aus Frankfurt
Erna.

Annemarie Werning
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Annemarie Werning » Mittwoch 4. Dezember 2013, 20:15

Ich habe die beiden ersten Erzählungen gelesen.
Die erste: Eine Ehe, in der man nicht mehr miteinander spricht, der Mann ständig schlechte Laune hat und nicht auf die Frau eingeht. Ihn nervt es, wenn sie weint, er fragt nicht, warum. Als dann eine lange Periode schlechten Wetters, finanzieller Sorgen, bei der Frau ein schlechtes Gewissen wegen eines geplanten Komplotts gegen die als wohlhabend vermutete Nachbarin und letztlich der Verlust einer geliebten Ziege hinzukommt, läßt sich die Frau dazu überreden, aus der Ehe auszubrechen und nach Toronto zu fahren. Im Bus stellt sie sich vor, dort völlig allein und einsam zu sein, sie erinnert sich an das Verliebtsein mit ihrem Mann und kehrt zu ihm zurück. Es folgen einige Tage, an denen man sich wahrnimmt und zärtlich zueinander ist. Dann erfährt die Frau durch einen Brief der Nachbarin, dass die als verloren geglaubte Ziege aufgetaucht war und ihr Mann sie gesehen hat. Ihr Mann hat ihr hiervon nichts erzählt und die Ziege blieb verschwunden: In ihr wuchs der Verdacht, dass ihr Mann sie irgendwie beseitigt hat. Die Autorin beschreibt dann sehr einfühlsam, wie die Frau das erst nicht wahrhaben will, dann immer distanzierter wird und sich schließlich innerlich von ihrem Mann löst. Während sie sich am Anfang der Beziehung als "gefangen" empfunden hat, fühlt sie sich jetzt frei - ohne dass sich an den äußeren Verhältnissen irgendetwas geändert hat.
In der zweiten Geschichte hat mich bewegt, wie kleine Begebenheiten, wie der Umstand, dass Juliet es abgelehnt hat, sich mit dem im Zug sitzenden Mann, der später Selbstmord begangen hat, zu unterhalten, weitreichende Folgen haben kann: Nur wegen ihrer Schuldgefühle ist es zu Gesprächen mit ihrem zukünftigen Mann gekommen.

Marlis Beutel
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 5. Dezember 2013, 15:03

Liebe Annemarie,

Deine Interpretation der ersten Geschichte beeindruckt mich. Ich hatte Schwierigkeiten, sie so klar zu sehen. Die junge Frau Carla ist mit einem Partner (Clark) zusammen, der ziemlich undurchschaubar ist, sich auch bei dem Treffen mit der Nachbarin sehr unterschiedlich verhält. Zu Beginn wirkt er bedrohlich, aber dann durch Nebel und dem Auftauchen der Ziege versöhnlich. Trotzdem bleibt die Ziege für seine Frau verschwunden.
Auch bei dem Geplapper der Eheleute über den kranken Nachbar hatte ich ein sehr ungutes Gefühl. Was unterstellten sie ihm und genossen es noch! Die Geschichte bewegt sich für mich teilweise in einem Grenzbereich, der kaum zu fassen ist. Eine ehrliche Kameradschaft zwischen Mann und Frau sieht völlig anders aus.
Alice Munro erzählt ihre Geschichten nicht von Anfang bis Ende, sondern greift Episoden heraus, die nicht chronologisch passen.

Viele Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Annemarie Werning
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Annemarie Werning » Freitag 6. Dezember 2013, 17:42

Liebe Marlis,
ich habe die erste Geschichte so verstanden, dass die Eheleute dadurch Geld von der Nachbarin erpressen wollten, dass sie behaupteten, der verstorbene Nachbar habe sich der Ehefrau sexuell genähert. Die Frau hatte das wohl ihrem Mann so erzählt, um sich wichtig und ihn eifersüchtig zu machen. Er hat das gleich aufgegriffen und sich gedacht, die Nachbarin werde zahlen, damit nichts davon an die Öffentlichkeit kommt. Sie wußte natürlich, dass ihre Geschichte gelogen war und hatte deshalb ein so ungutes Gefühl, als ie Nachbarin von ihrem Ferienaufenthalt in Griechenland zurückkam.
Annemaie

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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 6. Dezember 2013, 18:26

Liebe Annemarie,

ja, Du hast die Autorin sicher richtig verstanden.
Eric, der Mann in der zweiten Geschichte, ist völlig anders als Clark, offener, sympathischer.
Die Geschichten erzählen von der Weite Kanadas. Es geht zum Beispiel um tagelange Bahnfahrten.
Diese Weite muss sich auch auf die Menschen auswirken. Würde eine Altphilologin aus Deutschland sich bei einem skandinavischen Fischer wohlfühlen? Doch nur, wenn sie Aussteigerin wäre. Diesen Eindruck hat man bei Juliet nicht.
Könnte es sein, dass wir Europäer vorsichtiger sind, nicht ganz so offen für etwas völlig Unvorhergesehenes?

Marlis
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Erna » Freitag 6. Dezember 2013, 18:37

So wie Annemarie die Erzählung aufgefasst hat, habe ich sie auch verstanden. Carla berichtet nach der Umkehr ihrem Mann davon, dass sie ihn belogen habe.
Bei dem Zicklein habe ich es so verstanden, dass Carla annimmt, dass es von den zahreichen Geiern gefressen wurde, die in diesem Jahre außergewöhnlich zahlreich waren.

War Eric wirklich offener zu Juliet? Ich meine nicht, denn sie bekommt verschiedene Affären Erics meist nur zufällig heraus. Was mich bei den Juliet-Geschichten so beeindruckte, ist, die Verschiedenheit der Auffassungen in Kanada. Die eine Gegend ist sehr liberal, um eine Familie zu sein, braucht niemand zu heiraten. Die andere Gegend, da wo Juliet herkommt, ist so konservativ, dass Juliet annimmt, dass ihr Vater den Schuldienst aufgeben musste, weil sie unverheiratet war.
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Brigitte Höfer » Sonntag 8. Dezember 2013, 03:33

In der ersten Geschichte, die den Titel "Ausreißer" trägt, gibt es zwei Ausreißer: Die weiße Ziege Flora und Carla.
Clark hatte Flora einst Carla als Geschenk mitgebracht. Warum hat er die Ziege nicht wieder nach Hause gebracht, nachdem sie wieder aufgetaucht war?
Ich habe folgende Vermutungen: 1. Er gibt der Ziege eine gewisse Schuld daran, dass Carla auch abgehauen ist, nachdem die Ziege weg war. 2. Er hat Lust, Carla zu bestrafen. Da er sie nicht direkt bestrafen will, lässt er die Ziege verschwinden. Er nimmt Carla etwas weg, das sie sehr liebt. 3. Vielleicht war er auch eifersüchtig auf die Zuneigung, die die beiden hatten. Er lässt die Ziege verschwinden. Nun gibt es einen Konkurrenten weniger, und Carla ist mehr auf ihn angewiesen.
Warum spricht Carla das Verschwinden der Ziege nicht an? Warum spricht sie nicht von ihrem Schmerz?
Da gibt es vage Vermutungen: 1. Sie ist starr vor Schreck über den Gedanken, Clark könnte die Ziege zum Verschwinden gebracht haben. 2. Sie will Clark nicht wissen lassen, dass sich Sylvia schon wieder in ihre Angelegenheiten eingemischt hat, freilich ohne zu wissen, dass das Kapitel Ziege ein Konfliktstoff sei könnte. 3. Sie hat so viel zu tun, dass sie nicht in Ruhe nachdenken kann. bzw. sie stürzt sich in die Arbeit, um nicht nachdenken zu müssen.
Im Ganzen stimme ich Annemaries Interpretation zu. Nur habe ich mich gefragt, wie lange die beiden schon in ihrem "mobilen Heim" wohnen. Ein Jahr? Zwei Jahre? Ich vermute, dass sie noch nicht lange dort wohnen. Sie könnten im vergangenen Frühjahr die Pferdepension aufgebaut haben, der Sommer lief vielleicht ganz gut, dann kam der Winter, da wurde Mr. Leon Jamieson krank, und Carla ging in den Haushalt zum Putzen, und da hatten sie ein wenig Geld. Dann aber starb Mr. Jamieson. Und Sylvia fuhr nach Griechenland. Nun fehlt das Putzgeld und auch das Geld der Kunden, die nicht kommen, weil es den ganzen Sommer regnet. Der Sturm, der das Plastikdach über der Reitbahn zerstört, macht die Sache noch schwieriger, die Stimmung ist an ihrem Nullpunkt. Flora reißt aus, Carla reißt aus, aber nicht weit, Clark sammelt sie wieder ein und bringt die Kleider zu Sylvia zurück. Untersagt jeden weiteren Kontakt. Männer in Kanada können das. Sie können bestimmen, wer Kontakt mit ihrer Frau hat und wer nicht.
Die Aufgabe der Frau ist es, den Mann bei Laune zu halten. Wenn er schlechte Laune hat, liegt es bestimmt auch an ihr. Also besser, den Brief nicht anzusprechen, sonst gibt es wieder dicke Luft. Und sie, Carla, wäre schuld daran.

Brigitte Höfer
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Brigitte Höfer » Sonntag 8. Dezember 2013, 15:10

Dir zweite Geschichte trägt den Titel: "Entscheidung". Wenn ihr mit Juliet von Toronto nach Vancouver mit der Via Rail Canada fahren wollt, könnt ihr euch hier das Video ansehen: (Bitte auf den Link The Canadian gehen.)
http://www.crd.de/bahnreisen/via-rail-c ... index.html
Der Zug braucht für die 4500 km vier Tage und Nächte.
Zum Vergleich: die gleiche Strecke und die gleiche Zeit: Moskau - Novosibirsk... http://www.transsibirische-eisenbahn.de

Marlis Beutel
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 8. Dezember 2013, 18:16

Liebe Mitleserinnen,

Eure Interpretationen erscheinen sehr logisch. Ich habe mich beim Lesen aber gefragt, warum die Autorin so schreibt, dass man als Leser interpretiert. Man könnte manches auch direkter ausdrücken, beispielsweise diese Geschichte, warum Juliets Vater den Schuldienst aufgegeben hat. Juliet ist so weit weg, dass eigentlich niemand weiß, ob sie verheiratet ist oder nicht. Ich frage mich ganz konkret, ob dieser etwas indirekte Umgang mit den Tatsachen zur Höflichkeit der Kanadier gehört oder ob er ein Gestaltungsmittel der Autorin ist.

Viele Grüße von der Bergstraße,
Marlis
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Brigitte Höfer
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 9. Dezember 2013, 10:00

Liebe Marlis,
das punktuelle Beleuchten einer Situation mit Zwischen- und Rückblenden ist ein Gestaltungsmittel dieser Autorin.
Sie verzichtet auf die Darstellung einer chronologisch durchgehenden Handlung und auf den "auktorialen Erzähler", der allwissend das Geschehen begleitet und es dem Leser leicht macht, ihm zu folgen. Dazu gibt es einen Artikel über Erzählformen: https://de.wikipedia.org/wiki/Erzählperspektive
Munro lässt einen neutralen Erzähler die Situation beschreiben, fast wie in einem Krimi, wo der Kommissar oder Detektiv erst einmal Fakten sammeln muss, ehe er zu einem Urteil kommt. Mir gefällt diese Art der Erzählform sehr gut, und ich finde, sie hat den Nobelpreis sehr zu Recht bekommen.
Übrigens hat sich auch Eva Menasse in ihrem Buch Quarzkristalle dieser Erzählform bedient: 13 verschiedene Perspektiven, unterschiedliche Zeitereignisse, die nicht leicht einzuordnen sind, sowie Rückblicke und innere Monologe der Figuren. Sie weist sogar einmal auf Alice Munro hin.
In der ersten Geschichte "Ausreißer" spielen Carlas Träume eine wichtige Rolle. Sie erhalten ein großes Gewicht innerhalb der Erzählung, was den Leser ablenkt von dem eigentlichen Geschehen. So z.B. die Träume, die sie von Flora hat. Diese lebendige Schilderung der Träume signalisiert dem Leser aber auch, wie Carla in ihren Träumen gefangen ist. Nachdem sie realisieren muss, dass Clark wahrscheinlich ihre Ziege umgebracht hat, wacht sie auf. Sie ist befreit, - von ihren Träumen. Kein schönes Erwachen, muss ich sagen, aber so ist das Leben manchmal.

Brigitte Höfer
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 9. Dezember 2013, 17:38

Im Internet fand ich einen Beitrag über die Nobelpreisträgerin Alice Munro:

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ ... 27173.html

Liebe Grüße, Brigitte

Marlis Beutel
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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 9. Dezember 2013, 18:23

Liebe Brigitte,

danke für alle Hinweise und Erläuterungen! Ja, diese Autorin kann schreiben und den Leser faszinieren.
Mich fasziniert auch der amerikanische Kontinent, der ja als Hintergrund eine Rolle spielt. Es ist sicher ein Unterschied, ob man im eher kleinteiligen Mitteleuropa lebt oder im riesigen Kanada.

Viele Grüße von der Bergstraße,
Marlis
Marlis Beutel

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Re: Alice Munro: Tricks

Beitrag von Annemarie Werning » Mittwoch 11. Dezember 2013, 23:00

Brigittes Bemerkung, die zweite Geschichte heiße Entscheidung, hat mich über das, was Übersetzung interpretiert, nachdenken lassen. Im Englischen heißt das 2.Kapitel "Chance" - und das trifft es doch viel besser: Juliet hatte die Chance, den Tod des Selbstmörders zu verhindern und letztlich die Chance, Eric näher kennenzulernen. "Entscheidung" ist völlig unpassend.

Eben habe ich die 3. Geschichte zu Ende gelesen. Sie heißt auf englisch "Soon" - also bald.Damit wird wohl darauf angespielt, dass die Mutter bald, nachdem Juliet wieder zu Eric gefahren ist, gestorben ist.
Die Geschichte zeigt, wie Juliet in ihr Elternhaus kommt. Es kommt zu keinem engen Kontakt zu den Eltern. Sie hat ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht auf ihre Mutter eingegagen ist, als diese ihr als letztes gesagt hatte, dass sie dann, wenn sie in einem schlechten Zustand ist, daran denkt, dass ihre Tochter bald kommt. Das ist das Eingeständnis einer großen Liebe zu ihrer Tochter -aber die Tochter findet nicht zu ihrer Mutrter, was ihr im Nachhinein leid tut.
Die Geschichte mit dem Chagall-Bild zeigt, dass sie abstrakt in Liebe an die Eltern denkt. Aber diese sind in einer anderen Lebenssituation, das Bild ist nicht aufgehängt.
Sie will ihr Elternhaus so vorfinden, wie sie es als Kind erlebt hat: Jetzt aber ist Irene da, von der ihr Vater viel hält. Darauf ist sie offensichtlich eifersüchtig, wie der Traum mit dem Gartenschlauch und Irene und ihr Entsetzen über diesen Traum zeigt. Irene gehört einfach nicht ins Haus - nach ihrer Vorstellung. Eine Geschichte zum Nachdenken über Eltern-Kind-Beziehungen.

Brigitte Höfer
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Re: Alice Munro: Tricks, Zweite, dritte und vierte Geschicjt

Beitrag von Brigitte Höfer » Freitag 13. Dezember 2013, 13:29

Liebe Marlis,
dass es auch in einem großen, weitläufigen Land enge Familien- und Dorfverhätlnisse geben kann, zeigt uns ja Alice Munro.
Die drei Geschichten „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“ zeigen Juliet (als Protagonistin) in den Jahren 1965, 1969 und 1988 (und bis ca. 1995). Aus den Jahreszahlen lässt sich errechnen, dass die Protagonistin Jahrgang 1944 ist. Woher ihre Eltern kommen, wird nicht erzählt, aber beide – Sara und Sam – sind bzw. waren Lehrer in einem Dorf bei Toronto, im Osten Kanadas, das offensichtlich sehr viel konservativer ist als der Westen des Landes, also bei Vancouver, wohin Judith im Jahr 1965 reist, um an einer Privatschule einen Lehrerveretungsposten anzunehmen.
Sie hätte lieber ihren Doktor gemacht. Statt dessen wird sie Mutter. Der Vater es Kindes ist Eric, ein Krabbenfischer an der Westküste, der sein Medizinstudium aufgeben musste, weil er eine illegale Abtreibung gemacht hat. Die Tochter Penelope (die Gattin Odysseus’!) wird 1968 geboren. Sie besucht später die gleiche Privatschule, an der Judith einmal unterrichtet hat.
1981 kommt Eric bei einem Sturm ums Leben.
Judith verkauft das dortige Anwesen (Penelopes Elternhaus!), zieht in die Stadt und nimmt eine Stellung in einer Bibliothek, dann bei einer Fernsehgesellschaft und schließlich in einem Café an.
1988, kurz vor ihrer Volljährigkeit, verschwindet Penelope aus Judiths Leben. Die erste Nachricht kommt aus einer Sekte auf einer nahe gelegenen Insel, das verabredete Treffen findet aber nicht statt. Statt dessen kommen in den folgenden fünf Jahren leere Geburtstagkarten zu Penelopes Geburtstag bei Judith an. Sie hört dann von einer Freundin Penelopes, dass Penelope fünf Kinder hat, zwei davon Jungen, die wiederum die Privatschule im Norden Vancouvers besuchen sollen (Schuluniform!), an der Judith 1965 ein halbes Jahr unterrichtet hat.
Die Geschichte endet so: „Sie hofft weiterhin auf ein Wort von Penelope, aber nicht sehnlich oder inständig. Sie hofft, wie Menschen wider besseres Wissen hoffen auf einen unverdienten Glücksfall, auf spontanen Straferlass, auf derlei Dinge.“
Es bleibt offen, ob Penelope wegen der fehlenden religiösen Bindung die Bindung zu ihrer Mutter gelöst hat oder aber ob es die fehlende familiäre Bindung war, denn auch Judith hat es nicht verstanden, die Bindung zu ihren Eltern wirklich zu pflegen (und diese auch nicht zu deren Eltern?). Nachdem Sara gestorben ist, reißt Sam das Familienhaus ab, um mehr Gartenfläche zu bekommen. Somit hat Judith kein Elternhaus mehr.
Was mir auffiel: Es sind zerrissene Bindungen, wie auch schon in der ersten Geschichte.
Liebe Grüße, Brigitte
P.S. Zu Annemaries Beitrag: Der Titel „Bald“ ist das erste Wort in Saras Satz: „Bald werde ich Juliet sehen.“ auf S. 141. Damit deutet Sara Juliet an, dass sie bald sterben wird.

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