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Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viele?"

Verfasst: Donnerstag 6. September 2012, 15:39
von Brigitte Höfer
Ab dem 1. Oktober wollen wir mit Precht auf eine "philosophische Reise" gehen.
Das Buch kommt am 17. September als Taschenbuch heraus und ist dann für € 8,99 erhältlich.
Ich habe es als Hörbuch gehört und fand es sehr gut verständlich und unterhaltsam.
Die gedruckte Fassung hat 377 Seiten ohne Anhang.
Mal sehen, auf welche Weise wir darüber diskutieren können.

Liebe Grüße, Brigitte

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Dienstag 18. September 2012, 12:40
von Erna
R.D. Precht: Wer bin ich Einleitung
Schon sehr früh interessierte sich der Autor für Philosophie. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie er tagelang im Alter von 20 Jahren die Verteidigungsrede von Sokrates mit einem jungen Mann namens Jürgen diskutiert hat, ohne sich heute noch an das Aussehen seines Partners erinnern zu können.
Sein Philosophiestudium fand er sehr aufregend durch die vielen Bücher, die er dazu lesen konnte. Die Art wie Hochschulphilosophie gelehrt wurde (und vielleicht noch wird), desillusionierte ihn dagegen, da wesentlich mehr Wert auf die Wiedergabe der Werke als ihre Diskussion und auf intellektuelle Kreativität gelegt wurde. Die rückwärtsbezogene Philosophie dominierte im akademischen Betrieb die gegenwartsbezogene, auch wenn inzwischen die Mediziner mit ihren Forschungen an hirngeschädigten Patienten zu wichtigen Erkenntnissen für die Philosophie gekommen waren.
Das Leben und auch die Wissenschaft baut aber selten etwas auf, ohne sich Bausteine von anderen Baustellen zu holen. Die meisten Denker verwenden für ihre Gedankengebäude die Reste ihrer Vorgänger. Einsichten und Betrachtungsweisen gehen verloren oder werden wieder neu gedacht. Obwohl z.B. Nietzsche eine ungeheuere Wirkung auf die Philosophie hatte, waren nicht alle seine Gedanken und Erkenntnisse vollkommen neu.
Die meisten Auseinandersetzungen innerhalb der Philosophie gab es zwischen den Materialisten und Idealisten oder anders gesagt zwischen Rationalisten und Empiristen. Immer wieder hatte einmal die eine oder die andere Richtung das Sagen. Während der letzten 200 Jahre neigte sich die Waage mehrere Male den Materialisten zu, während es dazwischen immer wieder Phasen des Idealismus gab. Daher geht Precht in seinem Buch auch nicht chronologisch vor, sondern teilt es in die drei Fragen von Kant ein: Was kann ich wissen - was soll ich tun - was darf ich hoffen.
Der 1. Teil des Buches beschäftigt sich also mit der Frage, was ich über mich wissen kann.
Heute ist diese Frage weit mehr bei der Hirnforschung als der Philosophie angesiedelt. Hier haben wir es vor allem den Einfluss von vier Personen zu verdanken, die innerhalb von 16 Jahren geboren wurden: Ernst Mach (1838), Nietzsche (1844), Cajal (1852) und Freud (1856). Sie beeinflussten maßgeblich unsere gegenwärtige Philosophie.
Der 2. Teil richtet sich an der Frage aus: Was soll ich tun.
Hier werden die Grundlagen von Ethik und Moral zu klären. Warum können Menschen überhaupt moralisch handeln? Auch hier müssen zur Klärung der philosophischen Fragen die Hirnforschung und die Verhaltensforschung berücksichtigt werden.
Der 3. Teil: Was darf ich hoffen -
beschäftigt sich dann mit den Sinnfragen des Lebens. Die Fragen nach dem Glück, der Freiheit, der Liebe und Gott rücken in den Blickpunkt,
In der Praxis findet man die Theorien in unterschiedlichen Disziplinen. Trotzdem ist es sinnvoll, sie in der vorliegenden Weise aufeinander zu beziehen.
Precht wünscht sich, dass das Buch die Leser zum Denken anregen und im Denken einüben soll. Eine wichtige Übung ist dabei, Fragen zu stellen.

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Donnerstag 20. September 2012, 16:50
von Marlis Beutel
Liebe Mitlesende,

Im Augenblick kann ich mich zwar nicht auf Philosophie konzentrieren, aber was ich in dem Buch mit dem seltsamen Titel gelesen habe, war spannend genug. Der Autor macht es dem Leser leicht, ihm zu folgen. Jedes neue Kapitel ergibt sich aus dem vorhergehenden. Die Kapitel werden mit kurzen Episoden eingeleitet, die den Leser fesseln. Namen, die jeder von uns kennt wie Descartes, Kant, Schopenhauer, Freud usw. werden in diesem Buch zu Menschen mit ihren Eigenarten. Ich denke, das Buch liest sich leicht, aber der Inhalt wird uns eine ganze Weile beschäftigen und wird uns neue Gedanken und Einsichten vermitteln.

Marlis

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Freitag 28. September 2012, 12:25
von Erna
Ab Montag fangen wir mit dem Lesen des Buches R.D.Precht: Was bin ich an. Wie versprochen, stelle ich heute die Zusammenfassung der ersten zwei Kapitel ins Forum. Da ja eine Zusammenfassung immer sehr persönlich ist, gibt sie auch wieder, was ich mir beim Lesen gedacht habe. Ich fände es schön, wenn einige ihre Ansicht über die beiden Kapitel hinzufügen würden. Am Dienstag oder Mittwoch kommen die nächsten beiden, so dass wir bis zum 15. Oktober den Inhalt des ersten Teiles im Forum haben.

Precht: Wer bin ich
1. Teil
Was kann ich wissen.
Kluge Tiere im All Was ist Wahrheit?

In dem Kapitel, das vor allem Nietzsche gewidmet ist, beschreibt Precht zunächst die Stellung des Menschen in der Welt.
Der Mensch ist ein kluges Tier, das sich selbst völlig überschätzt. Sein Verstand ist nicht darauf ausgerichtet, die große Wahrheit zu erfassen, sondern sich mit den kleinen Dingen des Lebens zu befassen. Innerhalb der Natur ist der menschliche Intellekt gleich nichts. Nur der Mensch selber hält sich für wichtig und überschätzt sich dabei.
Precht gibt in einer kurzen Einführung einen Einblick in das Leben Nietzsches, der zunächst in einem evangelischen Pfarrhaus aufwächst bis zum Tode seines Vaters als seine Mutter nach Leipzig zieht. Er ist sehr intelligent, studiert Philologie und Theologie und wird von seinem Lehrer, ohne einen Abschluss zu haben, mit 25 Jahren einer Universität als außerordentlicher Professor empfohlen. Die Zeugnisse dafür werden ihm später ausgestellt.
Er ist mit R. Wagner bekannt, schätzt seine Musik und rechnet sie der dionysischen Richtung der Kunst zu, während er die bildende Kunst als apollinisch bezeichnet. Er kennt die Thesen von Darwin über die Abstammung des Menschen und bejaht sie.
Zu dieser Zeit zerfällt das Bild des Menschen in das Erhabene und das intelligente Tier. Jeder Mensch hat eine Chemie der moralischen, theologischen und ästhetischen Vorstellungen und Regungen.
In seiner Schrift „Wahrheit und Lüge“ beschreibt Nietzsche, wie der Mensch aus wissenschaftlicher Sicht sein Selbstverständnis sieht und kommt zu dem Ergebnis, dass der Mensch sich nicht objektiv sehen kann. Alles Denken der Menschen wird bestimmt durch ihr Instinkt, ihre Triebe. Der Mensch ist kein exklusives Lebewesen, sondern ähnelt hierin den Tieren.
Das Verdienst Nietzsches ist es, dass er den Menschen kritisch betrachtet.
Erkennen hängt mit den Sinnen zusammen.
Bis zu dieser Zeit haben die Philosophen angenommen, dass Gott den Menschen mit einer besonderen Erkenntnis ausgestattet hätte.


Woher wir kommen Lucy in the sky
Zunächst führt uns Precht mit drei Geschichtchen in die Zeit von 1967und 1973 ein, um den Namen Lucy für die bisher ältesten gefundenen Skelettreste zu erklären. Donald Carl Johanson, der für seine schriftliche Arbeit Affenzähne suchte, fand 1973 in Affar/Äthiopien Knochen und Schädelteile eines 90 cm großen Primaten, der vor 30 Millionen Jahren gelebt hatte. Dieses setzte die Wissenschaftler so sehr in Freude, dass sie ein Fest veranstalteten, bei dem das Beatle – Lied Lucy in the sky pausenlos lief, so dass die von einer zwanzigjährigen Frau , die aufrecht gehen konnte, stammenden Knochenreste, den Namen Lucy erhielten. Dieses Lebewesen ähnelte weitgehend noch einem Affen. Es hatte überlange Arme und war wahrscheinlich auch am ganzen Körper behaart. Sonst weiß man von diesem Hominiden nichts.
Vor 15 Mill. wölbte sich in Afrika die Erde auf über 3000 m hoch. Es entstand eine andere Vegetation. Mit der Entstehung der Gregory-Spalte und des Great Rift Valley und damit verbunden mit der anderen Vegetation entstand auch eine neue Primatenform – der Vorfahre des Menschen. Die freundlichere Umwelt bot reichlich Nahrung und die Hominiden bevorzugten mehr und mehr den aufrechten Gang.
Der Kopf dieser Australopitecinen ähnelte den Affen. Die Augen waren vorn im Schädel, sodass das Gesichtsfeld eingeschränkt war und verschiedene Gegenstände an der rechten und linken Seite des Gesichtsfeldes nicht simultan gesehen werden konnten. Auch das Gehirn entsprach an Gewicht dem des Affen.
Vor drei Mill. Jahren verdreifachte sich innerhalb kurzer Zeit das Gewicht des Gehirns. Der Grund dafür ist unbekannt. Während das Gewicht des Gehirns vom Australopithecinen zwischen 400 und 500 g wog, war es beim Homo habilis vor zwei Millionen Jahren zwischen 500 und 700g , beim Homo heidelbergensis und Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren 800 – 1000g und beim Homo sapiens, der vor 400 Tausend Jahren in Erscheinung trat, 1100 – 1800 g schwer.
Wissenschaftler erklären es mit den höheren Anforderungen, die gestellt wurden. Zwar ist eine Anpassung der Lebewesen an die veränderten Lebensumstände normal, doch veränderte sich das Gehirn wesentlich schneller als der Körper.
Während das Gehirn der Primaten bei der Geburt zu wachsen aufhört, wächst es beim Menschen auch noch danach weiter. Davon profitieren vor allem Kleinhirn und Großhirnrinde. Dort sind Musikalität, Raumorientierung und Konzentrationsfähigkeit verortet.
Sicherlich ist das Wachstum nicht allein auf eine bessere Nahrung zurückzuführen.
Aber die Veränderung des Hirns gab den Ausschlag für die Entwicklung der menschlichen Kultur.
Die Philosophen des frühen 19. Jhdt. haben den Menschen als stolze Überhöhung angesehen, der sich der Natur bewusst ist. Aber Nietzsches Menschen sind zwar kluge Tiere aber sie sind Tiere.
Je mehr wir über das Leben der Tiere lernen, desto besser erkennen wir uns.
Schöne Grüße
Erna

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Mittwoch 3. Oktober 2012, 17:47
von Erna
Wie versprochen, setze ich die Zusammenfassung der nächsten zwei Kapitel ins Forum. Ihr könnt Dann entscheiden, wie Ihr bei der Diskussion vorgeht.

3. Kosmos des Geistes Wie funktioniert mein Gehirn?

Das Gehirn ist die komplexeste Sache der Welt. Es wiegt ungefähr 1500 g, hat die Form einer Walnuss und die Konsistenz eines weich gekochten Eies, sagt Precht.
100 Milliarden (9 Nullen) Nervenzellen funken darin herum und schaffen 500 Billionen Verbindungen. Bis vor 120 Jahren hatte man nur wenige Kenntnisse über unser Gehirn.
In Petilla, in Spanien wurde 1852 Santiago Ramon y Cajal geboren und damit fast zeitgleich mit Nietzsche und Darwin. Eigentlich wollte er Maler werden und ging mit seinem Vater nachts auf die Friedhöfe und grub Leichen aus, als Modell. Mit 21 Jahren aber wurde er Arzt, ging zur Armee und nahm 1875 an einer Expedition nach Cuba teil, wo er sich mit Tuberkulose und Malaria infizierte. Nach einer Tätigkeit in Saragossa promovierte er in Madrid. Dabei verfiel er dem Zauber des Gehirns.
Zu seiner Zeit wurde er sehr geschätzt, während man ihn heute kaum kennt.
Er beschrieb die Abläufe des Gehirns so, als ob er sie sehen könnte, was aber nicht der Fall war, weil er seine Studien nur am toten Gehirn durchführen konnte. Er veröffentlichte 18 Bücher und 270 Aufsätze und erhielt 1906 den Nobelpreis für Medizin.
Nervenzellen sehen anders aus als normale, sie bestehen aus Neuronen und Axonen, haben Dendrite und Fortsätze. Alles Bezeichnungen, derer Cajal sich noch nicht bedienen konnte, denn es gab sie nicht. Das Wort Synapsen erfand z.B. Charles Scott Sherrington. Caval erkannte aber, das Nervenimpulse immer nur in eine Richtung gehen, was aber erst 1921 von Otto Loewi nachweisen konnte. Chemische Botenstoffe veranlassen die Nervenimpulse von einer Synapse zur anderen zu wandeln. Die nächsten Jahrzehnte beschäftigte man sich mit der Signalübertragung und der Erforschung der einzelnen Hirnregionen.
MacLean (1913 – 2007) teilte das Gehirn in drei Regionen ein, die seiner Ansicht nach, den drei Entwicklungsstufen des Menschen entsprachen. So gab es gemäß der ersten Entwicklungsstufe einen Teil, den er Reptiliengehirn nannte und der aus Hirnstamm und Zwischenhirn besteht. (Ort der Instinkte und wenig lernfähig.) Das frühe Säugergehirn entsprach dem limbischen System. (Ort, an dem sich Bewusstsein und Gedächtnis entwickelten.) Und dem entwickelten Säugerhirn, es entspricht dem Neocortex. (Sitz von Verstand, Vernunft und Logik.) MacLean glaubte, dass zwischen dem limbischen System und dem Neocortex nur geringe Verbindungen bestünden. Die Annahme von Mac Lean erwies sich jedoch als falsch, denn auch das Gehirn der Tiere besitzt ein limbisches System und die Verbindungen zwischen den Teilen sind sehr rege.
Viele Erkenntnisse, die man über das Gehirn gewann, mussten immer wieder revidiert werden, wenn sich die Untersuchungsmethoden verfeinerten. So stellte der Franzose J.P.M. Flourens um 1920 fest, dass bei der Entfernung von Teilen des Gehirns von Hühnern, nicht nur die Eigenschaft deren Sitz dort war, verschwand, sondern auch andere. 1861 stellten die Wissenschaftler Broca und Wernicke fest, dass es je ein Sprachzentrum für das Sprachverstehen und die Artikulation gibt.
Die Leistung unseres Gehirns steht in Abhängigkeit zu dem, was wir erleben. Kant sagt in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, dass alle Erkenntnisse mit der Erfahrung anfangen. Fühlen und Denken werden durch die Aufmerksamkeit bestimmt und beide bestimmen die Aufmerksamkeit.
Wir wissen, was in unseren Gehirnen vor sich geht. Warum es sich für uns so anfühlt, wissen wir aber nicht. Weder Messapparate noch psychologische Gespräche dringen in die Erlebnisqualität ein und machen sie sichtbar.


Ein Winterabend im 30. jährigen Krieg Woher weiß ich, wer ich bin
Rene Descartes sitzt an einem Winterabend im 30.jährigen Krieg in einem warmen Haus und begann sich mit seinen Gedanken zu unterhalten. Er sann nach über Ruhe und Ordnung, Wahrheit und Zweifel und kam zu dem Ergebnis, dass man seinen Sinnen nicht trauen könne. Er definierte sich durch sein Denken. Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich.
Er wuchs bei seiner Großmutter auf, kam dann in ein Jesuitenkolleg und studierte Jura. Mit 22 Jahren tritt er in den Dienst Moritz von Oranien, später in den von Maximilian von Bayern. In dieser Zeit besichtigt er die Arbeitsstätte von Kepler und will Aufklärer werden und nach einer Methode zur Erforschung der Wahrheit suchen.
1620 trifft er den Mathematiker Faulhaber. Er verlässt das Militär und reist nach Paris, 1630 dann in die Niederlande, da er dort die größte Freiheit des Kontinents sieht. Er hatte inzwischen vom Schicksal Galileo Galilei erfahren.
Zunächst wendet er sich der Mathematik zu. Sein Buch – Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftsgebrauch und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung – erschien zunächst anonym. Weitere Bücher, die dem sehr ähnlich sind, erhalten viel Kritik 1649 fährt er nach Stockholm, bekommt eine Lungenentzündung und stirbt dort.
Seine Leistung ist, dass er nur die Methode als richtig akzeptiert, mit der man schrittweise und lückenlos eine These beweisen kann. Dabei macht er das „Ich“ zum Zentrum. Ich kann die Welt nur verstehen, wenn ich weiß, wie sie sich in meinem Denken darstellt. Nietzsche sagte, dass Descartes der Großvater der Revolution sei..
Allerdings kritisieren andere Philosophen, dass er nicht den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft macht. Alles was verstandesmäßig ist, ist nicht zugleich auch vernünftig. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ihm zwar zum Denken viel einfällt, nicht aber zum Sein.
Er erklärt, wie viele andere in dieser Zeit, den Körper zu einem physikalischen Mechanismus wie die damals sehr beliebten Wassergärten. Der Körper wird von einem kleinen Mann in unserem Kopf gesteuert, der Zirbeldrüse.
Descartes wird als der Chefideologe seiner Zeit angesehen.
Wie würde es sich anhören, wenn er heute meditieren würde? fragt Precht.
Ich befinde mich in den USA und bin gerade von einer Tagung des National Health Institute gekommen. Ich muss mich mit meinen Gedanken unterhalten, weil ich an allem zweifle. Weil dies der einzige Weg zur Wahrheit ist, muss ich sagen, dass Körper und Geist zusammen gehören und nicht zu trennen sind. Das Gehirn ist nicht die Hardware und Geist Software, sie gehören zusammen. Der Satz –ich denke, also bin ich – ist leider nicht ganz richtig, da er nahe legt, dass Denken losgelöst vom Körper stattfindet. Es würde die These von der Trennung des spirituellen Geistes vom biologischen Körper bestätigen. Die heutige Hirnforschung aber sagt, dass sich weder die Gefühle noch die geistigen Tätigkeiten vom biologischen Organismus trennen lassen. Wäre das so, brauchten die Hirnforscher keine Hirnareale zu untersuchen, keine elektrischen Verbindungen, keine chemischen Stoffe zu benennen, denn alles hätte nichts mit Geist zu tun.
Um unseren Geist zu verstehen, müssen wir lernen, unseren ganzen Organismus zu verstehen. Unsere Sinne, Nerven, Neuronen handeln im Austausch mit dem, was wir sehen, hören, riechen schmecken und fühlen.
Ich weiß, wer ich bin, weil meine Sinne Signale an die Nervenzellen weiterleiten wo sie sich in Schalterkreisen ausbreiten, die so komplex sind, dass sich so wunderbar Kompliziertes und Abstraktes ergibt, wie das Wissen um mein eigenes Denken und eine Vorstellung von meinem Dasein.
Zwar ist der Satz – ich denke, also bin ich – nicht falsch, wenn man aber sagt, allein mein Denken kann mir eine Vorstellung von meinem Sein geben, dann erst wird er ganz richtig.
Schöne Grüße
Erna

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Montag 8. Oktober 2012, 17:00
von Erna
Liebe Leser und Leserinnen von Prechts Buch "Wer bin ich"
die Inhaltsangebe bzw. Zusammenfassung der nächsten beiden Kapitel sind da. Ich hoffe, dass ich bald etwas von Euch höre.
Erna

5. Die Machterfahrung Wer bin ich?
1855 machte Ernst Mach als Physikstudent die Erfahrung, dass sein „ICH“ und die Welt sich in einer Masse von Empfindungen zusammenfanden. Es war die Erfahrung des Jahrhunderts, die er 50 Jahre später in seinem Buch „Analyse der Empfindungen“ beschrieben hat.
Mach ist 1838 geboren, seine Familie gehörte zur deutschsprachigen Bevölkerung Tschechiens. Er war hoch begabt und studierte zunächst Mathematik und Naturwissenschaften. Interessierte sich aber auch für die anderen Wissensgebiete. Er war Professor in Graz, Prag und Wien und lehrte neben Physik und Mathematik auch Philosophie und Psychologie. Er berechnete die Schallgeschwindigkeit, die man später mit der Einheit Mach maß. Er war der Anreger der Relativitätstheorie. Politisch neigte er zur Sozialdemokratie, war Agnostiker und legte sich oft mit der Kirche an.
Die von ihm gefundene Sinnespsychologie war in Russland an den Universitäten eine neue Disziplin und beeinflusste die amerikanische Verhaltensforschung.
Für mach zählte nur, was bewiesen und berechnet werden konnte. Das Empfindungsleben des Körpers und das Vorstellungsleben des Geistes bestehen aus derselben Materie. (Monismus) Es gibt kein Ich im menschlichen Gehirn, „die Empfindungen gehen allein in der Welt spazieren.“
Schon 28 Jahre zuvor war der Schotte David Hume, bei seiner Suche nach dem Ich erfolglos geblieben. In seinem „Traktat über die menschliche Natur“ fiel ihm zum Ich nur ein, dass es eine „Zusammensetzung der Wahrnehmungen"sein könnte.
Psychologen sagen: Wenn es ein Ich gibt, dann ist es etwas Abgeleitetes. Wovon es abgeleitet ist, sagen sie allerdings nicht. Sie sprechen dann lieber vom Selbst, zwischen Selbstkonzept und Selbstwertgefühl. Im Englischen unterscheidet man zwischen I und Me. Virchow sagt, dass er bei all seinen vielen Operationen nie eine Seele gefunden hätte.
Kein namhafter Philosoph hat aber auch geglaubt, dass das ICH eine materielle Substanz im Gehirn ist.
Der englische hirnforscher Oliver Sacks hat versucht über Patienten mit Ich-Störungen an das ICH heran zu kommen.“ Er nannte seine Patienten „Reisende unterwegs in unvorstellbare Länder.“ Er beschreibt sie in seinem Buch „Der Mann, der seine Frau mit dem Hut verwechselte“ Verletzungen in einer bestimmten Hirnhälfte führte oft dazu, Gegenstände nicht mehr zu erkennen.
Viele Hirnforscher neigen zu sagen, dass es nicht nur ein ICH gibt, sonder viel ICH - Zustände. Zu allen Zuständen gibt es Störungen. Untersucht man patenten mit bildgebenden Verfahren, so lasen sich Gehirnareale finden, die nicht normal funktionieren. Das Körper- und das Verortungs - ICH zum Beispiel hängen mit der Arbeit des Partiallappens zusammen.
Im Alltagsbewusstsein spielen die verschiedenen ICHs zusammen, einige von ihnen nur gefühlt, andere gewusst.
In der Forschung sind die verschiedenen ICH - Zustände sinnvolle Einteilungen aber gleichwohl sind sie nur Konstruktionen. Sie beweisen nicht, dass eine Gesamtbefindlichkeit entsteht.
Obwohl das ICH bestritten wird, können Hirnforscher genaue Angaben machen, wie sich eine Persönlichkeit – also ein ICH – entwickelt. Im Alter zwischen 0 und 5 Jahren bildet sich das ICH – Gefühl aus. Das Kind sagt zu seinem Spiegelbild – ICH -. Später entsteht die gesellschaftliche juristische Person, das ICH als Mitglied der Gesellschaft. Manche Eigenschaften entwickeln sich erst in der Pubertät. 30 – 40% ist abhängig von Erlebnissen und Prägungen im Alter, 20 – 30 %. Durch spätere Einflüsse.
Darwin und Kopernikus beschreiben Tatsachen. Auch wenn der Hirnforscher das ICH durchstreichen möchte, so weisen sie nicht eine neue Tatsache nach. Dass der Mensch von einem geistigen ICH zusammengehalten wird, ist nicht widerlegt. Der Soziologe Niklas Luhmann sagt:“Man ist Individuum ganz einfach als der Anspruch, es zu sein und das reicht aus.“
Das ICH ist, dass unser gefühltes ICH ein komplizierter Vorgang in unserem Gehirn ist, über das wir Grund haben zu staunen.
Die umfassende Ergründung unseres ICH - Zustandes wird so lange dauern, wie die bemannte Reise zum Jupiter.


6. Mr. Spock liebt Was sind Gefühle+
Über die Person Mr. Spock aus der Fernsehserie „Enterprise“ erklärt Precht uns die Gefühle.
Gefühl und Verstand bilden keine Gegensätze. Gefühle sind der Klebstoff der alles zusammenhält. Ohne Gefühle wären wir bedauernswerte Wesen, unfähig zu handeln und zu denken. Denn auch Gedanken sind emotional geprägt.
Bereits Griechen und Römer haben sich mit der Definition der Gefühle abgemüht.
Sie bezeichneten sie mit Passion und Pathos, was ungefähr Leidenschaft bedeutet. Die Bezeichnung Emotion für Gefühle ist neutraler, sie hängt mit movere - bewegen zusammen. also was uns bewegt. Das deutsche Wort Gefühl entstand erst im 17. Jahrhundert. Und hängt mit dem französischen Wort sentiment zusammen.
Gefühle sind körperliche Erregungen und dienen im Extremfall unserem Überleben. (Angst, Ekel, Zuneigung.), sowohl bim Einzelnen als auch der Gruppe.
Gefühle tragen dazu bei, etwas erreichen zu wollen oder aber es zu verhindern. Sie müssen dazu einem äußeren Anreiz zu entsprechen oder einen inneren Zustand zu regulieren. Bei starken Gefühlen gibt es stets eine Gegenbewegung. –Wir sind Gefühle und werden gleichzeitig von ihnen kontrolliert.
Seit dem Gebrauch der Kernspin-Tomographie gibt es die Emotionsforschung, ein beliebtes Feld der Neurobiologen. Sie verstehen unter Gefühlen das komplexe Zusammenspiel zwischen chemischen und neuralen Reaktionen.
Precht unterscheidet unter Emotionen und Gefühlen. Während Emotionen stereotyp automatische Vorgänge sind, kommt bei Gefühlen das Bewusstsein mit ins Spiel.
Gefühle sind sehr persönlich und spielen sich im Inneren ab. Emotionen können wir dagegen mit anderen teilen, z.B. Hunger, Fluchtreflexe, Liebeskummer, Schwermut eher nicht.
Vor den Hirnforschern haben sie im 19. Jahrhundert schon die Psychologen mit den Gefühlen beschäftigt und sie zu erforschen versucht. Sie stellten einen Katalog der Emotionen auf und fanden, dass es ein Grundrepertoire an in allen Kulturen vorkommenden Emotionen gibt. Wendt erstellte einen Katalog mit drei Gegensatzpaaren: Lust – Unlust, Erregung – Hemmung, Spannung – Lösung. Später entwickelte man eine Liste mit 12 Emotionen (S. 80) Im Augenblick arbeitet man mit einer von Paul Ekmann erstellten mit 15 Emotionen. Bei diesen Listen arbeiten die verschiedenen Kulturen mit den gleichen Wörtern, die Bedeutung der Begriffe ist aber in ihrer Aussage durchaus unterschiedlich. Diese Schwierigkeit tritt zwar auch bei den Hirnforschern auf, doch haben sie durch die einheitliche Benennung des Chemischen Stoffes einen Vorteil.
Wichtig sind hier die Neurotransmitter – also die Botenstoffe. Ihre Fähigkeiten sind noch nicht völlig erforscht. Die Botenstoffe findet man im vor allem limbischen System, wenn dies auch nicht ihr alleiniger Wirkungsort ist. Das limbische System hat drei Zentren: das Höhlengrau, den Hypothalamus und die Amygdala. Diese Zentren sind für die unterschiedlichsten Aktivitäten zuständig.
Im Kern des Hypothalamus liegt der einzige Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Gehirn. (S82)
Emotionen sind lernfähig, dafür zuständig ist die Amygdala. Gefühle. Denken und Handeln entstehen durch Signalsubstanzen.
Wie aber werden die Botenmoleküle aktiv? Transmitter sind Botschafter, die von Zelle zu Zelle wandern und am Bestimmungsort bestimmte Reaktionen auslösen, diese Reaktionen werden nicht von ihnen gedeutet.
Woher bekommen sie also den Auftrag? Wenn der Klebstoff aus Gefühlen besteht, dann entscheiden vielleicht die Gefühle über das Wesentlich! Regiert dann vielleicht statt des Bewusstseins, das Unbewusste?


7. Kein Herr im eigenen Haus? Was ist mein Unterbewusstsein?
Das Kapitel handelt vorwiegend von S. Freud. Was Precht über seinen Charakter schreibt, verführt niemanden dazu, ihn als Vorbild anzusehen. Freud ist 1856 als ältester Sohn (8 Kinder) eines jüdischen Wollhändlers in Freiberg/Böhmen geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, da sein Vater insolvent wurde. Die Familie wechselte von Freiberg nach Leipzig und dann nach Wien. Freud war ein sehr guter Schüler. Nach Abitur und Studium promovierte er 1881 über „das Rückenmark niederer Fischarten“ und beschäftigte sich auch weiterhin mit Fischhirnen. Er verfasste mehrere Arbeiten, mit denen er aber keinen Erfolg hatte. Bei einer Reise nach Paris lernte er Jean-Marie Charcot kennen, der ihm zeigte, dass viele Nervenkrankheiten nicht physiologisch sondern psychologisch bedingt waren. Nach seiner Rückkehr nach Wien eröffnete er dort eine Praxis für Nervenkrankheiten und arbeitete gleichzeitig in einem Krankenhaus. Er heiratete eine Frau, die aus einer Rabbiner- und Gelehrtenfamilie stammte. Die Familie hatte 6 Kinder. Er veröffentliche einen Aufsatz über Sprachstörungen infolge von Hirnkrankheiten. Daneben schreibt er an einem „Entwurf einer Psychologie“, die er aber nicht veröffentlichte. Im Gegensatz zu Cajal, der an toten Gehirnen forschte, macht Freud die Studien an seinen Patienten. Damit gründete er die Psychoanalyse. 1889 besuchte er Hypolite Bernstein, der Versuche mit posthypnotische Analyse durchführte. Er kommt zu der Erkenntnis, dass menschliche Handlungen vom Unterbewusstsein geleitet werden.
Schon 1869 hat E. v. hartmann eine „Psychologie des Unbewussten geschrieben“, die einen großen Erfolg hatte. Zuvor war 1846 bereits von Carl Gustav Carus ein Buch über das Unbewusste erschienen. Der Unterschied zu den zuvor erschienen Schriften war, dass Freud systematisch forschte und eine Ahnung von deren Sitz im Hirn hatte, nämlich in den subcorticalen Zentren des Endhirn und dem Hirnstamm. Den Begriff Psychoanalyse übernimmt er von seinem Freund Breuer. Zwischen 1899 und 1905 schreibt er vier Bücher über „die Macht des Unbewussten“, die seinen Ruhm begründeten. 1919 hält Freud seine Werke für ebenso bedeutsam wie die von Kopernikus und Darwin.
Freud sagt, dass 90% der menschlichen Handlungen aus dem Unbewussten gesteuert sind. Drei Instanzen bestimmen das Leben: Das Es, das Ich und das Über-Ich.
Das Es entspricht dem Unbewussten, den Trieben, den Gefühlen. Sein Gegenspieler ist das Über-Ich, es verkörpert die Rollen, die Normen, die Ideale. Dazwischen liegt das Ich, das vom Es, dem Über-Ich und dem sozialen Umfeld zerrieben wird. Später erkrankte Freud an Gaumenkrebs und konnten nur unter großen Schmerzen arbeiten. 1938, nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich, flieht er nach London. Dort setzte er seinem Leben ein Ende mit einer tödlichen Dosis Morphium.
Wichtig in seinem Wirken ist, die Bedeutung erkannt zu haben, welche die Gefühle, psychische Konflikte und das Unterbewusstsein haben.
Psychoanalyse ist keine Wissenschaft, sondern eine Methode. Erst heute fangen Hirnforscher an, Freuds Leistungen zu schätzen.
Auch für Neurobiologen ist es schwer das Unbewusste zu erfassen und es zu versprachlichen.
Ist unsere Aufmerksamkeit stark auf eine Sache fixiert, kümmert sich das Gehirn nicht an andere Dinge. Ein großer Teil des Unbewussten speist sich daher aus unbeleuchteten Wahrnehmungen. Zweidrittel unserer Persönlichkeit reift heran, ohne dass wir uns später daran erinnern oder es reflektieren können.
Freud hatte Recht, wenn er sagte, dass das meiste, was in unserem Hirn abläuft, unbewusst ist. Unbewusste Wahrnehmungen sind der Regelfall, bewusste die Ausnahme.
Das Unbewusste kontrolliert stark das Bewusste.
Die Erforschung des Unbewussten hat gerade erst begonnen. Es ist auch ein Stiefkind der Philosophie und wird erst allmählich wahrgenommen.

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Mittwoch 10. Oktober 2012, 07:43
von Marlis Beutel
Liebe Erna und liebe Mitlesende,

obwohl ich wenig Zeit dafür hatte, lonnte ich das Buch nicht aus der Hand lesen, bis ich damit fertig war. Mein Resümee? "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor". Im Ernst: ist das nicht auch eine höchst philosophische Zusammenfassung von Goethe?
Deine Inhaltsangaben habe ich bewundert, liebe Erna. Ich frage mich aber, ob wir dabei bleiben sollten, denn dann wären eine Menge langer Texte zusätzlich zum Buch zu lesen.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Mittwoch 10. Oktober 2012, 16:07
von Erna
Liebe Marlis,
richtig, es wäre noch etwas mehr Text zu lesen. Aber wir hatten beim Treffen gedacht, dass wir es ja diskutieren müssen. Wir haben ja auch noch zwei Monate dafür Zeit, da ist eine Zusammenfassung ganz hilfreich. Aus den über 100 Seiten sind nun 10 geworden. Allerdings ist natürlich jede Zusammenfassung subjektiv und so habe ich manches hineingeschrieben, was ein anderer als nicht so wichtig erachten würde. Ich hoffe. dass sich noch ein paar Leserinnen sich melden.
Schöne Grüße
Erna

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Samstag 13. Oktober 2012, 09:45
von Marlis Beutel
Am Ende des Vorworts steht etwas sehr Bemerkenswertes: "Fragen stellen zu können, ist eine Fähigkeit, die man nie verlernen sollte. Denn Lernen und Genießen sind das Geheimnis eines erfüllten Lebens. Lernen ohne Genießen verhärmt, Genießen ohne Lernen verblödet. Sollte es diesem Buch gelingen, beim Leser die Lust am Denken zu wecken und zu trainieren, wäre sein Ziel erreicht."
Machen wir uns also auf den Weg! Herzliche Grüße, Marlis

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Samstag 13. Oktober 2012, 19:28
von Erna
Diesen Satz finde ich auch bemerkenswert. Mein ganzes Leben habe ich Schwierigkeiten gehabt, Fragen zu stellen. Immer meinte ich, dann hält man mich für dumm. Dabei ist es gerade das Gegenteil. Eigentlich kann man nur Fragen stellen, wenn man schon etwas weiß. Genau so, wie man ja auch nur das sieht, was man weiß.
Schönen Sonntag
Erna

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Sonntag 14. Oktober 2012, 17:09
von Marlis Beutel
Liebe Erna,

und ich hatte mein Leben lang das Gefühl, dass ich immer nur lerne! Gleichzeitig glaubte ich, allmählich doch etwas wissen zu sollen oder zu müssen. Was ich jetzt las, erleichtert mich also. Außerdem empfinde ich es als Entlastung, dass wir Menschen letzten Endes nichts anderes sind als spezielle Tiere und keineswegs die Krone der Schöpfung. Das versöhnt mit mancher Unzulänglichkeit.
Viele Grüße nach Frankfurt, Marlis

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Mittwoch 17. Oktober 2012, 19:14
von Erna
Hallo, Ihr Lieben, ich setze die drei letzten Kapitel ins Forum, so dass Ihr die zusammenfassung des 1. Teils habt. obwohl ich es geschreiben habe, hilft es mir ,wenn ich wieder etwas nachsehen will. Aber ich habe mich noch nie für Philosophie interessiert. Das ist das erste mal, dass ich so konsequent dabei geblieben bin.
Grüße
Erna

Da war doch was? Was ist das Gedächtnis?
Eric Kandel, der 2005 den Nobelpreis für Physiologie mit noch zwei anderen erhielt, ist in Wien 1929 geboren als Sohn eines jüdischen Spielwarenhändlers geboren. Nach der Einverleibung Österreichs ins Hitler- Deutschland emigrierte die Familie nach den USA.
Erich, jetzt Eric genannt absolvierte dort die jüdische Eliteschule Jeshiva, später die Eramus-High-Scool in Brooklyn. Von 1400 Schülern erhielt er eines der zwei Stipendien für die Universität Harvard. Hier lernte er auch seine Fraukennen, die aus einer Psychoanalytiker-Familie stammt. Er liest Freud und merkt, dass er bei seinen Studien Medizin studieren müsse. Er möchte, wie er dem Neurophysiologen Harry Grundert mitteilte, den Sitz des von Freud beschriebenen Es’, Ichs und Über-Ichs im Gehirn erforschen.
Als Untersuchungsobjekte will er die Meeresschnecke und den Seehase nehmen (Freud –Fische). Den Seehasen deswegen, weil dieser verhältnismäßig wenige Nervenzellen (20 000) hat und diese zudem noch groß sind.
Kandel will das Gedächtnis erforschen. Was aber ist Gedächtnis? Das Gedächtnis trägt zu unserer Identität bei, ohne Gedächtnis und Erinnerung hätten wir keine Biographie und kein bewusstes Leben.
Unser Hirn speichert weder Sätze noch Wörter sondern jeweils die Bedeutung, die die Dinge für uns haben. Wie werden aus den Informationen Bedeutungen? Erinnerung, so sagt Precht, ist weitgehend unverfügbar. Sie blitzt auf und steht unversehens vor unseren Augen.
Wie gelangen nun bestimmte Bilder aus dem schattenhaften Gedächtnis in unser Bewusstsein? Da unser Gedächtnis nur Bedeutungen speichert, ist es sehr schwer Gedächtnis und Erinnerung zu erforschen. Man weiß zwar, dass das menschliche Gedächtnis über die Moleküle funktionieren. Wie aber die Moleküle untereinander reagieren, weiß man nicht.
Wenn wir uns erinnern, denken wir an Gedachtes und Gefühltes, das in unserem Gehirn Spuren hinterlassen hat. Beim Erinnern spüren wir die Ereignisse noch einmal.
In einem Exkurs geht Precht dann auf die Savants ein, die in manchen Fertigkeiten ungeheueres an Erinnern vollbringen, bei anderen Fertigkeiten aber vollkommen versagen. Als Beispiel nannte er einen Mann, zwar 12000 Bücher rezitieren konnte, aber unfähig sich selber anzuziehen.
Vor allem die Psychologen teilen die Hirnfunktionen in ein deklaratives (ausdrückliches) und ein nicht-deklaratives (verborgenes) Gedächtnis ein. Das entspricht dem schon erwähnten Bewusstsein und Unterbewusstsein. Verborgene Gedächtnisleistungen sind diejenigen, die wir speichern, ohne es zumerken oder es zu wissen. Das ausdrückliche Gedächtnis wiederum besteht aus drei Komponenten: einem episodischen Gedächtnis, das unsere Identität und Selbstverständnis prägt, einem Faktengedächtnis, in das alles was die Welt betrifft gespeichert wird und nicht ins episodische Gedächtnis passt und einem Vertrautheitsgedächtnis, das mir sagt, ob mir etwas bekannt vorkommt. Dieser Teil arbeitet mühelos und intuitiv. (Beispiel –ein Autolenker schaltet automatisch, reflexartig).
Diese Gedächtniskomponente unterscheidet auch zwischen wichtig und unwichtig.
In unserem Gehirn gibt es keinen sichtbaren Ort, wo das Gedächtnis angesiedelt ist.
Kandel hat aber gezeigt, dass Erfahrungen Spuren im Hirn hinterlassen. Beim Ausstoß des Proteins CREB werden Synapsen beim Kurzzeitgedächtnis effizienter, beim Langzeitgedächtnis aber steigt ihre Anzahl.
Zum bewussten Erinnern brauchen wir die Sprache.

Die Fliege im Glas Was ist Sprache
Das letzte Kapitel des ersten Teiles befasst sich mit Ludwig Wittgenstein und der Sprache. Wie mehrere andere Wissenschaftler kommt er aus Wien und ist das jüngste von 9 Kindern. Die Familie ist sehr reich. In der Schule war er absolut kein Wunderkind, schaffte aber das Abitur und schrieb sich 1906 an der TH Berlin ein. Zwei Jahre später wechselte er nach Manchester, wo er den Philosophen Rusell kennen lernte. Wittgenstein Anliegen war es, eine „logisch-philosophische Abhandelung“ zu schreiben, die 1921 erschien und die Sprache in den Mittelpunkt der Philosophie rückte. Er sagte, dass ein Satz – seine Wörter und sein Satzbau – die Realität abbilden würden. Die Substantive entsprächen den Dingen der Welt – ihre Bedeutung erhielten sie durch die Anordnung im Satz. Stimmen Namen (Substantive) und Satzbau mit der Realität überein, dann ist der Satz wahr. Damit der Satz das Abbild der Wirklichkeit wird, müssen alle Fehler beseitigt werden. Sinnlose Sätze – z. B. Grün ist grün- und unsinnige Sätze, dass sind diejenigen, die nicht überprüft werden können, müssen abgeschafft werden. Die Welt sollte nach den Regeln der Logik erklärt werden. Wittgenstein wollte eine Präzisionssprache schaffen.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern schloss sich zum Wiener Kreis zusammen um daran zu arbeiten. Das Projekt scheiterte. Sprache ist nicht zur Findung von Wahrheit und Selbsterkenntnis entstanden, sondern aus dem sozialen Bedürfnis der Verständigung heraus.
Wittgenstein fragte nicht, ob der Mensch die objektive Realität erfassen kann, noch nach der Psychologie der Wahrnehmungen, noch nach dem sozialen Kontakt des Sprechers und seiner Sprache. Ein Beispiel dafür ist der taube Josef, der 10 Jahre lang ohne gesprochene Sprache und Gebärdensprache war und dessen Wortverständnis und Syntax zwar vorhanden war. Sein Sprachverständnis jedoch war nur im elementaren Sinne logisch aber nicht sozial.
Kleinkinder lernen die erste Sprache nur durch Nachahmung, im sozialen Kontext.
Der Ort im Gehirn für die erste Sprache ist wahrscheinlich das Broca-Areal, das über dem linken Ohr liegt. Der für die anderen Sprachen im Wernicke-Areal und anderen Orten.1929 kehrt Wittgenstein nach Cambridge zurück, ist Dozent und wird mit %0 Jahren noch Professor. Er arbeitet in dieser Zeit sehr viel, veröffentlicht aber nichts.
Zwei Jahre nach seinem Tod erscheinen seine „Philosophischen Untersuchungen“, die eine Abkehr von den „Logisch-philosophischen Abhandlungen“ bedeuten. Sie
waren befruchtend für die Philosophie und die Sprachwissenschaften. Die Sprachwissenschaftler J. Austin und J. Searle entwickelten aus Wittgensteins Sprachspielen die Theorie der Sprachakte. Wichtig ist nicht ob ein Satz richtig oder falsch ist, sondern dass soziale Kommunikation entsteht.
Wer anders erlebt, denkt anders und benutzt eine andere Sprache. Die Denk- und Sprechweisenunterscheiden den Menschen von anderen Tieren.

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Samstag 27. Oktober 2012, 18:19
von Erna
Die meisten Leserinnen waren der Ansicht, dass das Precht-Buch für Laien , wie wir es sind, gut geeignet ist, um in die Philosophie einzuführen. Es ist ganz amüsant geschrieben, regt aber doch zum Nachdenken an. So hat uns beispielsweise der Ausspruch von Nietzsche, dass wir nicht objektiv sein können zu einer längeren Diskussion geführt. Vor allem beim Fällen von Gerichtsurteilen muss dies immer mit bedacht werden. Ein anderer Diskussionspunkt war, dass die Erkenntnisse auch dem Zeitgeist unterliegen. In die Diskussion floss auch die am Abend zuvor ausgestrahlten Thesen über das Böse mit ein (Scobel), dass in gewisser Weise den Aussagen Rousseaua widersprachen.
Erna

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Dienstag 6. November 2012, 17:33
von Erna
Inzwischen haben wir mit dem 2. Teil des Buches begonnen.
Zu Beginn beschäftigt Precht sich mit der Frage "Warum helfen wir einander?" S. 132 -138
Die Primaten sind wie wir Menschen auch, zu Gefühlen fähig. Sie können zärtlich sein, bauen Beziehungen auf, belügen einander, tricksen einander aus. Nie aber werden sie einander helfen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das einander hilft. Das Helfen und Eintreten für einander, hilft sowohl dem Einzelnen als auch der Gemeinschaft. Und so bändigen Kultur und Zivilisation die Natur, die an sich grausam ist. (Huxly)

Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Verfasst: Mittwoch 7. November 2012, 18:40
von Erna
Rousseaus Irrtum
S.128 - 132
Da habe ich doch gestern schon mit dem zweiten Kapitel angefangen, denn der erste Protagonist des zweiten Teils ist Rousseau. Von ihm hatte ich mir aus meiner Schulzeit gemerkt, dass er mehrere Kinder hatte, die er eins nach dem anderen in ein Heim abschob. Precht erzählte dann noch, dass Rousseau selber auch auf Kosten anderer, vorwiegend Frauen , lebte.
R. kam zu der Erkenntnis, dass die Menschen an sich gut sind, die menschliche Gesellschaft aber bringt sie dazu, einander zu hassen, da die Menschen an sich ungesellig sind und voller Selbstmitleid.
Seine Schriften waren zu seiner Zeit sehr populär und führten zu vielen Disputen.
Heute wissen wir, dass die Annahme von Rousseau nicht stimmt. Robert Weiß hat in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Einsamkeit erforscht und herausgefunden, dass einsame Menschen unter dem Desinteresse der Mitmenschen leiden. Sie selber können für andere nur sehr schwer Mitgefühl entwickeln.
Kaiser Friedrich II. hielt Kinder in völliger Einsamkeit, um zu erforschen, wie sie die Sprache lernten. Die Kinder starben.
Wäre schön, wenn einmal jemand etwas schriebe.