Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Brigitte Höfer
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Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Brigitte Höfer »

Ab dem 1.2. lesen wir eine neues Buch: "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil. Hier der Klappentext:

"Die Erfindung des Lebens" ist die Geschichte eines jungen Mannes von seinen Kinderjahren bis zu seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller. Als einziges überlebendes Kind seiner Eltern, die im Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach vier Söhne verloren haben, wächst er in Köln auf. Die Mutter ist stumm geworden, und auch ihr letzter Sohn lebt zunächst stumm an ihrer Seite. Nach Jahren erst kann er sich aus der Umklammerung der Familie lösen, in Rom eine Karriere als Pianist beginnen und nach deren Scheitern mit dem Schreiben versuchen, sein Glück zu machen. In Anlehnung an die großen Bildungsromane der deutschen Literatur entwirft dieser historisch weit ausholende Roman eine Biografie, die nach jedem Rückschlag wieder ganz neu erfunden werden muss."

Hier kommt der Autor selbst zu Wort: <http://www.youtube.com/watch?v=cJQaBWXR6JU>

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Carmen Stadelhofer
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Carmen Stadelhofer »

Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen und war fasziniert von dem Inhalt und der Sprache, freue mich auf unseren Austausch darüber, Carmen

Marlis Beutel
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Marlis Beutel »

Das Buch las ich auch schon vor einiger Zeit. Es ist ein Roman, keine möglichst exakte Wiedergabe der Erinnerung.
Was mich diesmal erstaunt, sind die vielen Einzelheiten aus der Kindheit des Autors.
Könnte es sein, dass das stumme Kind viel mehr gespeichert hat als ein Kind, das auch sprechen und sich abreagieren kann? Wie weit schafft man es überhaupt, sich aus der Vergangenheit zu lösen, indem man sie aufschreibt? Man vertieft und verbreitert die Erinnerung ja auch beim Aufschreiben.
Ich werde an einen Mitschüler erinnert, dessen Mutter ihn in einem solchen Ausmaß als ihren persönlichen Besitz beanspruchte, dass er Außenseiter blieb und immer Glanzleistungen vollbringen musste. Als wir ihm nach Jahrzehnten wieder begegneten, fiel uns auf, dass er homosexuell war. Ist das eine Reaktion auf die zu enge Bindung an die Mutter?

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Erna »

Liebe Marlis,
Deine Frage der Speicherung ist sehr interessant. Im Augenblick kann ich nichts dazu sagen, denn eigentlich müsste die Speicherung doch durch die Anwendung der Gedanken (Sprache) verstärkt werden. So eine Art Übung! Ich suche einmal, vielleicht finde ich eine Erklärung.
Schöne Grüße
Erna

HildegardN
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von HildegardN »

Liebe Marlis,
Du fragst, ob ein stummes Kind viel mehr als ein sprechendes Kind gespeichert haben kann.
Ich meine ja und greife dabei auf meine eigene Kindheit zurück, die ich - als Landkind kilometerweit von weiteren Gehöften und Nachbarn entfernt - relativ einsam verlebt habe.
Ich bin als sprechendes Kind im Kreise meiner Familie und mit zwei Geschwistern, doch anders als sie, mit einer lebhaften Fantasie aufgewachsen. Aber wem sollte ich meine Gedanken mitteilen, wie hätte ich sie umsetzen können, wenn niemand da war, der sich dafür interessierte und sie wahrscheinlich auch nicht verstanden hätte? Ich habe damals versucht, meine Vorstellungen und Ideen im Spiel umzusetzen und kann mich heute noch an einige meiner "Projektideen" , aber auch, wie ich sie erlebte und damit umging, erinnern.
Als ich schließlich schreiben konnte, habe ich meine Gedanken in kindlichen Reimen (nur für mich bestimmt) "gespeichert".
Deine weitere Frage, ob eine zu enge Bindung der Söhne an die Mutter eine Homosexuellität begünstigen kann, ist sicherlich nicht ohne Kenntnis von Fakten zu beantworten, aber ich kenne eine Reihe von Mutter-Sohn-Beziehungen, die sich auf das spätere Leben dieser Söhne so auswirkten, dass sie als Sonderlinge beurteilt wurden und "anders" waren als ihre Gleichaltrigen.

Soweit für heute. Ich lese den Romen mit gr0ßem Interesse, und die Lesefreude hat mich schon einige hundert Seiten lang begleitet.
Mit Grüßen aus dem Taunus, Hildegard

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Erna »

Irgendwo erinnere ich mich gelesen zu haben, dass Homosexualität eher in Familien mit mehreren Söhnen auftritt. Eine Mutter -Sohn - Bindung aber eher einer festeren Bindung zu einer Frau entgegen steht. Ob das stimmt, weiß ich nicht, ich kann es mir aber vorstellen.
Gruß aus Frankfurt
Erna

Marlis Beutel
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Hildegard,

was Du schreibst, klingt erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir hier ziemlich eng mit Nachbarn zusammen leben.
Ich habe eine Freundin, die als Kind mit ihren Eltern in die USA emigrierte. Sie erzählte mir, sie könne sich an ihre erste Schulzeit dort nicht erinnern, weil sie damals die Sprache noch nicht beherrschte. Sie meinte, zur Erinnerung gehöre unbedingt die Sprache.
Interessant fand ich, dass der Junge seine verstorbenen Brüder tatsächlich als Brüder betrachtet, zu denen man Kontakt aufnehmen kann. Sie unterstützen ihn, während die Mutter durch den Verlust sprachlos wurde.

Viele Grüße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Erna »

http://www.welt.de/wissenschaft/article ... nnern.html


Unter dem oben stehenden Link habe ich manches über unser Gehirn gefunden, das die Erklärung für das gute Behalten von Ereignissen betrifft. Marlis war ja erstaunt, was Ortheil alles erinnert. Ich habe gefunden, wenn man anfängt, sein Leben aufzuschreiben, fallen einem Ereignisse ein, an die man normalerweise nicht denkt.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Erna,

danke für den Hinweis! Der Artikel ist sehr interessant, auch für uns.

Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von HildegardN »

Der Autor schreibt als "Ich-Erzähler", der hier nicht chronologisch, sondern in Unterbrechungen. und Rückblenden erzählt. Seine laufenden und umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen haben wahrscheinlich dazu beigetragen, seine Erlebnisse und Gedanken, auch aus der Zeit, da er noch stumm war (also bis zu seinem siebten Lebensjahr), seinen Lesern mitzuteilen.
Die Sprachlosigkeit des noch kleinen Kindes, die Frage nach dem "Warum", wie es dazu gekommen ist, und wie der Junge Johannes davon erlöst werden würde, hat mein Lesen so beflügelt, dass ich das Buch anfangs gar nicht aus der Hand legen mochte.
Nach mehr als 200 Seiten langes Lesen, also nach einem Drittel des Romans, fand ich die Mitteilung des Autors "Jetzt bin ich so weit.... dass ich erzählen kann, wie ich den ersten Satz sprach und danach viele weitere Sätze ...." Das Kind Johannes war damals sieben Jahre alt und weilte bei seinen Großeltern auf dem Lande (S.211). Das dortige Umfeld und auch die persönliche Atmosphäre, und ganz besonders die einfühlsame Zunwendung des Vaters, haben seine "Heilung" sicherlich begünstigt, wenn nicht gar entscheidend ausgelöst.
Hier war es auch, wo seine Mutter, die ihre Sprache beim Verlust ihres vierten Sohnes verloren hatte, ihre Sprache wiederfand (S.258).
Mit Grüßen aus dem Taunus, Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Marlis Beutel »

Hat sich das alles wirklich so abgespielt quasi auf einer Bühne vor Publikum?
Die in Köln zurückgebliebene Mutter hat sich ziemlich gut auf ihren Auftritt vor Publikum vorbereitet. Sie schrieb aber vorher an ihren Sohn, und es sieht so aus, als hätte sie tatsächlich Abstand gewonnen und Zusammenhänge begriffen. Oder hat der Sohn alles hinterher idealisiert? Um welchen Zeitraum geht es?
Wie dem auch sei, das Buch liest sich jedenfalls spannend. Wenn der Sohn von Rom erzählt, dann scheint er allein zu sein, mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Kann man mit einem solchen Trauma allein zurechtkommen?

Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Erna »

Ich habe noch nicht sehr viel in diesem Buch gelesen. Aber so weit ich mich erinnere, sagt Ortheil in dem Link, den ich angegeben hatte: Es ist ein Roman mit biographischen Zügen. Also keine Biographie, also wird auch nicht alles genau so abgelaufen sein und alle Personen werden nicht unbedingt so gehandelt haben. Wir Leser sind nur leicht verführt, alles als authentisch zu nehmen, wie es mir auch bei Ulla Hahn ergangen ist.
Heute hat kurz die Sonne geschienen!
Gruß
Erna

Marlis Beutel
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Marlis Beutel »

Was Ortheil über Musik schreibt und über den Umgang mit ihr, hat mich sehr interessiert. Ob Pianisten generell so offen mit Musik umgehen? Er unterrichtet in Rom auch Marietta so, indem er mit ihr durch Rom geht und die Musik sammelt, wo er sie findet (ab S.360 ).
Wie anders wurde im Kloster unterrichtet! Es leuchtet auch ein, dass Johannes das Kloster nicht erträgt, weil er dort ständig mit zu vielen Menschen zusammen sein muss. Nur als er flüchtet, hatte ich Probleme damit, dass er im Wald Feuer anzündet, um sich zu wärmen. Er war doch überhaupt nicht auf diese Flucht vorbereitet. Woher nahm er trockenes Holz und Streichhölzer? Als Leser macht man sich doch immer wieder Gedanken daüber, was erlebt und was erfunden sein könnte. Warum lautet der Buchtitel "Die Erfindung des Lebens"?

Viele Grüße an die Mitleser, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von Erna »

Hallo, Marlis,
ich komme z.B. nicht damit zurecht, dass ein Kind, dass ja eigentlich intakte Stimmbänder hat und auch erlebt wie die anderen sprechen und schreien, nicht in den höchst emotionalen Situationen in der Schule wenigstens schreit. Es kann ja unartikuliert sein, aber Töne müssten doch entstehen. Es ist auch nicht geschrieben, ob er sich in irgend einer Weise gewehrt hat. Meiner Ansicht doch ganz normale Reaktionen, oder?
Die Beschreibung des Kölner Doms und wie die Mutter ihm das Klavierspiel vermittelt, finde ich sehr gut.
Erna

HildegardN
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Re: Hanns-Josef Ortheil: "Die Erfindung des Lebens"

Beitrag von HildegardN »

"Warum lautet der Buchtitel "Die Erfindung des Lebens?", fragt Marlis in ihrem letzten Diskussionsbeitrag - eine Frage, die auch mich fast bei jedem neuen Buch, das wir gemeinsam lesen, beschäftigt. Diesmal habe ich unvermutet und ganz schnell eine Antwort gefunden.
"Weltbild" (weltbild.de) bringt unter dem Klappentext zu unserem Buch "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil folgenden Hinweis: "Die Geschichte eines stummen Kindes, das sein Leben erfinden muss, um sein Glück zu machen".
Schon bevor ich diesen Hinweis gelesen hatte, habe ich darüber nachgedacht, ob mit dem Ausruf "Gebt mal her!" des bis dahin stummen Jungen (S.218) 'die Erfindung seines Lebens' begann (obwohl seine Aktivität und auch Kreativität schon früher darauf hindeuten ließ). Verstärkt wurde meine Vermutung noch durch die fast unmittelbar darauf einsetzenden eigenmächtigen Sprechübungen des jungen Johannes (S.236).
Hildegard

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