Eva Menasse: Quasikristalle

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Brigitte Höfer
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Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Brigitte Höfer » Mittwoch 28. August 2013, 06:35

Ab September lesen wir den neuen Roman von Eva Menasse "Quasikristalle". In dreizehn Kapiteln wird das Leben einer Frau fragmentarisch aufgeblättert. Wir freuen uns über zahlreiche Forumsbeiträge!
Brigitte

HildegardN
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von HildegardN » Dienstag 10. September 2013, 11:29

Liebe Literaturfreunde,
der Roman "Quasikristalle" stellt sich mir als eine Folge von Kurzgeschichten dar, in denen die Protagonistin Xane zumeist durch gelegentliches Erscheinen eine wechselnde größere oder auch kleinere Rolle spielt. Als Biografie konnte ich Eva Menasses Schöpfung zunächst nicht erkennen, zu sehr versteckt sich Xanes Leben, ihre Kindheit, ihr Heranwachsen und Erwachsenensein bis zum Ausklang im Alter in den einzelnen Kapiteln mit den unterschiedlichen Ereignissen und den weschselnden Themen und Personen. Erst nach einigen Kapiteln erkannte ich, dass es sich hier um eine Biografie handelt, sich sich Kapitel um Kapitel wie aus einzelnen Mosaiksteinchen zusammen setzt, um sich schließlich am Ende zu einem Ganzen zusammen zu fügen.
Überrascht hat mich nicht nur die Konstruktion des Romans bzw.der Biografie, sondern auch der plötzliche Wechsel von einer sog. "Drittschilderung" zu einer Ich-Erzählung der Protagonistin in Kapitel sieben. -- Was hat die Autorin damit wohl bezweckt bzw. was hat sie sich dabei gedacht?
Viele Grüße, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 11. September 2013, 17:44

Liebe Hildegard,
vor allem freue ich mich, dass Du geschrieben hast, denn über dieses Buch lässt sich manches sagen.
Ich habe mich damit beschäftigt, dass man heute einen biografischen Roman völlig anders schreibt und schreiben muss als in unserer Generation. Zu vieles hat sich verändert, vor allem sind Begrenzungen weggefallen. Es gibt viel Freiheit, allerdings nur für Menschen, die fit sind und Geld haben. Auffällig im 4. Kapitel, wo der Leser Sally begegnet, einer Freundin. Sally hat zu wenig Geld und mogelt sich durch. Auf S. 152 unten kann man ihre Lebensphilosophie nachlesen: "Sally persönlich war ja der Meinung, dass es verschiedene Konzepte von Wahrhaftigkeit gab. Man konnte sich vornehmen - und wer täte das nicht? - so oft wie möglich die Wahrheit zu sagen. Aber deshalb jedem anderen alles zu glauben, das betrachtete Sally als naiv, wenn sie es nicht gleich blöd nennen wollte." Ich war froh, dass das nicht Xanes Auffassung ist.
Das 7. Kapitel lese ich gerade. Es ist unglaublich intensiv und ehrlich. Man muss es sicher zweimal lesen.
Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Erna » Mittwoch 11. September 2013, 18:45

Leider bin ich noch nicht so weit, um mitdiskutieren zu können. Ich habe das Buch gebraucht gekauft und dieses Mal dauerte es zehn Tage hat, bis ich es erhielt.
Zunächst dachte ich, das Thema ähnelte dem von der Zsuzsa Bank, da es wieder eine Kindergruppe ist, zwischen deren Mitgliedern irgend welche Beziehungen vorhanden sind. Aber außer dieser Gruppendarstellung gibt es wohl keine Ähnlichkeit , wie ich bald feststellte.
Grüße aus dem nassen Frankfurt
Erna
Zuletzt geändert von Erna am Freitag 13. September 2013, 16:57, insgesamt 1-mal geändert.

Marlis Beutel
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 13. September 2013, 15:31

Im 7. Kapitel spricht die Autorin mit einer Offenheit und Genauigkeit über Gefühle, wie ich es noch nirgends gelesen habe, soweit ich mich erinnere. Es geht um das Gefühlschaos nach der Geburt des ersten Kindes, die Schwierigkeit, seinen Partner ein Leben lang zu lieben, die Eifersucht, wenn der Partner das gleiche Problem hat, um soziale und biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau.
Die Autorin walzt kein Thema aus. Was sie sagt, kommt so spritzig daher, dass ich Schwierigkeiten habe, ein passendes Beispiel zu finden - es gibt einfach zu viele davon. Ich versuche es trotzdem. "Frauen haben ein Ablaufdatum. Männer nicht. Das lässt sich beweisen. Zum Beispiel damit, dass Männer auf Kontaktanzeigen mindestens zehnmal so viele Zuschriften bekommen....dem siebzigjährigen Witwer schreiben auch fünfzigjährige Damen, umgekehrt aber leider nicht. Männer bleiben nicht allein, nicht einmal, wenn sie Sadisten sind oder an der Stinknase leiden." S. 269 usw. usw. Dann geht es mit den "Wahnsinnsfrauen" weiter, die ebenso witzig geschildert werden.
Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Erna » Freitag 13. September 2013, 16:56

Gerade habe ich das erste Kapitel gelesen. Es hat mich sehr an die Jugend meiner Kinder erinnert, als sie in der Pubertät waren. Man war erwachsen, wenn man nach Möglichkeit rauchte, sich - für die Eltern- unmöglich anzog und überhaupt konrträrer Meinung war.
Die Beschreibung der Dreiergruppe fand ich sehr interessant, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass bei Mädchen dann immer eine davon Außenseiterin ist, wie hier Claudia. Wie aber auch Judith in die Rolle kommt, als Xanthe mit Claudia bei den Großeltern ist. Die Reaktion ist, dass sie eigenmächtig Xante einlädt, die noch restlichen Tage bei ihr zu verbringen.
Auf zum nächsten Kapitel.
Viele Grüße
Erna

Marlis Beutel
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 14. September 2013, 10:09

Liebe Erna,

mit dem ersten Kapitel hatte ich Schwierigkeiten. Ich musste mich erst an den Stil der Autorin gewöhnen, außerdem fand ich Claudias Rolle ziemlich schlimm. Dass sie dann auch noch ohne Vorwarnung stirbt, war nicht leicht zu ertragen. Ich fragte mich, wie junge Menschen zu ihren Überzeugungen und Einstellungen gelangen.
Zu den Eltern dieser Mädchen ist der Autorin allerdings auch einiges eingefallen. Die sind höchst unterschiedlich, keine idealen Vorbilder als Erwachsene. Vielleicht ist das die Realität?

Viele Grüße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Erna » Samstag 14. September 2013, 12:55

Liebe Marlis,
ich glaube, dass solche Eltern wie sie Eva Menasse beschrieben hat, sicherlich Realität sind. Die Frage ist meines Erachtens nur, wie oft sie vorkommen! Die Eltern von Xanthe kann ich noch nicht einordnen.
Schöne Sonntagsgrüße
Erna

HildegardN
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von HildegardN » Samstag 14. September 2013, 13:44

Liebe Marlis.
mit dem ersten Kapitel hatte ich keine Schwierigkeiten, sondern mehr mit der Fortsetzung in den folgenden Kapiteln. Ich wusste den neuen Text nicht einzuordnen bis ich die Konstruktion des Romans erkannte.
Kürzlich fand ich dazu folgenden erklärenden Hinweis in Zeit online: "Die Raffinesse des Romans liegt ganz in seiner Konstruktion. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, und man braucht als Leser Zeit, bis einem klar wird, dass alle diese Blickwinkel um die Protagonistin Xane Mole kreisen."
Schöne Wochenendgrüße Hildegard

Erna
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Erna » Samstag 21. September 2013, 14:26

Meiner Ansicht nach ist nicht nur jedes Kapitel aus einer anderen Sicht erzählt, sondern auch in einem anderen Stil.-Ich habe allerdings erst drei gelesen.- Beim dritten meine ich, dass E. M. in einer Sprache schreibt, die man Ludwig zuschreiben könnte. Etwas gestelzt, oft in halben Sätzen, mit vielen Punkten davor und danach, weil er sich die ganze Wahrheit nicht auszusprechen getraut.
Ich finde, die Atmosphäre der gesamten Familie ist gut erzählt. Man denke nur an den Teil, in dem der Fernsehfilm von Ludwig und seiner Jesusfigur geschildert wird. (S.135)
Schönen Sonntag

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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von HildegardN » Sonntag 22. September 2013, 10:19

Die Autorin besticht und fesselt die Leser durch ihre flotte und spritzige Erzählweise und natürlich auch durch ihre Fantasie, die sie in diesem Roman großzügig auslebt. Das hat mich bewogen, einmal nachzuschauen, was die fachkundigen und kitikgeübten Rezensenten dazu sagen, und fand auf einer Internetseite a.a. folgende Beurteilungen:
o Menasses sprachliche Eleganz ist die eigentliche Krux des Buches
o Die Autorin schreibt charmant, spöttisch und melacholisch
o Großes Vergnügen etwa bereiteten die ätzend-geistreichen Bemerkungen,
welche die Autorin einzustreuen versteht
o Das Thema von "Quasikristalle" ist nicht neu, aber toll in Szene gesetzt
o Eine Erkenntnis, die sich auch noch vergnüglich liest.
Mit Wahl-Sonntagsgrüßen aus Bad Homburg, Hildegard

Erna
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Erna » Sonntag 22. September 2013, 16:43

Liebe Hildegard,
sicherlich stimmen die Anmerkungen zum Buch. Ich habe , nach dem Lesen von zwei weiteren Kapiteln, bestätigt gefunden, dass sich die Sprache nach Stoff und erzählrnder Person verändert. Außerdem habe ich jetzt einen guten Einblick in das Gebiet der künstlichen Befruchtung. Das wäre allerdings nicht nötig gewesen.
Grüße
Erna

Marlis Beutel
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 22. September 2013, 18:12

Liebe Mitleserinnen,

Das Buch ist noch lange nicht besprochen. Aber was soll ich mit dem Zitat anfangen, Menasses sprachliche Eleganz sei die eigentliche Krux des Buches? Stimmt da etwas nicht nach Ansicht des betr. Autors?
Mit einem der letzten Kapitel kam ich gar nicht gut klar und fragte mich, ob hier nur Blabla geredet wird oder ob die Sprecher etwas aussagen, das nur in ihren Kreisen verstanden wird bzw. ob man in dieser Schicht viel redet und ganz einfach nichts sagt. Ich habe mir das Kapitel erneut vorgenommen.
Wie kann man über dieses Buch diskutieren? Wahrscheinlich sollten wir uns die einzelnen Kapitel ansehen!

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von HildegardN » Donnerstag 26. September 2013, 18:07

Liebe Literaturfreunde,
Du hast ja so recht, liebe Marlis und ich entschuldige mich für meinen Patzer! Man darf Zitate nicht aus dem Zusammenhang lösen und zudem nicht unvollständig widergeben.
Der von mir in meiner letzten Mail zitierte Rezensent spricht in seiner Beurteilung von einer "eher durchwachsenen Lektüre" und fügt hinzu "Vieles ist unspektakulär". Menasses sprachliche Eleganz identifiziert er "als die eigentliche Krux des Buches" und "gerade deren Makellosigkeit unterstreiche die Belanglosigkeit einiger Passagen".
Ich möchte noch aus eigenen Leseeindrücken hinzufügen: Menasses Sprache und ihre produktive Fantasie haben mir gefallen und mich für die etwas befremdende Konstruktion, aus lauter unterschiedlichen Kurzgeschichten einen Roman entstehen zu lassen, etwas entschädigt. Manche Passagen empfand ich allerdings als überflüssig und auch "am Thema vorbei." Und all dies hat meine Lesefreude immer wieder beeinträchtigt, und auch die als positiv empfundene Sprache der Autorin und ihre reiche Fantasie haben dies nicht ausgleichen können.
Mit vielen Grüßen aus Bad Homburg,
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Eva Menasse: Quasikristalle

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 26. September 2013, 21:27

Liebe Hildegard,

danke für Deine Erläuterungen! Ich habe mir auch Gedanken gemacht und verstehe inzwischen das Zitat sehr viel besser. Der Autor hat recht: Es genügt nicht, mit Sprache hervorragend umzugehen, auch der Inhalt muss sich lohnen. Das fiel mir besonders beim zweiten Durchlesen auf, und ich suchte mir eine andere Lektüre.

Viele Grüße! Ich freue mich auf das neue Protokoll. Marlis
Marlis Beutel

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