Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Mittwoch 16. Mai 2012, 18:21

Seit gestern lesen wir also Ilse Aichingers Roman. Er dürfte zu den ersten Büchern gehören, die sich mit der Aufarbeitung der Hitler-Diktatur beschäftigten. Gleichzeitig hat er die schwächsten Glieder der Gesellschaft im Blickpunkt, die verfolgten Kinder.
Das Mädchen Ellen dürfte ihrer Handlungsweise nach kaum zehn Jahre alt sein. Sie erfährt die schmerzhafte Trennung von ihrer Mutter, die das Visum zu Ausreise bekommen hat. Ihr aber hat man es verweigert. Wahrscheinlich versteht sie nicht die schönen Worte, die der Konsul , von dem sie unbedingt auch ein Visum bekommen möchte, über das Visum sagt: Nur wer sich selbst das Visum gibt, wird frei.
Sie wird krank, während ihre Mutter das Schiff in die Freiheit besteigt.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 19. Mai 2012, 09:08

Das Buch ist deprimierend. Wie schaffen wir es selbst, uns mit dieser schlimmen Zeit auseinanderzusetzen, die wir nicht ändern können? Zum Glück gibt wenigstens der Titel eine gewisse Hoffnung.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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ellen
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von ellen » Samstag 19. Mai 2012, 11:58

Ist es nicht erstaunlich, dass die Mutter geht? Ellen

Erna
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Samstag 19. Mai 2012, 12:06

Liebe Marlis,
wir haben wohl im Augenblick so einen Trend, die nicht gerade angenehmen Ereignisse des Lebens zu betrachten. Trotzdem finde ich es faszinierend, wie die Menschen unterschiedlichen Alters, die gleiche Zeit auch so unterschiedlich beschreiben. Ich glaube nicht, dass man das Thema, selbst mit dem selben Geschehen, heute so darstellen würde.
Was das Buch von unseren zuvor gelesenen unterscheidet, sind der chronologische Aufbau und dieklare Einteilung in Kapiteln. Die Sätze sind sehr kurz, kaum einer ist länger als zwei Zeilen, meistens kürzer. Viele bestehen nur aus Subjekt, Prädikat und Objekt. Vielleicht gibt I.A. damit die Art des Sprechens von Kindern wieder.
Erna
Ich sehe gerade den Beitrag von Ellen. Ist es erstaunlich, dass die Mutter gegangen ist?
Manchmal denke ich- ja, das schafft eine Mutter gar nicht. Manchmal wieder denke ich -nein. Was wäre das Los der Mutter gewesen, wenn sie geblieben wäre? Vielleicht hat die Mutter die Hoffnung gehabt, vom Ausland aus mehr für ihre Familie tun zu können. Ellen würde nicht in ein KZ kommen.

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 20. Mai 2012, 12:06

Vor allem freut mich, dass unsere Diskussion beginnt. Danke an Euch! Ich war mir nämlich gar nicht so sicher, ob man über dieses Buch überhaupt sprechen kann.
Warum ist die Mutter gegangen? Vielleicht war die Mutter der Autorin gar nicht wichtig. Vielleicht wollte sie nur darstellen, wie Kinder mit dieser schwierigen Zeit umgingen. Alle Kinder sind in diesem Buch ja allein gelassen, so weit ich bis jetzt gelesen habe.
Nahm man die Kinder damals überhaupt ernst?

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von HildegardN » Sonntag 20. Mai 2012, 18:48

Soeben bin ich nach unzähligen vergeblichen Versuchen endlich im Forum angekommen und hoffe, dass ich hier auch "Bleiberecht" erhalte. Natürlich werde ich auch bald und gern mitdiskutieren. Für heute ist es nur eine Anmerkung auf die bereits diskutierten Fragen.
Dass Ellens Mutter ihre Familie verließ, und sich, wie es scheint, um der eigenen Sicherheit willen von ihren Kindern trennte, hat natürlich auch mich beschäftigt, aber ich denke, dass sie diese Entscheidung im Interesse ihrer Kinder getroffen hat und zwar in der Annahme, dass diese bald mit einem Visum nachkommen würden.
Herzliche Grüße aus dem sonnigen Bad Homburg, Hildegard

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Montag 21. Mai 2012, 18:38

Vielleicht ist die Abfahrt der Mutter einfach eine Parallele zu dem tatsächlichen Verlassen der Familie durch Ilses Schwester. Ich habe mehrere Rezensionen des Buches gelesen und es wurde eigenartiger Weise auf diesen Punkt nicht eingegangen.
Ellen hat wirklich kaum etwas zu befürchten, da sie ja Halbjüdin ist. Anderseits hat sie es in der jüdischen Kindergruppe schwer, weil sie ja auch hier außerhalb der Norm steht. Man bringt ihr zunächst eine ganze Menge Misstrauen entgegen.
Obwohl ich die in dem Buch geschilderte Situation aus meiner eigenen Schulzeit gut kenne, wusste ich aber nicht, dass man zur Ausreise einen Bürgen brauchte, auch dies ein Grund für die Mutter auszureisen.
Was mich sehr betroffen machte, ist die Begegnung von Ellen mit ihrem Vater. Der Mann hat sich so weit von seiner Familie entfernt, dass er seiner Tochter nicht einmal über den Kopf streicht, als er ihr in der Kindergruppe begegnet und beim Abschied die Finger an seinen Helm legt.
Erna

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 21. Mai 2012, 21:14

Liebe Erna,

was Du geschrieben hast, interessiert mich sehr. Ich hatte keine jüdischen Spielgefährten, kannte auch keine jüdische Familie. Konnte man damals wirklich wissen, ob nur Juden verfolgt wurden, keine Halbjuden? Oder wusste man das erst hinterher? Was wurde eigentlich bekanntgegeben, was erfuhren die Menschen hinter vorgehaltener Hand?
Dass gegen die Juden gehetzt wurde, bekam ich als Kind mit durch den Rektor unserer Schule, der sich daran beteiligte. Aber da gab es schon keine jüdischen Schüler mehr. Marlis
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von ellen » Dienstag 22. Mai 2012, 12:45

Naja, kann man wirklich von "kaum etwas zu befürchten" reden? Vielen Halbjuden ist durchaus etwas passiert, vielleicht nicht das Konzentrationslager, aber man konnte auch auf der Strasse umkommen, die Nazis hatten in Gestalt ihrer Schläger da wenig Skrupel. Und wie leicht hätte es passieren können zu dem Zeitpunkt, als sie den Judenstern "ausprobierte".
Ich habe auch hier und da nachgelesen und gefunden, dass das Buch doch autobiographisch zu verstehen sein kann. Ob nun tatsächlich so oder anders, manches erschien mir ein bißchen konstruiert, mit bestimmten Formen bestimmte Wirkung zu erzielen. Auch das Märchenhafte ist mir schwer eingänglich.

Ein Problem ist die Mutter für mich immer noch - konnte sie wirklich davon ausgehen, dass sie ihre Tochter nach dem Krieg wohlbehalten wiedersehen würde, wenn es denn schon nicht mit einer Ausreise klappen würde. Letztlich wäre das ja auch noch eine Hoffnung gewesen. Das der Krieg sich so entwickeln würde, konnte ja keiner wissen bzw. sich vorstellen. Noch zu den Bürgschaften: doch, doch, es gibt eine ganze Reihe von Berichten die beschreiben, wie die Menschen z.B. in Südfrankreich und Portugal festsassen, weil sie auf eben das Papier warteten. Ellen

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Dienstag 22. Mai 2012, 17:15

Worauf konnte man sich im Krieg schon verlassen! Worauf kann man sich heute verlassen! In Polen sind Jugendliche, auch wenn sie keine Juden waren, von der Straße aufgelesen und zur Arbeit nach Deutschland gebracht worden. So viel ich weiß, behandelte man Halbjuden anders, als Juden. Siehe auch die Biographie von Ilse Aichinger, die ihrer Mutter nur helfen konnte, weil sie zwar zwangsverpflichtet wurde, aber nicht wie ihre Großmutter und Tanten ins KZ kam. Wird im Buch angesprochen.
Anderseits haben die Engländer Schiffe mit jüdischen Flüchtlingen, die von Griechenland nach Palästina wollten, auch nicht durchgelassen.
Im hr2 kultur läuft übrigens jeden Tag Viertel vor 13.00 eine Sendung: Aus dem Tagebuch des Ghetto Lodz. Authentische Aufzeichnungen der jüdischen Ghetto-Verwaltung, die, weil es emotionslose Eintragungen sind, auf mich sehr stark wirken.
Wie man mit den Gesetzen, die gegen die Juden waren, umging, hing doch sehr von dem ab, der sie durchführte.
Erna

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Marlis Beutel » Freitag 25. Mai 2012, 14:40

Liebe Mitlesende,

mit dem Kapitel "Das große Spiel" habe ich Probleme. Die Situation und gereimte Verse passen einfach nicht zusammen. So würde man heute nicht mehr erzählen - bei allem Respekt vor dem Anliegen der Autorin.
Diese beklemmende Zeit lässt sich überhaupt nicht "aufarbeiten". Man kann nur hoffen, dass die Wunden nicht mehr in dem Ausmaß schmerzen, wenn viele Jahre vergangen sind. Das gilt für Opfer und Nichtopfer.

Marlis
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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Freitag 25. Mai 2012, 19:22

Liebe Marlis,
mit dem selben Kapitel habe ich auch meine Schwierigkeiten. Aber vor allem mit dem Thema. Warum hat I.A. es gewählt?
Ihre Art zu schreiben, erinnert mich stark an die Bücher, die während oder kurz vor dem Krieg erschienen sind, wobei ich nicht einmal sagen kann, warum. Vielleicht einfach deswegen, weil viele Jahrzehnte seit ihrem Erscheinen vergangen sind. Ich hatte z.B. auch Schwierigkeiten beim Lesen von "Die Ansichten eines Clowns" von Böll.
Grüße
Erna

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von HildegardN » Sonntag 27. Mai 2012, 16:51

Liebe Mitleserinnen,
Ilse Aichinger hat sich in diesem Roman sehr einfühlsam mit dem Leben und Leiden der jüdischen Kinder befasst und löst durch ihre Schilderung wahrscheinich bei jedem Leser Betroffenheit und Mitgefühl aus. Mich beeindruckt immer wieder ihr Einfallsreichtum und ihre Fantasie und auch, dass sie ab und zu, vielleicht zur Veranschaulichung ihrer Ausführungen ein Gleichnis wählt, wie z.B. im Rahmen der vergeblichen Visa- bzw. Bürgschaftsbemühungen der fünfzehnjährigen Ellen. "Niemand kann für mich garantieren", klagt Ellen, "jeder Eisschrank hat einen, der für ihn garantiert, nur ich hab' niemanden" (S.13).
Auch im zweiten Kapitel hat mich die Autorin beeindruckt, als sie die von den Kindern beabsichtigte Rettungsaktion eines Wickelkindes erfindet bzw. beschreibt, von der die am Kai spielenden Kinder eine Erleichterng der mit dem Judenstern verbundenen Einschränkungen erwarten (S.29).

Im anschließenden Kapitel brechen die Kinder ins Heilige Land auf, das sie jedoch nicht erreichen, weil "die Fahrt im Kreise verlief". Weshalb sie im Kreis gefahren und nicht angekommen sind, konnte ich allerdings nicht erkennen (wie später noch manches Weitere nicht). Vielleicht könnt Ihr es mir erklären?
Mit herzlichen Pfingstgrüßen aus Bad Homburg
Hildegard

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von HildegardN » Montag 28. Mai 2012, 11:34

Liebe Mitleserinnen,
das mehrfach angesprochene Kapitel "Das große Spiel" hat auch mir Schwierigkeiten bereitet - ich habe es einfach nicht verstanden! Anders die "Angst vor der Angst".
Ellen leidet darunter, dass sie nicht zu den Kindern gehört, die drei oder vier "falsche" Großeltern haben und einen Stern auf der Kleidung tragen - sie versucht sich ihnen anzupassen und heftet sich einen Stern an. Hat sie wohl die Angst der anderen Kinder nicht verstanden und nicht an die Folgen ihres Handelns gedacht - oder waren diese Überlegungen für eine Fünfzehnjährige einfach zuviel? Als Ellen die Torte, die sie kaufen wollte, verweigert wird, erfährt und ahnt sie wohl, was das Tragen eines Judensterns für die Betroffenen bedeutet.
Hildegard

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Re: Ilse Aichinger:Die größere Hoffnung

Beitrag von Erna » Dienstag 29. Mai 2012, 17:38

Bei Bücher Wiki fand ich einige interessante Aussagen über Ilse Aichinger, die ich hierher kopieren möchte:
Ilse Aichingers Debütroman? „Die größere Hoffnung“ (1948) blieb zunächst nahezu ohne öffentliche Resonanz. In diesem autobiographisch gefärbten Roman erzählt Aichinger die Geschichte einer Gruppe jüdischer Kinder im Wien der Kriegsjahre. Im Mittelpunkt der Handlung steht Ellen – eine Halbjüdin, die am Ende auf einer Brücke von einer Granate zerrissen wird. Obwohl Ellen stirbt, bleibt in den anderen Kindern der Traum von Frieden, Versöhnung und Neuanfang lebendig.
Auch formal ist Ilse Aichingers Roman „Die größere Hoffnung“ für die deutschsprachige Nachkriegsliteratur von herausragender Bedeutung. Durch den permanenten Wechsel von personaler und auktorialer Erzählperspektive sowie durch die kunstvolle Mischung von Prosa und lyrischer Sprache zeigte Ilse Aichinger dem deutschsprachigen Roman neue Entwicklungsmöglichkeiten auf. Erst Anfang der 1950er Jahre wurde der Roman „Die größere Hoffnung“ einem breiten Leserkreis bekannt – es blieb Ilse Aichingers einziger Roman.
Der Roman, mit dem wir uns so schwer tun, wurde das letzte Mal 2006 für die Bibliothek der Süddeutschen Zeitung verlegt. Er bekam den Weilheimer Literaturpreis, ein von Schülern vergebener Preis.
Eine gute Rezension findet man auch beim Wunderlich Verlag.
Erna

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