Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Marlis Beutel
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Registriert: Mittwoch 5. April 2006, 18:54
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Erna,

danke für Deinen letzten Beitrag! Ich musste erst einmal nachlesen, was auktoriale Erzählperspektive überhaupt ist. Davon hatte ich noch nie gehört. Ist aber sehr interessant.
Ilse Aichingers Gedanken nachzuvollziehen ist schwierig genug. Ich empfinde sie auch nicht als bereichernd. Nur ihr Anliegen leuchtet mir ein.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
Beiträge: 262
Registriert: Mittwoch 20. September 2006, 14:13

Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von HildegardN »

Liebe Mitleserinnen,
inzwischen habe ich das Buch zuende gelesen. Seine letzten Kapitel, die sich mit präzisen und auch einleuchtenden Titeln vorstellen, haben mir einige Schwierigkeiten bereitet, und obwohl ich den Handlungsverlauf nachvollziehen konnte, habe ich einige Ausführungen nicht verstanden. Wiederholt habe ich vergeblich versucht, herauszufinden, weshalb die Autorin die eine oder andere Passage in ihren Roman eingebaut hat bzw. was sie mit diesen Ausführungen oder Bemerkungen wohl bezwecken wollte.
Letztendlich habe ich auch nicht ganz verstanden, weshalb Ilse Aichinger ihrem Roman den Titel "Die größere Hoffnung" gegeben hat.
Das erste Kapitel mit der Überschrift "Die große Hoffnung" schildert Ellens Traum und ihr Bestreben, ihrer Mutter nach Amerika zu folgen. Mit einem Visum, das ihr allerdings verweigert wird, hat sie gehofft, ihr Ziel zu erreichen. Ihre Hoffnung ist hier nachvollziehbar und teilt sich wohl auch den Lesern mit.
Wie aber ist es mit "der größeren Hoffnung", der das letzte Kapitel gewidmet ist? Hier scheint Ellens Traum zunächst erfüllt zu werden, wird aber schließlich grausam vernichtet, als sie von einer
Granate in die Luft gesprengt wird. Kurz zuvor ist sie aus dem Keller gekrochen, in dem sie bei einem Luftangriff Schutz gesucht hat, und beschlossen, nun ihren eigenen Weg zu gehen.
Aus der "großen Hoffnung" des ersten Kapitels ist, wie Ruth Klüger in einem Nachwort zu Ilse Aichingers Roman schreibt, "die größere Hoffnung" des letzten Kapitels geworden, wo Ellen, als sie sich aufmacht den Weg zu den Brücken anzutreten, getötet wird, und spricht: "Bin ich nicht aus dem Keller gekrochen, um nach Hause zu kommen? Von zu Hause nach Hause. Weg von den vielen Wünschen, in die Mitte, zu den Brücken".
Welche Bedeutung haben hier die Brücken? Sind sie die Verbindung auf dem Weg zum Ziel? Und was meint wohl die Autorin mit "der Mitte"? Vielleicht könnt Ihr es mir sagen.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Homburg, Hildegard

Brigitte Höfer
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Registriert: Donnerstag 9. Februar 2006, 17:51
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Brigitte Höfer »

Liebe Hildegard,
die große Hoffnung, mit den Lieben vereinigt zu werden: das Visum - hat sich zerschlagen.
Und geboren aus der Enttäuschung und der Verzweiflung und der großen Sehnsucht nach Mutter und Schwester wird in Ellen der Wunsch geboren, zu sterben, - und die Vereinigung im Tod zu erfahren. Die Brücke ist der Tod.
Er ist die größere Hoffnung als alles Andere, als andere Möglichkeiten, die das Kind im Moment nicht sehen kann: Dass zum Beispiel der Krieg zu Ende geht und das Reisen wieder möglich wird- für Jeden! - das ist für Ellen im Moment unvorstellbar.
Brigitte

Erna
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Registriert: Freitag 1. April 2005, 10:47

Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna »

Es geht um die Kapitelüberschrift: Diegrößere Hoffnung. Ellen folgt der Bitte Jans, die Nachricht zu der Brücke zu bringen. Dort tobt der Kampf und die Brücke ist gar nicht mehr vorhanden. Als ein Soldat sie ansieht, meint sie, es sei Georg und sagt: "Georg, die Brücke steht nicht mehr!" "Wir bauen sie neu." "Wie soll sie heißen?" "Die größere Hoffnung, unsere Hoffnung!"
Ob Ellen da schon das Gefühl hat, dass sie sterben müsse, kann ich nicht sagen. Sie denkt zwar an die Menschen, denen sie begegnet ist, nicht alle von ihnen sind tot. Aber sie sieht auch die Berge, hinter denen es blau wurde. Sie wagt den Sprung - und der führt in den Tod. Hätte er nicht ebenso in die blaue Freiheit führen könnern?
Das Buch regt sehr zum Denken an.
Erna
Ich habe mehrere Rezensionen gelesen, aber zu "die größere Hoffnung" ist nirgendwo etwas gesagt.

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