Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

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Erna
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Re: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Beitrag von Erna » Donnerstag 6. September 2012, 18:10

Liebe Brigitte,
Du bezweifelst, dass die Frau von A. Geigers Vater schon vor der Hochzeit von seinen Eigenheiten gewusst hat. Soweit ich mich erinnere, wohnte sie doch seit ihrem Zuzug ins Dorf bei ihm zur Untermiete. (Ich kann nicht nachsehen, da ich das Buch verliehen habe.) Ich bin fast sicher dass sie es wenigstens teilweise gewusst hat. In kleineren Orten kennt man die Nachbarn besser. Dies spielt für die Krankheit aber keine Rolle. Im Gegenteil, ich fand es bewundernswert, dass sie sich auch an der Hilfe beteiligte.
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Beitrag von Brigitte Höfer » Donnerstag 6. September 2012, 23:39

Liebe Erna,
also ich finde nichts von Untermiete. Ich zitiere von Seite 80:
"Meinen Eltern war vor der Hochzeit nicht in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, was passiert, wenn zwei unterschiedliche Vorstellungen von Glück aufeinandertreffen. Die Zutaten für mögliches Glück brachten beide mit. Bei näherer Betrachtung zeigte sich jedoch, dass die Zutaten zu verschiedenen Arten von Glück gehörten, zu entgegengesetzten. Schließlich war jeder für sich unglücklich.
Beide konnten den Erwartungen des anderen nicht entsprechen,
selbst die Art und Weise, sich mitzuteilen, war grundverschieden.
Es gab einen unüberwindbaren kulturellen Bruch zwischen den
Jahrgängen und Herkunftswelten,
mein Vater aus einer bäuerlichen Großfamilie,
meine Mutter aus einer proletarischen Rumpffamilie,
er sozialisiert in der Vorkriegszeit,
sie in der Nachkriegszeit,
er gezeichnet von Krieg und Gefangenschaft,
sie von Armut und Heimatfilmromantik,
unterschiedliche Erwartungen,
unterschiedliche Werte,
er mit Vorliebe für das Einfache und Karge,
sie mit Vorliebe für das Sinnliche und Warme,
er mit seiner Vorliebe für Geselligkeit,
sie mit ihrer Vorliebe für Bildung. - ...
Es war die perfekte Dissonanz der Lebensträume,
bis auf den Wunsch, zu heiraten und Kinder zu kriegen.
Ansonsten gestaltete sich das Zusammenleben Tag für Tag,
als würden auf dem Turm von Babel zwei Menschen verzweifelt aufeinander einreden und
jeder in seiner Sprache sagen: Du verstehst mich nicht!"

Naja, es gibt Leute, die sagen, dass Männer und Frauen sowieso nicht zueinander passen. Das käme dann noch dazu...

Liebe Grüße, Brigitte

Erna
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Re: Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Beitrag von Erna » Samstag 8. September 2012, 19:10

Leider kann ich jetzt nicht suchen, wo ich meine gelesen zu haben, dass die Mutter ihre erste Wohnung im Ort im Hause seines Vaters hatte, da ich das Buch nicht da habe. Die unterschiedlichen Sozialisationen und Erwartungen habe ich noch in Erinnerung. Ist aber keine Seltenheit in Ehen.
Erna

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