Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viele?"

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Brigitte Höfer
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 14. Januar 2013, 15:55

Der letzte Beitrag war vor vier Wochen. Ich hoffe, ihr alle habt die Feiertage genossen und erst mal die neuen Bücher gelesen, die auf dem Gabentisch lagen.
Nun aber will ich doch noch mal zu den letzten Kapiteln des zweiten Teils von Precht kommen. Es ist mir aufgefallen, wie oft die von ihm angeschnittenen Themen in den Berichterstattungen der Zeitungen und im Fernsehen eine Rolle spielten.
Das eine war die Nachricht, dass der Sex mit Tieren durch ein neues Gesetz verboten werden soll. Diesmal ist die Begründung nicht, dass die Würde des Menschen dadurch verletzt werde, sondern die des Tieres.
Auf der ersten Seite der FR vom 11.Januar: "Gegen Fleischkonsum - Ein Deutscher verzehrt im Schnitt bis zu seinem Tod 1.094 Tiere - und lebt damit auf Kosten ärmerer Länder. Naturschützer prangern vor Beginn der Agrarmesse Grüne Woche die industrielle Fleischproduktion an."
Hier noch einmal Precht auf S. 220: "Ob man nun ganz auf das Steak, den Hamburger und das Brathähnchen verzichtet oder einfach nur etwas seltener als bisher Fleisch isst, hängt sehr davon ab, wie stark man sich selbst in dieser Frage sensibilisiert oder sensibilisieren lässt. Mit anderen Worten: ob wir sie zur Frage unserer Selbstachtung machen oder nicht."
Nun ja, so kommt Precht denn zu der entscheidenden Frage: "Doch wo liegen die Grenzen zwischen dem, wo man im Interesse der Menschheit die biologische Natur verändern darf und wo nicht? Inwieweit dürfen wir manipulierend in die Natur eingreifen und wo nicht?" ( S.239) und weiter oben schreibt er: "Kein Philosoph und kein Ökologe vermögen wirklich stichhaltig zu begründen, warum es alle die Millionen Tierarten auf diesem Planeten geben muss. Aber er wird, ohne einen erheblichen philosophischen Aufwand, auch nicht begründen können, warum es Menschen geben soll."
In den letzten drei Kapiteln sammelt er Argumente gegen das Klonen von Lebewesen, gegen die Reproduktionsmedizin (Auswahl des Geschlechts von Retortenbabys) und stellt die Frage danach, was die Hirnforschung eigentlich darf: "Und wer verhindert den Missbrauch nach der Devise, dass es in unklaren Fällen besser und billiger sei, das Messer im Gehirn anzusetzen, als einem Verbrecher ein Leben lang den Gefängnisaufenthalt zu finanzieren." ( S. 270) Weiterhin plädiert er gegen Drogen und Aufputschmittel sowie die aggressiven Kriegsvideospiele, von denen sogar Wissenschaftler behaupten, sie hätten keine Auswirkungen auf das Verhalten von Menschen. Er fordert: "Keine Zusammenarbeit mit dem Militär, keine unzulässige Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen, kein Missbrauch bei der Beschaffung von menschlichem Gewebe, kein medizinischer wie kommerzieller Missbrauch von Patienten." (S. 272)
Man nimmt ihm ab, dass er sehr besorgt ist um unsere Kultur und Wissenschaft, und ich denke, das muss man auch...
Es wäre sehr schön, wenn noch einige zu diesen Themen etwas schreiben würden, ehe wir zum dritten Teil des Buches kommen , - was demnächst bei unserem Treffen bei Erna der Fall sein wird.
Zuletzt geändert von Brigitte Höfer am Dienstag 15. Januar 2013, 12:37, insgesamt 1-mal geändert.

Erna
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Erna » Montag 14. Januar 2013, 19:51

Ohne noch einmal ins Buch zu schauen - "Warum gibt es Menschen?"- Früher hat man es religiös beantwortet und konnte damit zurecht kommen, konnte sich wesentlich mehr auf das Leben nach dem Tode konzentrieren, das es zu erreichen galt. (In manchen Religionen auch heute noch nach bestimmtem Taten.)
Wenn wir Menschen aber da sind und wenn wir so angelegt sind, wie wir es sind, nämlich als Pflanzen- und Fleisch(fr)esser, dann haben wir eigentlich die Legitimation, es auch tun zu dürfen. (Das geht ja in Notfällen bis zum Essen von Menschen.) Es hat sich doch herausgestellt, dass reine pflanzliche Nahrung zur Mängelernährung führt. Außerdem geht diese Nahrungszubereitung mit wesentlich größerem Aufwand von sich als bei der Mischkost. Und selbst veganische Köche gestehen, dass sie oft Appetit auf Fleisch haben. Eine Frage ist aber - warum neigen Menschen, denen es gut geht zu gesteigertem Fleischverzehr?
Eine andere Frage ist, warum meinen wir alles machen zu müssen, was wir können? Der Mensch als Ersatzteillager für andere Menschen!

Marlis Beutel
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 15. Januar 2013, 08:08

Liebe Erna,

Was Du geschrieben hast, beschäftigt uns immer wieder. Ich denke nicht, dass überzeugte Vegetarier der Meinung sind, dass ihnen etwas fehlt. (Ich habe Vegetarier in meiner Familie.)
Die Frage ist eher, wie gehen wir Menschen mit den Ressourcen um, die nicht unbegrenzt sind. Haben andere auf dieser Erde auch genug? Könnte es sein, dass Tiere sich nur soviel Nahrung verschaffen, wie sie auch wirklich brauchen, während wir Menschen uns immer raffiniertere Möglichkeiten ausdenken und zu vieles wegwerfen?

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Erna » Dienstag 15. Januar 2013, 19:45

Liebe Marlis,
ich bin wie Du der Meinung, dass wir mit jeder Nahrung sorgfältig umgehen müssen. Das wurde mir von Kindesbeinen anerzogen. Es wurde mir sogar gesagt, und ich meine, dass es in den anderen Familien auch so war, dass man weggeworfenes Brot zur Seite legt, damit niemand darauf tritt. Es drückt halt die damalige Wertschätzung von Nahrung aus.
Ich kann den Ausspruch des Kochs, er leitet ein veganes Restaurant (Fernsehen) nur widergeben, nicht bewerten. Von Ärzten weiß ich aber auch, dass sich z.B. Schwangere, die Veganer sind, oft untersuchen lassen sollen, da die fleischlose Kost dem Baby schaden könnte.
Erna

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Dienstag 15. Januar 2013, 22:42

Zum Thema Fleischessen: Wer wollte den Eskimos (="Rohfleischesser"), heute "Inuit" (="Menschen") genannt, verbieten, Fleisch zu essen, da sie doch gar keine pflanzlichen Nahrungsmittel haben? Nein, es geht um unsere heutigen Gewohnheiten: Gegen den "kleinen Hunger" hilft nicht eine Scheibe Brot, sondern es muss ein Hamburger sein (bereits für einen Euro zu haben!) oder ein Brötchen mit Wurst. Und es geht um die Mengen. Das Fließband wurde in den Schlachthöfen von Cincinnati früher eingesetzt als bei der Produktion des Ford-Autos. Siehe <http://de.wikipedia.org/wiki/Fließbandfertigung>. Während bei der privaten Schlachtung kaum ein Abfall bleibt, weil alles verwendet wird, landet der Abfall aus den großen Schlachthöfen wahrscheinlich in der Müllverbrennungsanlage. Und überall werden Nahrungsmittel vernichtet: In Wien wird täglich so viel Brot weggeworfen, dass die Stadt davon beheizt werden kann, habe ich mal gehört. Und der Film "Darwin's Nightmare" schildert, wie am Viktoriasee die Reste der filetierten Viktoria-Barsche einfach ans Ufer gekippt werden, wo Frauen versuchen, sie vor dem Verderben zu retten, indem sie die Skelette aus Köpfen und Gräten auf Holzgestelle zum Trocknen aufhängen... Gruselig.
Aber was tun? Zurück zur Selbstversorgung? Das ist wohl nur bedingt möglich. Oder, was denkt Ihr?
Gruß aus Oberursel von Brigitte

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 17. Januar 2013, 12:00

Heute las ich in der Zeitung, dass in Frankfurt ein Supermarkt für vegane Ernährung öffnet, und in der Buchhandlung ist ein dickes Buch ausgestellt mit dem Titel "Peace Food. Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt".
Es ist nicht schwierig, vegetarisch zu leben, aber vegan? Da kann ich mir schon vorstellen, dass man vor allem Kinder kontrollieren muss. Die Inuit leben notgedrungen ohne pflanzliche Frischkost und kommen damit zurecht. (Uns anderen wäre es dort sowieso zu kalt.)
Könnten die Fleischesser die Tiere auch schlachten, die sie verzehren? Während des Kriegs züchtete meine Familie Hasen, aber ich musste nie davon essen. Einmal war meine Mutter krank, und ich sollte das Tier zubereiten. Ich stand weinend davor. Ganz offensichtlich spielt die Veranlagung der Menschen eine Rolle, mehr als die Erziehung.
Viele Grüße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Donnerstag 17. Januar 2013, 16:29

Liebe Marlis,
Ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn wir alle vegan essen würden. Aber dennoch, ein wenig sollten wir uns schon mal fragen, ob wir unbedingt bei jeder Mahlzeit Fleisch haben müssen.
Hier einArtikel über den Fleischkonsum in Deutschland:
< http://www.utopia.de/magazin/wir-sind-b ... r-der-welt>

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Marlis Beutel » Donnerstag 17. Januar 2013, 21:13

Liebe Brigitte,

danke für den Artikel! Das ist ja schlimm für die Tiere! Kein Wunder, dass die Veganer darauf reagieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass so viel Fleisch für uns hier gesund ist. Es zeigt auch, wie gut es uns geht in Mitteleuropa. Aber jeder von uns hat die Möglichkeit, sein Verhalten zu hinterfragen und es zu verändern.

Viele Grüße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Erna » Freitag 18. Januar 2013, 11:21

Sind die meisten Europäer nicht bevorzugte Leute? Sie können und dürfen auswählen, was sie essen. Ich glaube übrigens, dass wir, wenn wir hungern, schnell lernen würden nur Fisch zu essen, genau wie jede andere Nahrung auch. Hier wieder einmal eine Erinnerung an die Vergangenheit. Die schlesischen Bauern aßen zweimal in der Woche Fleisch - am Sonntag und am Donnerstag (zu Mittag). Sonst gab es in der Regel fleischlose Gerichte. Vielleicht sollten wir auch dahin zurückkehren?
Schöne Grüße aus dem kalten Frankfurt
Erna

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Erna » Dienstag 5. Februar 2013, 12:06

Inge hat mich gebete, ihre Zusammenfassung ins Forum zu stellen.

Richard David Precht „Wer bin ich ? und wenn ja, wie viele?“
Teil 3: Was darf ich hoffen? – Hat die Natur einen Sinn?

Die größte aller Vorstellungen - Gibt es Gott?
Philosophen und Theologen haben sich immer bemüht, einen Gottesbeweis zu führen:
Anselm von Canterbury erstellte den ontologischen Gottesbeweis (Lehre vom Sein): „Etwas, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, muss also existieren – also gibt es Gott!“
Thomas von Aquin widerlegt diesen Beweis mit einem kausalen Gottesbeweis “Zu Beginn ist ein Unbewegter, der die Bewegung anstößt und damit das Erdgeschehen schafft“. .
Imanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft) erläutert „Gott entsteht im Kopf des Ich’s, der denkenden Person“.
Wiliam Paley führt den telelogischen Gottesbeweis „die Welt ist so vollkommen, sie ist geplant und bedarf einer äußeren Ursache“
Charles Darwin erkennt die ständige Anpassung der Lebewesen an die Umweltbedingungen und dadurch die Entstehung der Arten - durch natürliche Zuchtwahl (Kampf ums Dasein) – „die Natur macht“(nicht ein Gott) = Evolution.
Heutige Meinung einiger Neurologen durch Hirnstromuntersuchungen: Gott wird erfahren (das Zentrum liegt im Gehirn). :
Persinger meint „religiöse Gefühle“ nachweisen zu können, die durch magnetische Einflüsse entstehen (Schläfenlappen).
Newberg untersucht die Hirntätigkeit von Meditierenden und weist eine verstärkte Aktivität nach (Stirnlappen).
Leben ist mehr als die Summe aller Einzelteile, es entsteht durch Selbstorganisation (Rückkopplung mit der Umwelt) und die Natur erfindet sich permanent neu.

„Was auch immer wir erforschen, stets konstruieren wir die Natur mit den Mitteln und nach den Möglichkeiten unseres Denkens. Die Wirklichkeit ist und bleibt damit notwendigerweise ein Konstrukt, und den Platz, den wir Gott einräumen wollen, bleibt jedem Einzelnen überlassen.“


Spiegel-Artikel (Nr. 52-2012) Warum glaubt der Mensch?

Evolution hat Glauben an höheres Wesen (Gott) hervorgebracht, weil es von Vorteil war (nützliche Illusion), denn übernatürliche Kontrolle macht Gläubige umgänglich, kooperativ, lenkbar, tauglich für Arbeit in Gruppe, ermöglicht Arbeitsteilung und damit erfolgreiches Handeln für die Gruppe (und damit für den Einzelnen). Der gemeinsame Glauben erleichtert die Zusammenarbeit und schafft Vertrauen, dies führt zum Gemeinwohl.
Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen ermöglichte das Überleben (Einschätzen von Gefahren).
Über gemeinsamen Glauben entstanden Rituale (Reinigungsrituale), geschützte Räume (Tempel), Regeln (Bestrafung und Belohnung). Je strenger das Regime, desto stabiler und erfolgreicher das Gemeinwesen.

Brigitte Höfer
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 18. Februar 2013, 00:19

Precht: Wer bin Ich? 2. Teil, 3. Kap.: Was ist Liebe?

An diesem Kapitel hatte ich die meiste Kritik, deshalb fällt mein Kommentar etwas lang aus. Zuerst versuche ich, Pechts Darstellung zusammenzufassen, dann ergänze ich, was mir an der Darstellung zum Thema Liebe fehlt.

Niklas Luhmann, geb. 1927 in Lüneburg, Rechtswissenschaftler und Soziologe, promoviert 1966 bei Schelsky in Münster. 1968 erhält er eine Professur in Bielefeld. Sein Anliegen ist es, herauszufinden, wie die Gesellschaft funktioniert. Soziale Systeme bestehen nicht aus dem Austausch von von Stoff- und Energieumsätzen, sondern aus dem Austausch von Kommunikation und Sinn (S. 303).
Wie schafft es die Kommunikation, Erwartungen so auszutauschen, dass moderne soziale Systeme entstehen, die tatsächlich weitgehend stabil und unabhängig von anderen Einflüssen funktionieren: Systeme wie die Politik, die Wirtschaft, das Recht, die Wissenschaft, die Religion, die Erziehung, die Kunst oder - die Liebe. (S. 205)
Was wir heute unter Liebe verstehen, so Luhmann, ist weniger ein Gefühl als ein Code, ein sehr bürgerlicher Code übrigens, entstanden im späten 18. Jahrhundert.
Und soziale Systeme sind mehr an der Selbsterhaltung interessiert als an der Individualität. Der einzelne Mensch zerreißt sich heute in lauter verschiedenen Teilbereichen: Elternteil, Ehegatte, Beruf, Gruppenmitglied, Nachbar, Steuerzahler. Keine einheitliche Identität. Was fehlt, ist eine Bestätigung, in deren Spiegel sich der Einzelne als etwas Ganzes erfährt, eben als Individuum. Das leistet die Liebe.
Der Prozess, in dem Liebende ihre Erwartungen aufeinander abstimmen, ist sehr prekär, und ausgerechnet der zerbrechlichste aller Codes soll das höchste Maß an Stabilität gewährleisten... (S. 306).
Precht sagt, dass "Liebe" in der Biologie nicht definiert sei. Mutiger seien hier die Hirnforscher. Zumindest sind die Areale bekannt, die unsere sexuellen Begehren steuern - bei Frau und Mann in unterschiedlichen Bereichen...(S. 310)
Dann gibt es noch Untersuchungen über die Botenstoffe: Oxytocin als "Langzeitklebstoff" und die verschiedenen Areale des Gehirns, in denen Aufmerksamkeit, Aufregung, Euphorie gemessen werden können, ein Belohnungszentrum und körpereigene Rauschmittel wie Endorphin und Cortisol.
(Die Syteme operieren offensichtlich außerhalb der Kontrolle des Menschen...)
Drei Jahre Verliebtheit gilt als Maximum der Gefühle, drei bis zwölf Monate als der Durchschnitt. Die durchschnittliche Scheidungszeit liegt bei vier Jahren... So weit Precht.

Ergänzung: Aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Liebe
„Liebe (von mittelhochdeutsch liebe, „Gutes, Angenehmes, Wertes“) ist im engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden in der Lage ist. Der Erwiderung bedarf sie nicht.
Im ersteren Verständnis ist Liebe ein mächtiges Gefühl und mehr noch eine innere Haltung positiver, inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person, die den reinen Zweck oder Nutzwert einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt. Hierbei wird zunächst nicht unterschieden, ob es sich um eine tiefe Zuneigung innerhalb eines Familienverbundes (Elternliebe, Geschwisterliebe) handelt, um eine enge Geistesverwandtschaft (Freundesliebe, Partnerschaft) oder ein körperliches Begehren (geschlechtliche Liebe (Libido)). Auch wenn Letzteres oft eng mit Sexualität verbunden ist, muss sich nicht beides zwangsweise bedingen (vgl. platonische Liebe).
Ausgehend von dieser ersten Bedeutung wurde der Begriff in der Umgangssprache und in der Tradition schon immer auch im übertragenen Sinne verwendet und steht dann allgemein für die stärkste Form der Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen, Tätigkeiten oder Ideen. Diese allgemeine Interpretation versteht Liebe also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer Wertschätzung.
Kulturell und historisch ist „Liebe“ ein schillernder Begriff, der nicht nur in der deutschen Sprache in vielfältigen Kontexten und in den unterschiedlichsten Bedeutungsschattierungen verwendet wird. Das Phänomen wurde in den verschiedenen Epochen, Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich aufgefasst und erlebt. Jede Zeit und jeder soziale Verband setzt je eigene Verhaltensregeln für den Umgang mit der Liebe. Daher können die Bedeutungsebenen zwischen der sinnlichen Empfindung, dem Gefühl und der ethischen Grundhaltung „Liebe“ wechseln.
Ebenso vielschichtig wie die Bedeutungen der Liebe sind die Bedeutungen der Antonyme. Im Hinblick auf die emotionale Anziehung zwischen Personen ist es der Hass. Im Sinne der Abwesenheit von Liebe kann aber auch die Gleichgültigkeit als Antagonismus angesehen werden. Absoluter Mangel an Liebe führt beim Kind zu Hospitalismus. Im christlichen Verständnis gilt auch die Angst – als der Mangel oder die Abwesenheit von Liebe und Geborgenheit – als Gegensatz der Liebe. Fehlentwicklungen der Liebesfähigkeit sind im Sinne des „reinen“ Liebesbegriffes das Besitzdenken (Eifersucht) oder verschiedene Formen der freiwilligen Abhängigkeit bzw. Aufgabe der Autonomie bis hin zur Hörigkeit.”

Aus dem Wörterbuch der Psychologie: “Wenn auch im Grunde jeder Mensch zur Liebe fähig ist, so gibt es doch enorme individuelle Unterschiede der Liebesfähigkeit, von kaltherziger oder gar psychopathischer Egozentrik bis zu hohen Form der sozialen oder menschlichen Hingabe.” (Wörterbuch der Psychologie, Hrsg. W. Hehlmann, Stuttgart 1968, S.322)

Erich Fromms ”Die Kunst des Liebens” (1956) war die Bibel der Generation, die in der kaltherzigen Adenauer-Ära aufwuchs, und ebenso wichtig war sein “Haben oder Sein” von 1976.

Liebe und Gewalt sind ein heiß diskutiertes Thema in den Medien, seit die Aufmerksamkeit auf sexuelle Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule und in krichlichen Einrichtungen gelenkt wurde. Wildwasser und Zartbitter lenken seit 1983 und 1987 den Blick auf den Missbrauch von Kindern in Familie und Nachbarschaft.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist das Gebot von Jesus. Diese Aussage enthält die Erkenntnis, dass ich den Anderen nur lieben und akzeptieren kann, wenn ich mich selbst lieben und akzeptieren kann.

Brigitte Höfer
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 18. Februar 2013, 00:32

Precht: Wer bin ich 2. Teil, Kap. 4: Was ist Freiheit?

Auch dieses Kapitel reizte mich zum Widerspruch.

Wir haben vor ein paar Jahren das Buch von Pascal Mercier gelesen: Nachtzug nach Lissabon. Pascal Mercier ist der Künstlername von Peter Bieri, geboren 1944 in Bern, studierte Philosophie, Anglistik und Indologie in London und Heidelberg. Er war Mitbegründer des Forschungsschwerpunktes Kognition und Gehirn der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Schwerpunkt Philosophische Psychologie, Erkenntnistheorie und Moralphilosophie.
Er lehrte 1990-93 in Marburg, 93-2007 in Berlin. Dann ging er vorzeitig in den Ruhestand, verärgert über die Lage an den Universitäten. Zitat: "Wenn ich mir ansehe, wer im Fernsehen oder in den Zeitungen die Helden sind, so sehe ich nur Fassaden ohne etwas dahinter. Das Gleiche lässt sich an den Universitäten beobachten, die zur Zeit durch die Perspektive der Unternehmensberatung kaputtgemacht werden. Wir bekommen ständig Fragebögen: Wie viele Gastprofessuren haben Sie wahrgenommen? Wie viele Drittmittel haben Sie eingeworben? Eine Diktatur der Geschäftigkeit. All diese Dinge haben mit der authentischen Motivation eines Wissenschaftlers gar nichts zu tun."
Am bekanntesten ist Bieris Buch: Das Handwerk der Freiheit mit der Kernthese:
"Auch wenn die Naturgesetze bestimmen, was wir tun und denken, können wir uns unter Berücksichtigung der jedem Menschen gegebenen Bedingtheit als frei verstehen. Frei sind wir in diesem Sinne genau dann, wenn wir unseren eigenen Überzeugungen gemäß handeln können. Ein solcher Freiheitsbegriff, der ein bewusstes Reflektieren und eine bewusste Entscheidung voraussetzt, aber auch für möglich hält, steht nicht im Gegensatz zum Determinismus."
Wahrscheinlich würde Precht auch Peter Bieri nicht zustimmen, wenn er schon Sartre widerspricht. Für mich aber, die ich eine Anhängerin des Existentialismus war, der mir in schwierigen Jahren Stütze und Orientierung gab, war es eine Freude, zu erfahren, dass es wieder einen Philosophen gab, der sich nach 50 Jahren mit der Frage der Freiheit des Individuums befasste. 50 Jahre nach Sartre!
Precht schreibt: "Wer seine innere Freiheit nach Sartres Vorstellungen im vollen Umfang ausleben will, der überfordert sich schnell selbst." Dem stimme ich zu. Dennoch sage ich: ich muss nicht alles übernehmen, was mich geprägt hat.: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!" sage ich. Wir erben nicht die Intelligenz, das Temperament, die Fehler und Eigenschaften unserer Eltern, und das darüber hinaus in doppelter Ausfertigung, - wir können uns auch entscheiden, ob wir Teile davon übernehmen oder ablehnen. Widerstand ist machbar, Herr Nachbar. Die Kontrolle darüber habe ich selbst. Psychologen sagen, dass es ganz wichtig für das Selbstwertgefühl des Menschen ist, dass er weiß, dass er selbst die Kontrolle über seine Handlungen hat und dass er sich dabei nicht hineinreden lässt.
Freiheit wovon und Freiheit wozu wäre die bessere Fragestellung gewesen.
Und nach Sokrates, Sartre und Sinatra fehlt noch Hamlets Spruch: to be or not to be. Wem gehorche ich: dem Geist oder meiner Vernunft?

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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Brigitte Höfer » Montag 18. Februar 2013, 00:41

Precht: Wer bin ich, 2. Teil, 5. Kap.: Brauchen wir Eigentum?

Precht beginnt das Kapitel mit der Behauptung, dass der Sinn von Eigentum der sei, dass man damit machen könne, was man will. Dem ist aber nicht so.
Solange Robinson auf seiner Insel allein war, stimmte der Satz. Sobald aber weitere Menschen auch in Beziehung zu den Dingen treten, müssen Regelungen zur Verwendung der Dinge getroffen werden. Im deutschen Grundgesetz steht sogar Eigentum verpflichtet. Eine weitere Dimension der Beziehung zwischen Eigentümer und Eigentum ist die
Wichtigkeit. Was sein Eigentum ist, ist ihm wichtig, das andere ist ihm egal. (S. 331) Umgekehrt macht das Eigentum ihn wichtig, deshalb ist Eigentum wichtig für ihn.

Georg Simmel (*1858) veröffentlichte 1900 eine "Philosophie des Geldes".
Eigentum und Besitz sind eine Möglichkeit, sich mit Hilfe von Gegenständen psychisch auszudehnen oder, wie Simmel sagt, "sein Ich zu erweitern". Die Gegenstände signalisieren und vermitteln ein bestimmtes Image. Die Ethnologie sprich von "Fetisch". Besitz bedeutet den Bereich, in den sich die Herrschaft des Ich hinein erstreckt.
Simmel beschreibt, wie sich das Geld vom Tauschwert zum Symbol von Wert an sich entwickelt hat. Es wird Äquivalent für alles, auch für den Menschen und seine Arbeitskraft, es entfremdet den Menschen von sich selbst und seiner Tätigkeit.
(Kommunistisches Manifest von Marx und Engels)

"Der Kitzel des Kaufens und die damit verbundene Dynamik von Emotionen sind bis heute kaum erforscht." (S. 333)
"Exzessiver Konsum wäre damit so etwas wie ein Zeichen von Lebensangst oder von Bequemlichkeit oder beides. Wo die Gefühlswelten anderer Menschen zu kompliziert sind, verlasse ich mich lieber auf die zuverlässigen Bilder- und Gefühlswelten von Waren." "Kulturgeschichtlich betrachtet hat die "Liebe zu den Dingen" in den industrialisierten Ländern heute einen Höhepunkt erreicht, den es so noch nie zuvor gab."
"...ein Lebensstil, der sich über den Erwerb von Eigentum definiert..."

Es bietet sich an, hier auf Faust und seinen Pakt mit dem Teufel zu erinnern. Der Teufel steckt in allen Verlockungen unseres Lebens. Unsere Wahlfreiheit ist, wie wir gesehen haben, nicht groß. Wir werden mit den Zahlen der Wirtschaft konfrontiert, ohne ihnen ausweichen zu können. Quantität zählt.
Precht sagt: "Der Preis, den das Streben nach Eigentum dem Eigentümer selbst abverlangt, ist dabei eine stark vernachlässigte Frage... während die Frage, welchen Preis das Streben nach und das Besitzen von Eigentum den anderen Mitgliedern der Gesellschaft abverlangt, ...seit Jahrhunderten diskutiert wurde." (S. 334)
Leider erwähnt er an dieser Stelle nicht, dass Besitztümer unter anderem durch Eroberungskriege "erworben" wurden, wobei die Soldaten zwar auch einen Teil, aber längst nicht Teil an dem eroberten Besitz hatten, der in den meisten Fällen aus Grund und Boden bestand.
Precht fragt, wenn es stimmt, dass Eigentum das Ergebnis eines Vertrags ist, so fragt sich, nach welchen Grundsätzen dieser Vertrag zustande kommt.
Was sind die Prinzipien einer fairen Gesellschaftsordnung? Mit dieser Frage leitet er über zum nächsten Kapitel und zu der Frage nach der Gerechtigkeit.

Marlis Beutel
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Marlis Beutel » Dienstag 19. Februar 2013, 16:18

Ist es nicht auch so, dass der Mensch mit Hilfe des Eigentums von anderen akzeptiert und anerkannt werden möchte? Ich denke zum Beispiel an ein Kind, das sich im Klassenverband in der Schule schämt, weil es schlechter gekleidet ist und dazu gehören möchte.
Und bei Erwachsenen: Wie schätzen andere mich ein, erkennen sie mich an? Da geht es nicht um den Kitzel des Kaufens. Man hält seinen Besitz in Ordnung, damit andere denken, man selbst sei in Ordnung oder auch, weil man Verantwortung für den Besitz spürt.
Marlis
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Erna
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Re: Richard David Precht: "WER BIN ICH und wenn ja, wie viel

Beitrag von Erna » Mittwoch 20. Februar 2013, 19:33

Dem Erwerb von Besitz durch Kriege für die "Soldaten" kann ich nicht zustimmen. Sie haben zwar dazu beigetragen Land zu erobern, das aber immer nur im Namen des Herrschers, gleich ob es eine Person oder wie in den meisten Fällen, ein Staat war. Das was sie eventuell durch Plünderungen erwarben, war vielleicht eine Bereicherung für den Augenblick, aber nicht für längere Zeit. Etwas anderes war es mit der Enteignung der Juden. Aber das waren keine Sodaten, die dabei zu Eigentum kamen.
Erna

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