Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Marlis Beutel
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitlesende,

dieser Roman ist so komprimiert, dass man immer wieder darin lesen kann ohne jede Langeweile. Hat es damit zu tun, dass er uns Einblick in eine uns fremde Welt gibt? Ich habe auch manchmal darüber nachgedacht, wie Einwanderer uns hier empfinden, ob sie sich unseren Wertesystemen anpassen können oder nicht. Das ist ja auch für uns wichtig. Die Akzeptanz muss auf beiden Seiten stattfinden.
Abduhs Schicksal in diesem Buch ist ebenfalls erschütternd. Er ist eigentlich ein redlicher Mensch, der aber gezwungen ist, sich für Geld zu verkaufen. Als er versucht sich zu befreien, hat sein "Partner" Hatim nicht die leiseste Empathie. Er hält sich nicht einmal an das, was er versprochen hat und nutzt Abduhs Standesunterlegenheit schamlos aus, so dass es zur Katastrophe kommt. Damit ist auch Abduhs Leben und das seiner Frau zerstört.
Der Autor kann auf jede diesbezügliche Schilderung verzichten. (S.374-382)

Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Erna »

Liebe Leserinnen,
es ist ja interessant, dass die im Roman geschilderte Zeit der Gegenwart so ähnelt. Wir haben wieder eine Regierung, die vom Militär abhängig ist. Ich wünsche mir nur, dass in der jetzigen nicht die gleichen Zustände herrschen werden, wie im Roman.
Ägypten war schon einmal fortschrittlicher- wenigstens haben wir Europäer es so empfunden - sie entsprachen mehr dem Bild, das wir Europäer als für uns gültig ansehen. Bakschisch aber war in diesen orientalischen Ländern überall normal. Es hielt sich aber auch in Grenzen, so dass es akzeptiert wurde.
Übrigens hatte ich neulich eine Studentin aus Bangladesch, die mir meinen PC ordnen sollte. (Sie ist erst 4 Monate hier, die sagte mir, ich sollte mehr Stunden aufschreiben, als sie da war. Sie wusste nicht, dass ich sie bezahlen musste, ich erhielt sie über ein Hilfswerk. War für sie wahrscheinlich auch so normal, wie der doppelte Lebensmittelkauf.)
Zu der für uns auffälligen Sexualität der Männer: Kann es daran liegen, dass der Mann wirklich als "höherstehend" angesehen wird? Die Frauen und auch der junge Soldat gehören nicht der Schicht der Männer an, sie kommen alle aus einer niedrigeren sozialen Schicht. Ich bin sicher, dass keiner der Männer sich einer Frau aus seiner Schicht genähert hätte.
Junge Männer nennt man in der Türkei "delikanli", also der mit dem verrückten Blut und man verheiratete sie daher sehr früh.
In Ägypten gibt es übrigens den Brauch, dass Männer, die eine Zeit von ihrer Frau getrennt sein müssen, in dieser Zeit eine andere heiraten können. Sie schließen nur eine vom Hoca abgesegnete Ehe, die ein paar Tage, einen Monat oder eine längere Zeit dauern kann und bei der kein Brautpreis gezahlt werden muss. Man braucht dann auch kein Bordell.
Von dieser Regelung hat man in studentischen Kreisen Gebrauch gemacht, um mit seiner Freundin zusammen leben zu können.
Schöne Grüße aus Frankfurt

Annemarie Werning
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Annemarie Werning »

Liebe Marlis,
ich glaube nicht, dass Abduh bestraft wird. Er ist doch wohl aus dem Haus gelaufen und war dann im Slum, wo er wohnt, unauffindbar. Es heißt in dem Buch ja auch, dass die Nachbarn zwar in der Nacht Lärm hörten, darauf aber nicht reagiert haben.

Abduhs Schicksal hat mich auch sehr berührt. Er kam ja zunächst als Soldat aus Oberägyptn, hat dann seine Frau und Sohn nachgeholt, weil durch seine Beziehung das Finanzielle gesichert war.

Sein Problem war der Zwiespalt zwischen dem religiösen Gesetz, wonach die Homosexualität Sünde ist und der Lebenswirklichkeit, dass er dadurch seine finanzielle Situation absichern konnte.

Das Ganze wäre für ihn ja auch gut aus gegangen, wenn nicht seine Frau ihn immer auf sein sündhaftes Leben hingewiesen hätte. Alles ist durch den Tod es Sohnes eskaliert, weil er darin eine Strafe Gottes gesehen hat und wahrscheinlich auch glaubt, deshalb in die Hölle zu kommen.

Die einfache Bevölkerung in Ägypten ist, wie man auch jetzt sieht, auf eine sehr konservative Art religiös.
Mich hat überrascht, dass es gleichwohl ein von der Polizei geduldetes Schwulencafe gab und der Redakteur in seiner Arbeit keine Nachteile erlitten hat.

Bei uns war Homosexualität noch während meiner Studienzeit strafbar und bei den Nazis Grund, verfolgt zu werden.

Erna, wie ist es eigentlich in der Türkei mit der Homosexualität? Ich bin neulich auf die Händchen haltenden jungen Männer angesprochen worden.

Viele Grüße
Annemarie

Erna
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Erna »

In der Türkei ist Homosexualität nicht verboten aber noch weniger erlaubt. Bei Künstzlern wird sie sogar toleriert. In der Öffentlichkeit sieht man oft Männer, selbst Soldaten , eingehängt herumspazieren. Im Blickfeld sind eigentlich nur die Männer, die es sehr schwer haben, z.B. zusammen zu wohnen. Bei Frauen findet das niemand eigenartig. Wiobei ich nicht weiß, wie viel bei Lesben bekannt ist.
Homosexualität wird als Schande, seltener als Krankheit empfunden.
Der Link gibt weitere Informationen:
http://www.spiegel.de/unispiegel/wunder ... 00029.html
Erna

Klaus Rüger

Lage in Ägypten

Beitrag von Klaus Rüger »

Ich habe den Roman nicht gelesen, habe mich aber im Internet über Autor und den Roman informiert.
Trotzdem möchte ich mich, seit langem wieder, zu den in dem Buch angesprochenen Problemen äussern !
Ich war einmal in den 90-er Jahren und dann noch einmal vor fünf Jahren in Kairo.
Die Haltung des Westens und damit der Bundesrepublik Deutschland gegenüber Ägypten, den arabischen Staaten und überhaupt der "arabischen Revolution" halte ich nicht in Ordnung, nicht nachvollziehbar und oft heuchlerisch !
Ich kann mich damit nur der Meinung des vielgereisten Herrn Scholl-Latour anschliessen :
Man kann nicht so einfach das westliche Modell der Demokratie in die arabische Welt importieren !
Das gleiche Problem besteht in dem Verhältnis zu Russland !

Es ist auch die ohne wenn und aber Unterstützung der israelischen Politik zu hinterfragen.
Wie dort in den palästinensischen Gebieten ein vernünftiges System installiert werden soll, ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar .
Das Verhalten der USA-Administration und auch der NATO haben in der Vergangenheit Terroristen en masse generiert.

Mag sein,dass das Forum lieber Details zu Roman und einzelnen Charaktere dort gehört hätte, aber das Verhalten
der handelnden Personen ist eben auch ein Produkt der Verhältnisse !!

Mfg

Klaus

Marlis Beutel
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Annemarie,

was Du schreibst, leuchtet mir ein. Es ist schon eigenartig, wie ernst man einen solchen Roman nimmt, der authentisch zu sein scheint, wie sehr die Figuren den Leser beschäftigen.
Es würde mich interessieren, in welcher Zeit der Roman spielt. Ich betrachtete ihn in der Gegenwart.
Nur wenige Bücher lösen eine so lebhafte Diskussion aus.
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von HildegardN »

Liebe Marlis,
zu Deiner gestrigen Frage, in welcher Zeit der Roman spielt, fand ich eine Antwort in einer Buchbesprechung von Moritz Behrendt (www.dradio.de) folgenden Inhalts: "... Trick des Autors, " das Geschehen in die Zeit des ersten Golfkrieges Anfang der neunziger Jahre zu verlegen", und er fügt hinzu: "Dabei haben die Themen an Aktualität seither eher gewonnen. Die religiöse Legitimierung schmieriger Geschäfte, Islamismus, mangelnde soziale Chancengleichheit...", und bestätigt damit beispielsweise auch Ernas Feststellung, die in ihrem gestrigen Beitrag schreibt: Es ist ja interessant, dass die im Roman geschilderte Zeit der Gegenwart so ähnelt.
Mit sonnigen Grüßen aus Bad Homburg, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Hildegard,

danke für Deine Antwort!
Wenn die Verhältnisse in Ägypten so sind, wie sie geschildert werden, dann ist dieses Buch besonders mutig und wichtig. Es wird ja auch dort gelesen.

Viele Grüße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Erna »

Ich habe in Qantara ein Interview gefunden vom 22.7.13 mit dem Schriftsteller al-Aswani. Vielleicht interessiert es ja:
22.07.2013
Interview mit dem ägyptischen Schriftsteller Alaa al-Aswani
'Das Mubarak-Regime ist noch intakt''
Alaa al-Aswani erklärt, weshalb Ägypten aus der Erfahrung mit der Muslimbruderschaft gelernt hat. Der politische Islam habe nun als Ideologie ausgedient. Doch jetzt drohe die Gefahr, dass das alte Regime erneut die Macht übernimmt.
Jannis Hagmann hat sich mit dem Schriftsteller unterhalten.
J.H. Herr Aswani, waren Sie am 30. Juni bei den Massenprotesten dabei, die zum Putsch gegen Mohammed Mursi führten?
Alaa al-Aswani: Ich glaube, Sie haben sich diese Frage ausgedacht, um das Wort Putsch zu benutzen.
Stimmt.
Al-Aswani: Das war kein Militärputsch, es war eine neue Welle der Revolution. Der wahre Putsch fand letzten November statt...
J.H. …als Mursi seine Entscheidungen per Verfassungserklärung der gerichtlichen Kontrolle entzog?
Al-Aswani: Genau. Wenn ein Regierungschef in Europa, wenn Merkel zum Beispiel ihre Entscheidungen über das Gesetz stellen würde, bliebe sie nicht einen Tag im Amt. Und niemand würde es wagen, über Demokratie zu sprechen und sie als gewählte Kanzlerin zu verteidigen.
J.H. Ist die Diskussion über das Wort Putsch nicht ein rein semantischer Streit? Per Definition war es einer: Das Militär hat die Regierung unter Androhung von Gewalt abgesetzt, die Verfassung aufgehoben und führende Politiker verhaftet. Können wir nicht zugeben, dass es ein Putsch war, aber vielleicht einer, der das Land voranbringt?
Al-Aswani: Nein, Sie übersehen die Details. In Demokratien hat das Parlament das Recht, vorgezogene Präsidentschaftswahlen einzuberufen. Das Parlament repräsentiert den Volkswillen.
Militärputsch oder neue Welle der Revolution? - Seit der Absetzung des ägyptischen Präsidenten Mursi haben Gewalt und gesellschaftliche Polarisierung am Nil deutlich zugenommen. Wenn es kein Parlament gibt – und das ist der Fall in Ägypten – geht die Autorität zurück an das Volk. Wenn man bedenkt, dass 33 Millionen Menschen auf die Straße gegangen sind und Neuwahlen gefordert haben und dass Mursi von nur 13 Millionen Ägyptern gewählt worden ist, dann war seine Entmachtung absolut demokratisch.
J.H. Gleich nach den Protesten war von Millionen von Teilnehmern die Rede. Sie sprechen von 33 Millionen, was mehr als ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung wäre. Woher haben Sie diese Zahl?
Al-Aswani: Von ägyptischen und internationalen Nachrichtenagenturen. Natürlich können wir nicht jeden einzelnen zählen, aber für mich sind das verlässliche Schätzungen. CNN schätzte, dass bereits an der Januarrevolution 2011 gegen Husni Mubarak zwischen 18 und 20 Millionen Ägypter teilnahmen. Jeder konnte sehen, dass die Proteste vom 30. Juni 2013 noch größer waren.
J.H. Statt auf die Muslimbrüder setzen viele Ägypter nun ihre Hoffnung auf Armeechef Abdel Fatah al-Sisi. Ist das nicht paradox? Als das Militär nach dem Sturz Mubaraks 2011 die Macht übernahm, bekleckerte es sich nicht gerade mit Ruhm.
Al-Aswani: Ich war einer der schärfsten Kritiker des Oberster Militärrates. Aber nennen Sie mir, abgesehen von al-Sisis Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Land, einen Grund, warum er sich in die Politik einmischen sollte.
Die Armee hat immer Privilegien genossen und der Militärrat wollte sie nach der Revolution verteidigen. Doch nun hat die Muslimbruderschaft in ihrer Verfassung der Armee dreimal soviel zugestanden, wie sie haben wollte. Die Armee kann sich also nicht beschweren.
Der neue starke Mann Ägyptens: Das Militär, das Mursi nach Massenprotesten seiner Gegner abgesetzt hat, ist weiterhin der dominante Machtfaktor im Land. Der Armeekommandeur, General Abdel Fattah al-Sisi, behielt nicht nur das Amt des Verteidigungsministers, sondern schlüpfte zusätzlich in die Rolle eines ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten. Außerdem unterschreiben wir nichts für die Ewigkeit. Wenn al-Sisi politische Absichten zeigt, dann werden Sie über meine Meinung erstaunt sein! Die Armee darf sich nicht in die Politik einmischen. Wenn aber eine faschistische Gruppe mit bewaffneten Militanten nach und nach den Staat kontrolliert, ist die Armee die einzige Macht, die dem entgegenwirken kann.
J.H. Sie sprechen von Militanten. Müssen wir nicht unterscheiden zwischen der Organisation der Muslimbruderschaft und den Extremisten, die die Anschläge verüben?
Al-Aswani: Mich interessiert nicht, ob sie unterschiedlich organisiert sind. Es ist dieselbe Gruppe.
J.H. Sie meinen dieselbe Ideologie?
Al-Aswani: Ich spreche vom politischen Islam. Er wird immer aggressiver, denn seine Anhänger verlieren nicht nur die Macht; die Idee des politischen Islams selbst bricht in sich zusammen. Das ist sehr interessant: 1928, als die Muslimbruderschaft gegründet wurde, war es Ägypten, das der Welt die Idee des politischen Islams brachte. 2013 ist es Ägypten, das mit ihr endgültig abschließt.
J.H. Davon müssen Sie aber noch Hunderttausende überzeugen, die auf den Straßen für Mursi und die Muslimbrüder protestieren.
Al-Aswani: Ich muss sie nicht überzeugen. Wer zu den Waffen greift, kommt ins Gefängnis. Wer nicht zu den Waffen greift, kann die seltsamsten Überzeugungen haben und dennoch eine politische Partei gründen. Das ist Demokratie.
J.H. Also war das vergangene Jahr eine Lektion für Ägypten?
Al-Aswani: Ja, eine sehr lehrreiche sogar. Ich hatte anfangs dazu aufgerufen, Herrn Mursi eine Chance zu geben. Obwohl ich gegen die Brüder war, habe ich Mursi als gewählten Präsidenten angesehen. Nun kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass er seine Legitimität mit den November-Dekreten verspielt hat. Seitdem konnte man nicht mehr von Demokratie sprechen.
J.H. Lassen Sie mich auf meine Eingangsfrage zurückkommen: Waren Sie bei den Massenprotesten gegen Mursi dabei?
Al-Aswani: Natürlich. Ich kann nicht zu Protesten aufrufen, ohne selbst auf die Straße zu gehen. Die Demonstranten waren diesmal andere. Es gab eine kleine Gruppe echter Revolutionäre und die Feloul, die Überbleibsel des Mubarak-Regimes. Letztere waren aber sehr wenige. Die größte Gruppe waren Menschen, die wahrscheinlich zum ersten Mal demonstrierten. Deshalb haben die Proteste solche Ausmaße erreicht. Die Leute waren nicht notwendigerweise für die Revolution, sondern hatten Angst vor den Muslimbrüdern.
J.H. Vor welchen Herausforderungen steht die Revolution nun?
Al-Aswani: Schon unter Mubarak habe ich argumentiert, dass Ägypten drei Hürden überwinden muss. Die erste war Mubarak selbst. Die zweite ist die Militärherrschaft und die dritte der politische Islam. Jetzt sind wir mit der dritten fertig.
Drohende Restauration der alten Mächte: "Das Mubarak-Regime ist noch intakt, nur ohne seinen Kopf", meint der renommierte ägyptische Romancier Alaa al-Aswani. Aber es besteht zum einen die Gefahr, dass das Militär wieder an die Macht kommt – eine Gefahr, die, wie ich erklärt habe, nicht sehr groß ist. Zum anderen droht das alte Regime mit einer neuerlichen Machtübernahme. Und diese Gefahr ist groß. Das Mubarak-Regime ist noch intakt, nur ohne seinen Kopf.
Sprechen Sie von der "Nationaldemokratischen Partei" Mubaraks?
Al-Aswani: Ja, die Nationaldemokratischen Partei ist noch existent und kann wiederkommen, indem sie die armen Wähler besticht, so wie es auch die Muslimbrüder gemacht haben. Es gibt noch den alten Sicherheitsstaat und viele der Journalisten, die gegen die Muslimbrüder gekämpft haben – was sehr hilfreich war – gehören dem Mubarak-Regime an.
Sie unterstützen Ahmed Shafik, dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Präsidentschaftskandidaten von 2012. Auch ihn gibt es noch. Zweifellos wird er eines Tages wieder auf der Bildfläche erscheinen.
Mubarak kam auch aus dem Militär. Sprechen Sie von unterschiedlichen Strukturen?
Al-Aswani: Das alte Regime verfügt über Strukturen außerhalb beziehungsweise parallel zum Militär. Mubaraks Leute haben Geld, TV-Kanäle, Wähler, Unterstützer in staatlichen Institutionen, alles. Viele der Symbole des alten Regimes sind nun wieder im Fernsehen. Wir sind noch nicht fertig, aber wie gesagt: Wir haben die drei Hürden genommen: Mubarak selbst, die Militärherrschaft und den politischen Islam. Deshalb bin ich sehr optimistisch.

Interview: Jannis Hagmann

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Annemarie Werning
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Annemarie Werning »

Nur eine kurze Bemerkung zu der von Malak geplanten Übernahme der Büro-Wohnräume von Saki: Heute stand in der FAZ, dass Nasser ein Gesetz erlassen hatte, wonach die Mieten der 50er Jahre festgeschrieben sind und Mietverträge vererbt werden. Diese Gesetzeslage besteht noch heute. Es ist sogar ausgeweitet worden auf alle vor 1996 gebauten Wohnungen.
DAnke Erna für das Interview, in der FAZ stand ein anderes, ich bringe es zum nächsten Treffen mit.
Liebe Grüße
Annemarie

Erna
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Erna »

Der Werdegang Taha zeigt sehr gut, wie die jungen Moslems zu Märtyrern werden. Der anfangs vorhandene Frust über die Nichtzulassung Tahas zur Polizeischule und die schreckliche Behandlung seiner in der Haft wird systhematisch vom Scheich ausgenutzt, um ihn für die Märtyrerrolle bereit zu machen. Dabei sind strenger Gehorsam gegenüber dem Scheich, unbedingtes Befolgen seiner Befehle, Unterdrücung von spontanen Handlungen oberstes Gebot.
Es ist nur schade, dass es keine nummerierten Kapitel gibt, man könnte dann die Schicksale der einzelnen Personen noch einmal besser nachlesen.
Wenn ich die Nachrichten über Ägypten höre und das Buch lese, habe ich das Gefühl, es spielt sich alles so ab, wie dort geschildert.
Erna

HildegardN
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von HildegardN »

"Der Werdegang Tahas zeigt sehr gut, wie junge Moslems zu Märtyrern werden", schreibt Erna. Ich möchte noch hinzufügen: Taha wurde Terrorist und Märtyrer, und ich greife zurück auf unser Buch "Der Jakubijan-Bau" und hier auf die Seite 286.
„Ich fürchte den Tod nicht mehr, ich habe mich darauf eingestellt als Märtyrer zu sterben. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, als Martyrer sterben zu können und ins Paradies einzugehen“, so sprach Taha, als er in seinem Racheverlangen keinen anderen Weg sah, als seine Peiniger und damit das Regime zu bekämpfen.
„Das macht der Glaube aus denjenigen, die ihn wahrlich besitzen“, antwortete zustimmend der Scheich, dem Taha sein Vertrauen geschenkt hatte, und der ihm zuvor von einem Gewaltakt abgeraten hatte, was Taha später als Trick erkannte.
Scheich Schakir führte Taha nun in ein Ausbildungslager für Terroristen-Kampfsport. Körperliches Training, Schießübungen und die Herstellung von Granaten füllten fortan seine Tage.
Schließlich kam der Tag, da Taha für eine bewaffnete Operation ausgewählt wurde. Hier traf er auf seinen einstigen Peiniger, Oberst Sälich Raschwan, dem der Angriff galt. Der Oberst wurde erschossen und Taha starb den ersehnten Märtyrertod, zu dem ihn nicht allein sein Racheverlangen verleitet hatte, sondern vor allem die Motivation, die gezielte Ausbildung und Hinführung zu Gewalt und Terror durch islamische Fanatiker, denen er sich zugewandt bzw. angeschlossen hatte.
Hildegard

Erna
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Erna »

So wie al-Aswani es in seinem Buch beschreibt und Hildegard es zusammengefasst hat, werden die meisten jungen Moslems dazu gebracht, sich für ihre Religion zu opfern und die "Ungläubigen" mit in den Tod zu reißen. Kann das von Gott gewollt sein?
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Alaa al-Aswani: Der Jakubijan-Bau

Beitrag von Brigitte Höfer »

Liebe Mitleserinnen,
ein Thema hat in der bisherigen Diskussion noch kaum eine Rolle gespielt: der Gegensatz von arm und reich. Die Jugendlichen ohne Geld müssen sich verkaufen, sie bekommen keine solide Arbeit, und wenn, dann schmutzige und schwere. Das betrifft sowohl Taha als auch Abduh, Buthaina wie auch Suad. Sie alle werden korrumpiert.
Der Roman behandelt und verwebt vier Themenbereiche miteinander:
1. Politik und Wirtschaft mit den Personen Kamal al-Fuli, Hagg Muhammad Asam und Scheich al-Samman.
Die Karriere des Kamal al-Fuli liest sich interessant. Auf S. 123 wird beschrieben, dass er – der aus einer armen Familie stammt - der Reihe nach in alle Machtorganisationen eintrat und es schaffte, 30 Jahre lang einen Parlamentssitz inne zu haben. Auf S. 127 gibt al-Aswani eine Beschreibung dieses Sympathieträgers: „al-Fuli hinterlässt bei Menschen, die ihn sehen, einen zwiespältigen Eindruck. Da sind einerseits seine Intelligenz, seine Schlagfertigkeit und seine alles beherrschende Präsenz, doch da sind andererseits auch sein fetter Körper, seine hängende Wampe, seine immer etwas gelockerte Krawatte... All das lässt ihn irgendwie clownesk erscheinen, als zöge er für die Umstehenden eine Show ab, und hinterlässt auch einen unangenehmen, ordinären Eindruck.“ Ich sehe manchen deutschen Politiker vor mir, auf den diese Beschreibung auch zutreffen könnte...
Hagg Muhammad Asam hat sich vom Schuhputzer zum Händler aller Arten heraufgearbeitet, er kauft sich neben vielen Immobilien einen Parlamentssitz und eine Zweitfrau aus Alexandria.
Mit Hilfe des Scheichs al-Samman heiratet er sie und wird er sie auch wieder los.
2. Die Dekadenz des alten Landadels mit den Personen Saki Bey al-Dassuki und seiner Schwester Daulat. Buthaina al-Sajjid verhilft dem 65-Jährigen zu einer späten Heirat und dem Roman zu einem Happy End.
Nutznießer seines ererbten Geldes sind Abascharon und indirekt sein Bruder Malak Chilla, die gelernt haben, durch Betrügereien und schwarze Geschäfte zu Geld und Erfolg zu kommen.
3. Der Randbereich einer jeden Gesellschaft mit den homosexuellen Neigungen von Personen wie Hatim Raschid, der – als Kind von seinem Erzieher verführt - ebenfalls über vererbtes Geld verfügt, und so relativ ungestraft seinen Neigungen nachgeben kann.
4. Die Radikalisierung der Gesellschaft, wenn die Politik versagt und keinen Ausgleich für den Gegensatz zwischen Arm und Reich findet: Taha al-Schaslis Schicksal ist wirklich erschütternd, aber auch in gewisser Weise nachvollziehbar, zumal es solche „geistigen Führer“ wie Scheich Schakir und Scheich Bilal gibt.
Eine verführte Jugend, das gab es auch bei uns schon einmal.
Insgesamt: Dass Reichtum und Armut als naturgegeben betrachtet werden, ist das Ende des sozialen Friedens. Wir werden uns bei unserem nächsten Seminar im März in Bad Urach damit beschäftigen.
Brigitte

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