Carola Stern "Doppelleben"

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Margret Budde

Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Margret Budde » Samstag 28. Mai 2011, 18:52

Am 1. Juni beginnt die neue Leserunde mit dem Buch "Doppelleben" von Carola Stern.
Ich wünsche allen Lesern eine spannende Lektüre.
Margret

Erna
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Erna » Montag 30. Mai 2011, 10:12

Liebe Mitleser/innen,
Margret hat schon den Strang für das Buch von Carola Stern eröffnet, das wir ab Mittwoch lesen.
Sicherlich hat auch schon der eine oder die andere in das Buch geschaut. Da ich so neugierig war und das getan habe, kann ich nur sagen, vieles von dem, was sie erzählt, kommt mir sehr bekannt vor. Bei manchen Sätzen ist es sogar so, dass ich sie mit den gleichen Wörtern gehört habe. Es gab damals ein weit ausgedehnteres kollektives Erleben und wahrscheinlich auch Denken als wir es heute haben. Auf dieses kollektive Leben, dann aber in der damaligen DDR, geht die Autorin später auch ein.
Ich wünschte mir eine rege Beteiligung.
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Brigitte Höfer » Mittwoch 1. Juni 2011, 12:33

Ich muss gestehen, dass ich das Buch schon ausgelesen habe. Da ich nicht in der DDR gelebt habe, haben mich die Beobachtungen sehr interessiert. Ich bin sehr angetan von der Schlichtheit der Sprache und der Offenheit der Autorin. "Das Beste, was ich in meinem Leben getan habe, ist die Mitbegründung von amnesty in Deutschland." Dieses Bekenntnis macht sie mir sehr sympathisch.
Brigitte

HildegardN
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 1. Juni 2011, 20:14

Die Autobiografie "Doppelleben" habe ich bereits vor einigen Jahren gelesen, und sie hat mich beeindruckt, so dass ich sie gern ein zweites Mal lesen werde. Ich habe heute damit begonnen. Als ich dabei überlegte, wie und wann ich meine Leseeindrücke am best en beschreiben kann, fiel mir ein kurzer Text in die Hand, der im Zusammenhang mit dem Fernsehfilm Deutschland 2004 veröffentlicht wurde, er lautet:
Carola Stern sagt von sich selbst, sie habe "neun Leben" gelebt. Sie war das Jungmädel Erika Assmus bei den Nationalsozialisten, sie wurde Junglehrerin der der Sowjetischen Besatzungszone. Während sie für die Amerikaner spionierte, war sie Eliteschülerin in der Parteihochschule der DDR und floh, als ihre Tarnung aufgedeckt wurde, nach West-Berlin. Es folgten Stationen beim Institut für politische Wissenschaften in West-Berlin, bei Kiepernheuer & Witsch in Köln als Lektorin, sie war Gründungsmitglied der deutschen Sektion von amnesty international und einige der ganz wenigen sichtbaren Frauen auf dem Bildschirm bei WDR.
Ihre ersten beiden Leben schildert Carola
Stern auf den ersten 50 Seiten ihres Buches. Als Jungmädelführerin fühlte sie sich - noch als Erika Assmus - stolz und selbstbewusst. Als Junglehrerin wurde sie mit den schwierigen Seiten ihres Berufes konfrontiert. "Es war schrecklich, in dieser Nachkriegszeit Lehrerin zu sein", schreibt die Autorin auf S.51, und fügt hinzu "jedenfalls für mich".
Hildegard

Erna
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Erna » Samstag 4. Juni 2011, 19:21

Zwar habe ich das Buch noch nicht zu Ende gelesen, aber schon gut Zweidrittel davon. Wie Brigitte bin ich davon beeindruckt, dass sie mit einer klaren Sprache ihr Leben erzählt. Die Sprache steht im Gegensatz zu den davor gelesenen Büchern und wirkt trotz ihrer Schnörkellosigkeit dennoch nicht eingeschränkt.
Zu der Persönlichkeit Carola Sterns, die sich selber ja als schüchtern beschreibt, muss ich feststellen, dass sie sehr wohl weiß, wann und wie sie Vorteile für sich in Anspruch nehmen kann. Vielleicht weil sie sehr ehrgeizig ist? Sie selber erwähnt ihren Ehrgeiz mehrmals.
Erna

HildegardN
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von HildegardN » Montag 6. Juni 2011, 19:02

Die Autorin ist sehr geschickt, ab und zu die eine oder andere - und m.E. überzogene - Selbstdarstellung in ihren Bericht einfließen zu lassen, um sich in das gewünschte Licht zu rücken, z.B. als sie stolz behauptet „nicht sie sei vor den Russen davongelaufen, sondern umgekehrt“ oder als sie zu überzegen versucht, sie sei zu gut (S.36/37).
Irritiert hat mich, besonders am Anfang, das wiederholte Einblenden zurückliegender und auch künftiger Ereignisse. So folgt der Schilderung der ersten Nachkriegszeit die Einblendung der Ereignisse um die Mondlandung, die sie 1969 mit ihrem Mann diskutiert. Wie der Leser kurz darauf erkennt, benutzt sie dies als Brücke oder Überleitung zu ihrem kurzfristigen Job als Verwalterin der Fachbibliothek in Bleicherode (Sowjet.Besatzungszone).
Es folgt im Jahre 1947 der Eintritt der Autorin in ihr zweites Leben als Junglehrerin, der eine Ausbildung am Pädagogischen Institut in Wiesenburg vorausgeht, und die anschließende Berufsausübung an einer Schule in Geltow bei Potsdam.
Noch während ihrer Lehrtätigkeit wird Erika Assmus von einem Mitarbeiter der amerikanischen Geheimdienstes angeworben, der sich für das von den Sowjets eingerichtete Bleicheroder Forschungsinstitut interessiert. Erika Assmus wird Spionin, zumal ihr als Gegenleistung von den Amerkanern eine umfassende Hilfe für ihre krebskranke Mutter versprochen wird. Allerdings ist dies nicht umsonst: Die Amerikaner fordern ihre Mitgliedschaft und eine Karriere in der SED.
Beides ist der Autorin gelungen. In ihrem dritten Leben wird sie Eliteschülerin in der Parteihochschule der DDR und spioniert gleichzeitig weiter für die Amerikaner.
War die Hilfe für ihre Mutter das einzige Motiv ihrer Spionagetätigkeit? Diese Frage werde ich in meinem nächsten Beitrag zu beantworten versuchen.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Homburg, Hildegard

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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von HildegardN » Dienstag 7. Juni 2011, 13:23

Eine Spionagetätigkeit erfolgt aus vielerlei und auch unterschiedlichen Gründen, wie aus Beispielen, insbesondere der Vergangenheit, bekannt ist. Auch die Autorin fragt sich im Nachhinein, welche Motive einst für sie maßgebend gewesen sind. Die von den Amerikanern geleistete Hilfe für ihre Mutter allein war es nicht, wie sie selbst erkennt, denn sie hat ihre Spionagetätigkeit auch nach dem Tod ihrer Mutter weiter fortgesetzt (S.54).
Die Autorin nennt mehrere Motive für ihre Bereitschaft, als Spionin für die Amerikaner tätig zu sein, darunter: Nun einen gewissen Zugang zur "großen Welt" zu haben, und weiterhin, nun irgendwie dazuzugehören.
Anerkannt zu werden, beliebt zu sein, das waren m.E. weitere wichtige Motive ihres Handelns, die auch ihre Karriere in der DDR begleiteten, wie die Autorin in ihrer Biografie bestätigt (S.78). Und dafür hat sie auch Schuld auf sich geladen (S.87).

Erna
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Erna » Dienstag 7. Juni 2011, 17:56

Du hast vollkommen Recht, liebe Hildegard. Am Anfang ihrer Spionagetätigkeit mag als einziger Grund die Hilfe für ihre Mutter gestanden haben, die ja mit deren Tod beendet ist. Dann ist es sicherlich die Anerkennung, von der sie selber sagt, dass sie sehr darauf angewiesen ist, um sich gut zu fühlen. Dass sie aber bei dieser Tätigkeit bedeutende Menschen kennenlernt, die ihr später sehr nützlich sind, habe ich zunächst nicht gesehen. Es erscheint mir aber sehr logisch.
Erna

Brigitte Höfer
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Brigitte Höfer » Donnerstag 9. Juni 2011, 09:40

Den Motiven, warum sich eine Person auf eine geheime Tätigkeit einlässt, geht in ihrem neuen Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" auch Christa Wolf nach.
Wer spürt, dass es im politischen Leben an Offenheit fehlt, sieht vielleicht in einer Geheimtätigkeit eine Chance, eine Diskussion über eine "verborgene Realität" zu erreichen.
Ich erinnere mich, dass es in den 70er Jahren eine kleine Broschüre "Unterdrückte Nachrichten" gab, die wir durstig aufnahmen. Wir hatten immer das Gefühl, dass uns die politischen Machthaber die wichtigsten Informationen vorenthielten. Und das ist ja auch bis heute so geblieben: Siehe die zögerliche Herausgabe der Informationen über die Gefährlichkeit der atomaren Strahlung oder auch z. B. des Rauchens...
Brigitte

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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Brigitte Höfer » Freitag 10. Juni 2011, 09:10

Liebe Leser und Leserinnen,
wer sich für die Entwicklung von amnesty international interessiert, kann sich die drei kurzen Beiträge im hr4 anhören:
http://www.4shared.com/audio/OItrSZ2X/H ... nesty.html
http://www.4shared.com/audio/KB81Y5Ft/H ... ll_no.html
http://www.4shared.com/audio/Not3XLct/H ... 60511.html

Liebe Grüße, Brigitte

HildegardN
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von HildegardN » Sonntag 12. Juni 2011, 14:35

Zur Flucht in die Freiheit: "Freu Dich, jetzt bist Du in der freien Welt", rief der Onkel, als Erika Assmus in West-Berlin angekommen war (S.91). Doch die Autorin schien weit davon entfernt, nun uneingeschränkt glücklich zu sein: "Mir machte diese Freiheit Angst", führt sie aus. "Ich fand mich nicht zurecht in jener fremden, wirren Welt, in die ich da hineingeraten war. Sie löste nicht Glückgefühle aus, sondern Unsicherheit und Lebensangst. Eine Vorstellung von eigener Verantwortung und was es heißt, sein Leben selber in die Hand zu nehmen - wer hatte mich das je gelehrt?"
Es fällt schwer, diese Worte von einer so aktiven und selbstsicheren jungen Frau zu vernehmen, die sich m.E. doch bisher über Hindernisse und Risiken hinwegsetzte und ihren Weg ging. "Erst allmählich begriff ich", setzte die Autorin ihre Betrachtungen über ihre Befindlichkeiten fort und begründet diese mit "anerzogenen Verhaltungsformen" und der "Prägung durch Parteinormen" in der ehem. DDR (S.94).
Das erinnert mich an die Verunsicherung vieler ehem. DDR-BürgerInnen nach der Wiedervereinigung. Wurden sie nicht mit ähnlichen Problemen, Ängsten und Anforderungen konfrontiert?
Was meint Ihr dazu?
Pfingstgrüße aus Bad Homburg, Hildegard

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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Marlis Beutel » Sonntag 12. Juni 2011, 21:09

Liebe Mitleserinnen,

was mich überrascht hat, war das Wissen der Autorin über ihren eigenen Lebenslauf. Wir alle könnten zwar einiges über unser Leben erzählen, aber wüßten wir auch so viele Einzelheiten?

Wenn wir hier über Bücher diskutieren, dann lese ich sie zweimal. Einmal, weil mich der Erzählfluss interessiert, beim zweiten Mal entdecke ich vieles, was mir beim ersten Lesen noch gar nicht aufgefallen war. Viele Bücher kann man sicher mehrmals lesen und immer wieder Neues entdecken. Beim "Doppelleben" erging es mir anders. Warum? Ich hatte heute Gelegenheit, mit einem Sohn diese Frage zu erörtern. Könnte es sein, dass dieser Lebensbericht vor allem Fakten enthält und weniger Reflexionen? Was bedeutet der Titel "Doppelleben"? Ein Agent könnte zum Beispiel ein Doppelleben führen, und dieses Doppelleben hätte Folgen für ihn. Erika Asmus verwandelt sich in Carola Stern. Ist das ein Doppelleben? Bei der Heirat ändern die meisten von uns den Nachnamen. Wird man dadurch ein anderer Mensch oder lebt man doppelt? Es gab einige Brüche in Carola Sterns Leben, aber die gibt es in vielen Lebensläufen. Die Biographie ist flüssig erzählt. Nur ganz am Ende hatte ich Mühe, bis zum Schluss durchzuhalten.

Viele Grüße von der Bergstraße, Marlis
Marlis Beutel

Erna
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Erna » Montag 13. Juni 2011, 20:18

ich habe mir die letzten Beiträge zum "Doppelleben" durchgelesen. Brigitte meinte, dass man eventuell in die Geheimdiensttätigkeit hinein gerät, weil man nach "wahren" also authentischen Meldungen sucht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass es zum Teil aus Überzeugung für eine bestimmte Ideologie, Abenteuerlust, Freude an Macht geschieht. Was kann es bei C. Stern gewesen sein? M. A. nach schon etwas aus Befriedigung, im Zentrum von Macht zu stehen. Denn so zufällig sind doch ihre Verbindungen zu bekannten Persönlichkeiten nicht.
Grüße aus Frankfurt
Erna

HildegardN
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von HildegardN » Mittwoch 15. Juni 2011, 18:12

Liebe Marlis,
das Wissen der Autorin über ihren eigenen Lebenslauf hat auch mich erstaunt, vor allem sind es auch die vielen Einzelheiten, z.B. die Erlebnisse und auch Reflektionen, über die sie berichtet. Vielleicht, so habe ich überlegt, entstammen sie Tagebuchaufzeichnungen, die ich jedoch bisher nicht bestätigt gefunden habe. Bei den Berichten über das Leben der Carola Stern haben sicher Aufzeichnungen, wie Protokolle, eigene Artikel und Presseberichte zur Verfügung gestanden, wie sie die Tätigkeit einer politischen Redakteurin zu begleiten pflegen.
Auch über den Buchtitel "Doppelleben" habe ich nachgedacht und neige dazu, die Rolle der Autorin als Erika Assmus und Carola Stern dafür verantwortlich zu machen. Es waren m.E. zwei ganz unterschiedliche Leben, und vielleicht könnte man auch sagen, zwei ganz verschiedene Welten, in denen die Autorin gelebt hat.
Viele Grüße aus Bad Homburg, Hildegard

Erna
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Re: Carola Stern "Doppelleben"

Beitrag von Erna » Mittwoch 15. Juni 2011, 20:06

Liebe Hildegard und Marlis,
ich meine, ein Doppelleben ist es nur kurze Zeit gewesen, nämlich im Übergang von der Erika zur Carola. Mich würde es interessieren, wie sie an sich selber gedacht hat!
Die politischen Ereignisse hat sie sicherlich recherchiert. Aber vielleicht hat sie es wie H. Mann gemacht, der nachweislich ganz akribisch Tagebuch geschrieben hat schon mit dem Blick auf die Zukunft hin. Ich habe eine Zeit lang mir die Lesungen im hr2kultur angehört. Er hat z.B. geschrieben, ob er wieder Verdaungsprobleme hatte, ob er zu Mittag Geschnetzeltes oder Rumpsteak gegessen hat. Nach einer Woche fand ich es furchtbar langweilig. Man kann die Tagebücher aber als Buch kaufen.
Gruß
Erna

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