Halldor Laxness: Atomstation

Hier diskutieren wir über belletristische Bücher.
Erna
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Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Dienstag 4. Oktober 2011, 18:24

Wir sind also bei unserem neuen Buch . Ich bin gespannt, ob dessen Inhalt, der ja schon einige Jahrzehnte alt ist, noch eine bestimmte Aktualität für uns heutige Menschen hat. Vielleicht auch, kann das Buch unser Verhalten beeinflussen, verändern? Viel Spaß beim Lesen und eine anregende Diskussion.
Erna

Marlis Beutel
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 5. Oktober 2011, 11:47

Liebe Lesegruppe,

das neue Buch ist faszinierend. Ich habe beim Lesen total vergessen, dass es ja auch eine politische Dimension hat. Die verschiedenen Personen und ihre Lebensumstände werden ungemein lebendig geschildert. Aber ich hatte auch immer wieder bei den Dialogen das Gefühl, ein solches Buch könne nur in Island entstanden sein, wo es die Sagas gibt. Ich bin gespannt auf Eure Kommentare.

Herzliche Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Samstag 8. Oktober 2011, 12:59

Liebe Margret,
bei unserem gestrigen Treffen stand natürlich das Buch "Atomstation" im Mittelpunkt. Zunächst aber nur so weit, wie wir Informationen über Land und Leute in Island besprachen. Es ist ein faszinierendes Land, hat nur halb so viele Einwohner wie Frankfurt und steht, wenigstens mir, kulturell etwas fern.
So hat das Verhalten von Uglas, der sozial höher stehenden Agbeordneten-Familie gegenüber, mich schon sehr verwundert. Ich habe überlegt, ob es bei uns Deutschen damals , also 1946, auch so gewesen wäre. So devot dieser Familie gegenüber.
Was ich bei der Erzählung interessant finde, ist, dass vieles nur angedeutet wird und ich lange überlegen muss, was genau meint H. Lexness!
Schönen Sonntag
Erna

Erna
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Dienstag 11. Oktober 2011, 11:51

Was ich vollkommen anders als bei uns empfand, ich muss feststellen, dass Ugla heute in meinem Alter wäre, sind z. B. die Gedanken über ihre Jungfräulichkeit. Obwohl sie bereits mit zwei Männern geschlafen hat, meint sie doch Jungfrau zu sein. Keine Spur von erster Liebe, sondern einfach eine chemische Reaktion ihres Körpers, die ihre Gefühle nicht berührte. Bei uns wäre doch wahrscheinlich von erster Liebe und so etwas "Hehrem" geschrieben, anschließend aber auch die Schuldgefühle, beschrieben worden. Was ist nun die Wahrheit?
Erna

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Marlis Beutel » Mittwoch 12. Oktober 2011, 17:11

Liebe Erna und liebe Lesegruppe,

devot habe ich Uglas Verhalten nicht gefunden. Auf S. 11 wird sie von der Köchin kritisiert, weil sie "einfach so mit Menschen" spricht, und sie antwortet: "Ich bin auch ein Mensch!".
Gerade dieser Kontrast zwischen dem unverbildeten Mädchen aus dem Norden und der schon etwas dekadenten Familie in Reykjavik macht das Buch so faszinierend.
Was die Nordländer von Gefühlen halten, wird ab S. 81 erzählt und wie sie über die Liebe denken ab S. 84. Trotzdem: Ugla bekommt weiche Knie und Herzklopfen, als sie Bui Arland begegnet. Das ändert sich auch später nicht. Interessant finde ich, dass Bui Arlands Gefühle nur durch das, was er sagt, zum Ausdruck kommen. Er kann sie gut für sich behalten. Dadurch umgibt ihn eine geheimnisvolle Aura.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von HildegardN » Freitag 14. Oktober 2011, 17:28

Liebe Lesefreunde,
nun habe ich etwa ein Drittel unseres Romans gelesen und kann in die Diskussion einsteigen.
Die Ich-Erzählerin Ugla (die Eule) kommt als Bauernmädchen, als 21-jähriges Mädchen vom Lande in die Stadt --- wie einst auch ich. Wie geht sie mit ihren Erlebnissen, Anforderungen und Erfahrungen um, war meine erste Frage, die ich mit eigenen Erlebnissen als 16-jährige Schülerin in einem städt. Pensionat verbinden oder auch vergleichen konnte.
„Alles im Haus ging elektrisch, den ganzen Tag drückte man auf Knöpfe und brauchte Maschinen auf Rollen“, stellte Ugla erstaunt fest (S.10). Das kann ich nachempfinden, denn mir war der Gebrauch der Elektrizität zwar vertraut, nicht dagegen das Gas, das mich mittels fehlender Saschkenntnis beinahe frühzeitig umgebracht hätte.
„Ugla betrachtete die Welt mit den naiven Augen eines Mädchens vom Lande“ las ich ich einigen Rezensionen – und „sieht sich als dummes, ungebildetes Landei“. Das teilt sich dem Leser gleich zu Anfang des Romans (S.15) mit: („Ich ekelte mich vor mir selbst, dass ich so ungebildet war“), aber er wird auch mit ihrer Lebenseinstellung und ihrem Selbstbewusstsein konfrontiert, wie beispielsweise S.66.
Als Ugla ein Gespräch mit ihrem Prinzipal in dessen Arbeitszimmer führt, überlegt sie, was sie ihm antworten sollte, denn „ich war ja nur eine Dienstmagd“. Trotzdem, so sagt sie sich „ich bin keine Leibeigene, ich bin ein Mensch, ich bin ein freigeborenes Weib“. Und als ihr Dienstherr ihr eine Zigarette anbietet, entgegnet sie: „Dazu bin ich wohl zu tolpatschig, ein Klotz wie ich kann so knifflige Sachen nicht“. Uglas Selbstbewusstsein ist hier m.E. zweischneidig, gedanklich zeigt es sich deutlich, aber im Gespräch weicht es vor ihrer Ehrlichkeit zurück. Ich hingegen habe mein Nicht-Wissen oder Nicht-Können meines Wissens lieber zu kaschieren versucht.
Herzliche Grüße
Hildegard

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 16. Oktober 2011, 17:12

Liebe Hildegard und liebe Lesegruppe,

wie freue ich mich, dass Du einen Beitrag geschrieben hast, denn in der Diskussion kommt einiges zur Sprache, was man sonst überliest! Und dieses Buch verdient es, dass man sich mit ihm beschäftigt.
Ich habe aber leider die zitierten Stellen nicht finden können. Habe ich eine andere Ausgabe? Sie ist aus dem Isländischen übersetzt von Hubert Seelöw und hält sich - wie im Nachwort steht - so genau wie irgend möglich an das Original.
Ich denke, Ugla ist ein Mensch mit normalem Selbstwertgefühl. Sie hat zwar allen Grund, sich zu wundern, will auch lernen und sich weiterentwickeln. Auf S. 16 finde ich "wenn es eine Sünde gibt, dann die, nicht Klavier spielen zu können; und dabei habe ich zu der Alten gesagt, ich hätte keine." Und beim Anblick der vielen Bücher des Hausherrn, die sie nicht versteht "wenn es ein Verbrechen gibt, dann ist es ein Verbrechen, ungebildet zu sein."
Sie weiß ganz offensichtlich gar nicht, wie die Kirche Sünde definiert, erfährt den Begriff von der Köchin, die ihr Seelenheil bei Sekten sucht.
Die Dialoge muten oft wie hingeworfene Gedanken an und sind nicht immer ein Meinungsaustausch.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

HildegardN
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von HildegardN » Montag 17. Oktober 2011, 14:18

Liebe Marlis, liebe Mitleserinnen,
der Roman "Atomstation" ist mehrfach übersetzt worden, wie wir bereits bei unserem Literaturkreistreffen feststellen konnten. Meine Ausgabe - von 1956 - wurde von Ernst Harthern übersetzt, und mein Buch, das ich durch Boolooker erwarb, zählt 220 Seiten. Dadurch können wir wohl bei unseren Diskussionen künftig kaum noch auf eine bestimmte Seite hinweisen. Das von Dir, liebe Marlis, erwähnte Zitat kann ich auf meiner Seite 16 nicht finden, die "Eine Leiche in der Nacht" beschreibt. Soviel für heute.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Homburg
Hildegard

Erna
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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Samstag 22. Oktober 2011, 11:51

Ich weiß nicht, was mit dem Forum los ist. Bei 3xigem Eintritt muss ich 2x ein neues Passwort anfordern.
Aber nun zur Atomstation. Ich finde die Beteiligung hält sich noch mehr in Grenzen als früher.
Sicherlich ist es etwas gewöhnungsbedürftig in die Sprache hinein zu kommen. Ich habe diese Feststellung aber auch vor einigen Tagen bei der Besprechung eines modernen isländischen Buches gehört. Also scheint es an der Art, wie Isländer schreiben zu liegen.
Als ich den Titel unseres Buches las, hatte ich mir mehr versprochen über die damalige Einstellung zum Atom zu hören. Die Abwehr gegen den Verkauf oder die Überlassung isländischen Bodens zur Errichtung der Atomstation nimmt nicht besonders viel Raum ein. Aber damals waren Politiker schon nicht ehrlich! Versprachen sie nicht "kein Stückchen Land wird verkauft!" Und schon in der Nacht ist es weg.
Wem gehören eigentlich die Knochen bezw. wer ist der isländische Held, dessen Knochen man überführen will?
In einer Rezension habe ich gelesen, dass es 3 Themenkreise gibt: Ugla privat - also auch die Liebesgeschichte, das Thema Politik und die Sagenwelt. Die Sagenwelt kann ich mir um den Harmoniumspieler vorstellen. Meiner Ansicht nach gibt es auch noch die Schilderung der isländischen Bauernwelt.
Grüße zum Sonntag
Erna

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Marlis Beutel » Samstag 22. Oktober 2011, 19:07

Liebe Erna,

danke dass Du standhaft bliebst beim Einloggen! Ich finde es auch sehr schade, dass so wenig über dieses Buch geschrieben wird. Liegt es mit daran, dass wir unterschiedliche Übersetzungen haben und unsere Meinungen gar nicht mit Zitaten belegen können? Dabei ist Laxness doch ein herausragender isländischer Autor!
Ich war von Anfang an von diesem Buch fasziniert und übersah beim ersten Lesen völlig seine politische Absicht. Die springt einem ja mit dem Titel schon ins Gesicht, sollte man meinen.
Aber die Schilderungen dieser sehr unterschiedlichen Menschen nehmen einen völlig gefangen. Die Dialoge entsprechen meist nicht dem, was wir uns unter einem Gespräch vorstellen. Es sind mehr zugespielte Gedanken, und der Leser muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Wahrscheinlich spielt auch das nicht Gesagte beim Lesen eine Rolle.
Was mir beim Austausch mit Hildegard auffiel, war, dass auch die Übersetzer interpretieren. Schon die Übersetzung aus einer anderen Sprache als dem Isländischen ist ein schwieriges Unterfangen und führt zur Ungenauigkeit.
Ich hoffe trotz allem, dass unsere Diskussion noch nicht zu Ende ist. Island mit seiner Sagenwelt ist faszinierend genug für uns Mitteleuropäer.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Annemarie Werning » Samstag 22. Oktober 2011, 22:46

Ich habe das Buch im Urlaub gelesen. Das Buch hat viele Facetten. Zum einen die - schon damals- verlogene Politik: die Atomstation. Die erheblichen sozialen Unterschiede und besonders die soziale Situation der alleinerziehenden Frau. Der Wunsch Uglas nach Unabhängigkeit: Sie will weder die Sklavin eines reichen Mannes noch die unbezahlte Arbeitskraft eines armen Mannes sein. Sie will eine Kinderbetreuung für alleinstehende Mütter haben. Interessant ist die Idee von Laxness, dass es die verheirateten Frauen sind, die gegen Kinderkrippen sind, um ihren Status zu sichern. Schön finde ich auch die Beschreibung ihrer väterlichen Wohnverhältnisse. Es gibt keine Toilette, noch nicht einmal ein Plumsklo, man geht in die Natur. Interessant ist die Beschreibung der Nordisländer als schweigsam. So wurde zwischen ihr und dem Vater ihres Kindes fast nichts besprochen. Schließlich der Schluß des Buches und der Liebesgeschichte. Aber das verrate ich nicht, um Euch die Spannung nicht zu nehmen.
Das Buch hat mir wirklich gut gefallen.
Liebe Grüße an Alle
Annemarie

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Sonntag 23. Oktober 2011, 15:03

Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn ich über manches etwas mehr hätte wissen wollen. z.B. über den ominösen Nationalhelden und dann über die Leute, die sich beim Harmoniumlehrer eingefunden haben. Das war ja ein besonderer Kreis. Ich habe übrigens gehört, dass sich jetzt in Island eine Gruppe Menschen zusammengefunden hat, die die Sagas zur Grundlage ihrer Ethik machen.
In mehreren Rezensionen wurde Ugla als plumpes, ungelenkes, naives und unbedarftest Mädchen vom Land charakterisiert. Das kann ich eigentlich nicht finden. Sie kennt viele Dinge nicht, hat aber eine sehr vernünftige Einstellung zu ihnen, wenn sie ihnen begegnet.
Ich meine auch, dass sie zu vielen Sachverhalten moderner ist, als die Menschen um diese Zeit bei uns gewesen sein dürften. Sie geht z. B. als sie merkt, dass sie schwanger ist, nach Haus und es wird mit keinem Wort erwähnt, dass ihre Eltern ihr Schwierigkeiten bereiteten.
Liebe Grüße
Erna

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Marlis Beutel » Montag 24. Oktober 2011, 18:25

Liebe Erna,

vor allem freue ich mich, dass unsere Diskussion reger geworden ist!
Es hat mich beim Lesen nicht gestört, dass wir manches nicht so genau erfahren. Etwas Geheimnisvolles bleibt. Aber das hat seinen Reiz, wie auch Märchen ihren Reiz haben. Oder Sagen, die für Island so wichtig sind. In welcher unsicheren Welt leben die Isländer aber auch zwischen Feuer und Eis! Da braucht man vielleicht die Sagen nötiger als bei uns, wo die Natur weniger bedrohlich erscheint.
Wir sind uns jedenfalls darin einig, dass wir ein sehr bemerkenswertes Buch lesen, das auch noch gut geschrieben ist.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Annemarie Werning » Montag 24. Oktober 2011, 21:18

Ich denke, dass Laxness mit Ugla eine starke Frau hat zeigen wollen, diese Stärke hat wohl auch ihren Arbeitgeber so fasziniert.
Sehr interessant fand ich auch den Gegensatz zwischen arm und reich im ersten Teil des Buches, so die Kinder reicher Eltern, die aus Langeweile Gebäude anzünden. Das paßt doch noch bis in die heutige Zeit.
Annemarie

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Re: Halldor Laxness: Atomstation

Beitrag von Erna » Dienstag 25. Oktober 2011, 11:00

Ich bin Annemaries Ansicht. Änderungen im Verhalten von großen Gruppen scheinen sich nur langsam zu vollziehen. Auch bei uns ist das so. Aber irgendwie war es für mich eine Beruhigung, dass es nicht n u r bei uns so ist.
In einer der Rezensionen stand auch noch etwas "es ist etwas Mystisches in der epischen Sprache".
Erna

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