Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Brigitte Höfer
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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Brigitte Höfer » Freitag 24. Mai 2013, 10:48

Liebe Erna, danke für Deinen Link http://radiergummi.wordpress.com/2011/0 ... llen-tage/.
In einem Kommentar auf dieser Seite habe ich folgenden Satz gefunden: " Bank hat eine bemerkenswerte Sprache, sie tastet sich abwägend an das heran, was sie sagen will, vorsichtig, auch mal wieder zurückweichend und einen neuen Versuch startend... das Reizvolle, Faszinierende daran ist, dass man als Leser fühlt, was sie sagen will..." Dies ist genau die Art des Märchens, der Parabel, nicht auszusprechen, was gemeint ist, sondern es zu umschreiben. So macht sich der Leser immer wieder auf die Suche nach ähnlichen Erfahrungen, die man zwar fühlt, aber noch nicht benennen kann. Insofern gibt es meiner Meinung nach durchaus eine Verwandtschaft zu Ortheil, der ja auch das Erleben der nichtsprachlichen Zeit der Kindes Johannes in Worte fasst.

Eine für mich faszinierende Frage steht auf S. 308: "Ich habe mich oft gefragt, ob wir die anderen sehen können, wie sie wirklich sind, ob wir sie je erkennen oder nur das in ihnen sehen dürfen, was sie selbst auch zulassen."
Wie steht es mit jemandem, der in Depressionen versinkt (Karls Eltern), oder mit Marias Koffer, den sie nicht öffnen will? Ist das eine nur Trauer und das andere nur ein Spleen, oder steckt hinter unverständlichen Verhaltensweisen mehr? Ein Geheimnis? Eine Wahrheit, die Zeit braucht, um uns Licht zu kommen? Wie steht es mit dem Geheimnis um Ajas Geburt? Ahnt Aja, dass Evi nicht ihre Mutter ist, und greift sie deshalb so unerbittlich an? Was ahnen Kinder von den elterlichen Geheimnissen, ohne dass sie ihre Vermutung aussprechen könnten?
Das finde ich eine spannende Frage.
Brigitte

Marlis Beutel
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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 25. Mai 2013, 07:03

Liebe Brigitte,
wie freue ich mich, dass Du den märchenhaften Charakter des Romans aufgreifst! Dieser Aspekt begleitete mich von Anfang an. Schon die Faszination, die von Évis Bretterbude für die anderen Personen ausgeht, hat etwas Magisches, ebenso das Handeln der Menschen, die sich dort einfinden. Bei Ortheils Roman fragten wir uns ganz naiv, ob sein Bericht mit der Realität übereinstimmen könnte. Hier stellt sich diese Frage überhaupt nicht.
Dein Zitat, ob wir in anderen Menschen nur das sehen, was sie selbst zulassen, passt ebenfalls zu diesem Roman. Ein anderer Autor würde vielleicht kritisch hinzufügen, wir könnten in anderen nur das sehen, was wir auch selbst zulassen.
Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Marlis Beutel
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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 25. Mai 2013, 07:37

P.S. Auch der Ort, an dem Évis "Haus" steht, hat etwas Märchenhaftes. Marlis
Marlis Beutel

Gitti
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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Gitti » Freitag 31. Mai 2013, 19:10

Die Reaktion von Aja bei der Feststellung, dass Evi nicht ihre Mutter ist, hat mich sehr berührt. Ich musste an die vielen Adoptivkinder denken, denen es ähnlich geht. Gerade las ich im "Spiegel" einen Artikel: "Die unheimliche Lüge" über eine junge Frau in Deutschland, die durch Zufall erfuhr, dass ihre Mutter sie als Säugling in der Türkei eingekauft hatte, weil sie eine Tochter wollte. Traumatisiert fuhr die junge Frau in das Dorf aus dem sie angeblich stammte und suchte, jedoch erfolglos, nach ihrer richtigen Mutter. Zum Glück erfuhr Aja, wer ihre richtige Mutter war, und der Vater blieb nach der Nachricht der gleiche, aber ihre Erschütterung war folgenschwer. Mich wunderte nur, dass Evi die Situation so gelassen bewältigte.

Grüße aus dem verregneten Ulm Gitti

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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 31. Mai 2013, 21:17

Liebe Gitti,
es muss sehr schwierig sein, den richtigen Zeitpunkt für eine solche Information zu finden. Ab wann können Kinder so etwas verarbeiten? Zunächst sollen sie zu stabilen Persönlichkeiten heranwachsen, aber wenn sie dann älter sind und werden informiert, fühlen sie sich zu Recht getäuscht.
Ich hatte eine amerikanische Freundin, die mit ihrem Mann zusammen zwei Kinder adoptiert hatte, eine Tochter und einen Sohn. Der Tocher half sie später, die leibliche Mutter zu suchen. Es stellte sich heraus, dass diese Mutter früh an Krebs gestorben war und dass der leibliche Vater die Geburt der Tochter gar nicht erlebt hatte. Er war verunglückt. Der adoptierte Sohn weigerte sich, seine richtigen Eltern zu suchen. In diesem Fall waren beide Adoptivkinder sicher dankbar, bei so engagierten und verantwortungsbewussten Menschen aufzuwachsen, (die anschließend auch noch eigene Kinder bekommen hatten).
Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Erna » Samstag 1. Juni 2013, 12:52

Wann ist der richtige Zeitpunkt zu erfahren, dass man nicht das leibliche Kind ist? Schwer zu sagen, kommt auch sehr auf die Beziehunge zwischen Kind und Eltern an.
Aber ich nehme an, dass Evi gar nicht so gelassen war mit ihrem Wissen, denn sie fürchtete sich jedes Mal, wenn der Briefträger auftauchte. Es wird aber nicht gesagt, warum.
Es regnet nicht in Frankfurt.
Erna

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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 17. Juni 2013, 18:55

"Die hellen Tage" sind ein wunderbar komponierter und in sich geschlossener Roman.
Er liest sich wie ein Märchen, in dem 9 Personen vorkommen, die sich selbst genügen und gar nicht das Bedürfnis nach weiteren Kontakten haben. Sie durchleben eine Entwicklung. Sieben von ihnen fahren nach Rom, aber dort gibt es außer ihnen eigentlich auch keine weiteren Menschen.
Wie oft kommt das schiefhängende Tor oder die Brücke über den Klatschmohn vor? Ich hatte Probleme mit den ständigen Wiederholungen. Für Märchen leuchten sie mir ein, aber die sind auch keine 500 Seiten lang. Ich sah mir die Autorin im Internet an. Sie wirkte sypathisch und lebhaft, gestikulierte mit den Armen.
Inzwischen denke ich darüber nach, wieviele Personen man für einen spannenden Roman braucht. Was meint Ihr?
Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Erna » Dienstag 18. Juni 2013, 17:21

Liebe Marlis,
ich weiß nicht wie viele Menschen man für einen Roman braucht, denn ich habe noch keinen geschrieben. Die Anzahl der Personen in Zsuzsa Banks "die hellen Tage" finde ich ausreichend. Das Wiederholen von bestimmten Beschreibungen hat mich genervt. Es war m.E. auch nicht für den Verlauf des Romans notwendig.
In unserem nächsten Buch "der Jakubijan-Bau" gibt es wesentlich mehr. Aber keine Angst, sie sind vorn alle aufgeführt.
Ist bei euch auch so schönes Wetter?
Viele Grüße
Erna

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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 18. Juni 2013, 20:00

Liebe Erna,
danke für Deine Antwort! Ich bin sehr froh, mich mit jemandem auszutauschen.
Und was das schöne Wetter anbelangt, so macht mir die Hitze zu schaffen, vor allem, weil ich eine
Erkrankung noch nicht überwunden habe.
Viele Grüße nach Frankfurt, Marlis
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Carmen Stadelhofer
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Re: Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Beitrag von Carmen Stadelhofer » Dienstag 18. Juni 2013, 22:40

Mich haben die Wiederholungen nur im 2.Teil manchmal genervt, den fand ich stellenweise langatmig-schleppend, aber dann kommen doch überraschende Wendungen im dritten Teil, wo ich die Wiederholungen als Strukturmerkmal gut fand, denn die Natur verändert sich nicht, letztlich auch nicht das schiefe Haus von Efi und die Grundelemente des Lebens, nur die Sicht der Menschen auf die Ereignisse. Vielleicht ist der Schluß etwas pathetisch, aber die Sprache, diese kleine Miniwelt zu beschreiben, die ja für viele Dinge in der "großen" Welt steht, finde ich trotzdem grandios,

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