Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Erna »

Heute habe ich das Kapitel 1. Oktober 1989 gelesen, das von Nadjeshda Iwanowna handelt. Ich war begeistert. Die alte Frau, die auf dem Bett sitzt und über den Socken nachdenkt, den sie noch stricken muss, habe ich förmlich vor mir gesehen. Aber nicht nur die Beschreibung der Frau ist gelungen, auch ihre Gedanken und ihre Sprache sind sehr glaubwürdig dargestellt. Obwohl seit Jahrzehnten in der DDR ist das Maß, mit dem sie alles mißt Slawa, der letzte Wohnort in Russland und ihr früheres Leben. Sie hat in der ganzen Zeit nicht einmal Deutsch gelernt und legt ihre Gurken immer noch so ein, wie sie es von ihrer Mutter Marfa gelernt hat. Allerdings hat sie Zweifel, ob sie wohl das richtige Geschenk für einen 90. Geburtstag sind. Es macht Freude, das Buch zu lesen.
Aus dem grauen Frankfurt
Erna

Marlis Beutel
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitleserinnen,

ja, das Kapitel über die russische Großmutter habe ich auch sehr gern gelesen. Aber es gibt noch einmal ein komisches Kapitel, das mir sehr gefallen hat (1. Oktober 1989) etwa ab S. 336. Ich weiß nicht, für wen sich Melitta so herausgeputzt hat, die Wirkung auf Kurt vor dem Hintergrund der Geburtstagsreden ist jedenfalls umwerfend.
Das Kapitel über Irinas Weihnachtsessen S. 351-370 berührt einen als Leserin: Sie arbeitet in der Küche, denkt dabei nach und trinkt immer wieder...
Das "abnehmende Licht" leuchtet auch ein, wenn man den Roman gelesen hat.
Wilhelm und Charlotte heißen Powileit, Kurt dagegen heißt Umnitzer. Ich dachte, er sei ihr Sohn. Was habe ich da übersehen?

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Erna »

Ja, liebe Marlis, Du hast etwas übersehen. Wilhelm ist nicht der Vater der Söhne, Enkel und Urenkel sondern der erste Mann. Wilhelm mag die Kinder auch nicht besonders und ist froh, dass Kurt nicht sein Sohn ist. "Der war ja nicht einmal im Krieg nur in einem Lager" sagt er über ihn. Der andere Sohn, Werner, ist ja tot.
Was mir beim gestrigen Lesen aufgefallen ist, Wilhelm kommt eigentlich aus Hamburg. Oder täusche ich mich da
Grüße aus dem grauen Frankfurt
Erna

Erna
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Erna »

Gestern habe ich das Weihnachtskapitel in diesem Buch gelesen und fand es köstlich. Im Geiste sah ich Irina in der Küche stehen und die nötigen Vorbereitungen machen. Beinahe kann man den Geruch der bratenden Gans spüren. Dazwischen dann die Beschreibung der Personen, z. B. Saschas Neue. Dabei wird auch über einen Roman von Christa Wolf gesprochen. Irina nennt das Buch großartig, obwohl sie es noch gar nicht fertig gelesen hat ..aber sie hatte so viele Diskussionen darüber gehört, dass sie schon zu vergessen begann, wie sehr sie der umständliche Stil zermürbt hatte. Warum schreibt diese Frau so?, hatte sich Irina gefragt.......Hat sie vielleicht die Kindheitsmuster gelesen? Beinahe die gleiche Frage stellte ich mir auch, als ich das Buch angelesen habe.
Grüße aus dem grauen Frankfurt
'Erna

HildegardN
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von HildegardN »

Liebe Mitleserinnen,
das Weihnachtskapitel, das Erna, wie sie schreibt, besonders beeindruckt, ist auch mir besonders aufgefallen, aber nicht durch die lebensnahe Situation in der Küche mit der kochkundigen und traditionsbewussten Irina, sondern, weil ich die Kenntnisse und deren schriftstellerische Umsetzung des Autors bewundere. Woher hat er sie nur? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er er sie beim Praktizieren oder auch beim Zuschauen gewonnen hat. Vielmehr vermute ich, dass intensives Recherchieren erforderlich war, um solche und ähnliche fachkundige Details, die mir immer wieder auffallen, in den Roman einfließen zu lassen.
Euch allen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Mitleserinnen,

es gibt ja zweimal Weihnachtsvorbereitungen im Roman, 1976 und 1991. Das zweite Mal ist erschreckend. Kurt und Irina rauchen. Aber Irina reicht der Tabak noch nicht, sie tröstet sich schließlich mit Trinken.
Der Umgang mit einander gibt den Menschen offenbar keinen Halt und keine Geborgenheit.
Kurt besitzt eine gewisse Liebenswürdigkeit, hat aber von seinem Vater die Neigung geerbt, Irina nicht sonderlich treu zu sein. Ich frage mich als Leserin, ob die Familiensituation etwas mit der politischen Situation in der DDR zu tun hat.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Klaus Rüger

Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Klaus Rüger »

Liebe Lesegemeinde,
nach längerer Zeit möchte ich mich wieder melden.
Das Buch habe ich über Weihnachten gelesen.
Ich kenne Personen aus der DDR, die als Offiziere an sowjetischen Militärakademien studiert haben, als Wissenschaftler an russischen Hochschulen ausgebildet wurden sowie
SED-Kader, die an Parteischulen in der SU delegiert wurden. Viele dieser Leute haben russische Frauen kennengelernt, geheiratet und mit nach Hause, also in die DDR, gebracht.
Dies war oft nach Überwindung grosser bürokratischer Hürden, vor allen von Seiten der SU, möglich !
Ein weiteres Problem war die Integration der Frauen in die Gesellschaft der DDR , kamen die Frauen doch aus einen anderen Kulturkreis !!
Es gab Vorurteile zu überwinden, Kompromisse zu schliessen, ... nicht jede Ehe hat gehalten !
Damit möchte ich meinen ersten Beitrag zu diesem Roman beenden, ich hoffe auch , dass von mir weitere Kommentare folgen werden .

Mfg
Klaus

HildegardN
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von HildegardN »

Liebe Marlis,
über die Familiensituation in der einstigen DDR kann ich nur wenig aussagen, doch bei meinen wenigen Besuchen in der DDR hatte ich den Eindruck, dass zumindest in Teilbereichen eine stärkere Zuwendung als hier im Westen vorhanden war, das vielleicht durch ein "Mehr-auf-einander-angewiesen-sein" beruhte. Kurz nach der Wende hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer Zeitungsanalyse an der U3L Frankfurt a.M. die Presse zu beobachten. Meine Untersuchung richtete sich zwar gezielt auf ältere Menschen in der Familie, doch das Ergebnis deutete auf mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Familienmitgliedern im Osten Deutschlands hin.
Mit herzlichen Grüßen
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Lese-Kollegen,

Wie schön, dass unsere Diskussion weitergeht und wir sogar mehr Hintergrundinformationen bekommen! Es leuchtet ein, dass Irina Schwierigkeiten hat, sich in dieser anderen Kultur einzuleben und wirklich dazuzugehören. Charlotte hat sie offenbar auch nicht gerade herzlich willkommen geheißen oder aber die beiden konnten einander nicht unvoreingenommen begegnen.
Das Buch ist auch beim zweiten Lesen sehr spannend und meist sogar mitreißend.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Klaus Rüger

Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Klaus Rüger »

In diesem Beitrag will ich etwas zum eigentlichen Inhalt sagen.

Die "Zeiten des abnehmenden Lichtes" im Buchtitel beziehen sich erstmal auf das zunehmende Alter der meisten Protagonisten im Roman sowie die damit verbundene immer
mehr abnehmende Hoffnung , dass sich in der DDR etwas ändert, zu mehr Demokratie natürlich !
Wilhelm als die Verkörperung eines starrsinnigen orthodoxen Kommunisten wird immer mehr dement, sein Sohn Kurt zweifelt aber öfter, ob die Opfer (Gulag usw. )
sinnvoll gewesen sind.Häufiger kommt es über die Systemfrage zum Streit zwischen Alexander und Kurt. auch noch nach der Wende.

Der Vater des Autors, Wolfgang Ruge, war in der DDR ein marxistischer Historiker (ähnlich Kurt im Roman) und hat nach der Wende die Rolle Lenins in der russischen
Revolution kritisch analysiert.Die orthodoxe Linke gestattet ja die Kritik an Stalin , aber an der Ikone Lenin will sie nicht rütteln lassen. Das aber
hat nun Wolfgang Ruge getan und wird jetzt von seinen ehemaligen Kollegen angegriffen !
Irina wird beschrieben , wie sie trotz privilegierter Stellung mit der Mangelwirtschaft in der DDR umgeht (Weihnachtsvorbereitungen !).
Es werden aber die Mängel des neuen Systems (Rauschgift !) nicht verschwiegen, indem Alexanders Sohn nunmehr zurecht kommen muss.


Mfg
Klaus

Annemarie Werning
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Annemarie Werning »

Liebe Mitglieder der Lesegruppe,

ich wünsche Euch allen ein gutes und gesundes Neues Jahr.

Ich will Euch auf die Sendung des Deutschlandfunks vom 31. 12. um 20.10 bis 22 Uhr hinweisen. Eugen Ruge hat Teile seines Buches vorgelesen, Eva Manesse und Gregor Gysi haben über das Buch und die Lebensverhältnisse in der DDR diskutiert. Es war eine sehr interessante Senhdung, vielleicht kan man sie per podcast hören.
Liebe Grüße
Annemarie

Margret Budde

Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Margret Budde »

Liebe Annemarie,

du nimmst mir praktisch das Wort "aus der Feder", denn ich war auch dabei, über diese doch sehr aufschlussreiche Sendung zu schreiben. Leider stehen diese Sendungen nie als Podcast zur Verfügung. Ich habe aber trotzdem noch einmal recherchiert und nichts gefunden.
Es war schon interessant, was Gregor Gysi aus seinen Erfahrungen in der DDR mitteilte.
Viele Grüße
Margret

HildegardN
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von HildegardN »

Liebe Mitleserinnen und Leser,
ich komme noch einmal auf den Titel zurück, der mich beim Lesen, und noch mehr beim darüber Nachdenken immer wieder beschäftigt hat. Als ich gestern den Klappentext aufschlug, las ich am Schluss des Textes folgende Information: "... die Strahlkraft der politischen Utopie scheint sich von Generation zu Generation zu Verdunkeln: Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts."
Mit herzlichen Neujahrsgrüßen
Hildegard

Marlis Beutel
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Marlis Beutel »

Es ist gar nicht so einfach, sich über dieses Buch auszutauschen. Viermutlich liegt es daran, dass es sich nicht fortlaufend liest wie sonstige Romane. Dabei sind die einzelnen Kapitel von außerordentlicher Intensität, nur dass jedes Kapitel für sich steht und der Leser die Aufgabe hat, es irgendwie einzuordnen.
Die Menschen, denen wir hier begegnen, müssen sich immer wieder in anderen gesellschaftlichen Systemen zurechtfinden, haben aber auch Probleme mit sich selbst. Ich denke an Alexander, der mit dem Erwachsenwerden, mit dem Militär, mit seiner Krankheit, mit Partnerschaften sich auseinandersetzt und letztlich allein ist. Seine Mutter muss sich in einer für sie neuen Welt einrichten. Wilhelm und Kurt bewältigen ihr Leben am Ende gar nicht mehr.
Es sind "Zeiten des abnehmenden Lichts" (aber das haben wir alle ziemlich schnell herausgefunden).

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Marlis Beutel
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Re: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Beitrag von Marlis Beutel »

Liebe Lesegruppe,

eigentlich könnte man sich die Lektüre erleichtern, indem man nur die Kapitel liest, die vom ersten Oktober 1989 handeln, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Es sind insgesamt sechs. Das steht aber erst ganz hinten im Buch. Zunächst geht es um Irina, dann um ihre Mutter, Nadjeshda Iwanowna, dann ist Wilhelm dran, schließlich Markus, der jüngste Spross der Familie, Wilhelms Geburtstag folgt, bei dem Kurt eine Hauptrolle spielt und schließlich Charlotte, die ihrem verhassten Mann einen Schlaftrunk mixt, der es in sich hat.
Dieser Autor ist wirklich raffiniert! Am Ende des Buches schaut er seine Leser ganz freundlich an, als würde er fragen: "Na, seid ihr klar gekommen?"

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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